Spezies sind sowieso schon verwirrend, selbst wenn man ein SNLU-Band im Kopf gespeichert hat, und ein gewisser melfanischer Chefarzt — Sie wissen schon, wen ich meine — war gefuhlsma?ig so durcheinander, da? er mit den Greifvorrichtungen seines Fahrzeugs die Bereitschaft signalisiert hat.“
„Ehrlich gesagt, Sir, sind meine Probleme von etwas anderer Natur.“, begann Murchison.
„Das ist mir klar“, unterbrach Thornnastor sie. „Aber wirklich, das scheint doch kein gro?es emotionales, physisches oder psychologisches Problem zu sein. Naturlich finde ich die Praktiken dieses Paarungsvorgangs personlich absto?end, bin aber dennoch bereit, die Angelegenheit nuchtern zu betrachten und Ihnen jeden Ratschlag zu geben, den ich geben kann.“
„Mein Problem ist die deutliche Erregung, die ich verspurt habe, wahrend ich funfmal hintereinander untreu gewesen bin“, sagte Murchison.
Die reden uber uns! dachte Conway und spurte, wie sein Gesicht allmahlich rot anlief. Doch die beiden waren immer noch zu sehr in ihr Gesprach vertieft, um ihn oder seine Verlegenheit zu bemerken.
„Dieses Thema werde ich gerne mit meinen Diagnostikerkollegen erortern“, sprach Thornnastor schwerfallig weiter. „Vielleicht sind einige von ihnen auf ahnliche Schwierigkeiten gesto?en. Ich selbst naturlich nicht, denn wir FGLIs geben uns diesen Aktivitaten nur einen ganz kurzen Teil des tralthanischen Jahrs uber hin, und in dieser Zeit ist die Betatigung. nun ja, eher von frenetischer Begeisterung gepragt und keinesfalls Gegenstand irgendwelcher scharfsinnigen Selbstanalysen.“ Einen Moment lang nahmen alle seine Augen einen vertraumten Blick an. Dann fuhr er fort: „Jedenfalls deutet eine kurze Befragung meines terrestrischen Gehirnpartners darauf hin, da? sich DBDGs nicht mit unwichtiger und uberflussiger emotionaler Haarspalterei beschaftigen, sondern sich einfach entspannen und den Vorgang genie?en. Ist der Paarungsvorgang fur Sie trotz der leichten Unterschiede, die Sie eingangs erwahnt haben, noch immer angenehm und schon?. oh, hallo Conway!“
Thornnastor hatte das Auge, mit dem er zuvor die Mahlzeit betrachtet hatte, zu Conway nach oben geschwenkt und fuhr nun fort: „Wir haben gerade von Ihnen gesprochen. Offenbar stellen Sie sich sehr schnell auf die Probleme mit den vielen verschiedenen Gehirnpartnern ein, und gerade eben hat mir Murchison erzahlt, da? Sie.“
„Ja“, bestatigte Conway schnell. Flehend blickte er in das eine Auge des Tralthaners und in die beiden von Murchison und fuhr fort: „Bitte, ich ware Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie diese ganz personliche Angelegenheit mit niemand anderem besprechen wurden.“
„Ich sehe keinen Grund, warum man das nicht tun sollte“, entgegnete Thornnastor und richtete auf ihn ein zweites Auge. „Diese Angelegenheit ist zweifellos von grundlegendem Interesse und ware fur Kollegen, die vor ahnlichen Problemen gestanden haben oder demnachst stehen, bestimmt aufschlu?reich. Manchmal sind Ihre Reaktionen nur schwer zu verstehen, Conway.“
Der Diagnostiker auf Probe blickte Murchison zornig an, die, wie er meinte, mit ihrem Chef viel zu offen uber ihre grundlegend interessanten Probleme gesprochen hatte.
Doch warf sie ihm lediglich ein liebliches Lacheln zuruck und sagte dann zu Thornnastor: „Sie mussen ihn entschuldigen, Sir. Ich glaube, er hat Hunger, und Hunger wirkt sich sowohl auf sein Bewu?tsein als auch auf seinen Blutzuckerspiegel aus, wodurch er sich manchmal ein wenig unlogisch verhalt.“
„Ah ja, auf mich hat Hunger die gleiche Wirkung“, pflichtete ihr der Tralthaner verstandnisvoll bei und richtete das Auge wieder auf den Teller.
Murchison bestellte uber die Tastatur bereits ein Sandwich, da? fur samtliche Gehirnpartner Conways optisch annehmbar war.
„Bestell bitte gleich drei davon“, bat Conway sie mit einem Lacheln.
Er machte sich gerade uber das erste Sandwich her, als Thornnastor, der uber den Vorteil verfugte, mit allen vier Mundern sprechen zu konnen, fortfuhr: „Offenbar mu? ich Ihnen dazu gratulieren, wie Sie sich auf Operationsverfahren einstellen, fur die chirurgische Kenntnisse anderer Spezies erforderlich sind.
