Zuschauer bei den Operationen oder Seldals OP-Personal auszuhorchen, ohne die Grunde fur meine Fragen zu verraten, werde ich mich an.“

„Nein!“ fiel ihm Braithwaite in scharfem Ton ins Wort, wobei sich die buschigen Halbmonde in seinem Gesicht so weit senkten, da? sie fast die Augen verdeckten. „Seldal selbst durfen Sie auf keinen Fall direkt fragen. Sollten Sie irgendeine Unstimmigkeit entdecken, berichten Sie O'Mara davon, und erwahnen Sie sie Seldal gegenuber mit keinem Wort. Denken Sie bitte stets daran.“

„Was das letztemal passiert ist, als ich die Initiative ergriffen habe, werde ich wohl kaum vergessen konnen“, erwiderte Lioren leise.

Einen Augenblick lang waren Cha Thrat und Braithwaite wie erstarrt und sagten keinen Ton, aber das Gesicht des Terrestriers hatte eine deutlich dunklere Farbe angenommen.

„Ich wollte eben sagen, da? ich mich an Seldals Patienten wenden mu?, und zwar diskret“, fuhr Lioren fort. „Durch belanglose Plaudereien mit ihnen erfahre ich vielleicht, ob an Seldals Verhalten bei seinen Visiten vor und nach den Operationen irgendwelche ungewohnlichen Veranderungen stattgefunden haben. Dafur brauche ich eine Liste der Patienten, die Seldal operiert hat, und Angaben daruber, auf welchen Stationen sie gegenwartig liegen. Au?erdem mu? ich wissen, zu welchen Zeiten er seine Rundgange durch die Stationen macht, damit ich mit den Patienten sprechen kann, ohne Seldal personlich zu begegnen. Um Gerede beim Personal der betreffenden Stationen zu vermeiden, ware es besser, wenn nicht ich, sondern jemand anders um diese Auskunfte bitten wurde.“

Braithwaite nickte. „Eine vernunftige Vorsichtsma?nahme. Aber unter welchem Vorwand wollen Sie mit diesen Patienten sprechen, noch dazu uber Seldal?“

„Als Grund fur meinen Besuch werde ich den Patienten gegenuber angeben, da? ich mich nach Anmerkungen oder eventueller Kritik zum Ambiente der verschiedenen Genesungsstationen erkundigen mochte, da die Umgebung einen wichtigen nichtmedizinischen Beitrag zur Genesung leiste und die Abteilung derartige Kontrollen von Zeit zu Zeit durchfuhre“, antwortete Lioren. „Nach ihrem Gesundheitszustand und ihrem Chirurgen werde ich die Patienten gar nicht fragen. Aber ich habe keine Zweifel, da? beide Themen ganz automatisch zur Sprache kommen, und dann werde ich, wahrend ich mich vollig desinteressiert gebe, so viele Informationen wie moglich sammeln.“

„Eine glanzend inszenierte, ausgeklugelte und gut kaschierte Beschworung“, lobte ihn Cha Thrat, bevor Braithwaite etwas sagen konnte. „Kompliment, Lioren. Schon jetzt zeigen Sie erste Ansatze, mal ein gro?er Zauberer zu werden.“

Braithwaite nickte erneut. „Sie scheinen alle Eventualitaten bedacht zu haben. Gibt es noch weitere Informationen oder Hilfsmittel, die Sie benotigen?“

„Im Moment nicht“, antwortete Lioren.

Ganz ehrlich war er nicht, denn er ware gern uber Cha Thrats Kompliment aufgeklart worden, das fur einen hochqualifizierten ehemaligen Arzt wie ihn an eine Beleidigung gegrenzt hatte. Vielleicht bedeuteten ?? „Beschworung“ und ??„Zauberer“ — Begriffe, die Cha Thrat haufig benutzte — auf Sommaradva etwas anderes als auf Tarla. Doch hatte es ganz den Anschein, da? seine Neugier schon bald befriedigt werden sollte, denn die Sommaradvanerin wollte es sich nicht nehmen lassen, einem tarlanischen Zauberlehrling bei der Arbeit zuzusehen.

Den ersten Patienten hatte Lioren gezwungenerma?en ausgewahlt, weil fur die anderen beiden gerade die angeordnete Schlafenszeit begonnen hatte und Mitarbeiter der psychologischen Abteilung nicht befugt waren, sich in laufende medizinische Behandlungen einzumischen, wozu auch gehorte, nicht den Schlaf eines Patienten zu storen. Von den vier Kranken, die ihm Braithwaite aufgelistet hatte, versprach das Gesprach mit diesem Patienten das schwierigste und kitzligste zu werden.

„Sind Sie sich wirklich sicher, da? Sie sich mit dem hier unterhalten wollen, Lioren?“ fragte Cha Thrat mit den leichten Bewegungen der oberen Gliedma?en, die, wie Lioren gehort hatte, gro?e Besorgnis ausdruckten. „Das ist ein au?erst heikler Fall.“

Lioren antwortete nicht sofort. Auf jedem bewohnten Planeten der Foderation war es eine Binsenwahrheit, da? Arzte die schlechtesten Patienten abgaben. Dieser hier war nicht nur ein Arzt von bestem fachlichen Ruf, obendrein wurde das Gesprach mit gro?er Vorsicht gefuhrt werden mussen, weil der Patient Mannon unheilbar krank war.

„Fur Zeitvergeudung habe ich nichts ubrig, und eine Gelegenheit lasse ich mir genauso ungern entgehen“, erwiderte Lioren schlie?lich.

