Hellishomars riesige Muskeln kampften immer noch gegeneinander an, waren sich jedoch so ebenburtig, da? der Korper reglos blieb. „Sollten Sie tatsachlich weniger intelligent sein, als ich vermutet habe, Lioren? Haben Sie denn nicht begriffen, da? die Kleinen nicht immer und ewig die Kleinen bleiben? Um uns auf den Ubergang in das Erwachsensein vorzubereiten, treten die Eltern mit unserem Verstand behutsam in Verbindung und unterweisen uns in den gro?en Gesetzen, die dem langen Leben der Erwachsenen als Leitfaden dienen und fur alle verbindlich sind. Wir erfahren die Grunde, warum sie trotz Krankheiten und korperlichen Schmerzen danach streben, so lange wie moglich zu leben — namlich damit sie ausreichend auf den Tod vorbereitet sind. All diese Gesetze werden von Lehrern, die noch zu den Kleinen gehoren, aber bereits am Rande des Erwachsenseins stehen, in vereinfachter Form an die jungsten unter uns weitergegeben.

Ich habe geduldig darauf gewartet, da? die Eltern zu mir sprechen, weil ich alt und gro? geworden bin und mittlerweile mit Fug und Recht ein junger Elternteil hatte sein mussen“, fuhr Hellishomar fort. „Aber sie sprechen nicht zu mir. Wie ich schon erwahnt habe, gibt es in der groalterrischen Geschichte — zum Gluck — nur einige wenige Beispiele fur meine Situation, deshalb wu?te ich, da? ein langes, einsames, ungluckliches und ereignisloses Geistesleben vor mir liegt. In meiner gro?en Verzweiflung habe ich daraufhin die schwerste Sunde von allen begangen, und jetzt werden die Eltern niemals zu mir sprechen.“

Als Lioren die Tragweite dessen, was der Groalterri gerade gesagt hatte, begriff, wurde er von einer Woge des Mitgefuhls ergriffen, und gleichzeitig stieg in ihm wachsende Aufregung auf, da er kurz davor stand, Hellishomars Problem voll und ganz zu verstehen. Er erinnerte sich an Seldals Beschreibung des Gesundheitszustands des Patienten und an Hellishomars beharrliche Beteuerung, die Kleinen seien gegen Krankheiten immun. Jetzt kannte er die schwere Sunde, die Hellishomar begangen hatte, weil Lioren selbst drauf und dran gewesen war, sie zu begehen.

Er wunschte, er fande eine Moglichkeit, wie er dieses schwer geplagte Wesen trosten oder dessen innere Qualen lindern konnte, die ihm durch das Wissen bereitet wurden, inmitten der eigenen hochintelligenten Art geistig zuruckgeblieben zu sein. Das war namlich der Grund gewesen, weshalb sich Hellishomar das Leben hatte nehmen wollen.

„Wenn die Eltern normalerweise nur zu den Kiemen, die sich dem Erwachsenenalter nahern, eine geistige Verbindung aufnehmen und zu ihnen sprechen, damals aber zum erstenmal in Kontakt zu einem au?erplanetarischen Schiffskapitan getreten sind, weil sie gehofft haben, Ihre Verletzungen konnten erfolgreich behandelt werden, dann mussen Sie von ihnen au?erst geschatzt, vielleicht sogar sehr geliebt werden“, sagte er in freundlichem Ton. „Der Grund, weshalb die Eltern nicht zu Ihnen sprechen und Ihnen das sagen, ist der, da? Sie sie nicht horen konnen. Habe ich recht, Hellishomar?“

„Zu meiner Schande mu? ich gestehen, da? Sie recht haben“, bestatigte Hellishomar.

„Moglicherweise wird ihr zukunftiges Leben gar nicht einsam sein“, fuhr Lioren fort, wobei er es sorgfaltig vermied, Hellishomars andere Schande in irgendeiner Weise zu erwahnen. „Wenn die Kleinen aus Verlegenheit oder aus anderen Grunden nicht mit Ihnen sprechen und Sie die Worte der Eltern nicht horen konnen, dann gibt es andere, die liebend gern mit Ihnen reden, Ihnen zuhoren und von Ihnen lernen wollen. Die Fremdweltler wurden sich freuen, auf dem polaren Festland einen Stutzpunkt zu errichten und ihn fur Sie so gemutlich wie moglich zu gestalten. Falls die Eltern dies nicht erlauben, konnten Sie mit Kommunikationsgeraten ausgestattet werden, die den Sprechverkehr in beide Richtungen ermoglichen, der von der Umlaufbahn aus aufrechterhalten wird. Zugegebenerma?en ware das nicht so befriedigend wie der unbeschrankte telepathische Kontakt mit den Eltern, doch die Fremdweltler und Sie selbst konnten sich gegenseitig viele Fragen stellen und beantworten. Denn deren Neugier auf die Groalterri ist genauso gro? wie Ihre auf die Foderation, und sie zu stillen wird ziemlich lange dauern. Viele unserer gro?en Denker behaupten, fur ein wahrhaft intelligentes Wesen sei die Befriedigung der Neugier das hochste und bestandigste aller Vergnugen. Sie waren nicht allein, Hellishomar, und es gabe eine Fulle von Dingen, mit denen Sie Ihren Verstand beschaftigen konnten.“

Obwohl Hellishomars Muskeln immer noch angespannt waren, geriet sein Korper unter und rings um Lioren in Bewegung.

