Planeten umfuhren, dann durch die Atmosphare flogen und schlie?lich durch die erschreckende und zugleich uberwaltigende Leere zwischen den Sternen kreuzten. Doch die Stadte waren wie die Raumschiffe funktionell und ha?lich, weil sie von Wesen zum eigenen Komfort und Gebrauch gebaut worden waren, die keinen Sinn fur Schonheit hatten und deren tierische Bedurfnisse durch Nahrung, Warme und die regelma?ige Befriedigung des Fortpflanzungstriebs gestillt waren. Die FGHJs mu?ten wie teure Werkzeuge gepflegt werden, und viele von ihnen wurden mit jener Zuneigung geliebt, wie sie ein zivilisiertes Lebewesen einem treuen, aber nicht intelligentem Haustier nur entgegenbringen kann.

Die Parasiten hatten jedoch ihre ganz eigenen Bedurfnisse, die in keiner Weise denen ihrer Wirte ahnelten, von deren tierischen Gewohnheiten und unwillkurlichen Verhaltensweisen sie sich sehr abgesto?en fuhlten. Fur ihr stetiges seelisches Wohlergehen war es lebensnotwendig, sich regelma?ig von den Wirten zu losen, um ein eigenes Leben zu fuhren. Das taten sie fur gewohnlich in den Stunden der Dunkelheit, wenn die Werkzeuge nicht mehr in Gebrauch waren und man sie dort unterzubringen vermochte, wo sie sich nichts antun konnten. Sie gingen ihrem Leben an den kleinen, stillen, privaten Platzen nach, auf den winzigen Inseln der Zivilisation, Kultur und Schonheit im Herzen der stadtischen Ha?lichkeit, wo ihre Familien nisteten und man von den Wirtstieren durch alles mit Ausnahme von der Entfernung getrennt war.

Lange galt unter ihnen als allgemein anerkannte Tatsache, da? keine Lebensform oder Kultur der Stagnation entgeht, wenn sie sich nicht aus der eigenen Familie oder Sippe und schlie?lich aus der eigenen Welt hinausbegibt. Auf ihrer standigen Suche nach anderen, ihnen ahnlichen oder auch vollkommen unahnlichen intelligenten Wesen hatten sie zwar viele Planeten au?erhalb des eigenen Sonnensystems entdeckt und auf ihnen kleine Kolonien gegrundet, aber keine der dort einheimischen Lebensformen verfugte uber Intelligenz, so da? sie alle auch wieder nur als Werkzeuge zu gebrauchen waren.

Aufgrund der heftigen Abneigung der Parasiten, sich durch die ferngesteuerten Hande einer nichtintelligenten Lebensform beruhren zu lassen, befa?te sich ihre Heilkunde ausschlie?lich mit den Bedurfnissen der Wirte. Deshalb war eine Krankheit, die sich ein FGHJ zuzog und die bei ihm selbst womoglich nur zu einer leichten Entkraftung fuhrte, fur den empfindlichen Organismus des Parasiten oft todlich.

Cha Thrat legte eine kurze Verschnaufpause ein und hob eine ihrer oberen Hande, um den Parasiten abzustutzen. Im Nacken hatte sie wieder Gefuhl, und sie spurte, da? sich die Ranken des Aliens losten und herauszogen. Ein Deck weiter unten konnte sie jetzt Prilicla und Murchison horen.

„Auf ihrem Schiff hat sich nun folgendes zugetragen“, fuhr Cha Thrat fort. „Die FGHJ-Wirte bekamen eine Krankheit, die zu leichtem, periodisch steigendem und fallendem Fieber fuhrte, und wurden wieder gesund. Die Parasiten hingegen starben daran, bis auf diese eine Ausnahme. Doch bevor sie sich zum Sterben in das eigene Quartier zuruckgezogen haben, brachten sie ihre Wirte, die nun keine Fuhrer mehr hatten, an Orte, wo Nahrung vorhanden war und wo sie sich nicht selbst verletzen konnten. Die Parasiten hofften namlich, da? fur ihre Wirte rechtzeitig Hilfe eintreffen wurde. Der Uberlebende, der anscheinend eine besondere Widerstandskraft gegen die Krankheit hatte, sicherte das Schiff und machte es fur Retter leicht zuganglich, setzte dann die Notsignalbake aus und kehrte in den Nistraum des Schiffs zuruck, um seinen sterbenden Freunden Beistand zu leisten.

