Prufstand befand und der leitende Diagnostiker der Pathologie trotz des hoheren Rangs keineswegs die endgultige Verantwortung fur diesen Fall ubernehmen wollte. Conway brachte kein Wort uber die Lippen.

„Sie werden beobachten, da? sich die Tentakel des Ungeborenen zu bewegen beginnen, wenn auch langsam“, fuhr Thornnastor fort. „Und jetzt zieht es sich allmahlich aus dem Geburtskanal heraus.“

In genau diesem Moment hatte damals die lautlose telepathische Stimme in Conways Kopf die Klarheit verloren. Schmerz, Verwirrung und tiefe Besorgnis hatten den verstandlichen Mitteilungsflu? getrubt. Doch die letzte Botschaft des Ungeborenen war ganz einfach gewesen.

Geboren zu werden bedeutet sterben, meine Freunde, hatte die leise Stimme gesagt. Meine Gedanken und meine telepathische Fahigkeit werden nun zerstort. Ich werde jetzt selbst zum Beschutzer eines eigenen Ungeborenen, das wachsen, denken und mit Ihnen in Kontakt treten wird. Bitte kummern Sie sich um ihn.

Das Dumme bei telepathischer Kommunikation war, da? — anders als bei der Verstandigung durch Worte — die Vieldeutigkeit fehlte und keine Irrefuhrungen und diplomatischen Lugen moglich waren, dachte Conway bitter. Bei einem telepathisch gegebenen Versprechen blieb kein Hinterturchen offen. Eins zu brechen war ohne einen schweren Verlust an Selbstachtung unmoglich.

Und nun war das Ungeborene, mit dem Conway in telepathischem Kontakt gestanden hatte, sein Patient und ein Beschutzer mit einem eigenen Ungeborenen, fur das zu sorgen Conway versprochen hatte und das kurz vor dem Eintritt in die au?erst komplizierte und fremde Welt des Orbit Hospitals stand. Wie er am besten weitermachen sollte — beziehungsweise richtiger: welche von mehreren unbefriedigenden Moglichkeiten er wahlen sollte —, dessen war er sich immer noch nicht sicher.

Ohne jemanden direkt anzusprechen, sagte er plotzlich: „Wir wissen nicht einmal, ob der Fotus unter den hiesigen Bedingungen normal herangewachsen ist. Vielleicht ist unsere Reproduktion der Umwelt nicht exakt genug gewesen. Womoglich hat das Ungeborene keine Vernunft entwickelt, ganz zu schweigen von telepathischen Fahigkeiten. Bisher hat es keine Anzeichen fur.“

Als eine Folge von melodischem Schnalzen und gerollten Lauten von der Decke uber ihren Kopfen ertonte, brach er den Satz ab. Aus den Translatoren kamen die Worte: „Ihre Annahme ist moglicherweise nicht ganz korrekt, Freund Conway.“

„Prilicla!“ rief Murchison und fugte uberflussigerweise hinzu: „Sie sind wieder da?“

„Geht es Ihnen. gut?“ fragte Conway. Er dachte an die Opfer des Unfalls im Meneldensystem und wie furchtbar es fur einen Empathen gewesen sein mu?te, die Leitung uber deren Klassifizierung ubertragen zu bekommen.

„Mir geht es gut, mein Freund“, antwortete Prilicla, wobei die Beine, mit denen er an der Decke klebte, vom Bad in der Welle freundschaftlicher und besorgter Gefuhle, die von den Anwesenden unter ihm ausgingen, erbebten. „Ich habe darauf geachtet, die Arbeiten aus gro?tmoglicher Entfernung zu leiten, so, wie ich auch gro?en Abstand zu Ihrem Patienten auf der au?eren Station halte. Die emotionale Ausstrahlung des Beschutzers ist fur mich unangenehm, aber bei der des Ungeborenen ist das nicht der Fall.

Ich nehme eine hochgradige Geistestatigkeit wahr“, fuhr der Cinrussker fort. „Leider bin ich eher ein Empath als ein echter Telepath, aber ich kann bei dem Ungeborenen eine Frustration spuren, die, so wurde ich vermuten, durch die Unfahigkeit verursacht wird, sich mit den Lebewesen au?erhalb des Korpers des Elternteils zu verstandigen. Au?erdem nehme ich vor allem noch Verwirrung und Ehrfurcht wahr.“

„Ehrfurcht?“ wiederholte Conway unglaubig und fugte dann hinzu: „Falls sich das Ungeborene mit uns zu verstandigen versucht hat, haben wir jedenfalls nichts gespurt, nicht einmal das leiseste Kitzeln.“

Prilicla lie? sich von der Decke fallen, flog einen sauberen Looping und flatterte auf einen in der Nahe stehenden Instrumentenschrank, damit sich die anwesenden DBLFs und DBDGs nicht den Halswirbel verrenkten, wenn sie ihn ansahen. „Ich kann das zwar nicht mit absoluter Sicherheit sagen, Freund Conway, weil Empfindungen ein weniger zuverlassiges Anzeichen fur das Vorhandensein von Intelligenz sind als logisch zusammenhangende Gedanken, aber das Problem scheint mir moglicherweise einfach darin zu bestehen, da? zu viele Lebewesen und damit Gehirne anwesend sind. Wahrend Ihres ursprunglichen Kontakts mit dem damaligen Ungeborenen und heutigen Beschutzer mu?te das Wesen nur drei Gehirne berucksichtigen, das von Freundin Murchison, von Freund Fletcher und Ihres. Die ubrigen Mitglieder der Besatzung und des medizinischen Teams haben sich an Bord der Rhabwar befunden und somit an der au?ersten Grenze der telepathischen Reichweite.

