korperliche und emotionale Einflu? des Empfindungsvermogens einer riesigen intelligenten Lebensform mit Ektoskelett auf die Psyche und den Verstand eines unglaublich feingledrigen, aber genauso intelligenten vogelahnlichen Wesens konnte Lioren nicht einmal erahnen.

Er beobachte weiterhin den fieberhaft geschaftigen Seldal, wahrend er sich die Redensart ins Gedachtnis zuruckrief, die oft vom Hospitalpersonal wiederholt wurde und besagte, da? jeder geistig Zurechnungsfahige, der freiwillig Diagnostiker werden wollte, schon von vornherein verruckt sein mu?te; ein Ausspruch, der angeblich von O'Mara selbst stammte.

„Seldals Operation am ELNT fasziniert mich“, sagte Lioren, womit er entschlossen zum Gegenstand seiner Untersuchung zuruckkehrte. „Er zeigt keinerlei Unschlussigkeit, macht keine Pausen, um zu uberlegen oder alles noch einmal zu uberdenken, und bewegt sich nicht ubervorsichtig, wie man es sonst bei Chirurgen sieht, die mit einem Schulungsband im Kopf arbeiten. Ist das bei Nallajimern immer so, wenn sie an fremden Speziesangehorigen Operationen vornehmen?“

„Bei allem Respekt, Lioren“, sagte der Hudlarer, „aber konnten Sie bei der Geschwindigkeit, mit der Seldal operiert, uberhaupt irgendeine Verlegenheitspause erkennen, wenn er tatsachlich eine einlegen wurde? Wir haben ihm schon dabei zugesehen, wie er an einem Terrestrier eine Magenresektion vorgenommen und gleichzeitig irgend etwas mit einer DBLF angestellt hat, das Ihnen besser Tarsedth erklaren sollte, weil ich den Fortpfianzungsmechanismus der Kelgianer schwer zu verstehen finde.“

„Sie mussen gerade reden!“ unterbrach ihn Tarsedth mit ungehaltenem Fell. „Jedesmal, wenn eine hudlarische Mutter ein Kind zur Welt bringt, wechselt sie das Geschlecht und wird mannlich. Das ist. schlichtweg unanstandig!“

„Vermutlich mu?te Seldal fur die beiden Patienten, von denen ich eben gesprochen habe, nur kurzfristig die Schulungsbander im Kopf speichern“, fuhr der Hudlarer fort, „aber trotzdem hatte er sich ohne ersichtliche Muhe auf sie eingestellt. Die letzten sechs Wochen ist er vor allem mit Operationen an Tralthanern beschaftigt gewesen, und nach seinen eigenen Worten findet er diese Arbeit au?erst interessant, anregend und angenehm, und sie rangiert auf seiner Beliebtheitsskala gleich nach den chirurgischen Eingriffen an anderen Nallajimern an zweiter Stelle.“

„An anderen Nallajimerinnen, meint er“, warf Tarsedth ein, deren Fell sich mi?billigend oder sogar eifersuchtig krauselte. „Wissen Sie, da? in den drei Jahren, die Seldal jetzt hier ist, fast jede weibliche MSVK- Auszubildende mit ihm angebandelt hat? Was die an so einem durren Federgewicht finden, ist mir vollig unbegreiflich.“

„Funktioniert mein Translator nicht richtig oder soll das hei?en, da? Seldal mit einigen Auszubildenden uber seine Probleme mit den Schulungsbandern diskutiert hat? Oder was meinen Sie damit, da? fast jede Auszubildende mit ihm ??„angebandelt“ hat?“ fragte Lioren, wobei er versuchte, seine Aufregung daruber zu verbergen, von diesem neuen und womoglich nutzlichen Umstand erfahren zu haben.

„Die Diskussionen selbst waren wahrscheinlich immer nur zweitrangig“, antwortete der Hudlarer rasch, bevor Tarsedth etwas sagen konnte, „und haben sich wohl eher um personliche Vorlieben als um Probleme gedreht. Jedenfalls ist Seldal fur einen Chefarzt sehr zuganglich, und normalerweise bittet er nach der Operation jeden, der von der Zuschauergalerie aus zugesehen hat, um Fragen. Heute morgen ist dafur leider keine Zeit gewesen, sonst hatten Sie ihm selbst Fragen stellen konnen.

Und was Seldals Liebesleben angeht, das in den letzten Wochen anscheinend weniger auffallig geworden ist, so ist mein Interesse dafur bestenfalls akademisch“, fuhr er fort, indem er sich schwerfallig zur Seite wandte, um auch Tarsedth in das Gesprach einzubeziehen. „Doch selbst bei meiner eigenen Spezies ist es nichts Ungewohnliches, wenn sich FROBs, die gerade zum weiblichen Geschlecht gehoren, von mannlichen Hudlarern angezogen fuhlen, die eine genauso schuchterne und zuruckhaltende Personlichkeit haben wie Seldal. Solche Wesen sind haufig sensibler, zuruckhaltender und als Liebhaber einfach interessanter.“

Er wandte sich wieder Lioren zu und fuhr fort: „Um eine Redensart von einem unserer Klassenkameraden abzuandern, die auf Betatigungen zu passen scheint, die mit der Fortpflanzung innerhalb einer Spezies zusammenhangen: ??„Wer nicht wagt, der gewinnt auch manchmal:.“