„Ihre Verbindung zu den Fremdweltlern wurde nicht nur aus blo?en Wortwechseln oder den mundlichen Fragen, Antworten und Beschreibungen bestehen, die wir beide uns gegenseitig gestellt beziehungsweise gegeben haben“, fuhr Lioren schnell fort. „Wenn Sie wieder gesund sind, wird man Ihnen Gro?bildgerate zur Verfugung stellen. Die Bilder werden dreidimensional und durchgehend farbig sein. Sie werden Ihnen nicht nur den physikalischen Aufbau der Galaxis zeigen, in der wir leben, und den winzigen Bruchteil von ihr, der von den Spezies der Foderation bewohnt wird, sondern Ihnen auch so detailliert, wie Sie wunschen, die Wissenschaften, die Kulturen und die Philosophien der vielen und vollig verschiedenen intelligenten Lebensformen vor Augen fuhren, die Mitglieder der galaktischen Foderation sind. Man konnte Vorkehrungen treffen, die es Ihnen ermoglichen, diese Lebensformen zu befragen und in optisch und akustisch realistischer Darstellung unter vielen dieser Spezies zu leben. Ihr Leben ware zwar lang, Hellishomar, aber auch reich an Eindrucken und interessant, wodurch das Fehlen des geistigen Kontakts zu den Eltern nicht so.“

„Nein!“

Wieder pfiff die rasiermesserscharfe Knochenplatte an der Spitze einer der zum Operieren verwandten Tentakel an Liorens Kopf vorbei und krachte gegen die Wandverkleidung. Durch die Uberraschung und Furcht war Lioren sowohl korperlich als auch geistig wie gelahmt, allerdings nur fur einen Sekundenbruchteil. Noch bevor der metallische Nachhall verklungen war, sprach er bereits in eindringlichem Ton mit dem hudlarischen Pfleger im Stationszimmer und wies ihn an, ihn nicht aus der Station herauszuziehen. Hatte ihn Hellishomar mit der scharfen Knochenplatte wirklich treffen wollen, ware er jetzt ein blutiger, zerstuckelter Leichnam gewesen. Muhsam zwang sich Lioren, ruhig zu sprechen.

„Bin ich Ihnen zu nahe getreten?“ erkundigte er sich vorsichtig. „Ich verstehe das nicht. Wenn niemand sonst mit Ihnen reden will, warum lehnen Sie dann den Kontakt mit der Fodera.“

„Horen Sie sofort auf, davon zu sprechen!“ schnitt ihm Hellishomar mit der lauten und monotonen Stimme von jemandem das Wort ab, der sich selbst nicht sprechen horen konnte. „Ich bin es nicht wert, und Sie verleiten mich zu einer noch gro?eren Sunde.“

Uber diese plotzliche Veranderung im Verhalten des Groalterris war Lioren zwar zutiefst verwundert, doch entschlo? er sich, uber die verbalen Au?erungen und Umstande, die letztendlich zu dieser Reaktion gefuhrt hatten, erst ein andermal ernsthafter nachzudenken. Er hoffte, das Sprechverbot bezog sich nur auf dieses eine, offenbar allzu heikle Thema, worum es sich dabei auch drehen mochte. Doch jetzt mu?te er sich entschuldigen, ohne zu wissen wofur.

„Ich habe Sie gekrankt, Hellishomar, das ist nicht meine Absicht gewesen, und es tut mir aufrichtig leid. Mit welcher Au?erung habe ich Sie verletzt? Wir konnen uber ein Thema Ihrer Wahl sprechen. Zum Beispiel uber die Arbeit des Orbit Hospitals oder uber die standige Suche des Monitorkorps nach bewohnten Planeten in den unerforschten Regionen unserer Galaxis oder uber wissenschaftliche Disziplinen, die in der Foderation ausgeubt werden und die man auf einem von Wasser bedeckten Planeten wie Groalter nicht kennt.“

Lioren brach mitten im Satz ab, da ihm Korper und Zunge gleicherma?en vor Angst erstarrten. Die rasiermesserscharfe Schneide einer Knochenplatte war auf ihn zugebraust und hatte erst Millimeter vor seinem Oberkorper und seinem Gesicht haltgemacht. Ein Stuckchen hoher, und sie hatte ihm zwei seiner Augenstiele abrasiert. Plotzlich druckte ihm die Knochenplatte mit der flachen Seite heftig gegen Kinn, Brust und Bauch und schob ihn beiseite. Hellishomars Tentakel entrollte sich weiter, bis er ganz ausgestreckt war, und die Knochenplatte wurde erst zuruckgezogen, als sie Lioren in den Eingang zum Stationszimmer gedrangt hatte.

„Offiziell habe ich nichts gehort“, sagte der diensthabende hudlarische Pfleger, nachdem er sich davon uberzeugt hatte, da? Lioren unverletzt war, „aber inoffiziell wurde ich sagen, der Patient mochte sich nicht mit Ihnen unterhalten.“

„Der Patient braucht Hilfe.“, begann Lioren.

Dann verstummte er, weil seine Gedanken den Worten weit vorauseilten. Aus dem letzten Gesprach mit Hellishomar entwickelte sich zusammen mit den Kenntnissen uber die groalterrische Zivilisation, zu denen er bereits durch Erkundigungen oder Schlu?folgerungen gelangt war, vor seinem geistigen Auge ein Bild, das mit jeder Sekunde klarer wurde. Auf einmal wu?te er, was mit und fur Hellishomar getan werden mu?te und auch mit denjenigen, die diese Aufgabe vollbringen konnten, obwohl ihm schwere moralische und ethische Bedenken kamen, die ihn sehr bedruckten. Dennoch war er sich sicher — oder zumindest so sicher, wie er es vor solch einem Vorhaben sein konnte — , da? er die Sache richtig anpacken wurde. Aber das hatte er auch schon bei einer fruheren Gelegenheit geglaubt, bei der er ebenfalls recht gehabt hatte und in seiner Selbstsicherheit stolz und

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