Doch die Anstrengung dieser Arbeit war fur seinen Wirt, einen alternden FGHJ, den er besonders gern hatte, zu viel“, fuhr Cha Thrat direkt an Prilicla und Murchison gewandt fort, die jetzt die Rampe herauf auf sie zukamen, „denn das Wesen bekam plotzlich einen Kreislaufkollaps und starb im Nistraum.

Das Notsignal wurde nicht von einem ihrer eigenen Schiffe beantwortet, sondern von der Rhabwar, und den Rest kennen wir ja.“

Prilicla sagte nichts. Murchison ging seitlich von ihm und richtete dabei standig das spitze Mundstuck des Schneidbrenners auf Cha Thrats Nacken. „Ich mu?te das naturlich mit meinem Scanner uberprufen, aber ich wurde sagen, der Alien gehort zur physiologischen Klassifikation DTRC“, sagte sie, wobei ihr die Aufregung anzusehen war. „Er hat gro?e Ahnlichkeit mit den DTSB-Symbionten, die einige FGLIs zur chirurgischen Feinarbeit bei sich haben. In dem Fall stellen allerdings die DTSBs die Finger und die Tralthaner das Gehirn, obwohl es einige OP-Schwestern gibt, die das bestreiten wurden.“

Sie verstummte, als Cha Thrat sagte: „Ich habe versucht, dem Alien die Kontrolle uber mein Sprachzentrum zu ubergeben, damit er durch mich direkt mit Ihnen sprechen kann, aber er ist viel zu schwach und kaum noch bei Bewu?tsein, deshalb mu? ich als sein Sprachrohr fungieren. Durch meine Gedanken wei? er bereits, wer Sie sind, und bei ihm selbst handelt es sich um Crelyarrel aus dem dritten Bezirk von Trennchi im einhundertundsiebten Bezirk von Yau im vierhundertundachten Unterbezirk des gro?en Yilla der Rhiim. Ich kann seine Gefuhle zwar nicht angemessen mit Worten beschreiben, aber Crelyarrel freut sich uber die Erkenntnis, da? die Rhiim nicht die einzige intelligente Spezies in der Galaxis sind, bedauert allerdings zutiefst, da? dieses Wissen mit ihm sterben wird, und entschuldigt sich fur die Angst, die er uns gemacht hat, indem er.“

„Ich wei?, was er empfindet“, unterbrach Prilicla sie freundlich, und plotzlich schlug ihnen allen eine gro?e, nicht greifbare Woge der Zuneigung, Freundschaft und Beruhigung entgegen. „Wir freuen uns, Sie kennenzulernen und von ihren Artgenossen zu erfahren, Freund Crelyarrel, und wir werden Sie keinesfalls sterben lassen. Losen Sie sich jetzt von Cha Thrat, mein kleiner Freund, und entspannen Sie sich. Sie sind in guten Handen.“

Wahrend er weiterhin beruhigende und angenehme Emotionen ausstrahlte, fuhr er lebhaft fort: „Legen Sie den Schneidbrenner weg, Freundin Murchison, und begeben Sie sich mit dem Patienten und Cha Thrat zu dem Quartier der Rhiim. Dort wird er sich viel wohler fuhlen, und Sie selbst haben eine Menge Arbeit mit seinen toten Freunden vor sich. Freund Fletcher, im Orbit Hospital wird man Vorbereitungen fur die Aufnahme dieser neuen Lebensform treffen mussen. Bereiten Sie sich darauf vor, einen ausfuhrlichen Hyperraumfunkspruch an Thornnastor zu senden, sobald wir ein klareres Bild von der Krankheit haben. Freundin Naydrad, halten sie sich mit der Trage bereit, falls wir hier Spezialgerate benotigen oder die Leichen der DTRCs zur Untersuchung auf die Rhabwar schaffen mussen.“

„Nein!“ protestierte der Captain.

