zu vergeuden brauchte, die Grunde fur seine Fragen zu verheimlichen. Aber der Tarlaner wu?te auch, da? der Preis, den er selbst fur diese Hilfe zu bezahlen hatte, namlich als Gegenleistung von den Ereignissen auf Cromsag zu erzahlen, hoher ware, als es dem Patienten klar war.
Bevor Lioren darauf etwas erwidern konnte, verzogen sich Mannons Lippen und Gesichtszuge langsam zu der eigenartigen terrestrischen Grimasse, die manchmal entweder eine Reaktion auf etwas Witziges oder der stumme Ausdruck von Freundschaft oder Zuneigung sein konnte. „Und ich dachte, ich hatte Probleme“, seufzte Mannon.
11. Kapitel
Liorens nachfolgende Besuche bei Mannon verliefen, langer, vollkommen ungestort und nicht annahernd so schmerzlich, wie er befurchtet hatte.
Er hatte Hredlichi, die Oberschwester auf Mannons Station, gebeten, ihn immer sofort zu informieren, wenn der Patient bei Bewu?tsein war und sich in der Verfassung befand, Besucher zu empfangen, egal, wie spat am Tag oder in der Nacht es nach der willkurlich festgelegten Zeit des Hospitals war. Vor ihrer Zustimmung hatte Hredlichi beim Patienten nachgefragt, der mit Ausnahme der Visite seines Chirurgen bisher jeglichen Besuch abgelehnt hatte oder sich einfach schlafend zu stellen pflegte, wenn sich trotzdem jemand nicht davon abhalten lie?, das Krankenzimmer zu betreten. Entsprechend war die Oberschwester au?erst uberrascht gewesen, als sich Mannon einverstanden erklart hatte, Lioren als einzigen nichtmedizinischen Besucher zu empfangen.
Wie Cha Thrat dem Tarlaner erklart hatte, sei sie zwar nicht genugend motiviert, um fur die Untersuchung in Sachen Seldal — die schlie?lich in Liorens Verantwortungsbereich falle — immer sofort den Schlaf zu unterbrechen oder andere, dringendere Beschaftigungen aufzugeben, aber solange es dem Terrestrier keine gro?eren personlichen Unannehmlichkeiten bereite, werde sie Lioren auch weiterhin in jeder Hinsicht unterstutzen. Aus diesem Grund war Liorens erster Besuch bei Mannon der einzige geblieben, auf dem ihn die Sommaradvanerin begleitet hatte.
Beim dritten Besuch war Lioren zwar erleichtert, da? sich Mannon nicht ausschlie?lich uber die Cromsaggi unterhalten wollte, aber gleichzeitig enttauscht, weil er Seldals Verhalten noch keinen Deut besser verstand, und verlegen, da der Patient bei jedem Besuch immer langer uber sich selbst sprach.
„Bei allem Respekt, Doktor“, sagte Lioren nach einer besonders strittigen Selbstdiagnose Mannons, „ich habe weder ein terrestrisches Schulungsband im Kopf gespeichert, durch das ich mir in Ihrem Fall eine Meinung bilden konnte, noch darf ich als Mitarbeiter der psychologischen Abteilung als Arzt praktizieren. Der fur Sie verantwortliche Mediziner ist Seldal, und der.“
„Sie reden mit mir, als ob ich. ein plapperndes Kleinkind ware“, unterbrach ihn Mannon. „Beziehungsweise ein verangstigter Patient. der im Sterben liegt. Wenigstens. versuchen Sie nicht, mir eine. todliche Uberdosis. Mitleid einzuflo?en. Sie sind hier, um. Auskunfte uber Seldal einzuholen und als Gegenleistung dafur. meine Neugier uber Sie zu befriedigen. Nein, ich habe nicht so sehr Angst davor zu sterben. sondern vielmehr davor. zuviel Zeit zu haben, daruber nachzudenken.“
„Haben Sie Schmerzen, Doktor?“ fragte Lioren.
„Sie wissen doch, da? ich keine Schmerzen habe, verdammt noch mal!“ antwortete Mannon mit einer Stimme, die durch den Unwillen kraftiger klang. „In den schlechten alten Zeiten hat es vielleicht Schmerzen. und unwirksame Schmerzmittel gegeben, die die Funktion der unwillkurlichen Muskulatur derma?en. eingeschrankt haben, da?. die gro?eren Organe versagten und. das Medikament fur den Tod des Patienten. genauso verantwortlich war wie die Schmerzen. Dadurch ist der behandelnde Arzt. mit einem Minimum an moralischen Gewissensbissen davongekommen und. seinem Patienten ein langsamer und qualvoller Tod erspart geblieben. Doch inzwischen haben wir gelernt, Schmerzen ohne schadliche Nebenwirkungen zu vertreiben.. und ich kann nichts anderes tun, als abzuwarten, welches von meinen lebenswichtigen Organen. als erstes aus Altersschwache den Dienst versagt.
Ich hatte Seldal nicht auf meine Eingeweide loslassen sollen“, schlo? Mannon, wobei seine Stimme wieder ins Flustern verfiel. „Aber diese Verstopfungen. waren wirklich unangenehm.“
„Ich kann das durchaus nachempfinden“, sagte Lioren, „denn auch ich wunsche mir den Tod. Doch Sie konnen mit Stolz und ohne Kummer auf Ihr vergangenes Leben zuruckblicken und einem Ende entgegensehen, das sich nicht lange hinauszogern wird. Dagegen liegt in meiner Vergangenheit und Zukunft nichts als Schuld und Elend, die ich ertragen mu?, bis.“
„Konnen Sie wirklich nachempfinden, was in mir vorgeht, Lioren?“ fiel ihm Mannon ins Wort. „Sie machen auf mich eher den Eindruck. nichts als eine stolze und gefuhllose. aber sehr effektive Heilungsmaschine zu sein. Der Vorfall auf Cromsag. hat gezeigt, da? diese Maschine einen Defekt aufweist. Sie wollen die Maschine zerstoren. wahrend O'Mara sie reparieren will. Wer von Ihnen beiden letztlich Erfolg haben wird, wei? ich nicht.“
„Nur um einer Strafe zu entgehen, wurde ich mich niemals selbst zerstoren!“ widersprach Lioren entschieden.
„Einem durchschnittlichen Personalmitglied wurde ich solche. personlich verletzenden Dinge nicht sagen“, fuhr Mannon fort. „Ich wei?, da? Sie glauben, solche Beleidigungen. und noch Schlimmeres verdient zu haben. und Sie erwarten keine Entschuldigung von mir. Aber ich entschuldige mich trotzdem. weil ich Sie auf eine Art verletze, die ich nicht fur moglich gehalten habe. und Sie regelrecht attackiere. Aus diesem Grund ignoriere ich auch meine Freunde, wenn sie mich besuchen, damit sie nicht merken. da? ich nichts als ein rachsuchtiger alter Mann bin.“
Bevor Lioren eine Entgegnung darauf einfiel, sagte Mannon mit schwacher Stimme: „Ich habe jemanden verletzt, der mir nichts angetan hat. Das kann ich bei Ihnen nur wiedergutmachen, indem ich. Ihnen mit Auskunften uber Seldal helfe. Wenn er mich morgen fruh besucht. werde ich ihm ganz bestimmte und sehr personliche Fragen stellen. Aber die Verbindung zu Ihnen. werde ich ihm gegenuber naturlich nicht erwahnen, und von selbst. wird er in dieser Richtung keinerlei Verdacht hegen.“
„Danke“, sagte Lioren. „Aber ich verstehe nicht, wie Sie ihm solche Fragen.“
„Das ist ganz einfach“, unterbrach ihn Mannon, dessen Stimme plotzlich wieder kraftiger wurde. „Seldal ist Chefarzt, und ich bin bis zu meiner unverhofften Degradierung zum Patienten Diagnostiker gewesen. Aus folgenden drei Grunden wird sich Seldal freuen, alle meine Fragen zu beantworten: aus Achtung vor meinem fruheren Rang als Diagnostiker; dann, weil er einem Sterbenden, der, was sehr gut moglich ist, zum letztenmal fachsimpeln will, seinen Willen lassen mochte; und besonders deshalb, weil ich schon seit drei Tagen vor der Operation kein einziges Wort mehr mit ihm gesprochen habe. Sollte ich nach einer solchen Art des Vorgehens immer noch keine nutzlichen Informationen fur Sie herausbekommen haben, dann gibt es auch keine.“
Nur weil er Lioren gegenuber ein paar unhofliche Worte gebraucht hatte, wollte der Terrestrier durch diese womoglich letzte konstruktive Tat seines Lebens dem Tarlaner bei den Untersuchungen zu Seldal helfen, wie es niemand sonst konnte. Lioren hatte es schon immer fur falsch gehalten, sich bei einem Krankheitsfall auch nur ansatzweise emotional zu engagieren, da nach seinem Dafurhalten den Interessen des Patienten am besten durch die unpersonliche, medizinisch-sachliche Einstellung gedient war — und Mannon war nicht einmal sein Patient. Doch irgendwie gewann er allmahlich den Eindruck, als ware die Untersuchung uber das Verhalten des nallajimischen Chefarztes nicht mehr seine einzige Aufgabe.
„Ich mochte Ihnen nochmals fur Ihre Hilfe in dieser Angelegenheit danken“, sagte Lioren schlie?lich.
„Aber ich wollte eben sagen, da? ich nicht verstehe, warum Sie andere in einer Weise verletzen, die Sie selbst nicht fur moglich gehalten hatten, wo Sie doch dank des Medikaments keine Schmerzen mehr haben durften. Handelt es sich womoglich um ein nichtmedizinisches Problem?“
Mit starrem Blick sah ihn Mannon eine scheinbar ewig lange Zeit schweigend an, und Lioren wunschte, er konnte den Ausdruck auf dem ausgezehrten und tief zerfurchten Gesicht lesen. Er versuchte es noch einmal.
„Falls es ein nichtmedizinisches Problem ist, ware es Ihnen dann lieber, wenn ich O'Mara holen lassen wurde?“
„Nein!“ wehrte Mannon mit schwacher, aber sehr bestimmter Stimme ab. „Ich will mich nicht mit dem Chefpsychologen unterhalten. Der ist schon etliche Male hiergewesen, bis er es endlich aufgegeben hat zu versuchen, mit jemandem ins Gesprach zu kommen, der sich die ganze Zeit schlafend stellt. Seither ist er, wie
