„Die bevorstehende Operation dient hauptsachlich dem Zweck, die Intelligenz des Ungeborenen zu bewahren“, wiederholte Conway, wobei er einen Blick auf die gefullte Zuschauergalerie warf, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder der Station darunter zuwandte, auf der der wild kampfende Beschutzer sein Lebenserhaltungssystem und zwei hudlarische Warter in einen totalen Krieg verwickelte. „Dabei gibt es korperliche und chirurgische Schwierigkeiten sowie Probleme mit der inneren Sekretion. Diagnostiker Thornnastor und ich haben in den vergangenen zwei Tagen fast uber nichts anderes gesprochen. Und nun werde ich sowohl fur die Mitglieder des technischen Hilfs- und des Nachbehandlungspersonals, das gerade zu uns gesto?en ist, als auch fur die Zuschauer und alle anderen, die spater die Aufzeichnungen studieren werden, die vorhandenen Informationen uber diesen Fall kurz zusammenfassen.
Der erwachsene, nichtintelligente Beschutzer gehort zur physiologischen Klassifikation FSOJ“, fuhr Conway fort. „Wie Sie sehen, handelt es sich bei ihm um ein riesiges, ungeheuer kraftiges Lebewesen mit einem starken geschlitzten Panzer, aus dem vier dicke Tentakel hervorragen, einem schweren gezackten Schwanz und einem Kopf. Die Tentakel enden in mehreren scharfen, knochigen Spitzen und ahneln dadurch mit Nageln versehenen Keulen. Die Hauptmerkmale des Kopfs bestehen in tiefliegenden, gut geschutzten Augen, dem Ober- und Unterkiefer sowie Zahnen, die imstande sind, mit Ausnahme der hartesten Metalllegierungen wortwortlich alles zu zermalmen.
Drehen Sie ihn bitte um“, bat Conway die beiden Hudlarer, die den Patienten mit dunnen Stahlstangen bearbeiteten. „Und schlagen Sie fester zu! Damit tun Sie ihm nicht weh. Im Gegenteil, so erhalten Sie ihn kurz vor der Geburt bei bester Verfassung.“ An die Zuschauer gewandt fuhr er fort: „Auch die vier Beine besitzen knocherne Auswuchse und konnen folglich ebenfalls als naturliche Waffen eingesetzt werden. Obwohl die Korperunterseite nicht wie der Rucken gepanzert ist, bietet sie nur selten eine Angriffsflache und ist von einer dicken Hautschicht bedeckt, die offenbar ausreichenden Schutz bietet. In der Mitte dieses Bereichs konnen Sie einen schmalen langlichen Spalt erkennen, die Offnung des Geburtskanals, die sich jedoch erst wenige Minuten vor der Niederkunft vergro?ern wird.
Doch zunachst einen Uberblick uber die Evolutionsgeschichte und die Umweltbedingungen dieses Lebewesens.“
Die Beschutzer hatten sich in einer Welt aus flachen, dampfenden Meeren, Sumpfen und Urwaldern entwickelt, in der es, was korperliche Beweglichkeit und Angriffslust anging, keine eindeutige Grenze zwischen tierischem und pflanzlichem Leben gab. Um uberhaupt zu uberleben, mu?te eine Lebensform verbissen kampfen und sich schnell fortbewegen, und die dominante Spezies hatte sich auf diesem abscheulichen Planeten ihren Platz erobert, indem sie sich mit gro?erem Uberlebenspotential wehrte, fortbewegte und vermehrte als samtliche anderen Lebensformen.
Schon auf einer sehr fruhen Evolutionsstufe hatte sie die gro?e Harte ihrer Umwelt in eine physiologische Form gezwungen, die den lebenswichtigen Organen gro?tmoglichen Schutz bot. Gehirn, Herz, Lunge, Gebarmutter — sie alle befanden sich tief in dem unglaublich muskulosen und phantastisch gepanzerten Korper und waren auf ein relativ geringes Volumen zusammengepre?t. Wahrend der Schwangerschaft kam es zu einer beachtlichen Verschiebung der Organe, weil der Embryo vor der Geburt fast bis zur Reife heranwachsen mu?te. Es kam nur hochst selten vor, da? einer der Beschutzer mehr als drei Geburten uberlebte, weil ein alterndes Elternteil normalerweise zu schwach war, um sich gegen den Angriff des hungrigen Letztgeborenen zu verteidigen.
Aber der Hauptgrund fur den Aufstieg der Beschutzer zur dominanten Lebensform des Planeten war, da? die Jungen schon vor der Geburt uber Erfahrungen mit den Uberlebenstechniken verfugten.
Am Anfang ihrer Evolution hatte diese Entwicklung auf genetischer Ebene als einfache Vererbung von vielen komplexen Uberlebensinstinkten begonnen, aber das enge Nebeneinander der Gehirne des Elternteils und des sich entwickelnden Embryos fuhrte zu einer ahnlichen Wirkung wie bei der Auslosung der mit Gedanken in Verbindung gebrachten elektrochemischen Vorgange.
Die Embryos entwickelten die Fahigkeit zur Telepathie uber kurze Strecken und empfingen alles, was das Elternteil sah oder spurte oder in irgendeiner anderen Weise wahrnahm.
Und noch vor dem Wachstumsende des Embryos entstand in diesem der nachste Embryo, der sich ebenfalls in zunehmendem Ma?e der Welt au?erhalb seines selbstbefruchtenden Gro?elternteils bewu?t war. Schlie?lich vergro?erte sich nach und nach die telepathische Reichweite und ermoglichte die Kommunikation zwischen Embryos, deren Elternteile sich in Sichtweite zueinander befanden.
