Schatten furchten, werde nicht einfach werden“, fuhr der Empath fort, „und das Problem mit den alterskranken Hudlarern habe sich so stark ausgeweitet, da? es praktisch Ihre gesamte Zeit in Anspruch nahme. O'Mara hat sehr verargert und hin und wieder auch richtig bose geklungen, aber seine emotionale Ausstrahlung stand dabei im starken Widerspruch zu seinen Au?erungen. Er war ganz erwartungsvoll und aufgeregt, als freue er sich auf die Herausforderung.“
Prilicla brach den Satz ab und begann erneut zu zittern. Neben dem Instrumentenschrank, auf dem der Cinrussker sa?, hob und senkte Thornnastor in keiner bestimmten Reihenfolge einen der sechs elefantenartigen Fu?e nach dem anderen. Murchison blickte den Diagnostiker an, und auch wenn sie kein Empath war, war sie mit den Gesten ihres Chefs doch so gut vertraut, um einen au?erst ungeduldigen Tralthaner erkennen zu konnen.
„Das ist ja alles hochst interessant, Prilicla“, sagte sie freundlich, „aber der Zustand des Patienten, der auf der au?eren Station auf uns wartet, ist nicht nur ernst, sondern mu? auch dringend behandelt werden.“
20. Kapitel
Dem Gefuhl au?erster Dringlichkeit aller Beteiligten zum Trotz schien der Beschutzer keine besondere Eile zu haben, seinen Nachwuchs zur Welt zu bringen. Insgeheim war Conway daruber erleichtert. Es verschaffte ihm namlich mehr Zeit nachzudenken, um alternative Ma?nahmen zu erwagen und, wenn er sich selbst gegenuber ehrlich war, mehr Zeit, um zwischen allen moglichen Entscheidungen unschlussig hin und her zu schwanken.
Der normalerweise phlegmatische Thornnastor, der drei Augen auf den Patienten und eins auf die Scannerprojektion geheftet hatte, stapfte langsam auf, wahrend er gleichzeitig den Mangel an Tatigkeit im Bereich der Gebarmutter beobachtete. Murchison achtete sowohl auf den Bildschirm als auch auf die kelgianische Schwester, die fur die Mittel zur Ruhigstellung des Patienten verantwortlich war, und der mit dem OP-Team uber Kommunikator in Verbindung stehende Prilicla war ein weit entfernter, verschwommener Klecks, der am anderen Ende der Station an der Decke klebte, wo die emotionale Ausstrahlung des Beschutzers wenn auch nicht gerade angenehm, so doch zumindest ertraglich war.
Er sei lediglich aus medizinischer Neugier anwesend, hatte der kleine Empath nachdrucklich beteuert. Doch in Wirklichkeit nahm er wahrscheinlich Conways Besorgnis aufgrund des bevorstehenden Eingriffs wahr und wollte seinem alten Freund helfen.
„Von den Alternativma?nahmen, die Sie erwahnt haben, ist die erste ein wenig wunschenswerter als die anderen“, sagte Thornnastor plotzlich. „Aber die Geburtsoffnung vor der Geburt zu weiten und das Ungeborene herauszuziehen und gleichzeitig die Drusenkanale abzuklemmen. das ist eine ganz schon heikle Geschichte, Conway. Sie konnten es namlich auf einmal mit einem wachen und hochst lebhaften jungen Beschutzer zu tun bekommen, der sich rei?end und fressend einen Weg aus dem Elternteil bahnt. Oder haben Sie sich jetzt doch dazu entschieden, da? das Elternteil entbehrlich ist?“
Wieder ging Conway die Erinnerung an den telepathischen Kontakt mit einem Ungeborenen durch den Kopf, einem Ungeborenen, das als geistloser Beschutzer geboren worden war — als dieser Beschutzer. Ihm war klar, da? er nicht logisch dachte, aber er wollte kein Lebewesen aufgeben, dessen Gedankenwelt er so genau kennengelernt hatte, blo? weil es aus Grunden der Evolution eine Art Gehirntod erlitten hatte.
„Nein“, antwortete er bestimmt.
„Die ubrigen Moglichkeiten sind noch schlechter“, sagte der Tralthaner.
„Da? Sie das so sehen wurden, hatte ich gehofft“, entgegnete Conway.
„Ich verstehe“, sagte Thornnastor. „Aber mit Ihrem ursprunglichen Vorschlag bin ich auch nicht besonders einverstanden. Die Ma?nahme ist — gelinde gesagt — au?erst drastisch und bei einer panzerbewehrten Spezies beispiellos. Ein derart komplizierter Eingriff stellt bei einem Patienten mit vollem Bewu?tsein und uneingeschrankter Bewegungsfahigkeit einen.“
„Der Patient wird bewu?tlos und ruhiggestellt sein“, fiel ihm Conway ins Wort.
