mein Freund, und denken Sie immer erst gut nach, bevor Sie etwas sagen.“

Eine Wand aus dickem, durchsichtigen Kunststoff, die sich vom Boden bis zur Decke erstreckte, teilte den Raum in zwei gleiche Halften. In der Wand befanden sich Offnungen, die wie leere wei?e Bilderrahmen scheinbar frei in der Luft schwebten und zum Durchreichen von Essen und fur ferngesteuerte Greif- und Untersuchungsvorrichtungen bestimmt waren. Die fur die Behandlung vorgesehene Halfte der Station enthielt die ublichen medizinischen Untersuchungsinstrumente, die zum Gebrauch aus gro?erer Entfernung modifiziert waren, und drei Bildschirme. Davon konnte die erwachsene Gogleskanerin nur zwei sehen, denn beim dritten handelte es sich um einen Repeaterschirm fur den Patientenmonitor, der sich im Kontrollraum der Hauptstation befand. Da es Lioren nicht riskieren wollte, Khone zu beleidigen, indem er sie direkt anstarrte, konzentrierte er sich auf das Bild auf dem Repeaterschirm.

Wie er auf den ersten Blick sah, gehorte die gogleskanische Arztin zur physiologischen Klassifikation FOKT. Ihr aufgerichteter, eiformiger Korper war von dichtem, farbenprachtigem Haar und biegsamen Stacheln bedeckt, von denen einige kleine, knollenformige Schutzkappen am Ende trugen und zu Fingerbuscheln gruppiert waren, damit die FOKT E?gerate, Werkzeuge oder medizinische Instrumente greifen und handhaben konnte. Auch die vier langen blassen Fuhler, die unter dem buntscheckigen Haupthaar lagen und bei telepathischem Kontakt benutzt wurden, konnte Lioren erkennen. Den Kopf umgab ein dunnes Metallband, das als Stutze fur eine Korrekturlinse diente, die sich vor einem der vier gleichma?ig um den Kopf verteilten,

tieffiegenden Augen befand. Rings um den Unterkorper zog sich ein dickes Muskelband, auf dem die Gogleskanerin sa?, und immer, wenn sie den Korper in eine andere Stellung brachte, streckte sie vier kurze Beine unter dem Rand dieses Muskelbands hervor. Ihrem Kind gegenuber, das fast unbehaart, ansonsten aber das verkleinerte Ebenbild seiner Mutter war, gab sie unubersetzbare jammernde Laute von sich, bei denen es sich nach Liorens Ansicht um wortlose Musik handeln konnte. Die Stimme schien aus einer Zahl schmaler, senkrechter Atemoffnungen zu kommen, die sich um die Hufte herumzogen.

Hinter der durchsichtigen Wand war die Metallverkleidung mit einer Vertafelung abgedeckt worden, die anscheinend aus dunklem, ungeschliffenem Holz bestand, und entlang der drei Innenwande waren niedrige Mobel und Regale aus demselben Material verteilt. Der Raum war mit Buscheln von Duftpflanzen geschmuckt, und die Beleuchtung reproduzierte den gedampften orangefarbenen Schein des gogleskanischen Sonnenlichts, das durch hohe Zweige fiel. Khones Unterkunft war so heimisch, wie es die Techniker fur Umweltbedingungssysteme des Hospitals nur hatten bewerkstelligen konnen, wenngleich die Gogleskanerin ohnehin zu schuchtern war, um sich uber irgend etwas zu beklagen, au?er uber die plotzliche und unmittelbare Annaherung eines Fremden.

Als ein schuchternes Wesen, das standig Angst hatte und au?erordentlich neugierig war, hatte Prilicla sie beschrieben.

„Ist es dem Auszubildenden Lioren gestattet, sich die medizinischen Aufzeichnungen uber die Patientin und Arztin Khone anzusehen?“ fragte er in der vorgeschriebenen unpersonlichen Form. „Das dient lediglich der Absicht, die Neugier zu stillen, nicht, eine medizinische Untersuchung durchzufuhren.“

Wie ihm Prilicla mitgeteilt hatte, durfte ein Eigenname nur ein einziges Mal genannt werden, um sich bei der ersten Begegnung auszuweisen und vorzustellen, und mit Ausnahme eines etwaigen Schriftwechselverkehrs nie wieder erwahnt werden. Khones Korperbehaarung bewegte sich unruhig hin und her und stand einen Augenblick lang senkrecht vom Korper ab,

wodurch die kleine Gogleskanerin doppelt so gro? erschien, wie sie in Wirklichkeit war. Au?erdem wurden bei diesem Vorgang die langen, unter den Schutzkappen mit scharfen Spitzen versehenen Stacheln entblo?t, die sich zuckend an die Wolbung des Unterkorpers schmiegten. Bei diesen Stacheln handelte es sich zwar um die einzigen naturlichen Waffen der Gogleskaner, doch das Gift, das sie absonderten, war fur die Metabolismen samtlicher warmblutigen Sauerstoffatmer augenblicklich todlich.

Schlie?lich verstummten die jammernden Laute. „Es ist erleichternd, da? keine medizinische Untersuchung durch ein weiteres gra?lich anzusehendes, wenn auch wohlmeinendes Ungeheuer droht“, sagte Khone. „Die Erlaubnis ist hiermit erteilt, und da die Einsichtnahme in die medizinischen Unterlagen ohnehin nicht verboten werden kann, sei fur die hofliche Formulierung der Bitte gedankt. Sind vielleicht einige Hinweise erwunscht?“

„Sie waren sehr willkommen“, antwortete Lioren, wobei er dachte, da? die direkte Art der Gogleskanerin eigentlich nicht dem entsprach, was er erwartet hatte. Womoglich sprang ihre Schuchternheit bei Gesprachen nicht so deutlich ins Auge.

