Ein paar Sekunden spater wurde der kleine Bildschirm von den finsteren Gesichtszugen des Chefpsychologen ausgefullt, so da? man unmoglich sagen konnte, was O'Mara anhatte oder ob er uberhaupt vollstandig bekleidet war. „An der Gerauschkulisse und der Tatsache, da? Sie noch kauen, erkenne ich, da? Sie aus der Hauptkantine anrufen“, grummelte er in das Mikrophon. „Ich mochte darauf hinweisen, da? ich mich mitten in meiner Ruhepause befinde. Hin und wieder ruhe ich mich namlich aus, nur um Ihnen und Ihresgleichen vorzugaukeln, ich sei blo? ein Mensch. Vermutlich gibt es fur Ihren Anruf einen triftigen Grund, oder wollen Sie sich bei mir nur uber das Essen beschweren?“
Conway offnete den Mund, brachte jedoch kein Wort uber die Lippen, da er sich einerseits einem aufgebrachten O'Mara gegenubersah und andererseits in Gedanken immer noch zu eifrig mit der Formulierung der Fragen beschaftigt war.
„Conway.“, drangte O'Mara mit ubertriebener Geduld, „was, zum Teufel, wollen Sie?“
„Auskunfte“, antwortete Conway verargert. Dann ma?igte er den Ton und fuhr fort: „Ich brauche Auskunfte, die moglicherweise bei der Arbeit in der hudlarischen Geriatrie behilflich sein konnten. Diagnostiker Thornnastor, Pathologin Murchison und ich beraten uns gerade uber.“
„Das bedeutet, Sie haben sich beim Essen irgendeinen verruckten Plan einfallen lassen“, unterbrach ihn O'Mara murrisch.
„…eine vorgeschlagene Methode, das Leiden der FROBs zu behandeln“, fuhr Conway fort. „Leider kann man fur die gegenwartigen Kranken auf der Station nur wenig tun, da die altersbedingten Verfallserscheinungen bei ihnen schon zu weit fortgeschritten sind. Aber wenn meine Idee eine physiologische und psychologische Grundlage hat, ware vielleicht eine fruhe Vorsorgebehandlung moglich. Uber die Physiologie konnen mir Murchison und Thornnastor ausfuhrliche Informationen geben, doch der Schlussel zur Behandlung und jede Hoffnung auf ihren endgultigen Erfolg hangt von dem Verhalten von alten, aber noch nicht unter Verfallserscheinungen leidenden FROBs ab sowie von deren Anpassungsfahigkeit und Umerziehungspotential. Die dabei auftretenden klinischen Schwierigkeiten habe ich bisher noch nicht besprochen, weil das reine Zeitverschwendung ware, falls die Antworten, die ich von Ihnen erhalte, einer weiteren Untersuchung zuvorkommen wurden.“
„Fahren Sie fort“, sagte O'Mara, der nun nicht mehr wie im Halbschlaf klang.
Conway zogerte, da er plotzlich das Gefuhl hatte, da? die Zeit, die er intensiv mit Hudlarerchirurgie verbracht hatte, und die Visiten auf der geriatrischen und der Kinderstation der FROBs sowie einige alte Erinnerungen aus seiner fruhen Kindheit und vielleicht auch Gedanken und Meinungen seiner Gehirnpartner von anderen Spezies ihn auf eine Idee gebracht hatten, die hochstwahrscheinlich undurchfuhrbar, moralisch fragwurdig und derart albern war, da? O'Mara durchaus Zweifel an seiner Eignung zum zukunftigen Diagnostiker bekommen konnte. Aber fur einen Ruckzieher war es jetzt zu spat.
„Durch mein FROB-Band und durch Vortrage uber hudlarische Pathologie, an denen ich gelegentlich teilgenommen habe, steht fur mich au?er Zweifel, da? die diversen schmerzhaften und unheilbaren Leiden, denen alte Hudlarer zum Opfer fallen, auf eine gemeinsame Ursache zuruckzufuhren sind. Der Funktionsverlust der Gliedma?en und das abnorme Ausma? der Verkalkung und der Ri?bildung an den Extremitaten kann einfach der Verschlechterung des Kreislaufs zugeschrieben werden, die den alteren Angehorigen einer jeden Spezies gemein ist.
Meine Idee ist nicht neu“, fuhr Conway fort, wobei er einen raschen Blick auf Thornnastor und Murchison warf. „Doch durch die Arbeit an einer Vielzahl von hudlarischen Gliedma?en- und Organverpflanzungen bei den Opfern des Unfalls im Meneldensystem ist mir aufgefallen, da? die Verschlechterung des Zustands, die ich an den Absorptions- und Ausscheidungsorganen der alten FROBs beobachtet habe, gro?e Ahnlichkeit mit dem vorubergehenden Zustand hat, der wahrend einer Herztransplantation aufgetreten ist, obwohl ich zu der Zeit zu beschaftigt war, um die Anzeichen bewu?t wahrzunehmen. Kurz gesagt, die Probleme der FROB-Geriatrie sind auf einen beeintrachtigten oder ungenugend funktionierenden Blutkreislauf zuruckzufuhren.“
„Wenn die Idee nicht neu ist, warum hore ich Ihnen dann uberhaupt zu?“ fragte O'Mara, wobei der fur ihn typische sarkastische Humor kurz aufblitzte.
Murchison musterte Conway schweigend, wahrend Thornnastor, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, weiterhin mit je einem Auge seine Mahlzeit, Murchison, O'Mara und Conway betrachtete.
