wie er sich in dem Fall verhalten hatte. Die Frage war nicht zu beantworten weil die Situation unvorstellbar war.

„Ich verstehe“, sagte die Patientin plotzlich, „und ich danke Ihnen, Doktor.“

Sein erster Impuls war, den Dank zuruckzuweisen und sich statt dessen zu entschuldigen. Durch das Hudlarerband verfugte er uber das Verstandnis, das ihm im Grunde auch zum Hudlarer machte, und er wollte der FROB sagen, wie aufrichtig leid es ihm tat sie dem Trauma dieser hochkomplizierten und fachlich schwierigen Operation ausgesetzt zu haben, das ihr durch so viele Jahre hindurch psychisches Leid bereiten wurde. Aber ihm war ebenfalls klar, da? sein Verstand im Moment auf alles, was Hudlarer betraf uberempfindlich reagierte, und in derart sentimentaler und unprofessioneller Weise sollte ein Arzt nicht mit einem Patienten reden.

Statt dessen sagte er in beruhigendem Ton: „Ihre Spezies ist, was Arbeitsumgebungen angeht, au?erst anpassungsfahig und fur Bauvorhaben auf Planeten und im All in der ganzen Foderation sehr begehrt, und Sie werden sich von der Operation vollkommen er holen. Mit gewissen personlichen Einschrankungen, zu deren Uberwindung Sie ein hohes Ma? an geistig-seelischer Disziplin benotigen werden, konnen Sie sich auf ein sehr aktives und nutzliches Leben freuen.“

Gluckliches Leben wollte er lieber nicht sagen, denn solch ein gro?er Lugner war er nun auch wieder nicht.

„Ich danke Ihnen, Doktor“, sagte die Patientin erneut.

„Bitte entschuldigen Sie mich jetzt“, sagte Conway und floh.

Aber nicht fur lange. Das rasche, unregelma?ige Klopfen sechs melfanischer Beine mit harten Spitzen signalisierte das Eintreffen von Chefarzt Edanelt.

„Das haben Sie wirklich sehr gut gemacht, Conway“, lobte ihn der Chefarzt. „Eine herrliche Mischung aus nuchterner Wahrheit, Mitgefuhl und Aufmunterung, obwohl Sie mit der Patientin ein ganzes Stuck mehr Zeit verbracht haben, als es fur einen Diagnostiker normal ist. Jedenfalls ist fur Sie eine Nachricht von Thornnastor eingegangen, in der er Sie um ein Treffen bittet, wann und wo es Ihnen beliebt. Er hat nichts Genaues gesagt, nur da? es sich um den Beschutzer drehe und dringend sei.“

„Wenn ich Zeit und Ort wahlen kann, wird es schon nicht allzu dringend sein“, entgegnete Conway langsam, der mit den Gedanken noch immer bei den zukunftigen Problemen von FROB dreiundvierzig war. „Wie ist es eigentlich um FROB drei und zehn bestellt?“

„Die mussen ebenfalls dringend beruhigt werden“, antwortete Edanelt. „FROB drei hat der Verantwortung von Yarrence unterstanden, der die komplizierte Operation der eingedruckten Schadelfraktur und des darunter liegenden Gewebes ganz hervorragend bewaltigt hat. Allerdings war keine Organverpflanzung erforderlich. Rein optisch wird FROB drei fur seine Kameraden ein asthetisch ansprechendes Lebewesen sein und im Gegensatz zu FROB zehn und dreiundvierzig auch nicht lebenslang von seinem Heimatplaneten und seinen Angehorigen getrennt sein.

FROB zehn steht wohl vor denselben Langzeitproblemen wie FROB dreiundvierzig“, fuhr der Melfaner fort. „Die Verpflanzungen mehrerer Gliedma?en und des Absorptionsorgans sind allesamt gut verlaufen, und die Prognose lautet auf vollstandige Genesung unter der ublichen strengen Behandlung mit Medikamenten zur Unterdruckung der Ab Wehrkrafte. Da Sie wenig Zeit haben, sollte ich mich vielleicht mit dem einen unterhalten, wahrend Sie mit dem anderen sprechen.

Ich bin zwar nur Chefarzt und kein grunschnabeliger Diagnostiker wie Sie, Conway“, fugte er hinzu, „aber ich wurde Thornnastor nicht zu lange warten lassen.“

„Danke“, erwiderte Conway. „Nehmen Sie FROB drei, und ich unterhalte mich dann mit FROB zehn.“

Im Gegensatz zu FROB dreiundvierzig gehorte FROB zehn derzeit dem mannlichen Geschlecht an und sollte auf die emotionale Beeinflussung und auf gefuhlsma?ige Argumente nicht so empfindlich wie die vorhergehende Patientin reagieren. Nebenbei hoffte Conway, Thornnastor wurde nur wie gewohnlich ungeduldig sein und es nicht wirklich eilig haben, ihn zu sehen.

