sich gegenseitig zerstoren wurden.

In technologischer Hinsicht machten die Kleinen solche Fortschritte, wie es ihnen in ihrer unbestandigen Umwelt moglich war. Und jeden Tag in ihrem jungen Leben versuchten sie, das animalische Wesen, das in ihnen steckte, zu bekampfen, damit sie schneller die geistige Reife der Eltern erreichten, die ihr langes Leben damit verbrachten, uber bedeutende Dinge nachzudenken, wahrend sie die Ressourcen des einzigen Planeten kontrollierten und bewahrten, den sie aufgrund ihrer gewaltigen Gro?e jemals kennenlernen konnten.

„Folglich gibt es auf Groalter zwei verschiedene Kulturen“, setzte Lioren seine Ausfuhrungen fort. „Da sind einerseits die sogenannten Kleinen, zu denen auch unser riesiger Patient gehort, und andererseits die Eltern, von denen selbst die eigenen Nachkommen nur wenig wissen.“

In ihrem ersten groalterrischen Lebensjahr wurden die Kleinen gezwungen, die Eltern zu verlassen, um von etwas alteren Nachkommen betreut und erzogen zu werden. Diese scheinbar grausame Ma?nahme war notig, um das geistig-seelische Wohlbefinden und das zukunftige Uberleben der Eltern zu garantieren, da die Kleinen von ihnen fur wenig mehr als wilde Tiere gehalten wurden, deren Denkweise und Verhalten von den Erwachsenen als unertraglich absto?end empfunden wurde.

Obwohl die Eltern die ungestumen, nur fur Unruhe sorgenden Nachkommen nicht in ihrer Nahe ertragen konnten, liebten sie diese doch von ganzem Herzen und wachten aus der Ferne uber ihr Wohlergehen.

Doch verglichen mit dem Intelligenzgrad und dem Sozialverhalten der durchschnittlichen Mitgliedspezies der Foderation war der Verstand eines kleinen Groalterri weder als primitiv noch als dumm zu bezeichnen. Viele tausend terrestrische Jahre lang, wahrend ihrer langen Wartezeit zwischen der Geburt und dem Eintritt ins Erwachsenenalter, waren sie allein fur die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technologie auf Groalterri verantwortlich gewesen. In dieser Zeit kam es zwischen ihnen und den Eltern zu keinerlei Kommunikation, und die korperlichen Kontakte waren unglaublich gewaltsam und ausschlie?lich auf chirurgische Eingriffe beschrankt, die darauf abzielten, das Leben der Eltern zu verlangern.

„Dieses Verhalten liegt au?erhalb meines Erfahrungsbereichs“, fuhr Lioren fort. „Offensichtlich schatzen die Kleinen die Eltern. Sie respektieren sie, gehorchen ihnen und versuchen, ihnen so gut wie moglich zu helfen, doch die Eltern reagieren darauf auf keine andere Weise, als sich hin und wieder widerwillig einer Operation durch einen Kleinen zu unterziehen.

Die Kleinen bedienen sich gesprochener und geschriebener Sprache, wohingegen die Eltern uber gro?e, aber nicht genau angegebene Geisteskrafte verfugen sollen, zu denen auch weitreichende Telepathie gehort. Diese Fahigkeit setzen sie zum Gedankenaustausch untereinander und zur Uberwachung und zur Erhaltung samtlicher nichtintelligenter Lebewesen im groalterrischen Meer ein. Aus irgendeinem Grund wollen sie sich ihrer telepathischen Krafte nicht bedienen, um sich mit ihren eigenen Nachkommen zu unterhalten oder, was das betrifft, mit den Kontaktspezialisten des Monitorkorps, die sich gegenwartig in der Umlaufbahn um ihren Planeten befinden.

Ein solches Verhalten ist noch nie dagewesen und geht uber mein Verstandnis“, schlo? Lioren hilflos.

O'Mara entblo?te die Zahne. „Es geht uber Ihr gegenwartiges Verstandnis. Dennoch ist Ihr Bericht fur mich von gro?em Interesse und fur die Kontaktspezialisten von noch betrachtlicherem Wert. Jetzt wissen wir zumindest etwas uber die Groalterri, und das Korps wird seinem ehemaligen Oberstabsarzt dankbar und mit ihm zufrieden sein. Ich hingegen bin zwar beeindruckt, aber keineswegs zufrieden, weil der Bericht des rangniedrigsten Mitarbeiters meiner Abteilung, des Auszubildenden Lioren, weit davon entfernt ist, vollstandig zu sein. Sie versuchen namlich nach wie vor, wichtige Informationen vor mir zu verheimlichen.“

Zweifellos konnte der Chefpsychologe den Gesichtsausdruck und Tonfall bei einem Tarlaner sehr viel besser deuten als Lioren umgekehrt bei einem Terrestrier, der nun zur Abwechslung schwieg.

