9. Kapitel

„Bei Nallajimern wei? ich nie so recht, ob ich dabei zusehe, wie ein Patient operiert wird, oder ob ich Zeuge bin, wie er gerade vom Chirurgen verspeist wird“, stellte Tarsedth angewidert fest, als sie sich spat abends zu dritt die Videoaufzeichnung von Seldals Operation ansahen.

„In der Fruhzeit der MSVKs, bevor es Geld gegeben hat, ist das fur einen nallajimischen Arzt wahrscheinlich die einzige Moglichkeit gewesen, um von seinem Patienten das Honorar zu bekommen“, meinte der Hudlarer, wobei der Tonfall seiner eigenen Stimme, die trotz der Ubersetzung des Translators zu horen war, zu verstehen gab, da? diese Bemerkung nicht ganz ernst genommen werden durfte.

„Zunachst einmal finde ich es au?erst bewundernswert, da? eine Lebensform, die drei Beine und zwei nicht ganz verkummerte Flugel hat, aber uber keinerlei Hande verfugt, Chirurgen hervorbringen konnte“, sagte Lioren. „Beziehungsweise uberhaupt dazu in der Lage ist, irgendeine der anderen Tatigkeiten auszuuben, die au?erst knifflige Handgriffe erfordern und die fruher einmal zur Entwicklung von Intelligenz und einer auf Technologie gegrundeten Zivilisation gefuhrt haben. Die MSVKs haben ihre Entwicklung mit so vielen physiologischen Nachteilen angefangen, hat man.“

„Das haben die geschafft, indem sie ihre Schnabel in die unmoglichsten Dinge gesteckt haben“, unterbrach ihn Tarsedth, deren Fell vor Ungeduld in heftige Bewegung geriet. „Wollen Sie sich die Operation ansehen oder sich uber den Chirurgen unterhalten?“

Sowohl als auch, dachte Lioren, sprach es aber nicht laut aus.

Bei der physiologischen Klassifikation MSVK, zu der Seldal gehorte, handelte es sich um eine Spezies von warmblutigen Sauerstoffatmern, die sich auf Nallajim entwickelt hatte, einem Planeten, auf dem aufgrund der hohen Rotationsgeschwindigkeit, der dichten Atmosphare und der geringen Schwerkraft in den au?erst fruchtbaren Gebieten am Aquator Umweltbedingungen entstanden waren, die flugfahigen Lebensformen eine starke Vermehrung ermoglicht hatten. Dank dieser au?eren Umstande konnten sich sehr gro?e Raubvogelarten entwickeln, die zwar sehr unterschiedlich waren, jedoch alle uber so viele naturliche Waffen und eine derart schwere Panzerung verfugten, da? sie sich schlie?lich nach und nach gegenseitig ausrotteten. Im Verlauf des Jahrtausends, in dem sich diese gewaltsamen Vorgange abspielten und schlie?lich von selbst ein Ende fanden, waren die relativ kleinen MSVKs dazu gezwungen, ihren Lebensraum in der Luft und ihre in gro?er Hohe gebauten und relativ ungeschutzten Nester zu verlassen und Zuflucht in Baumen, tiefen Schluchten und Hohlen zu suchen.

Sehr schnell pa?ten sie sich daran an, den Lebensraum auf und uber dem Boden mit den kleinen Tieren und Insekten zu teilen, die vorher ihre Beute gewesen waren.

Nach und nach verloren die Nallajimer die Fahigkeit, langere Zeit zu fliegen, und ihre Evolution als Spezies war bereits zu weit fortgeschritten, als da? sich ihre Flugel noch zu Armen hatten entwickeln konnen oder auch nur eine Aufspaltung der Flugelspitzen in Finger moglich gewesen ware, die sich fur die Herstellung von Werkzeugen oder Waffen geeignet hatten. Doch die gro?e, sinnlose und standige Bedrohung durch kleine und gro?e Insekten, die uber das Land herfielen und es durch ihre blo?e Masse beherrschten, so, wie die gro?en Raubvogel den Aufstieg in die Luft unmoglich machten, rief die kleinen Veranderungen im Knochenbau und an der Schnabelmuskulatur hervor, durch die die Nallajimer letztendlich Intelligenz entwickelten.

Ohne Hande, aber nicht mehr hilflos, waren die MSVKs dazu gezwungen worden, ihren Kopf zu benutzen.

Auf Nallajim waren die Fluginsekten, die in Schwarmen auftraten und ihre Beute zu Tode stachen, gegenuber denjenigen Insekten in der Minderheit, die in Lochern in der Erde lebten und die Eier tief im Korper ihrer schlafenden Opfer ablegten. Die einzige Moglichkeit, diese in der Erde lebenden Insekten aus dem Korper zu entfernen, bestand fur die Nallajimer darin, sie mit dem langen, dunnen und au?erst biegsamen Schnabel herauszupicken.

Anfangs nur ein einfaches Mittel, um sich in der Familie oder im Stamm gegenseitig von Schadlingen zu befreien, hatte sich der Schnabel bald so weit entwickelt, da? die MSVKs mit ihm ziemlich komplizierte, vor Insekten geschutzte Wohnungen, Werkzeuge, Waffen zum Toten von Insekten, Stadte und schlie?lich Raumschiffe hatten bauen konnen.