Als er das Gesprach beendet hatte, befand er sich in viel schlechterer psychischer Verfassung als der Patient, der die ersten Schritte, sich mit seinem Los abzufinden, ohne allzu gro?e Bekummerung gemacht hatte — der wahrscheinliche Grund dafur war, da? er derzeit keine Lebensgefahrtin hatte. Conway wollte seinen Kopf unbedingt von allen Dingen, die Hudlarer betrafen, frei machen, aber das erwies sich als au?erst schwierig. „Fur zwei Hudlarer ohne Abwehrkrafte, die nicht auf ihrem Heimatplaneten leben, ist es theoretisch doch bestimmt moglich, sich ohne gegenseitige Gefahrdung zu treffen, oder?“ erkundigte er sich bei Edanelt, als sie sich au?er Horweite der Patienten befanden. „Wenn bei beiden das Immunsystem ausgeschaltet ist, mu?ten sie von Krankheitserregern ihres Herkunftsplaneten frei sein, mit denen sie sich andernfalls gegenseitig infizieren wurden. Vielleicht ist es moglich, regelma?ige Zusammenkunfte solcher Heimatlosen zu arrangieren, aus denen sich der Nutzen.“

„Eine nette Idee, die nicht nur von gro?er Gutherzigkeit, sondern auch, wenn ich das vielleicht mal so sagen darf, von gro?er Beschranktheit zeugt“, unterbrach ihn Edanelt. „Hatte namlich einer der Heimatlosen eine angeborene Immunitat gegen einen nicht direkt mit dem Absto?ungsproze? in Verbindung stehenden Erreger, gegen den die ubrigen Mitglieder der Gruppe nicht immun waren, dann befanden die sich in gro?er Gefahr. Aber versuchen Sie es mit der Idee doch einmal bei Thornnastor, der ist ja die anerkannte Autoritat auf diesem Gebiet und wird Ihnen.“

„Thornnastor!“ rief Conway entsetzt. „Den hatte ich fast vergessen. Ist er schon.?“

„Nein“, antwortete Edanelt. „Aber O'Mara hatte hereingeschaut, um zu sehen, ob Sie bei den Gesprachen mit den Transplantationspatienten Hilfe benotigen. Mir hat er Ratschlage gegeben, wie ich an die Probleme von FROB drei herangehen sollte, aber er hat gesagt, Sie brauchten offensichtlich keine Hilfe, da Sie sich mit dem Patienten viel zu sehr zu amusieren schienen, um gestort zu werden. Wollte er mit dieser Bemerkung seine Billigung zu verstehen geben oder nicht? Meiner Erfahrung aus der Arbeit mit terrestrischen DBDGs nach war das vermutlich einer der Falle, in denen eine unrichtige Aussage in dem Glauben gemacht wird, der Zuhorer werde die gegenteilige Bedeutung fur wahr halten. Aber ich begreife diese Form, die Sie Sarkasmus nennen, nicht.“

„Ob O'Mara etwas billigt oder nicht, wei? man nie, weil er immer unhoflich und sarkastisch ist“, bemerkte Conway trocken.

Trotzdem wurde ihm bei der Vorstellung, da? dem Chefpsychologen die Art und Weise, in der er das postoperative Gesprach mit FROB zehn gefuhrt hatte, so sehr gefallen hatte, um ihn nicht einmal dabei zu storen, regelrecht warm ums Herz. Vielleicht hatte O'Mara aber auch geglaubt, Conway wurde alles derart in den Sand setzen, da? sich der Chefpsychologe nicht getraut hatte, einem Diagnostiker auf Probe vor rangniedrigeren Personalangehorigen zu sagen, wie grenzenlos sich dieser irre.

Doch die Zweifel, die Conway verspurte, wurden von einem noch starkeren Gefuhl verdrangt, einem korperlichen Bedurfnis, das durch die plotzliche Erkenntnis bestarkt wurde, da? er in den letzten zehn Stunden nichts anderes als ein Sandwich zu essen gehabt hatte. Er begab sich rasch an das Computerterminal auf dieser Station und rief die Plane mit den Dienstzeiten der warmblutigen sauerstoffatmenden Mitglieder des hoheren Personals ab. Er hatte Gluck: ihre Dienstplane deckten sich.

„Wurden Sie bitte Thornnastor anrufen und ihm ausrichten, da? ich mich mit ihm in drei?ig Minuten in der Kantine treffen mochte?“ bat er Edanelt, bevor er die Station verlie?.

18. Kapitel

Den leitenden Diagnostiker der Pathologie kannte Conway gut genug, um ihn von all den anderen Tralthanern, die in der Kantine sa?en, unterscheiden zu konnen, und er war angenehm uberrascht, Murchison am selben Tisch zu sehen. Wie ublich versorgte Thornnastor seine Assistentin mit dem neuesten Klatsch uber andere Spezies, und die beiden waren darin so vertieft, da? sie nicht einmal bemerkten, als sich Conway zu ihnen an den Tisch gesellte.

„…bei einer Lebensform mit einer Korpertemperatur von nur ein paar Grad uber dem absoluten Nullpunkt wurde man den Trieb zur wahllosen Paarung nicht fur wahrscheinlich oder auch nicht einmal fur moglich halten“, polterte die Stimme des Tralthaners pedantisch aus dem Translator. „Aber glauben Sie mir, eine geringfugige Erhohung der Korpertemperatur kann, selbst wenn sie versehentlich durch die Behandlung verursacht wird, bei den anderen anwesenden SNLU-Geschlechtern zu heftiger Erregung fuhren. Vier Geschlechter bei einer einzigen

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