vielversprechendsten Schulern enttauscht zu werden, weil sie nicht ihre volle Leistungsfahigkeit erreichen, la?t er gerade sie die schlimmsten Unannehmlichkeiten erdulden. Vielleicht halten Sie sich auch vor Augen, da? Cresk-Sar ausschlie?lich an seinen Lehrauftrag denkt und deshalb seine Schuler sogar haufig in ihrer Freizeit stort und nach ihren Fortschritten fragt. Au?erdem konnten Sie uber den Eindruck nachdenken, den irgendein hypothetischer Schuler, der offenbar ehrgeizig, begeistert oder dumm genug ist, seine gesamte Freizeit zu opfern und sogar auf eine Mahlzeit zu verzichten, wie Sie es tun, bei einem derartigen Ausbilder hinterla?t, indem er durch dieses Verhalten dessen Bestreben unterstutzt.
Nachdem Sie selbst all diese Umstande sorgsam erwogen haben“, fugte Lioren hinzu, „konnten Sie zu der Uberzeugung gelangen, da? Ihr hypothetischer Schuler keinen Grund zur Sorge hat, und rein hypothetisch sahe ich mich dann gezwungen, Ihnen zuzustimmen.“
„Lioren, Sie verletzen die Vorschriften oder legen Sie zumindest sehr weit aus“, sagte Tarsedth, deren Fell sich beruhigte und jetzt langsame, erleichterte Wellen schlug. „Und ehrgeizig mag ich ja sein, aber dumm bin ich nicht; ich habe namlich ein Lunchpaket eingepackt. Aber der da.“ — sie deutete mit dem Kopf auf den Hudlarer — „ist hierhergekommen, ohne sich sein Nahrungspraparat mitzunehmen. Entweder wird er sich gegenuber der Oberschwester au?erst hoflich und zuruckhaltend — was immer das fur einen Hudlarer hei?t — benehmen und sie darum bitten mussen, ihn schnell zu bespruhen, oder er wird unsere nachste Unterrichtsstunde nicht mehr erleben.“
„Ich bin immer hoflich und zuruckhaltend, besonders Oberschwestern gegenuber, die von verge?lichen und hungrigen FROBs, die auf der Suche nach einer milden Gabe zu den unmoglichsten Zeiten auftauchen, allmahlich genug haben“, wehrte sich der Hudlarer scherzhaft. „Zwar wird mir die Schwester kritische, vielleicht sogar personlich beleidigende Worte an den Kopf werfen, mir meine Bitte aber nicht abschlagen. Schlie?lich wurde ihre Station keine guten Eindruck machen, wenn mitten auf dem Flur ein Hudlarer aus Nahrungsmangel zusammenbricht.“
Lioren musterte den FROB jetzt genauer, dessen glatter und unglaublich massiger Korper trotz der sechs weit auseinandergesetzten Tentakel allmahlich absackte. Die FROBs lebten auf einem Planeten mit gro?er Schwerkraft und einem verhaltnisma?ig hohen atmospharischen Druck. Die Atmosphare des Planeten ahnelte einer dickflussigen Suppe, in der es von winzigen, schwebenden Nahrungspartikeln wimmelte, die die FROBs durch einen Absorptionsmechanismus aufnahmen, der den gesamten Rucken und die Seiten des Korpers bedeckte. Da es sich bei den Hudlarern um eine Spezies mit einem hohen Energieverbrauch handelte, mu?te diese Nahrungsaufnahme ununterbrochen erfolgen. In den Umweltbedingungen auf anderen Planeten und im Hospital selbst hatte es sich als praktischer herausgestellt, sie in regelma?igen Abstanden mit dem Nahrungspraparat zu bespruhen. Moglicherweise hatte dieser Hudlarer seine Energiereserven gefahrlich gering werden lassen, weil er Seldals Operation so spannend gefunden hatte.
„Warten Sie hier, wahrend ich die Oberschwester um eine Spruhdose bitte“, forderte Lioren den FROB in energischem Ton auf. „Es ware fur alle Beteiligten weniger lastig, wenn Sie nur auf der Zuschauergalerie fur Chaos sorgen, anstatt womoglich auf der Hauptstation zusammenzubrechen. Und hier oben riskieren wir es nicht, Ihr ubelriechendes hudlarisches Nahrungspraparat auf den blankpolierten Fu?boden oder auf die Patienten zu spruhen.“
Als er mit dem Behalter und der Spruhdose mit dem Nahrungspraparat zuruckkam, war der Hudlarer zu Boden gesunken. Seine Tentakel zuckten schwach, und aus der Sprechmembran drangen nur noch kaum horbare, unubersetzbare Laute. Lioren setzte die Spruhdose gekonnt und genau ein — zusammen mit seinen Offffzierskameraden vom Monitorkorps hatte er gelernt, FROBs diesen Gefallen zu erweisen, die im luftleeren Raum mit Bauarbeiten beschaftigt waren — , und innerhalb weniger Minuten hatte sich der Hudlarer wieder vollkommen erholt. Im OP unter der Galerie war von Seldal und seinem Patienten keine Spur mehr zu sehen, und auch das OP-Personal verlie? nach und nach den Saal.