„Die Wesen, die diese Station besuchen, sind immer hoflich, und Unterhaltungen werden oft durch Hoflichkeit gebremst“, sagte Khone. „Falls die Neugier des Auszubildenden nicht allgemein ist, sondern sich auf einen bestimmten Punkt bezieht, ware es wahrscheinlich von Vorteil, eher die Patientin selbst als die medizinischen Aufzeichnungen zu Rate zu ziehen.“

„Ja, in der Tat“, stimmte Lioren ihr zu. „Haben Sie vielen Dank, das hei?t, das war sehr hilfsbereit, danke. Das Hauptinteresse des Auszubildenden gilt den.“

„Vermutlich wird der Auszubildende nicht nur Fragen stellen, sondern auch beantworten“, fuhr die Gogleskanerin fort. „Die Patientin ist nach gogleskanischen Ma?staben eine erfahrene Arztin und wei?, da? Mutter und Kind bei bester Gesundheit und vor korperlichen Gefahren und Krankheiten geschutzt sind. Das Erstgeborene ist zu jung, um etwas anderes als Zufriedenheit zu verspuren, doch die Mutter ist vielen verschiedenen Gefuhlen ausgesetzt, von denen das ausgepragteste Langeweile ist. Versteht der Auszubildende das?“

„Der Auszubildende versteht das und wird versuchen, diesem Zustand abzuhelfen“, antwortete Lioren, wobei er auf die nach innen gedrehten Bildschirme deutete. „Uber die Planeten und die Spezies der Foderation gibt es interessantes Bildmaterial.“

„.das scheu?liche Kreaturen zeigt, die in uberfullten Stadten wohnen“, fiel ihm Khone ins Wort. „Oder die in engem, nichtsexuellen Korperkontakt dicht im Innern von Luft- oder Bodenfahrzeugen zusammengepfercht sind. Solche und ahnlich schreckliche Bilder rufen nur Entsetzen hervor und sind keine angebrachte Kur gegen Langeweile. Wenn Kenntnisse uber die optisch abscheulichen Spezies der Foderation und ihre Brauche erworben werden sollen, mu? das langsam und immer nur durch ein Lebewesen zur Zeit geschehen.“

Um das zu vollbringen, lebte nicht mal ein Groalterri lange genug, dachte Lioren. „Gehort es sich fur den Auszubildenden nicht, als ungeladener Gast erst einmal Antworten zu geben, bevor er der Gastgeberin Fragen stellt?“

„Eine weitere uberflussige Hoflichkeitsfloskel, die trotzdem dankbare Anerkennung findet“, antwortete Khone. „Wie lautet die erste Frage des Auszubildenden?“

Offenbar gestaltete sich die ganze Angelegenheit sehr viel einfacher, als Lioren erwartet hatte. „Der Auszubildende hatte gerne Informationen uber die telepathischen Fahigkeiten der Gogleskaner und insbesondere uber die organischen Mechanismen, durch die ihre Entfaltung ermoglicht wird, sowie uber die korperlichen Ursachen fur ein mogliches Versagen dieser Fahigkeiten, einschlie?lich aller medizinischen und subjektiven Symptome, die in so einem Fall aufzutreten pflegen. Diese Informationen konnten sich bei einem anderen Patienten als hilfreich erweisen, dessen Spezies ebenfalls uber tele.“

„Nein!“ unterbrach ihn Khone mit einer solch lauten Stimme, da? ihr Kind ein aufgeregtes Pfeifen von sich gab, das Liorens Translator nicht ubersetzte. Uber einen weiten Bereich hinweg richtete sich Khones Korperbehaarung steif auf, verwob sich in einer Weise, die Lioren nicht genau sehen konnte, mit den kurzeren Strahnen des Kinds und zog es eng an den Korper der Mutter, bis das Kleine sich wieder beruhigt hatte.

„Das tut mir sehr leid“, entschuldigte sich Lioren, der in der Wut und Enttauschung uber sich selbst ganz verga?, sich unpersonlich auszudrucken. Schnell formulierte er den Satz neu. „Man bedauert den Vorfall sehr und mochte sich entschuldigen. Es hat nicht die Absicht bestanden, Ansto? zu erregen. Ware es besser, wenn sich der ungehorige Auszubildende zuruckziehen wurde?“

„Nein“, antwortete Khone erneut, dieses Mal in gedampfteren Ton. „Die Telepathie und die gogleskanische Vorgeschichte sind hochst sensible Themen. Sie sind schon fruher mit Conway, Prilicla und O'Mara besprochen worden, die zwar alle sonderbare und optisch bedrohliche Wesen sind, aber volles Vertrauen genie?en. Der Auszubildende hingegen ist nicht nur sonderbar und furchterregend, sondern der Patientin zusatzlich vollkommen unbekannt.

Die telepathischen Fahigkeiten befinden sich weniger unter bewu?ter Kontrolle, sondern funktionieren eher unwillkurlich. Sie werden durch die Anwesenheit von Fremden oder durch irgend etwas anderes in Gang gesetzt, das die Gogleskaner unterbewu?t als Bedrohung empfinden, was bei einer Spezies, die uber derma?en wenig Korperkraft verfugt, praktisch alles ist. Kann der Auszubildende die Schwierigkeit der Gogleskanerin verstehen und sich gedulden?“

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