meine anderen Freunde auch, weggeblieben.“
Es lag auf der Hand, da? Mannon zwar mit jemandem reden wollte, sich bislang aber noch nicht dazu durchgerungen hatte. Nach Liorens Ansicht konnte sich Schweigen als die sicherste Form herausstellen, ihn danach zu fragen.
„In Ihrem Kopf steckt zu viel, das Sie vergessen mochten“; fuhr Mannon schlie?lich mit einer Stimme fort, die von irgendwoher neue Kraft geschopft hatte. „Umgekehrt gibt es in meinem noch mehr, an das ich mich nicht erinnern kann.“
„Ich verstehe Sie immer noch nicht ganz“, warf Lioren ein.
„Mu? ich Ihnen das wirklich erklaren, als ob Sie ein Krankenpflegeschuler am ersten Tag waren?“ fragte der Terrestrier. „Den gro?ten Teil meines Berufslebens bin ich Diagnostiker gewesen. Als solcher mu?te ich — oft fur einen Zeitraum von mehreren Jahren — das Wissen, die Personlichkeiten und die medizinischen Erfahrungen von bis zu zehn Lebewesen gleichzeitig im Kopf gespeichert haben. Dabei hat man das Gefuhl, da? der eigene Verstand von vielen fremden Personlichkeiten in Besitz genommen wird, die — weil es sich bei den Spezialisten, von denen diese Aufzeichnungen gemacht werden, selten um schuchterne und zuruckhaltende Wesen handelt — gegeneinander um die Vorherrschaft ringen. Das ist ein subjektives geistig-seelisches Phanomen, das man uberwinden mu?, wenn man Diagnostiker bleiben will, doch am Anfang scheint der eigene Verstand eine Art Schlachtfeld mit zu vielen Kampfern zu sein, die sich gegenseitig bekriegen, bis schlie?lich.“
„Das verstehe ich gut“, unterbrach ihn Lioren. „Wahrend meiner Zeit als Chefarzt hier am Hospital hat man mal von mir verlangt, drei Bander gleichzeitig im Kopf gespeichert zu haben.“
„Aber der Hausherr ist in der Lage, Ruhe und Ordnung zu schaffen“, fuhr Mannon langsam fort, „normalerweise, indem er lernt, diese fremden Personlichkeiten zu verstehen, sich auf sie einzustellen und sich mit ihnen zu befreunden, ohne irgendeinen Teil des eigenen Verstands aufzugeben, bis er die notwendige Anpassung vollziehen kann. Das ist der einzige Weg, um einem schweren psychischen Trauma und der Streichung vom Dienstplan der Diagnostiker zu entgehen.“
Kurz schlo? Mannon die Augen, bevor er weitersprach. „Doch jetzt ist das geistige Schlachtfeld leer, verlassen von den einstigen Kampfern, die Freunde geworden sind. Ich bin ganz allein mit dem Wesen namens Mannon und habe nur noch Mannons Erinnerungen, zu der auch die Erinnerung gehort, noch viele andere Erinnerungen gehabt zu haben, die mir genommen worden sind. Wie man mir gesagt hat, ist das beabsichtigt, weil einem der Verstand vor dem Tod eine Zeitlang allein gehoren sollte. Aber ich fuhle mich einsam, einsam und leer und umsorgt und vollkommen schmerzfrei, wahrend ich den subjektiven Eindruck habe, eine Ewigkeit damit zu verbringen, auf mein Ende zu warten.“
Lioren geduldete sich, bis er ganz sicher war, da? Mannon zu Ende gesprochen hatte; dann sagte er: „In einer Zeit wie dieser werden Terrestrier, die an unheilbarer Altersschwache leiden, und eigentlich auch die Mitglieder der meisten anderen Spezies durch die Anwesenheit von Freunden getrostet. Aus irgendeinem Grund haben Sie sich dafur entschieden, solche Besuche von sich fernzuhalten, aber wenn Sie die Gesellschaft der Bandurheber, die einmal Ihre geistigen Freunde gewesen sind, vorziehen, ware doch die einzig vernunftige Losung, sich wieder Schulungsbander Ihrer Wahl ins Gehirn einspielen zu lassen. Ich werde das dem Chefpsychologen vorschlagen, der dann vielleicht.“
„Schlagen Sie sich blo? Ihre psychologischen Ambitionen aus dem Kopf“, fiel ihm Mannon ins Wort. „Oder ist Ihrem tarlanischen Verstand schon entgangen, da? Sie Seldals Verhalten untersuchen sollen und nicht einen seiner Patienten namens Mannon? Vergessen Sie die Bander, Lioren. Sollte O'Mara namlich jemals herausfinden, was Sie als Auszubildender der psychologischen Abteilung hier zu tun versucht haben, werden Sie ernste Probleme bekommen.“
„In gro?ere Schwierigkeiten zu geraten als in die, in denen ich ohnehin schon stecke, kann ich mir nicht vorstellen“, reagierte Lioren in ernstem Ton.