„Seldal arbeitet ja ungeheuer schnell“, staunte Lioren nach einem besonders komplizierten chirurgischen Eingriff voller Bewunderung, „und er erteilt dem OP-Personal au?erordentlich wenige Anweisungen.“

„Haben Sie keine Augen im Kopf?“ fragte ihn Tarsedth. „Er braucht gar nicht erst mit dem Personal zu sprechen, weil es sowieso mehr damit beschaftigt ist, dem Patienten beizustehen als dem Chirurgen. Sehen Sie sich nur mal an, mit welcher Geschwindigkeit Seldals Schnabel uberall auf den Instrumentenkasten einsticht. In der Zeit, in der er der Schwester die entsprechende Anweisung gegeben hatte und ihm das richtige Instrument in den Schnabel gesteckt worden ware, kann sich Seldal das Instrument selbst nehmen, den Schnitt durchfuhren und sich schon auf den nachsten Schritt vorbereiten.

Bei diesem Chirurgen ist es die genaue Auswahl und die richtige Anordnung der Instrumente in den Fachern, die zahlt“, fuhr die Kelgianerin fort. „Da gibt es kein Jonglieren mit Klammern und Messern, keine Ablenkungen durch irgendwelche Bemerkungen oder Zwischenlager und keine Wutanfalle, weil irgendeine OP- Schwester zu langsam ist oder wieder mal etwas falsch versteht. Ich glaube, mit diesem flugellahmen Chefarzt wurde ich gerne zusammenarbeiten.“

Allmahlich entfernte sich das Gesprach von der Operation und ging zu Seldal selbst uber, was genau das war, worauf Lioren gehofft hatte. Doch bevor er die Lage ausnutzen konnte, versuchte sich der Hudlarer, der zweifellos ebenfalls ein begeisterter Anhanger nallajimischer Operationskunst war, nutzlich zu machen, indem er nun seine Fachkenntnis an den Tag legte.

„Der Eingriff geht sehr schnell vor sich und mag Ihnen verwirrend erscheinen, Lioren“, sagte er, „besonders deshalb, weil Sie, wie Sie uns erzahlt haben, bisher uber keine chirurgische Erfahrung mit melfanischen ELNTs verfugen. Wie Sie sehen, sind die sechs Gliedma?en und der gesamte Korper des Patienten von einem Ektoskelett umhullt. Die lebenswichtigen Organe befinden sich innerhalb dieses Knochenpanzers und sind derart gut geschutzt, da? gewaltsame Verletzungen nur selten auftreten, obwohl diese Organe bedauerlicherweise fur mehrere Funktionsstorungen anfallig sind, die einen operativen Eingriff erfordern.“

„Langsam klingen Sie schon wie Cresk-Sar“, unterbrach ihn Tarsedth, deren Fell sich zu verargerten Stacheln aufrichtete.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich der Hudlarer. „Ich wollte nur erklaren, was Seldal gerade getan hat, und keineswegs unangenehme Erinnerungen an unseren Ausbilder wachrufen.“

„Ach, machen Sie sich deswegen keine Gedanken“, beschwichtigte ihn Lioren. Zwar waren die FROBs von Hudlar korperlich die anerkannterma?en kraftigste Lebensform in der galaktischen Foderation und besa?en die undurchdringlichste Haut, doch emotional hatten sie ein au?erst dunnes Fell. „Fahren Sie bitte ruhig fort — solange Sie mir hinterher keine Fragen stellen, um zu uberprufen, ob ich auch alles verstanden habe“, fugte er hinzu.

Aus der vibrierenden Sprechmembran des Hudlarers drang ein unubersetzbarer Laut. „Keine Angst, das werde ich nicht. Aber ich hatte gerade zu erklaren versucht, weshalb Geschwindigkeit bei der Operation an einem Melfaner so eine gro?e Rolle spielt. Die wichtigen inneren Organe schwimmen zur Dampfung von Erschutterungen in einer Korperflussigkeit und sind nur lose mit der Innenseite des Panzers und der Korperunterseite verbunden. Wird diese Flussigkeit vor der Operation vorubergehend abgelassen, werden die Organe nicht mehr abgestutzt und senken sich aufeinander, wodurch sie zusammengedruckt und verformt werden, was unter anderem wiederum die Blutzufuhr einschrankt. Dabei treten bleibende Veranderungen auf, die zum Tod des Patienten fuhren konnen, wenn man diesen Zustand langer als ein paar Minuten andauern la?t.“

Mit einer Intensitat, die seinen Sinnesapparat wie eine gewaltsame Verletzung erschutterte, verspurte Lioren plotzlich den Wunsch nach dem Unmoglichen, nach seiner jungsten Vergangenheit, die es ihm, wenn es nicht fur ihn zu solch einer tragischen Wendung gekommen ware, ermoglicht hatte, die Begeisterung dieses Auszubildenden fur die Chirurgie fremder Spezies zu teilen, anstatt ein erniedrigendes und wahrscheinlich unergiebiges Interesse fur den Verstand eines Chirurgen hegen zu mussen. Der Gedanke, da? dieser Kummer, egal, wie gro? er war und wie oft er auch wiederkehren mochte, immer noch sehr viel geringer sein wurde, als er ihn wegen seines Verbrechens verdiente, war dabei nur ein geringer Trost.

„Normalerweise braucht man fur den operativen Eingriff an einem ELNT ein gro?es Operationsfeld und viele

Вы читаете Radikaloperation
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату