Klasse Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler, die nach wie vor die lebensgefahrlichen Arbeiten leisteten oder die Aufgaben mit dem hochsten Prestigewert erfullten, zu denen auch das Schutzen der Herrscher gehorte. Aus diesem Grund lag es in der Natur der Sache, da? die Verletzungen der Krieger normalerweise durch Gewalteinwirkung zustande gekommen waren und eher chirurgische Eingriffe als medizinische Behandlungen erforderlich machten. Und diese Aufgabe fiel in den Verantwortungsbereich der Chirurgen fur Krieger. An der Spitze der medizinischen Hierarchie von Sommaradva standen die Heiler fur Herrscher, die eine noch gro?ere Verantwortung trugen, die ihnen aber zuweilen viel weniger Belohnung oder Befriedigung einbrachte.
Gegen samtliche Unfalle und Verletzungen geschutzt, stellte die Klasse der Herrscher die Administratoren, Akademiker, Forscher und Planer auf Sommaradva. Sie waren diejenigen, die mit der reibungslosen Fuhrung der Stadte, Kontinente und des gesamten Planeten betraut waren, und die Krankheiten, von denen sie befallen wurden, entsprangen ausnahmslos Trugbildern ihrer Phantasie. Ihre Heiler beschaftigten sich ausschlie?lich mit Zauberei, Beschworungen, Wunderheilung und all den anderen Seiten nichtnaturwissenschaftlicher Medizin.
„Naturlich ist es mit den sozialen und wissenschaftlichen Fortschritten unserer Zivilisation zu einer zunehmenden Uberschneidung der Verantwortungsbereiche gekommen“, fuhr Cha Thrat fort. „Hin und wieder brechen sich Sklaven eine Gliedma?e. Manchmal bedroht auch der psychische Stress, in den ein Sklave gerat, der fur die Prufung lernt, die er zur Beforderung innerhalb seiner Klasse oder zum Aufstieg in eine hohere Klasse ablegen mu?, seine geistige Gesundheit, oder ein Herrscher bekommt eine simple Magenverstimmung. All das sind Falle, die eine Behandlung durch Heiler erforderlich machen, die eigentlich fur eine andere gesellschaftliche Klasse zustandig sind.
Schon seit fruhester Zeit sind unsere Heiler in die drei Kategorien Arzte, Chirurgen und Zauberer unterteilt“, schlo? Cha Thrat.
„Danke“, sagte Lioren. „Jetzt verstehe ich. Meine Verstandnisschwierigkeiten haben lediglich auf einer gewissen Verwirrung bezuglich der Wortbedeutungen und einer zu wortlichen Ubersetzung beruht. Fur Sie beschreibt der Begriff ??„Beschworung“ eine Psychotherapie, die kurz und einfach oder langwierig und kompliziert sein kann, und bei dem dafur verantwortlichen ??„Zauberer“ handelt es sich nach Ihrem Verstandnis um einen Psychologen, der.“
„Nein, es handelt sich eben nicht um einen Psychologen!“ widersprach Cha Thrat in scharfem Ton; dann fiel ihr wieder der Patient ein, und mit gesenkter Stimme fuhr sie fort:
„Jeder Nicht-Sommaradvaner, den ich kennengelernt habe, begeht den gleichen Fehler. Auf meinem Heimatplaneten ist ein Psychologe ein Wesen von niedrigem gesellschaftlichen Rang, das sich um wissenschaftliche Erkenntnisse bemuht, indem es durch korperliche und seelische Anspannung hervorgerufene Gehirnstrome oder Veranderungen im Korper mi?t oder eingehende Beobachtungen bezuglich des nachfolgenden Verhaltens des Betreffenden anstellt. Ein Psychologe versucht, auf dem Gebiet der Alptraume und wechselnden subjektiven Realitaten unumsto?liche Gesetze aufzustellen und aus dem eine Wissenschaft zu machen, was schon immer eine Kunst gewesen ist, und zwar eine ausschlie?lich von Zauberern ausgeubte Kunst.
Ein Zauberer hingegen kann sich fur seine Beschworungen die Hilfsmittel und tabellarischen Aufstellungen des Psychologen zunutze machen, um die komplizierten, unstofflichen Strukturen des Bewu?tseins zu beeinflussen, mu? es aber nicht unbedingt“, fuhr die Sommaradvanerin fort, bevor Lioren etwas sagen konnte. „Ein Zauberer wendet Worte, Schweigen, sehr genaue Beobachtungen und — am allerwichtigsten — die eigene Intuition an, um die anormale subjektive Wirklichkeit des Patienten zum Vorschein zu bringen und sie der objektiven Wirklichkeit schrittweise anzupassen. Zwischen einem blo?en Psychologen und einem Zauberer besteht ein Riesenunterschied.“
Cha Thrats Stimme war im Verlauf ihrer Erklarungen wieder lauter geworden, doch die Sensoren zeigten beim Patienten keine Veranderung des Zustands an.
Lioren leuchtete ein, da? sich der Sommaradvanerin nur wenig Gelegenheit bot, ungehindert uber ihren Heimatplaneten und die wenigen Freunde zu sprechen, die sie dort zuruckgelassen hatte, oder ihren Gefuhlen uber die Intoleranz ihrer gleichrangigen Berufskollegen Luft zu machen, durch die sie gezwungen worden war, ans Orbit Hospital zu kommen. Cha Thrat fuhr fort, ausfuhrlich von den Irrungen und Wirrungen zu erzahlen, die durch ihr au?erordentlich strenges Berufsethos uberall im Hospital verursacht worden waren, bis sie schlie?lich vom Zauberer O'Mara gerettet worden war, und verschwieg dabei auch ihre personlichen Gefuhle und Reaktionen auf all diese Vorfalle nicht. Ganz offensichtlich wollte Cha Thrat uber sich selbst reden — und mu?te es vielleicht sogar dringend.