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Mannon, wobei er eine der Hande ein paar Zentimeter weit uber die Decke hob und wieder sinken lie?. „Einen Augenblick lang hatte ich den Vorfall auf Cromsag ganz vergessen. Verglichen mit der Strafe, die Sie uber sich selbst verhangt haben, ware eine Standpauke von O'Mara das reinste Zuckerschlecken.“
Lioren reagierte nicht auf Mannons Entschuldigung, da eine Person, die Schuld auf sich geladen hatte, nach seiner Auffassung keine Entschuldigung verdiente, und sagte statt dessen: „Sie haben recht, wieder die Schulungsbander in Ihrem Gehirn zu speichern ist keine gute Losung. Zwar besitze ich nur durftige Kenntnisse uber terrestrische Psychologie, aber ware es nicht besser, wenn Ihr Kopf in dieser Zeit allein Ihnen gehoren und nicht mit anderen Personlichkeiten gefullt sein wurde, deren Gehirnstrome aufgezeichnet worden sind, bevor die Betreffenden uberhaupt von Ihrer Existenz gewu?t haben, und deren scheinbare Freundschaft zu Ihnen nichts als eine Selbsttauschung gewesen ist, die Ihnen die Anwesenheit dieser fremden Wesen ertraglicher machen sollte? Mu?ten Sie nicht in dieser Zeit das, was in Ihrem Kopf steckt, Ihre Gedanken, Erfahrungen, Ihre richtigen und falschen Entscheidungen und die beachtlichen Kenntnisse, die Sie im Laufe Ihres Lebens gesammelt haben, in Ordnung bringen? Das wurde Ihnen bestimmt dabei helfen, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen. Und wenn Sie Ihre Freunde nicht mehr davon abhalten wurden, Sie zu besuchen, konnte das auch eine Verkurzung der Zeit.“
„Ein intelligentes Lebewesen, das sich kein langes Leben und einen schnellen Tod gewunscht hat, mu? ich erst noch kennenlernen“, unterbrach ihn Mannon. „Doch solche Wunsche werden nur selten erfullt, nicht wahr, Lioren? Zwar la?t sich mein Leiden nicht mit Ihrem vergleichen, aber ich werde noch eine lange Zeit in einem Korper verbringen mussen, der aller Gefuhle beraubt ist und in dem ein Verstand steckt, der fur mich fremd und furchterregend ist, weil es sich um meinen eigenen Geist handelt, den ich nicht mehr auszufullen vermag.“
Die beiden tiefliegenden Augen des ehemaligen Diagnostikers hefteten sich auf dasjenige Sehorgan von Lioren, das ihnen am nachsten war.
Mehrere Minuten lang erwiderte der Tarlaner den starren Blick des Patienten, wobei er sich Mannons Worte ins Gedachtnis zuruckrief und jedes einzelne auf unausgesprochene Bedeutungen hin abklopfte, doch bevor er etwas sagen konnte, ergriff der Terrestrier das Wort.
„Seit vielen Wochen habe ich nicht mehr so lange geredet, und ich bin sehr mude“, sagte er. „Bitte gehen Sie jetzt, sonst werde ich noch so unhoflich sein, mitten im Satz einzuschlafen.“
„Bitte haben Sie nur noch etwas Geduld mit mir, denn ich habe noch eine Frage an Sie“, bat Lioren. „Konnte es sein, da? Sie glauben, jemand, der bereits das ungeheuerliche Verbrechen des Volkermords begangen hat, wurde nicht zusatzlich darunter leiden, wenn er einem Kollegen zu Gefallen eine einzelne und — im Verhaltnis gesehen — verzeihlichere Straftat veruben soll? Wollen Sie mir nahelegen, Ihnen die Wartezeit zu verkurzen?“
Mannon schwieg so lange, da? Lioren schon die Anzeigen der Biosensoren uberprufte, um sicherzugehen, ob der Terrestrier nicht mit offenen Augen das Bewu?tsein verloren hatte; dann fragte Mannon: „Falls das mein Vorschlag ware, was wurden Sie darauf antworten?“
Lioren wartete mit der Entgegnung nicht so lange. „Meine Antwort ware ein klares Nein. Wenn moglich, mu? ich versuchen, meine Schuld zu verringern und sie auf keinen Fall zu vergro?ern, in welch geringem Ausma? auch immer. Uber die ethischen und moralischen Aspekte einer solchen Tat kann man zwar diskutieren, doch aus medizinischen Grunden kann ich sie nicht billigen, weil Sie keinerlei korperliche Schmerzen haben. Ihre Beschwerden sind rein subjektiv und das Produkt eines von fremden Gedanken befreiten Verstandes, der nur noch ein einziges Wesen beherbergt, namlich Sie selbst, und Sie sind dort nicht mehr glucklich.
Doch das ist keine neue Erfahrung fur Sie, weil es bei Ihnen der Normalzustand gewesen ist, bevor Sie Chefarzt und schlie?lich Diagnostiker geworden sind“, fuhr Lioren fort. „Ich habe Ihnen bereits vorgeschlagen, Ihren Verstand wieder mit alten Erinnerungen, Erlebnissen oder fachlichen Entscheidungen aufzufullen, die Ihnen Spa? gemacht haben, oder mit Problemen, die von Ihnen mit Vergnugen gelost worden sind. Oder wurden Sie ihn lieber weiterhin mit neuen Physiologiebandern trainieren?“
Das, was er nun sagen wollte, wurde sich gefuhllos und selbstsuchtig anhoren und konnte den Patienten sehr gut so erzurnen, da? er die weitere Zusammenarbeit verweigerte, aber Lioren sprach es trotzdem aus.
„Beispielsweise ware da das ungeloste Ratsel des Verhaltens von Seldal“, fugte er hinzu.
„Verschwinden Sie“, forderte ihn Mannon mit schwacher Stimme auf, wobei er die Augen schlo?. „Lassen Sie mich jetzt allein.“
Lioren ging erst, nachdem die Biosensoren die Veranderungen angezeigt hatten, die ihm verrieten, da? der Schlaf des Patienten in diesem Fall keine Verstellung war.