„Bei den Hudlarern handelt es sich um eine Spezies mit einem sehr hohen Energiebedarf“, fuhr Conway fort. „Ihre Stoffwechselgeschwindigkeit ist sehr hoch und macht eine praktisch ununterbrochene Nahrstoffzufuhr uber die Absorptionsorgane erforderlich. Mit den auf diese Weise umgewandelten Nahrstoffen werden die Hauptorgane wie die beiden Herzen, die Absorptionsorgane selbst, die Gebarmutter, wenn das betreffende Lebewesen gerade dem weiblichen Geschlecht angehort und schwanger ist, und naturlich die Gliedma?en versorgt.
In den Vortragen uber Pathologie habe ich damals gelernt, da? die sechs ungeheuer starken Glieder von allen Korperteilen den gro?ten Energiebedarf haben und bis zu achtzig Prozent der umgewandelten Nahrstoffe beanspruchen“, setzte Conway seine Ausfuhrungen fort. „Doch erst durch die jungste Erfahrung mit den verungluckten Hudlarern ist meine Aufmerksamkeit nachdrucklich auf diesen Umstand und die ebenfalls allgemein anerkannte Tatsache gelenkt worden, da? der erwachsene Hudlarer gerade durch die uberaus hohe Stoffwechselgeschwindigkeit und den uberma?ig gro?en Nahrungsbedarf so phantastisch widerstandsfahig gegen Verletzungen und Krankheiten wird.“
O'Mara setzte gerade zu einer erneuten Unterbrechung an, deshalb fuhr Conway rasch fort: „Mit dem Eintritt ins hohe Alter beginnen die Schwierigkeiten der FROBs unweigerlich in den Gliedma?en, die nun einen noch hoheren Anteil der Korperressourcen beanspruchen, um die Verfallserscheinungen zu bekampfen. Dadurch werden die beiden Herzen und die Absorptions- und Ausscheidungsorgane, die ebenfalls alle ihren Teil des Nahrstoffgehalts des Kreislaufsystems benotigen und von diesem wie auch voneinander abhangig sind, in zunehmendem Ma?e belastet. Das wiederum fuhrt zu einem teilweisen Versagen dieser Organe, wodurch die Blutversorgung der Glieder weiter vermindert wird und der gesamte Korper in den Teufelskreis altersbedingten Verfalls gerat und.“
„Conway!“ unterbrach O'Mara ihn in bestimmtem Ton. „Ich nehme an, Sie haben dieses ausfuhrliche, aber zweifellos allzu stark vereinfachte Krankheitsbild nur dem armen unwissenden Psychologen zuliebe geschildert, damit dieser die psychologischen Fragen versteht — falls Sie jemals dazu kommen sollten, diese zu stellen.“
„Das Krankheitsbild ist grob vereinfacht, da stimme ich Ihnen zu, aber im wesentlichen zutreffend“, mischte sich Thornnastor ein, wahrend er in aller Ruhe weitera?. „Obwohl Conways Art, es zu beschreiben, auf eine neue Betrachtungsweise des Problems hindeutet. Ich kann es ebenfalls kaum erwarten zu erfahren, was Sie denn nun vorhaben, Conway.“
Der Diagnostiker auf Probe holte tief Luft und sagte: „Na gut. Mir erscheint es moglich, die uberma?ige Beanspruchung der durch das Alter verminderten Korperreserven der Hudlarer, die sich durch bleibende Schaden an den Gliedma?en au?ert, vor dem Auftreten zu verringern. Durch eine reduzierte Belastung und einen gro?eren Anteil an der vorhandenen Nahrstofffversorgung konnen die Herzen und die Absorptionsund Ausscheidungsorgane zusatzlich mehrere Jahre lang ihre Funktion erfullen und eine optimale Durchblutung des verbliebenen Glieds beziehungsweise der verbliebenen Gliedma?en gewahrleisten.“
Mit einem Schlag schien O'Maras Gesicht auf dem Schirm zu einem Standbild geworden zu sein; Murchison starrte Conway mit emportem Ausdruck an, und Thornnastor hatte ihm samtliche vier Augen zugewandt, um ihn aufmerksam zu mustern.
„Naturlich ware ein solcher Eingriff freiwillig und wurde nur auf die Bitte und die ausdruckliche Erlaubnis des betreffenden FROB hin vorgenommen werden“, fuhr Conway fort. „Die mit der Entfernung von einigen Gliedma?en verbundenen Probleme sind relativ simpel. Ausschlaggebend sind die psychologische Vorbereitung und die Nachwirkungen, weil diese daruber entscheiden werden, ob man es mit der Operation versuchen sollte oder nicht.“
O'Mara atmete gerauschvoll durch die Nase aus und grummelte dann: „Nun soll ich Ihnen also sagen, ob es moglich ist, noch nicht von Alterskrankheiten befallenen Hudlarern den Gedanken an die Amputation mehrerer Gliedma?en schmackhaft zu machen?“
„Mir erscheint eine solche Ma?nahme doch ziemlich, nun ja, drastisch zu sein“, wandte Thornnastor ein.
„Dessen bin ich mir bewu?t“, entgegnete Conway. „Aber durch das Wissen und die Erfahrungen meines hudlarischen Gehirnpartners liegt es fur mich klar auf der Hand, da? diese Spezies allgemein eine Riesenangst vor dem Altwerden hat, die durch das ziemlich erschreckende Krankheitsbild des durchschnittlichen alterskranken FROB hervorgerufen wird. Verstarkt wird diese Angst noch durch das Wissen, da? die alternden Hudlarer geistig