Murchison richtete ein paar Worte an ihn, die eine terrestrische Frau normalerweise nicht in den Mund nimmt, und fuhr dann fort: „Captain Fletcher! Wir haben hier einen Patienten, dessen Gesundheitszustand sehr ernst ist und der der einzige Uberlebende auf einem von Krankheit befallenen Schiff ist. Sie wissen ebensogut wie ich, da? Sie unter diesen Umstanden genau das zu tun haben, was Prilicla Ihnen sagt!“

„Nein!“ wiederholte Fletcher. Mit leiserer, aber genauso bestimmter Stimme fuhr er fort: „Ich verstehe Ihre Gefuhle, Murchison. Aber sind es auch wirklich Ihre eigenen? Sie haben mich noch nicht davon uberzeugt, da? dieses Ding ungefahrlich ist. Au?erdem kann ich mich noch gut an die Besatzungsmitglieder des Alienschiffs erinnern und au?erdem. na ja, das Ding da tut vielleicht nur so, als ob es krank ware. Es konnte sein, da? es langst die Gedanken von Ihnen allen kontrolliert oder zumindest beeinflu?t. Die Quarantanebestimmungen bleiben in Kraft. Bis der leitende Diagnostiker der Pathologie oder, was wahrscheinlicher ist, der Entgiftungstrupp das Schiff gesaubert hat, geht nichts und niemand von Bord.“

Cha Thrat trug Crelyarrel in dreien ihrer kleinen oberen Hande. Jetzt, wo sie ihn als das kannte, was er war, empfand sie weder beim Ansehen noch beim Anfassen des Korpers irgendwelche Ekelgefuhle. Die Ranken, mit denen er die Kontrolle uber seinen Wirt ubernahm, hingen schlaff zwischen ihren Fingern nach unten, und seine Hautfarbe wurde heller und ahnelte allmahlich der seiner toten Freunde im Quartier der Rhiim. Mu?te Crelyarrel jetzt ebenfalls sterben, fragte sich Cha Thrat traurig, nur weil zwei verschiedene Leute entgegengesetzte Standpunkte vertraten? Schlimm daran war, da? beide auf ihre Art recht hatten.

Der Nachweis, da? einer von ihnen unrecht hatte, wurde schwere personliche Auswirkungen haben, insbesondere wenn es sich bei dem Betreffenden um einen gewissen Herrscher namens Fletcher handelte, und Cha Thrat fragte sich zum erstenmal ernsthaft, ob sie selbst immer so im Recht gewesen war, wie sie es geglaubt hatte. Vielleicht ware ihr bisheriges Leben glucklicher verlaufen, wenn sie auf Sommaradva und spater im Orbit Hospital ihre Uberzeugungen starker in Frage gestellt hatte.

„Freund Fletcher“, sagte Prilicla ruhig. „Als Empath werde ich durch die Emotionen aller Lebewesen in meiner Umgebung beeinflu?t. Ich lasse ja gelten, da? es Wesen gibt, die durch Worte, Taten oder Schweigen Gefuhle zum Ausdruck bringen konnen, die sie gar nicht haben. Doch vorgetauschte Emotionen auszustrahlen, mit den Gedanken zu lugen ist fur ein intelligentes Wesen absolut unmoglich. Waren Sie ein Empath, wu?ten Sie, da? das so ist, aber als Nichtempath mussen Sie mir das einfach glauben. Der Uberlebende kann und wird niemandem etwas zuleide tun.“

Der Captain schwieg einen Moment lang und sagte dann: „Tut mir leid, Doktor. Ich bin trotzdem nicht restlos davon uberzeugt, da? nicht der Alien durch Sie spricht und Ihre Gedanken kontrolliert, und ich kann es nicht riskieren, ihn aufs Schiff zu lassen.“

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