„Heute vormittag haben Sie Braithwaite noch gesagt, da? Sie Ihre Lektion gelernt hatten, was das voreilige Ergreifen von Initiative betrifft“, gab Cha Thrat zu bedenken. „Bei allem Respekt, Lioren, am Vorfall auf Cromsag waren in erster Linie Ihre Ungeduld und Ihre Weigerung, Zeit zu verlieren, schuld.“ Lioren antwortete nicht.

Mannon war ein terrestrischer DBDG, der sich fur seine vergleichsweise kurzlebige Spezies in einem fortgeschrittenen Alter befand. Er war ans Orbit Hospital gekommen, nachdem er seine Ausbildung an einem der fuhrenden medizinischen Lehrinstitute seines Heimatplaneten mit den hochsten Auszeichnungen abgeschlossen hatte. Rasch war er erst zum Chefarzt und wenige Jahre spater zum Chefausbilder befordert worden, zu dessen Schulern solch illustre Mitarbeiter wie Conway, Prilicla und Edanelt gehort hatten, die heute in der medizinischen Hierarchie ganz oben standen, bevor er diese Stellung wegen seiner Beforderung zum Diagnostiker Cresk-Sar hatte uberlassen mussen. Schlie?lich war unvermeidlicherweise die Zeit gekommen, wo die fortschrittlichsten medizinischen und mechanischen Hilfsmittel des Hospitals sein Leben nicht mehr verlangern konnten, auch wenn sein Verstand so scharfsinnig und klar wie der eines jungen Erwachsenen geblieben war.

Der ehemalige Diagnostiker und augenblickliche Patient Mannon lag mit Biosensoren, die seine Korperfunktionen uberwachten, aber auf eigenen Wunsch ohne die ublichen Lebenserhaltungsmechanismen in einem Privatzimmer abseits der medizinischen Hauptstation fur DBDGs. Sein Gesundheitszustand war beinahe kritisch, aber stabil, und als Lioren und Cha Thrat das Zimmer betreten hatten, waren seine Augen geschlossen geblieben, was darauf hindeutete, da? er entweder bewu?tlos war oder schlief. Da? sie den Patienten unbeaufsichtigt antrafen, hatte Lioren zunachst gleichzeitig gefreut und uberrascht, denn die Terrestrier wurden zu jenen intelligenten Spezies gezahlt, die sich gern im Kreis der Familie oder unter Freunden befinden, wenn ihr Leben zu Ende geht. Doch seine Uberraschung hatte sich gelegt, als ihnen von der Oberschwester der Station mitgeteilt worden war, da? sich zahlreiche Besucher beim Patienten aufgehalten hatten, die erst wenige Augenblicke vor Liorens und Cha Thrats Ankunft gegangen oder fortgeschickt worden seien.

„Lassen Sie uns gehen, bevor er aufwacht“, drangte Cha Thrat sehr leise. „Der Vorwand fur Ihren Besuch, ihn zu fragen, ob er mit der Atmosphare des Zimmers zufrieden sei, ist unter diesen Umstanden nicht nur albern, sondern auch gefuhllos. Au?erdem kriegt es nicht mal O'Mara hin, einen Bewu?tlosen zu beschworen.“

Einen Moment lang betrachtete Lioren die Bildschirme, aber er konnte sich nicht mehr an die vor so langer Zeit gelernten Me?werte der Lebensvorgange bei Terrestriern erinnern. Dieses Zimmer war ein sehr ruhiger und ungestorter Ort, der sich nach seinem Dafurhalten dazu eignete, personliche Fragen zu stellen.

„Cha Thrat, was genau meinen Sie mit ??„beschworen“?“ erkundigte er sich leise.

Es handelte sich um eine einfache Frage, fur die eine lange und komplizierte Antwort erforderlich war, die von Cha Thrat nicht gerade dadurch verkurzt oder vereinfacht wurde, indem sie alle paar Minuten innehielt, um einen beunruhigten Blick auf den Patienten zu werfen.

Die sommaradvanische Zivilisation gliederte sich in drei verschiedene gesellschaftliche Klassen — Sklaven, Krieger und Herrscher — , und die medizinische Zunft, die fur ihr Wohlergehen verantwortlich war, teilte sich genauso auf.

Auf der untersten Stufe befanden sich die Sklaven, Sommaradvaner, die nicht nach Beforderung streben wollten. Ihre Arbeit stellte keine gro?en Anforderungen, hatte immer die gleichen Ablaufe und war vollkommen ungefahrlich, weil die Sklaven im taglichen Leben vor schweren korperlichen Schaden geschutzt waren. Bei den fur ihre gesundheitliche Versorgung verantwortlichen Heilern handelte es sich um Arzte, die rein medizinische Behandlungsmethoden anwandten. Die zweite Klasse, bei weitem nicht so gro? wie die der Sklaven, bildeten die Krieger, die hochst verantwortungsvolle Positionen bekleideten und in der Vergangenheit haufig betrachtlichen korperlichen Gefahren ausgesetzt gewesen waren.

Zwar hatte es seit vielen Generationen keinen Krieg mehr auf Sommaradva gegeben, aber die Krieger hatten trotzdem ihre Bezeichnung beibehalten, weil sie die Nachfahren der Sommaradvaner waren, die gekampft hatten, um ihre Heimatlander zu schutzen. Sie lebten damals von der Jagd und errichteten Verteidigungsanlagen, wahrend sich um ihre korperlichen Bedurfnisse die Sklaven kummerten. Heutzutage waren die Angehorigen dieser

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