„In Ihrem Kopf scheint mir zur Zeit ein zu gro?es Durcheinander zu herrschen, das vielleicht auf die vielen verschiedenen Bander zuruckzufuhren ist, die Sie darin gespeichert haben, Conway“, sagte Thornnastor in einem fur tralthanische Verhaltnisse leisen Ton. „Au?erdem mochte ich Sie daran erinnern, da? der Patient nicht ruhiggestellt werden kann, egal, fur wie lange, weder durch Haltegurte noch durch Betaubungsmittel, ohne da? es zu irreversiblen Stoffwechselanderungen kommt, die rasch zur Bewu?tlosigkeit und zum Tod fuhren. Der FSOJ befindet sich standig in Bewegung und ist fortwahrenden Angriffen ausgesetzt, und das innere Sekretionssystem reagiert in einer Weise, die. Aber das wissen Sie ja genausogut wie ich, Conway! Fuhlen Sie sich wohl? Haben Sie vielleicht. vorubergehende psychologische Probleme? Mochten Sie, da? ich fur eine Weile die Verantwortung ubernehme?“
Murchison hatte gerade ein Gesprach uber Kommunikator gefuhrt und deshalb den Anfang von Thornnastors Ausfuhrungen nicht mitbekommen.
Besorgt musterte sie Conway und fragte sich offenbar, was mit ihm nicht stimmte oder vielmehr was nach der Ansicht ihres Chefs nicht mit ihm in Ordnung war. Dann sagte sie: „Eben hat mich Prilicla angerufen. Er wollte seine Vorgesetzten nicht in einer womoglich wichtigen medizinischen Erorterung unterbrechen, hat aber von einer standigen Zunahme und qualitativen Veranderung der emotionalen Ausstrahlung sowohl des Beschutzers als auch des Ungeborenen berichtet. Den Anzeichen nach bereitet sich der Beschutzer auf gro?e Anstrengungen vor, und das hat wiederum zu einer Zunahme der Geistestatigkeit beim Ungeborenen gefuhrt. Prilicla mochte wissen, ob du irgendwelche Anzeichen fur den Versuch eines telepathischen Kontakts wahrgenommen hast. Er sagt, das Ungeborene gibt sich alle Muhe.“
Conway schuttelte den Kopf und sagte zu Thornnastor: „Bei allem Respekt, diese Informationen standen schlie?lich in meinem ursprunglichen Bericht uber die FSOJ-Lebensform, den ich Ihnen gegeben habe, und mein Gedachtnis hat keineswegs gelitten. Fur das Angebot, die Verantwortung zu ubernehmen, danke ich Ihnen, und Ihren Rat und Ihre Hilfe nehme ich gerne an, aber ich habe keine psychologischen Probleme, und das eben von Ihnen erwahnte Durcheinander in meinem Kopf ist nicht gro?er als sonst.“
„Ihre Bemerkungen uber die Ruhigstellung des Patienten haben auf etwas anderes schlie?en lassen“, erwiderte Thornnastor nach einer kurzen Pause. „Ich bin froh, da? Sie sich wohl fuhlen, aber was Ihre chirurgischen Absichten betrifft, so bin ich daruber nicht ganz so glucklich.“
„Ich bin mir ja selbst nicht einmal vollkommen sicher, ob ich richtig liege“, raumte Conway ein. „Aber zumindest ist meine Unentschlossenheit weg, und das von mir beabsichtigte Verfahren beruht auf der Annahme, da? wir zu stark von dem Lebenserhaltungsmechanismus des FSOJs und dem Beharren auf korperlicher Beweglichkeit beeinflu?t sind.“
Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Priliclas Gestalt noch verschwommener wurde, als der Empath heftig zu zittern anfing. Conway brach den Satz ab und sagte in seinen Kommunikator: „Ziehen Sie sich zuruck, mein kleiner Freund. Bleiben Sie mit uns in Verbindung, aber begeben Sie sich nach drau?en auf den Korridor. Die emotionale Ausstrahlung wird hier ziemlich wilde Ausma?e erreichen, also verschwinden Sie lieber schnell.“
„Das hatte ich gerade vor, mein Freund“, erwiderte der Cinrussker. „Aber auch Ihre eigene emotionale Ausstrahlung ist fur keinen von uns beiden angenehm. Ich spure Entschlossenheit und Besorgnis und habe das Gefuhl, da? Sie sich zu etwas zwingen, das Sie normalerweise nicht tun wurden. Entschuldigung. In meiner Sorge um einen Freund habe ich Dinge angesprochen, die eigentlich als vertraulich gelten sollten. Ich gehe jetzt. Viel Gluck, mein Freund.“
Bevor Conway etwas erwidern konnte, berichtete eine der Kelgianerinnen mit sich nachdrucklich krauselndem Fell, der Geburtskanal beginne sich zu weiten.
„Immer mit der Ruhe“, besanftigte Conway die Schwester, wahrend er die Scannerbilder betrachtete. „Bis jetzt passiert im Innern noch nichts. Legen Sie den Patienten doch bitte so auf die linke Seite, da? sich der rechte Teil des Ruckenpanzers oben befindet. Das Operationsfeld wird sich in der Mitte der markierten Stelle achtunddrei?ig Zentimeter rechts von der Medianlinie des Panzers befinden. Fahren Sie mit den momentanen Lebenserhaltungsma?nahmen fort, bis ich Ihnen Anweisung gebe aufzuhoren, aber mit ein bi?chen mehr Begeisterung, falls Sie das fertigbringen. Auf mein Zeichen hin wird das Ruhigstellungsteam die Gliedma?en des Patienten bewegungsunfahig machen, wobei besonders darauf zu achten ist, die Tentakel zu voller Lange auszustrecken und mit Klammern und Pressorstrahlen festzuhalten. Ich bin gerade zu dem Schlu? gekommen, da? diese Aufgabe auch ohne einen wahrend der Operation auf dem Tisch zappelnden und sich windenden Patienten