Um die Schaden an den inneren Organen des Elternteils auf ein Minimum zu reduzieren, war der heranwachsende Embryo in der Gebarmutter gelahmt, was sich jedoch nicht negativ auf die spatere Funktion der Muskeln auswirkte. Durch die vor der Geburt stattfindende Aufhebung der Lahmung oder moglicherweise auch durch die Geburt selbst verlor der Embryo allerdings sowohl die Intelligenz als auch die Fahigkeit zur Telepathie. Denn ein neugeborener Beschutzer mit durch die Fahigkeit zu denken getrubten Uberlebensinstinkten hatte in seiner unglaublich grausamen Umwelt nicht lange uberleben konnen.
„Da sie nichts anderes zu tun haben, als Eindrucke von der Au?enwelt zu gewinnen, Gedanken mit anderen Ungeborenen auszutauschen und zu versuchen, die Grenzen ihrer telepathischen Fahigkeiten durch den Kontakt mit verschiedenen nichtintelligenten Lebewesen in ihrer Umgebung auszuweiten, haben die Embryos einen Verstand von gro?er Kraft und Intelligenz entwickelt“, fuhr Conway fort. „Sie konnen jedoch nichts Gegenstandliches erschaffen, sich nicht gemeinsam korperlich betatigen, sich keine schriftlichen Aufzeichnungen machen oder uberhaupt etwas zur Beeinflussung ihrer Elternteile tun, die zur Versorgung der immer wachen Embryokorper und den in ihnen enthaltenen Ungeborenen unaufhorlich kampfen, toten und fressen mussen.“
Einen Moment lang herrschte Stille, die nur durch das gedampfte Klirren und Klopfen des mechanischen Lebenserhaltungssystems und der Hudlarer unterbrochen wurde, die gemeinsam hart arbeiteten, um es dem kurz vor der Niederkunft stehenden FSOJ so richtig behaglich zu machen. Da meldete sich der Leiter des technischen Hilfsteams, ein Lieutenant, zu Wort.
„Zwar habe ich diese Frage schon einmal gestellt, aber ich habe Schwierigkeiten, mich mit der Antwort abzufinden“, sagte er leise. „Stimmt es wirklich, da? wir auch wahrend der Geburt weiterhin auf den Patienten einschlagen mussen?“
„So ist es, Lieutenant“, antwortete Conway. „Vor, wahrend und nach der Geburt. Denn die Niederkunft kundigt sich uns lediglich durch eine merklich zunehmende Lebhaftigkeit des Beschutzers etwa eine halbe Stunde vorher an. Auf seinem Heimatplaneten wurde diese Lebhaftigkeit dazu dienen, Raubtiere aus der unmittelbaren Umgebung zu verscheuchen, um dem Jungen eine gro?ere Uberlebenschance zu sichern.
Das Ungeborene wird kampfend zur Welt kommen und benotigt die gleichen Lebenserhaltungsma?nahmen wie sein Elternteil“, fugte Conway hinzu. „Wegen seiner geringen Gro?e mu? es allerdings ein klein bi?chen weniger heftig geschlagen werden.“
Auf der Galerie stie?en mehrere Zuschauer unglaubige Laute aus. Thornnastor knurrte in gebieterischem Ton und verlieh Conways vorherigen Erklarungen sowohl korperlich als auch geistig zusatzliches Gewicht.
„Sie mussen sich klarmachen und sich ohne jeden Zweifel damit abfinden, da? fur dieses Lebewesen standige Gewalt etwas ganz Normales ist“, erklarte der Diagnostiker schwerfallig. „Der FSOJ mu? fortwahrend gro?en Belastungen ausgesetzt sein, damit das recht komplizierte innere Sekretionssystem richtig funktioniert. Fur seinen Organismus ist die permanente Freisetzung eines Hormons erforderlich, das dem Thullis der Kelgianer oder dem Adrenalin der Terrestrier entspricht, und er hat die Fahigkeit entwickelt, damit zu leben.
Hemmt man den Aussto? dieses Hormons, indem man die standig drohende Verletzungs- oder Todesgefahr ausschaltet, werden die Bewegungen des Beschutzers schwerfallig und ungleichma?ig, und wenn der Angriff nicht rasch fortgesetzt wird, verliert der FSOJ das Bewu?tsein“, fuhr der Tralthaner fort. „Dauert die Bewu?tlosigkeit langer an, treten sowohl im inneren Sekretionssystem des Beschutzers als auch in dem des Ungeborenen bleibende Schaden auf, die schlie?lich zum Tod fuhren.“
Diesmal folgte den Ausfuhrungen ein gebanntes Schweigen. Conway deutete von der Galerie auf die Station hinunter und sagte zu den Zuschauern: „Wir werden Sie jetzt so nahe an den Patienten heranfuhren, wie es ohne Gefahr moglich ist. Sie werden die Einzelheiten des Lebenserhaltungsmechanismus des Beschutzers und die der kleineren Version auf der Nebenstation zu sehen bekommen, auf der das Junge nach der Geburt untergebracht wird. Beide Mechanismen besitzen eine geradezu erschreckende Ahnlichkeit mit Instrumenten, die in einem hochst unerfreulichen Abschnitt der terrestrischen Geschichte beim Verhor eingesetzt wurden. Die neuen Mitglieder der Teams machen sich bitte mit diesen Mechanismen und mit der von ihnen geforderten Arbeit vertraut und stellen so viele Fragen wie notig, damit gewahrleistet ist, da? ihnen ihre Pflichten vollkommen klar sind. Gehen Sie aber vor allem nicht rucksichtsvoll oder sanft mit dem Patienten um. Das wurde ihm uberhaupt nicht weiterhelfen.“