Aber Vertrauen erweckt Vertrauen, und langsam fragte sich Lioren, ob er, wo er als einziges Mitglied der tarlanischen Spezies beim Hospitalpersonal schon einmal dabei war, sich so offen mit der einzigen sommaradvanischen Mitarbeiterin zu unterhalten, nicht dasselbe Bedurfnis verspurte. Nach und nach entwickelte sich ein beiderseitiger Gedankenaustausch, in dem die Fragen und Antworten in der Tat sehr personlich wurden.
Lioren ertappte sich dabei, wie er Cha Thrat von seinen Empfindungen wahrend und nach dem Vorfall auf Cromsag berichtete, von seinen Schuldgefuhlen, die unglaublich und unbeschreiblich schrecklich gewesen waren, und von seiner hilflosen Wut auf den Monitorkorps und O'Mara, weil sie ihm den voll und ganz verdienten Tod verweigert und ihn statt dessen zur allergro?ten Grausamkeit des Lebens verurteilt hatten.
An diesem Punkt lenkte Cha Thrat, die seine wachsende emotionale Anspannung gespurt haben mu?te, das Gesprach zielstrebig auf O'Mara und die Grunde des obersten Zauberers, sie und Lioren in die psychologische Abteilung aufzunehmen, und von dort aus weiter auf die Aufgabe, die Lioren in der Hoffnung hierhergefuhrt hatte, Auskunfte von einem Patienten einzuholen, der zweifellos nicht in der Verfassung war, diese zu erteilen.
Sie unterhielten sich immer noch uber Seldal und fragten sich gerade laut, ob es nicht besser ware, am nachsten Tag noch einmal einen Versuch zu unternehmen, mit Mannon zu sprechen, falls er noch so lange leben sollte, als der vermeintlich bewu?tlose Patient die Augen aufschlug und die beiden ansah.
„Ich, das hei?t, wir mochten uns entschuldigen, Sir“, sagte Cha Thrat schnell. „Wir hatten angenommen, Sie seien bewu?tlos, weil Sie seit unserer Ankunft mit geschlossenen Augen dagelegen und die Biosensoren keine Veranderung angezeigt haben. Ich kann nur vermuten, da? Sie unseren Irrtum bemerkt haben und, weil sich unser Gesprach um vertrauliche Dinge gedreht hat, aus Hoflichkeit weiterhin so getan haben, als wurden Sie schlafen, um uns nicht in gro?e Verlegenheit zu bringen.“ Langsam bewegte sich Mannons Kopf von einer Seite zur anderen, eine Geste, die bei Terrestriern ??„nein“ bedeutete, und es schien, als waren die Augen, mit denen er sie von unten musterte, auf irgendeine medizinisch unerklarliche Weise junger als die unglaublich runzligen Zuge und der von der Zeit schwer gezeichnete Korper. Als er sprach, klangen seine Worte wie das Flustern des Winds in hochwuchsigen Pflanzen; durch die Anstrengung beim Sprechen wurden sie zudem gebremst.
„Eine weitere. falsche Vermutung“, sagte er. „Ich bin. nie hofich.“
„Hoflichkeit verdienen wir auch gar nicht, Diagnostiker Mannon“, rugte sich Lioren selbst, indem er seine Stimme und Gedanken aus einem gro?en, tiefen Meer der Verlegenheit an die Oberflache zerrte. „Ich allein bin fur diesen Besuch verantwortlich, und die Schuld dafur liegt ganz und gar bei mir. Der Grund fur unser Kommen scheint mir nicht mehr einleuchtend zu sein, deshalb werden wir sofort gehen. Nochmals Entschuldigung.“
Eine der durren, abgezehrten Hande, die neben der Bettdecke lagen, zuckte schwach, als hatte der Terrestrier sie, wenn die Armmuskulatur kraftig genug gewesen ware, erhoben, um wortlos um Ruhe zu bitten. Lioren schwieg.
„Ich wei?, warum. Sie gekommen sind“, sagte Mannon mit einer Stimme, die kaum laut genug war, um die paar Zentimeter bis zum Translator neben dem Bett zuruckzulegen. „Ich habe alles. gehort, was Sie. uber Seldal und. sich selbst. gesagt haben. Das war sehr interessant. Aber die Anstrengung, die. es mich. gekostet hat, Ihnen. fast zwei Stunden lang. zuzuhoren, hat mich. erschopft, und bald wird mein Schlaf. nicht mehr blo? Verstellung sein. Sie mussen jetzt gehen.“
„Sofort, Sir“, sagte Lioren.
„Und falls Sie. wiederkommen mochten, suchen Sie sich eine. bessere Zeit dafur aus“, fuhr Mannon fort, „denn ich mochte Ihnen nicht nur zuhoren, sondern. auch Fragen stellen. Aber warten Sie nicht. zu lange mit Ihrem Besuch.“
„Ich verstehe“, sagte Lioren. „Ich werde schon sehr bald wiederkommen.“
„Vielleicht kann ich Ihnen. bei der Sache mit Seldal helfen, und als Gegenleistung. konnen Sie mir von Cromsag erzahlen. und mir noch einen anderen kleinen Gefallen tun.“
Der Terrestrier Mannon war viele Jahre lang Diagnostiker gewesen. Seine Hilfe und sein Verstandnis fur das Problem mit Seldal waren unschatzbar, weil er sie vor allem bereitwillig leisten wurde und Lioren keine Zeit damit
