Als man sich dem Ausgang der Galerie zuwandte, schlurften, rutschten und scharrten die diversen Fu?e, Tentakel und Zangen uber den Boden.
Conway hob die Hand und ermahnte die Anwesenden in sehr ernstem Ton: „Ich mochte Sie noch einmal daran erinnern, da? es nicht Sinn und Zweck der Operation ist, dem FROB bei der Geburt zu helfen. Die findet aufjeden Fall statt, mit oder ohne unsere Hilfe, das konnen Sie mir glauben. Mit dem Eingriff wollen wir vielmehr sicherstellen, da? das Ungeborene, das bald ein neuer Beschutzer sein wird, den Intelligenzgrad und die telepathischen Fahigkeiten, uber die es jetzt im Leib des Elternteils verfugt, beibehalt.“
Thornnastor stie? einen leisen Ton aus, der dem tralthanischen Teil von Conways Gehirn eine pessimistische und besorgte Grundhaltung zu erkennen gab. Nach den zweitagigen Beratungen mit dem tralthanischen Diagnostiker mu?ten die genauen Einzelheiten des bevorstehenden operativen Eingriffs noch endgultig geklart werden. Indem er eine Zuversicht ausstrahlte, die er in Wirklichkeit gar nicht empfand, sprach Conway uber die Funktion der Kombination aus Operationsgestell und kardanisch aufgehangtem Kafig, in dem sich der Beschutzer befand, bevor er die Zuschauer durch die fur den Nachkommen bestimmte Nebenstation fuhrte.
Mehr als die Halfte dieser Station, die von den fur ihren Bau verantwortlichen Wartungsingenieuren den Spitznamen Kraftraum erhalten hatte, nahm eine hohle zylindrische Konstruktion ein, die breit genug war, um dem FSOJ-Jungen einen ungehinderten Durchgang zu ermoglichen, und serpentinenartig verlief, damit der junge Beschutzer die gesamte Bodenflache der Station zur Bewegung nutzen konnte. Der Eingang in diesen endlosen Zylinder bestand aus einer kraftig verstarkten Tur in der Seitenwand, die ansonsten aus einem au?erst stabilen Metallgitter konstruiert war. Der Zylinderboden bildete von der Form her die unebene Oberflache und die naturlichen Hindernisse wie zum Beispiel die beweglichen und gefra?igen Wanderwurzeln nach, die man auf dem Heimatplaneten des Beschutzers gefunden hatte, und durch die Offnungen zwischen den Gitterstaben hatte der Patient standig Sicht auf die rings um die Au?enflache des Zylinders aufgestellten Bildschirme, uber die bewegte dreidimensionale Bilder einheimischer tierischer und pflanzlicher Lebensformen liefen, denen der Patient auf seinem Herkunftsplaneten normalerweise begegnen wurde.
Dem medizinischen Team ermoglichte die offene Zylinderkonstruktion zudem, den Patienten in den Genu? der positiveren Seiten des Lebenserhaltungssystems zu bringen, namlich in den des zwischen den Bildschirmen aufgestellten, furchteinflo?end aussehenden Mechanismus, durch den der Patient so rasch und so heftig geschlagen, gerupft und gesto?en werden konnte, wie man wollte.
Um es dem Neuankommling so richtig gemutlich zu machen, hatte man alles Erdenkliche getan.
„Wie Sie bereits wissen“, fuhr Conway fort, „ist sich das Ungeborene aufgrund seiner telepathischen Fahigkeiten stets der Vorgange au?erhalb des Korpers des Elternteils bewu?t. Wir sind keine Telepathen und womoglich nicht imstande, die Gedanken des Ungeborenen zu empfangen, auch nicht in der Phase au?erster geistig-seelischer Belastung, die der Geburt unmittelbar vorausgeht und in der das Ungeborene all seine telepathischen Krafte zusammennimmt, weil es wei?, da? sein Verstand und seine Personlichkeit kurz vor der Ausloschung stehen.
Der Foderation sind mehrere telepathische Lebensformen bekannt“, setzte er seine Ausfuhrungen fort, wobei er sich an den einzigen Kontakt mit dem telepathischen Ungeborenen zuruckerinnerte. „Dabei handelt es sich im allgemeinen um Spezies, die diese Krafte entwickelt haben, damit ihre gemeinsamen organischen Sender und Empfanger automatisch miteinander ubereinstimmen. Aus diesem Grund ist der telepathische Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener telepathischer Spezies nicht immer moglich. Kommt zwischen einem dieser Wesen und einem Nichttelepathen eine geistige Verbindung zustande, bedeutet das normalerweise, da? der Nichttelepath entweder uber schlummernde oder verkummerte telepathische Krafte verfugt. Ein derartiger Kontakt kann zwar ein au?erst unangenehmes Erlebnis sein, aber an dem betroffenen Gehirn treten weder physische Veranderungen noch bleibende psychologische Schaden auf“
Als Conway die Bildschirme im Kraftraum einschaltete und auf ihnen die Videoaufzeichnung jener ersten, unglaublich gewaltsamen Geburt laufen lie?, kam bei ihm gleichzeitig die ubersinnliche Dimension des eigenen mehrminutigen Kontakts mit dem Ungeborenen hinzu, dessen Geburt schon bald auf den Monitoren zu sehen sein wurde.