Hier sind vielleicht zu viele Kopfe“, fuhr der Empath fort, „Gehirne von einer verwirrenden Vielfalt und einem verbluffenden Ma? an Vielgestaltigkeit, einschlie?lich zweien“ — Priliclas Augen richteten sich auf Thornnastor und Conway —, „in denen eine Vielzahl von Lebewesen zu stecken scheint und die moglicherweise wirklich verwirrend und ehrfurchtgebietend sind.“

„Da haben Sie naturlich recht“, stimmte ihm Conway zu, und nach einer kurzen Denkpause sagte er: „Ich hatte darauf gehofft, mit dem Ungeborenen vor und wahrend der Geburt in telepathischen Kontakt zu treten. In diesem Fall ware die Unterstutzung durch einen Patienten, der bei Bewu?tsein ist und mitarbeitet, wirklich eine gro?e Hilfe. Aber die Starke des OP-Personals und des technischen Hilfsteams konnen Sie ja selbst sehen. Das sind Dutzende. Die kann ich doch nicht einfach wegschicken.“

Wieder begann Prilicla zu zittern, diesmal aus Unruhe uber die zusatzlichen Kopfschmerzen, die er Conway bereitete, obwohl er eigentlich nur die Absicht gehabt hatte, den Diagnostiker uber den Geisteszustand des Ungeborenen zu beruhigen. Er unternahm einen zweiten Versuch, die emotionale Ausstrahlung seines Freunds zu verbessern.

„Gleich nach meiner Ruckkehr habe ich auf der Hudlarerstation vorbeigeschaut“, berichtete der Cinrussker, „und ich mu? sagen, Ihre Leute haben hervorragende Arbeit geleistet. Das waren wirklich schlimme Falle, die ich dort eingeliefert habe, beinahe so hoffnungslos, wie man es sich schlimmer kaum vorstellen kann, mein Freund, aber Sie haben nur einen einzigen FROB verloren. Das war eine glanzende Leistung, auch wenn Freund O'Mara behauptet, Sie hatten ihm gegenuber noch ein gluhendes Stuck Metall angefa?t.“

„Ich glaube, Prilicla meint ein hei?es Eisen“, ubersetzte Murchison lachend die vom Translator ubertragenen Worte.

„O'Mara?“ fragte Conway nach.

„Der Chefpsychologe hatte sich nach dem Besuch eines der Hudlarer in der Geriatrie-Abteilung gerade mit einem Ihrer Patienten unterhalten und sich ein Bild von dessen nichtmedizinischem Zustand gemacht. Freund O'Mara wu?te, da? ich gekommen war, um Sie zu besuchen, und ich soll Ihnen von ihm ausrichten, da? ein Funkspruch von Goglesk eingetroffen ist, laut dem Ihre Freundin Khone zum Orbit Hospital kommen will, und zwar so bald wie.“

„Ist Khone krank oder hat sie sich etwa verletzt?“ fiel Conway ihm ins Wort, da die Personlichkeit seiner gogleskanischen Gehirnpartnerin und die eigenen Gefuhle fur das kleine Wesen die Gedanken an alles und jeden aus seinem Kopf verdrangten. Da Khone uber dieses Wissen verfugte, waren auch ihm die vielen Krankheiten und Unfalle bekannt, denen die FOKTs zum Opfer fielen und gegen die man nur sehr wenig unternehmen konnte, weil die gegenseitige Annaherung, um zu helfen, das Heraufbeschworen eines Unglucks bedeutete. Was immer Khone zugesto?en war, es mu?te recht schlimm gewesen sein, wenn sie freiwillig ins Orbit Hospital kommen wollte, wo die schrecklichsten Alptraume ihrer Vorstellung korperliche Realitat waren.

„Nein, nein, mein Freund“, entgegnete Prilicla, der durch die Heftigkeit von Conways emotionaler Ausstrahlung erneut zitterte. „Khones Zustand ist weder ernst noch dringend zu behandeln. Aber sie hat darum gebeten, von Ihnen personlich abgeholt und zum Hospital befordert zu werden, damit sie ihre Meinung nicht aus Angst vor Ihren korperlich riesenhaften Freunden andert. Der genaue Wortlaut von O'Maras Au?erung war, Sie zogen momentan einige sonderbare Mutterschaftsfalle an.“

„Aber sie kann doch nicht freiwillig hierherkommen!“ protestierte Conway. Er wu?te, da? Khone geschlechtsreif war und Kinder bekommen konnte. Uber kurzliche sexuelle Kontakte fand sich im Gedachtnis der Gogleskanerin nichts, es mu?te also nach Conways Abflug von Goglesk geschehen sein. Er begann, auf der Schwangerschaftsperiode der FOKT basierende Berechnungen anzustellen.

„So habe ich zuerst auch reagiert, mein Freund“, sagte Prilicla. „Aber Freund O'Mara hat mich darauf hingewiesen, da? Sie schon langer mit Ihrer gogleskanischen Freundin im Kopf lebten und sich darauf eingestellt hatten und Khone — hoffentlich wird sie damit fertig — gleicherma?en von Ihrem terrestrischen Gehirn beeinflu?t worden sei. Das sei das zweite gluhende Stuck Metall; die Sache mit den alterskranken Hudlarern sei das andere.

Die Psychosen einer werdenden FOKT-Mutter und ihres Kindes auszutreiben, die sich vor vorgeschichtlichen

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