Nicht nur, da? Sie sich dieses Wissen nach kurzer Besinnungszeit oder sogar auf Anhieb ins Gedachtnis gerufen haben, allem Anschein nach haben Sie obendrein neue Verfahren eingeleitet, die auf einer Verbindung von Erfahrungen verschiedener Lebewesen beruhen. Wie ich gehort habe, waren die operierenden Chefarzte hochst beeindruckt.“
In fliegender Hast zerkaute Conway den Sandwichbissen, schluckte ihn hinunter und antwortete: „Die eigentliche Arbeit haben ausschlie?lich die Chefarzte geleistet.“
„Da haben mir Hossantir und Edanelt aber etwas anderes erzahlt“, erwiderte Thornnastor. „Doch vermutlich liegt es in der Natur der Sache, da? Chefarzte den Gro?teil der Arbeit leisten und Diagnostiker fast das gesamte Lob einstreichen — oder aber auch den Tadel, falls etwas schiefgeht. Wo wir gerade von Fallen sprechen, deren Verlauf sich womoglich nicht so gunstig darstellt: Ich wurde gerne mit Ihnen erortern,
was Sie bezuglich des Ungeborenen vorhaben. Die innere Sekretion seines Elternteils und Beschutzers ist eine hochst komplizierte Sache, und mich interessiert dieses Wesen au?erordentlich. Jedenfalls sehe ich einige rein physische Probleme auf uns zukommen, die.“
Bei dieser Untertreibung blieb Conway fast das Essen im Hals stecken, und es dauerte einen Moment, bevor er wieder sprechen konnte.
„Darf man sich mit einem Terrestrier beim Essen nicht unterhalten?“ erkundigte sich. Thornnastor bei Murchison mit jenem Mund, der ihr am nachsten war. „Warum war Ihre Spezies nicht so vorausblickend, wenigstens eine zusatzliche Korperoffnung zur Nahrungsaufnahme zu entwickeln?“
„Entschuldigen Sie“, sagte Conway mit einem Lacheln. „Ich wurde mich uber jede Hilfe und jeden Ratschlag freuen, den Sie mir geben konnen. Nie zuvor sind wir einer Spezies begegnet, die sich einer Behandlung mit solcher Vehemenz widersetzt wie die Beschutzer der Ungeborenen, und ich glaube nicht, da? wir schon alle Probleme erkannt, geschweige denn die Losungen dafur gefunden haben. Im Grunde ware ich Ihnen sogar au?erst dankbar, wenn Ihre Verpflichtungen es Ihnen gestatten wurden, bei der Geburt zugegen zu sein.“
„Ich habe schon befurchtet, Sie wurden mich nie mehr darum bitten, Conway“, knurrte Thornnastor.
„Es gibt mehrere Probleme“, fuhr Conway fort, wobei er sich leicht uber den Bauch strich und sich fragte, ob eins der Probleme in einer plotzlichen Magenverstimmung bestehen konnte, weil er zu schnell gegessen hatte. In entschuldigendem Ton sagte er: „Aber im Moment bin ich in Gedanken immer noch bei dem hudlarischen Wissen und den Fragen, die durch meine kurzlichen Erlebnisse im hudlarischen OP und auf der Geriatriestation aufgeworfen worden sind. Dabei handelt es sich sowohl um psychologische als auch um physiologische Probleme, die mich so stark beschaftigen, da? ich Schwierigkeiten habe, den Kopf freizubekommen, um mir Gedanken zum Fall des Beschutzers zu machen, auch wenn das albern klingt.“
„Ich finde das ganz verstandlich, wenn man bedenkt, wie intensiv Sie sich noch vor kurzem mit der FROB- Lebensform beschaftigt haben“, entgegnete Thornnastor. „Falls Sie jedoch im Fall dieser Hudlarer vor ungelosten Problemen stehen sollten, ware der einfachste Weg, den Kopf von den lastigen Gedanken daran zu befreien, sich sofort alle notwendigen Fragen zu stellen und so viele wie moglich davon zu beantworten. Selbst wenn es sich dabei vielleicht um unbefriedigende oder unvollstandige Antworten handelt, treiben Sie die Angelegenheit auf diese Weise wenigstens so weit voran, wie es zum gegenwartigen Zeitpunkt fur Sie machbar ist. Damit wird sich dann Ihr Verstand abfinden und es Ihnen ermoglichen, an andere Dinge zu denken, auch an den standig schwangeren Beschutzer.
Au?erdem ist Ihre momentane eigenartige Geistesverfassung alles andere als selten, Conway“, fuhr der Tralthaner fort, wobei er in seinen Vortragston verfiel. „Es mu? einen au?erst triftigen Grund geben, warum sich Ihre Gedanken nicht von diesem Thema abwenden wollen. Vielleicht stehen Sie kurz vor wichtigen Schlu?folgerungen, und wenn das Problem jetzt beiseite geschoben wird, konnten die relevanten Uberlegungen verblassen und unwiederbringlich verloren sein. Mir ist bewu?t, da? ich langsam wie ein Psychologe klinge, aber man kann nicht im medizinischen Bereich tatig sein, ohne sich auch auf diesem Gebiet einige Kenntnisse anzueignen. Naturlich bin ich imstande, Ihnen bei den physiologischen Problemen der hudlarischen Lebensform behilflich zu sein, aber allmahlich habe ich den Verdacht, der entscheidende Punkt ist der psychologische Aspekt. In dem Fall sollten Sie unverzuglich O'Mara konsultieren.“
„Sie meinen, ich soll mich gleich jetzt bei ihm melden?“ erkundigte sich Conway etwas zaghaft.
„Theoretisch darf ein Diagnostiker jederzeit jedes Personalmitglied des Hospitals um Hilfe bitten — und umgekehrt“, erwiderte der Tralthaner.
Conway blickte Murchison an, die ihn verstandnisvoll anlachelte. „Ruf ihn ruhig an“, riet sie ihm. „Uber den Kommunikator kann er seinem Jahzorn ja blo? mit Worten freien Lauf lassen.“
„Das beruhigt mich uberhaupt nicht“, erwiderte Conway und griff nach dem Kommunikator.