Seiner geballten Fauste war sich Conway bewu?t, und er bemerkte auch, wie bleich Murchisons Gesicht war, wahrend sie auf einen der Bildschirme schaute. Gerade versuchte der tobende Beschutzer wieder einmal, zu ihnen zu gelangen, indem er sich heftig gegen die zum Teil offenstehende Innenluke der Luftschleuse warf. Der Spalt war etwa funfzehn Zentimeter breit, reichte fur die Pathologin, den verletzten Kapitan der Rhabwar und Conway also gerade aus, um alle Vorgange zu beobachten, zu horen und aufzuzeichnen. Aber an einem sicheren Standort befanden sie sich nicht. Die mit harten Spitzen bewehrten Tentakel des Beschutzers hatten in der Schleusenvorkammer durch das Herausrei?en ganzer Teile der Metallverkleidung und das Verbeulen der Wandkonstruktion dahinter bereits schwere Zerstorungen angerichtet, und so dick war die Innenluke der Schleuse nun auch wieder nicht.
Ihre einzige Sicherheit bestand in der Schwerelosigkeit der Schleusenvorkammer, und der Beschutzer prallte von jeder Wand und jedem Hindernis ab, gegen die oder das er mit den wild umherschlagenden Tentakeln stie?, und wirbelte hilflos in der Kammer herum, was seine Wut und die Brutalitat seines Angriffs nur noch verstarkte. Andererseits wurde es dadurch schwieriger, die gerade stattfindende Geburt zu beobachten. Doch die Heftigkeit des Angriffs des Beschutzers lie? langsam nach. Durch die Schwerelosigkeit sowie die wahrend der Zusammensto?e mit den Besatzungsmitgliedern des Schiffes erlittenen Verwundungen und den darauffolgenden Defekt des bordeigenen Lebenserhaltungssystems hatte der Beschutzer kaum noch genugend Kraft, die Geburt zu beenden, die bereits ein gutes Stuck vorangeschritten war. Jetzt bot der sich langsam drehende FSOJ einen guten, wenn auch immer wieder unterbrochenen Blick auf das allmahlich sichtbar werdende Ungeborene.
Conway dachte an einen Aspekt der Geburt, den die Aufzeichnung nicht wiedergeben konnte — an die letzten Momente des telepathischen Kontakts mit dem Fotus, bevor dieser den Korper seines Elternteils verlie? und ebenfalls zu einem wilden, brutalen und zu keinerlei Vernunft fahigen jungen Beschutzer wurde —, und einen Augenblick lang war ihm der Hals wie zugeschnurt.
Dieses Problem des Diagnostikers auf Probe mu?te Thornnastor geahnt haben, denn er langte an Conway vorbei und hielt die Aufzeichnung an. Im schwerfalligen Vortragston sagte er: „Wie Sie sehen, sind der Kopf und ein Gro?teil des Panzers zum Vorschein gekommen, und die daraus hervortretenden Gliedma?en sind noch schlaff und reglos. Das liegt daran, da? die Sekrete, die abgesondert werden, um die vor der Geburt bestehende Lahmung aufzuheben und gleichzeitig samtliche, nicht dem Uberleben dienende Gehirntatigkeiten zu unterbinden, noch nicht wirken. Bis zu diesem Punkt ist einzig und allein das Elternteil fur das Herauskommen des Ungeborenen verantwortlich.“
In der fur Kelgianer typischen direkten Art fragte eine der Schwestern: „Wird das nicht vernunftbegabte Elternteil als entbehrlich erachtet?“
Thornnastor schwenkte ein Auge herum, um Conway zu betrachten, dessen Gedanken immer noch fest auf die Umstande der damaligen Geburt gerichtet waren.
„Das liegt keineswegs in unserer Absicht“, antwortete der Tralthaner, als Conway nicht reagierte. „Auch das Elternteil war einmal ein vernunftbegabtes Ungeborenes und ist in der Lage, bis zu drei weitere Ungeborene zur Welt zu bringen. Sollten Umstande eintreten, in denen entschieden werden mu?, ob man die Geburt des vernunftbegabten Jungen auf Kosten des momentan nicht vernunftbegabten Elternteils unterstutzen oder sie ihren normalen Lauf nehmen lassen soll, so da? schlie?lich zwei nicht vernunftbegabte Beschutzer vorhanden sind, dann mu? die Entscheidungsgewalt beim verantwortlichen Chirurgen liegen.
Fur die zweite Moglichkeit sprache, wenn man sie in Betracht zoge, da? wir mit zwei Beschutzern, einem jungen und einem alten, die im Laufe der Zeit beide telepathische Embryos tragen werden, eine oder mehrere weitere Chancen hatten, um das Problem zu losen“, fuhr Thornnastor mit einem immer noch auf Conway gehefteten Auge fort. „Doch dazu mu?te man die beiden FSOJs langen Schwangerschaftsperioden in einem hochst kunstlichen Lebenserhaltungssystem aussetzen, was sich langfristig schadlich auf die neuen Embryos auswirken konnte und nichts anderes als ein Aufschieben der Entscheidung bedeuten wurde. Dann mu?te die gesamte Prozedur wiederholt werden, wobei aller Wahrscheinlichkeit nach derselbe Entschlu? von einem anderen verantwortlichen Chirurgen zu treffen ware.“
Auch Murchisons Augen ruhten auf Conway. Sie wirkte hochst beunruhigt. Die letzten Worte des Tralthaners waren ein wenig mehr als eine direkte Antwort auf die Frage der Schwester; sie stellten so etwas wie eine berufliche Warnung dar. Durch sie wurde Conway daran erinnert, da? er sich immer noch sehr stark auf dem
