im Vorzimmer war Braithwaite, der sich voll und ganz auf den vor ihm stehenden Monitor konzentrierte. Wutend murmelnd beugte sich Lioren uber die Tastatur, um sein personliches Pa?wort und den Bevollmachtigungscode der Abteilung einzugeben, und bat den Computer um das vorhandene Material uber Seldal, wobei er sich nicht fur die akustische Ubersetzung, sondern lieber fur die in tarlanischer Schrift dargestellte Form entschied.

„Sprechen Sie mit mir oder mit sich selbst?“ fragte Braithwaite, der plotzlich von seiner Arbeit aufblickte und seine Zahne entblo?te. „Entweder sprechen Sie ein bi?chen lauter, so da? ich Sie verstehen kann, oder leiser, damit ich Sie nicht mehr hore.“

„Ich habe mit niemandem gesprochen“, antwortete Lioren. „Ich denke nur laut uber O'Mara und die ubertriebenen Erwartungen nach, die er in mich setzt. Irrtumlicherweise hatte ich angenommen, mit gedampfter Stimme zu sprechen. Entschuldigen Sie, da? ich Sie von der Arbeit abgelenkt habe.“

Braithwaite lehnte sich im Stuhl zuruck, blickte auf die engbedruckten Blatter, die sich auf Liorens Schreibtisch hauften, und sagte: „Aha, also hat er Ihnen den Fall Seldal ubertragen. Aber dann gibt es doch gar keinen Grund, sich aufzuregen, denn niemand erwartet von Ihnen, da? Sie uber Nacht zu einem Ergebnis gelangen, falls Sie in diesem Fall uberhaupt weiterkommen konnen. Und sollten Sie das Herumstobern in den nicht besonders dunklen Tiefen der Seele eines nallajimischen Chefarztes irgendwann satt haben, dann liegt der neueste Stapel Berichte uber die Fortschritte der Auszubildenden von Cresk-Sar bereits auf Ihrem Tisch. Mir ware es lieb, wenn Sie die entsprechenden Personalakten noch vor Ende der nachsten Schicht auf den neuesten Stand bringen konnten.“

„Selbstverstandlich“, willigte Lioren ein. Daraufhin entblo?te Braithwaite erneut die Zahne und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

In Liorens erstem Jahr am Orbit Hospital war Cresk-Sar sein Ausbilder gewesen, und der Nidianer war noch immer jemand, den man unmoglich zufriedenstellen konnte. Als Lioren den fur Cresk-Sar typisch pessimistischen Bericht uber die offensichtlich mangelnden Fortschritte der gerade neu aufgenommenen Lernschwestern und Krankenpflegeschuler las, fragte sich Lioren kurz, ob er die todlangweiligen, aber wichtigen Unterlagen des Chefausbilders oder die interessantere, aber wahrscheinlich weniger ergiebige psychologische Akte Seldals vorrangig behandeln sollte. Pflichtbewu?t, wie es sich fur die meisten untergeordneten Mitarbeiter der Abteilung gehorte, entschied er sich fur Cresk-Sars Bericht.

Wenige Augenblicke spater, als er die Beurteilung der medizinischen Fahigkeiten und die Beforderungsmoglichkeiten einer kelgianischen Lernschwester las, deren Name ihm vertraut war, anderte er plotzlich seine Meinung und lie? sich die Seldal-Akte ausdrucken. Er fing an, sie so genau zu lesen, da? er kaum bemerkte, wie Kursenneth O'Maras Buro verlie? und ein tralthanischer Assistenzarzt eintraf, der auf seinen sechs massiven Beinen schwerfallig ins Vorzimmer stampfte. Doch der Larm hatte Braithwaite veranla?t aufzusehen, und Lioren gab einen hoflichen, nicht ubersetzbaren Laut von sich, um die Aufmerksamkeit des Lieutenants auf sich zu lenken.

„Diese Akte ist zwar recht interessant, aber das einzige, was ich davon wirklich verstehe, sind die Daten uber die Physiologie und die Umweltbedingungen der MSVKs“, sagte er zu Braithwaite. „Uber das Verhalten der Nallajimer untereinander im allgemeinen und von Seldal im besonderen wei? ich nicht genug, um irgend etwas Unnormales zu entdecken. Es ware besser, wenn ich Seldal eine Zeitlang direkt beobachten und mit ihm sprechen konnte, falls dies moglich ist, ohne seinen Verdacht zu erregen, damit ich ein klareres Bild von dem Wesen bekomme, das ich uberprufe.“

„Es ist Ihr Fall“, meinte Braithwaite.

„Gut, dann werde ich genau das tun“, sagte Lioren, indem er Cresk-Sars Unterlagen und die uber Seldal vor dem Zugriff Unbefugter sicherte und sich anschickte, das Vorzimmer zu verlassen.

„Und ich bin ubrigens auch der Meinung, da? jede Tatigkeit angenehmer ist, als sich muhsam durch Cresk- Sars scheu?liche und langweilige Zwischenberichte kampfen zu mussen…“, stellte der Lieutenant fest und kehrte an seine Arbeit zuruck.

Ein kurzer Blick in den Dienstplan des hoheren Personals verriet Lioren, da? Seldal im melfanischen OP auf der achtundsiebzigsten Ebene zu finden sein wurde. Wenn er die Verkehrsdichte auf den Korridoren, die er zu durchqueren hatte, und eine weitere Verzogerung fur das Anlegen eines Schutzanzugs einkalkulierte, bevor er die Abkurzung durch die Ebene der chloratmenden PVSJs von Illensa nahm, mu?te er es schaffen, den Chefarzt anzutreffen, bevor dieser zum Mittagessen ging.