„Durch diesen besonderen Akt der Nachstenliebe haben Sie den Abschlu? der Operation verpa?t“, stellte Tarsedth fest, und ihr Fell richtete sich mi?billigend in Richtung des Hudlarers auf. „Seldal ist in die Kantine gegangen und wird erst zuruckkehren, wenn es.“
„Entschuldigung, Tarsedth“, schnitt ihr der Hudlarer das Wort ab, „aber Sie vergessen, da? ich die gesamte Operation aufgenommen habe. Ich wurde mich freuen, wenn Sie beide nach dem Unterricht in meine Unterkunft kommen wurden, um sich das Video anzusehen.“
„Nein!“ weigerte sich Tarsedth. „Hudlarer benutzen keine Betten oder Stuhle, und fur mich und meinen weichen Korper oder selbst fur den von Lioren gabe es nichts, worauf man es sich bequem machen konnte. Und meine eigene Unterkunft ist viel zu klein, um zwei riesige Thrennigs wie Sie beide hineinzulassen. Wenn Lioren die Operation so brennend interessiert, kann er sich ja irgendwann das Band von Ihnen ausleihen.“
„Sie konnten beide auch gern zu mir kommen“, schlug Lioren schnell vor. „Ich habe noch nie einem nallajimischen Chirurgen bei der Operation zugesehen, und irgendwelche Anmerkungen, die Sie womoglich dazu machen konnen, waren bestimmt hilfreich fur mich.“
„Wann?“ fragte Tarsedth.
Kaum hatte er mit den beiden einen Termin ausgemacht, der allen dreien pa?te, fragte ihn der Hudlarer: „Lioren, sind Sie sich denn wirklich sicher, da? Sie ein Gesprach uber die chirurgische Kunst einer fremden Spezies — denn genau darum wird es ja gehen — emotional nicht zu sehr belastet oder da? Sie durch das Getratsche mit Mitarbeitern, die nicht zu Ihrer Abteilung gehoren, keinen Arger mit O'Mara bekommen werden?“
„Unsinn“, widersprach Tarsedth fur ihn. „Tratschen ist die befriedigendste nichtkorperliche Tatigkeit, die ich mir mit anderen Lebewesen vorstellen kann. Also bis dann, Lioren, und diesmal werde ich dafur sorgen, da? mein ubergewichtiger Freund hier daran denkt, einen Reservebehalter mit Nahrungspraparat mitzunehmen.“
Als die beiden gegangen waren, brachte Lioren den leeren Behalter zur Oberschwester zuruck, der er versichern mu?te, mit dem Nahrungspraparat nicht die durchsichtigen Wande der Zuschauergalerie verschmiert zu haben. Warum jede Oberschwester einer Station unabhangig von Gro?e, Spezies und den Umweltbedingungen, die sie benotigte, so blindwutig darauf bestand, da? ihr medizinischer Herrschaftsbereich jederzeit in einem gepflegten, ordentlichen und peinlich sauberen Zustand gehalten werden mu?te, hatte Lioren sich schon oft gefragt. Doch erst jetzt wurde ihm allmahlich klar, da? die Station einer Oberschwester, die Perfektion im kleinsten Detail verlangte, besonders gut geeignet war, gro?ere Notfalle zu bewaltigen, egal, was das ihr unterstellte Pflegepersonal personlich von seiner Vorgesetzten hielt.
Im Magen spurte Lioren ein schwaches, keineswegs schmerzhaftes Rumoren, das gewohnlich Aufregung, einem nichtkorperlichen Vergnugen oder Hunger zuzuschreiben war — in diesem Fall glaubte er, da? es sich um eine Kombination aus allen drei Moglichkeiten handeln konnte. Im Bestreben, wenigstens einen dieser drei moglichen Grunde zu beseitigen, uberlegte er sich einen Weg, der ihn so schnell wie moglich zur Kantine fuhrte, auch wenn er nicht damit rechnete, dadurch das Rumoren im Magen voll und ganz loszuwerden, weil ihn sein erster Fall, der nichts mit praktischer Chirurgie zu tun hatte, zu sehr beschaftigte.
Sich als ehemaliger Oberstabsarzt beim Monitorkorps auf das berufliche Niveau von Auszubildenden herablassen zu mussen war ihm entgegen seinen Befurchtungen weder sonderlich schwergefallen, noch hatte es ihn in dem Ma?e beschamt, wie er es seiner Ansicht nach eigentlich verdient gehabt hatte. Er war sogar mit sich zufrieden, vorhin aus Cresk-Sars Bericht richtig gefolgert zu haben, da? sich Tarsedth Seldals Operation bestimmt ansehen wurde. Nach dem Mittagessen wollte Lioren dann ins Buro zuruckkehren, um den Terrestrier Braithwaite bei Laune zu halten und sich mit dem restlichen Bericht des Chefausbilders zu beschaftigen.
Alles in allem versprach es ein langer, arbeitsreicher Tag und ein noch langerer Abend zu werden, in dessen Verlauf er sich die Videoaufnahme von Seldals Operation ansehen und das Vorgehen des Nallajimers ausfuhrlich besprechen konnte. Da die beiden Auszubildenden von Liorens bestandigem Interesse fur die Chirurgie fremder Spezies gehort hatten, wurden sie viele Fragen von ihm erwarten. Unter diesen Umstanden ware es nur naturlich, wenn sich das Gesprach von der Operation auf die Personlichkeit, die Gewohnheiten und das Verhalten des Chirurgen verlagerte. Jeder tratschte gern uber seinen Vorgesetzten, und die Menge der vorhandenen, ganz personlichen Informationen nahm normalerweise direkt proportional zum Dienstgrad des Betreffenden zu. Wenn er vorsichtig ans Werk ging, konnte er dem FROB und Tarsedth das, was sie uber Seldal wu?ten, vielleicht so geschickt entlocken, da? weder seine beiden Informanten noch der Gegenstand seiner Untersuchung selbst merken wurden, worum es in Wirklichkeit ging.
Fur eine verdeckte Ermittlung war das ein vielversprechender Anfang, dachte Lioren und begluckwunschte sich mit einem leichten Schaudern selbst.