„Er spricht von Hadley, einem terrestrischen Auszubildenden“, erlauterte Tarsedth. „Der soll mal in einem Wartungstunnel verschwunden sein, und zwar mit.“

Von diesem Gerucht speziell war Lioren bisher noch nichts zu Ohren gekommen, da man wahrscheinlich von dem Vorfall offiziell keine Notiz genommen hatte oder das Nachrichtensystem fur den Hospitalklatsch an dem Tag mit noch skandaloseren Neuigkeiten uberlastet gewesen war. Der Geschichte von Hadleys Fehlverhalten folgten weitere, von denen bereits viele als aktualisierende Nachtrage zur entsprechenden psychologischen Akte den Weg in Liorens Abteilung gefunden hatten; wenn auch in einer weit weniger unterhaltenden Form und — bedauerlicherweise — frei von Tarsedths schopferischen Ubertreibungen. Um das Gesprach wieder auf den nallajimischen Chefarzt zu bringen und weitere Abschweifungen zu verhindern, sah er sich allmahlich gezwungen, sich aller sprachlichen Tricks zu bedienen, die ihm einfielen. Dabei fand Lioren viel Interessantes uber Seldals Verhalten sowie uber dessen Personlichkeit und Interessen heraus. Das waren Informationen, die er sich aus der Akte des Chefarztes nicht hatte verschaffen konnen. Was seinen Auftrag betraf, so verlief dieser Abend sehr eintraglich und, wie er mit zunehmenden Schuldgefuhlen dachte, auch sehr vergnuglich.

10. Kapitel

Als am folgenden Morgen Liorens Arbeitstag schon so weit fortgeschritten war, da? sich sein Verdauungstrakt bereits uber Beschaftigungslosigkeit zu beklagen begann, trat Braithwaite langsam und bedachtig an den Schreibtisch des Tarlaners heran. Mit seinen wabbeligen, rosa Handflachen nach unten stutzte er sich auf einer Stelle der Schreibtischplatte ab, die nicht vollig uberfullt war, winkelte dabei die Arme mit den Ellbogen nach au?en an, so da? sich sein Kopf nahe Liorens befand, und sagte leise: „Sie haben jetzt seit mehr als vier Stunden kein einziges Wort gesprochen. Ist was?“

Daruber verargert, da? ihm der Terrestrier unaufgefordert so nah auf die Pelle geruckt war und bei fruheren Gelegenheiten mehrmals an ihm kritisiert hatte, zu viel zu reden, lehnte sich Lioren zuruck. Obwohl Braithwaite besorgt war und nur versuchte, hilfsbereit zu sein, hatte es der Tarlaner lieber gesehen, wenn das Verhalten seines unmittelbaren Vorgesetzten nicht so wechselhaft gewesen ware. Es gab sogar Momente, in denen er es bei weitem vorzog, wenn O'Mara an ihn herantrat, zumal der Chefpsychologe wenigstens durchweg gehassig war.

Am Nebentisch tat Cha Thrat so, als horte sie nicht zu, indem sie sich noch starker auf ihren Bildschirm konzentrierte. Aus irgendeinem Grund waren die Probleme, mit denen sich Lioren durch seinen Auftrag konfrontiert sah, sowie einige der Losungen, die er vorgeschlagen hatte, in den vergangenen Tagen Anla? fur betrachtliche Belustigung gewesen, doch diesmal sollten Braithwaite und die Sommaradvanerin eine Enttauschung erleben.

„Ich bin die ganze Zeit so schweigsam gewesen, weil ich mich darauf konzentriert habe, die Routinearbeiten zu erledigen, damit mir mehr Zeit fur Seldal zur Verfugung steht“, antwortete Lioren. „Ein spezielles Problem habe ich nicht, mich entmutigt nur, da? ich in keiner Richtung irgendwelche Fortschritte erziele.“

Braithwaite nahm die Hande vom Schreibtisch, richtete sich auf und fragte mit entblo?ten Zahnen: „In welcher Hinsicht kommen Sie denn am wenigsten voran?“

Mit zwei seiner mittleren Glieder machte Lioren eine ungeduldige Geste. „Negative Fortschritte zu messen ist schwierig“, antwortete er. „In den vergangenen Tagen habe ich Seldal bei gro?eren Operationen beobachtet und mit anderen Zuschauern Gesprache uber sein Verhalten gefuhrt, in deren Verlauf sich Informationen ergeben haben, die aus seiner psychologischen Akte nicht hervorgegangen sind. Allerdings beruhen diese Neuigkeiten auf unbestatigten Geruchten und entsprechen vielleicht nicht ganz den Tatsachen. Bei seinen medizinischen Untergebenen ist Seldal au?erst geachtet und beliebt. Diese Beliebtheit scheint er jedoch nicht bewu?t angestrebt, sondern sich eher verdient zu haben. Ich kann an Seldal einfach nichts Unnormales feststellen.“

„Aber offenbar ist das nicht Ihre endgultige Schlu?folgerung, denn sonst wurden Sie ja nicht versuchen, sich mehr Zeit fur die weitere Untersuchung zu verschaffen“, meinte Braithwaite. „Wie beabsichtigen Sie denn diese Zeit zu verbringen?“

Lioren dachte kurz nach und entgegnete dann: „Da es nicht fur immer und ewig moglich sein wird,

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