Bis jetzt hatte Lioren noch keine klare Vorstellung, was er sagen oder tun sollte, wenn er schlie?lich seinem ersten nichtchirurgischen Fall gegenuberstehen wurde, und auf dem Weg zum melfanischen OP bot sich keine Gelegenheit, an etwas anderes zu denken, als peinliche Situationen oder Verletzungen zu vermeiden, die sich ergeben hatten, wenn er uber andere Personalmitglieder gestolpert oder heftig mit ihnen zusammengesto?en ware.

Theoretisch hatten diejenigen Vorrang, die den hoheren medizinischen Dienstgrad besa?en, doch nicht zum erstenmal sah Lioren, wie ein Chefarzt, der zu einer der kleineren Lebensformen gehorte, ein hastiges Ausweichmanover durchfuhrte, als eine sechsbeinige Oberschwester der physiologischen Klassifikation FROB von Hudlar auf ihn zusturmte, die uber sein achtfaches Korpergewicht verfugte und offenbar eine dringende Arbeit zu erledigen hatte. Auch wenn es in solchen Fallen nicht zu einem heftigen korperlichen Zusammensto?, sondern nur zu einer kurzen verbalen Attacke kam, war es doch beruhigend zu sehen, da? der Uberlebenstrieb dem Dienstgrad vorgezogen wurde.

Fur Lioren gab es jedoch kein Problem. Seine Armbinde des Auszubildenden zeigte an, da? er uberhaupt keinen Dienstgrad innehatte und jedem aus dem Weg gehen mu?te.

Als er sich an der Kreuzung zweier Korridore blitzschnell zwischen zwei krabbenahnlichen ELNTs von Melf IV und einem chloratmenden PVSJ von Illensa hindurchzwangte, gaben ihm die drei zwitschernd und zischend ihr Mi?fallen zu verstehen; dann sprang er beiseite, als ein tralthanischer Diagnostiker auf ihn zugestampft kam, der nicht nur in die eigenen Gedanken versunken war, sondern auch in diejenigen, die ihm von den Schulungsbandern in den Kopf ubertragen worden waren, und rempelte dabei aus Versehen einen kleinen nidianischen Assistenzarzt mit rotem Fell an, der ihn daraufhin mi?billigend anbellte.

Obwohl die physiologischen Klassifikationen sehr unterschiedlich waren, gehorten die meisten Mitarbeiter des Hospitals wie Lioren selbst zu den warmblutigen Sauerstoffatmern. Ein weit gro?eres Risiko beim Gehen durch die Korridore stellten die Lebensformen dar, die in einem Schutzanzug eine fur sie fremde Ebene durchquerten. Der Schutzpanzer, den in dieser Umgebung ein TLTU-Arzt brauchte, der uberhitzten Dampf atmete und einen viel gro?eren Druck und eine betrachtlich hohere Schwerkraft als auf den Ebenen der Sauerstoffatmer benotigte, wirkte wie ein gro?er, scheppernder Lastwagen, dem man um jeden Preis aus dem Weg gehen mu?te.

In der Zwischenschleuse zur PVSJ-Ebene legte Lioren einen leichten Schutzanzug an, bevor er sich in die neblige, gelbe Welt der Chloratmer begab. Hier waren die Korridore weniger uberfullt, und diesmal waren die stacheligen, membranartigen und ungeschutzten Bewohner von Illensa in der Mehrheit, wahrend die Tralthaner, Kelgianer und ein einzelner Tarlaner, namlich er selbst, in Schutzkleidung steckten oder sich sogar in Spezialfahrzeugen fortbewegen mu?ten.

Durch den stark verminderten Fu?gangerverkehr hatte Lioren die Moglichkeit, noch einmal uber seine merkwurdig verschwommene Aufgabe sowie uber die psychologische Abteilung und die Arbeit nachzudenken, zu der er verurteilt worden war.

Selbst wenn er beweisen konnte, da? O'Maras Verdacht unbegrundet war, ware es fur ihn eine einzigartige Erfahrung, Seldal zu uberprufen. Unabhangig von der untergeordneten Rolle, die dem Fall wahrscheinlich zukam, wollte er ihn wirklich sehr ernst nehmen, und wenn seine Beobachtungen ergeben sollten, da? Seldal tatsachlich ein Problem hatte.

Kurz richtete Lioren die Augen nach oben, um seinem lichtjahreweit entfernten Gott von Tarla, an dessen Existenz er eigentlich langst nicht mehr glaubte, ein Gebet darzubringen, in dem er um Belehrung bat, welches Verhalten bei einem hochintelligenten, dreibeinigen, zwar vogelahnlichen, aber flugunfahigen Bewohner von Nallajim als unnormal angesehen werden mu?te und welches nicht. Gerade noch rechtzeitig senkte er wieder den Blick, um sich gegen die Wand zu drucken, als aus einem Seitengang ein fahrbarer, tiefgekuhlter Druckbehalter lautlos auf ihn zugerollt kam, in dem ein unter extremer Kalte lebender SNLU steckte. Verargert uber dieses vorubergehende Nachlassen der Aufmerksamkeit, setzte Lioren seinen Weg fort.

Bis jetzt bestand das einzige unnormale und gefahrliche Verhalten, das er festgestellt hatte, in unvorsichtiger Fahrweise — und dieses rucksichtslose Benehmen schien im Hospital weit verbreitet zu sein.

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