„Ich mochte Sie daran erinnern, da? es sich bei Hellishomar um einen Patienten handelt und diesem Hospital, zu dem nicht nur Sie, sondern auch Seldal und ich gehoren, die Verantwortung dafur ubertragen worden ist, sein gesundheitliches Problem zu losen“, sagte O'Mara mit lauterer Stimme. „Zweifellos hat Seldal geahnt, da? dieses klinische Problem auch eine psychologische Komponente haben konnte. Er hat Sie gebeten, mit dem Patienten zu sprechen, da er die Erfolge Ihrer Gesprache mit Mannon gesehen hat und ihm klar gewesen ist, da? er sich nicht offiziell an mich wenden konnte, weil diese Abteilung nur fur das psychische Wohlbefinden des Personals verantwortlich ist. Zwar mag das Orbit Hospital keine psychiatrische Klinik sein, doch handelt es sich bei diesem Hellishomar um einen sehr speziellen Fall. Schlie?lich ist er der erste Groalterri, mit dem wir, oder genauer gesagt, mit dem Sie jemals gesprochen haben. Ich mochte ihm genauso helfen wie Sie, und mit dem Herumdoktern an den Denkweisen fremder Spezies verfuge ich uber gro?ere Erfahrung als Sie. Mein Interesse an dem Fall ist rein beruflich, ebenso wie meine Neugier auf alle personlichen Informationen, die er Ihnen vielleicht verraten hat — Informationen, die ich ausschlie?lich zu therapeutischen Zwecken benutzen und uber die ich mit niemandem sprechen werde. Konnen Sie meinen Standpunkt verstehen?“

„Ja“, antwortete Lioren.

„Na schon“, sagte O'Mara, als klar wurde, da? Lioren ansonsten nichts hinzufugen wollte. „Wenn Sie schon zu dumm und aufsassig sind, um auf den Wunsch eines Vorgesetzten einzugehen, dann sind Sie vielleicht wenigstens intelligent genug, Vorschlage anzunehmen. Fragen Sie den Patienten, wie er sich die Verletzungen zugezogen hat, falls Sie das nicht schon getan haben und mir die Antworten verheimlichen. Und fragen Sie Hellishomar, ob er es selbst gewesen ist oder jemand anders, der das Schweigen der Groalterri gebrochen hat, um medizinische Hilfe zu erbitten. Den Kontaktspezialisten sind die Umstande des Notrufs ein Ratsel, und sie wunschen, daruber aufgeklart zu werden.“

„Ich habe bereits versucht, ihm diese Fragen zu stellen“, sagte Lioren. „Aber der Patient ist in Erregung geraten und hat mir lediglich zu verstehen gegeben, er personlich habe nicht um Hilfe gebeten.“

„Was genau hat er denn gesagt?“ hakte O'Mara schnell nach. „Wie lauteten seine Worte?“

Lioren schwieg.

Der Chefpsychologe stie? einen kurzen unubersetzbaren Laut aus und lehnte sich im Sessel zuruck. „Der Auftrag, den Sie bezuglich Seldal erhalten haben, ist an sich nicht wichtig, aber die Einschrankungen, die Ihnen auferlegt worden sind, waren das ganz bestimmt. Mir ist von vornherein klar gewesen, da? Sie sich alle Patienten von Seldal wurden vornehmen mussen, um Erkundigungen einzuziehen, und auch, da? es sich bei einem der Patienten um Mannon gehandelt hat. Indem ich Sie beide zusammengebracht habe — den Patienten, der vor seinem Tod emotionale Qualen leidet und jeglichen Kontakt mit Freunden und Kollegen verweigert, und einen Tarlaner, gegen dessen Probleme Mannons wirklich unbedeutend aussehen — , hatte ich gehofft, er wurde sich wenigstens so weit offnen, da? ich ihm moglicherweise seelischen Beistand leisten konnte. Ohne ein weiteres Eingreifen meinerseits haben Sie Erfolge erzielt, die viel gro?er sind, als ich es mir hatte traumen lassen, und ich bin Ihnen wirklich dankbar. Meine Dankbarkeit und die Geringfugigkeit der Angelegenheit haben es mir gestattet, Ihre lastige Aufsassigkeit zu ubersehen, doch diesmal liegen die Dinge anders.

Da? Sie mit dem Groalterri sprechen sollten, war Seldals Idee, nicht meine, und ich habe erst hinterher davon erfahren“, fuhr O'Mara fort. „Bisher wei? ich nichts von dem, was Sie beide miteinander gesprochen haben, und ich will jetzt alles wissen. Der Inhalt Ihrer Gesprache ist namlich auch fur eine Erstkontaktsituation mit einer Spezies von Bedeutung, die nicht nur hochintelligent ist, sondern bis jetzt auch tiefstes Schweigen bewahrt. Doch Sie haben es geschafft, sich mit einem Mitglied dieser Spezies zu unterhalten, und haben aus irgendeinem Grund in ein paar Tagen mehr erreicht als das Monitorkorps in genauso vielen Jahren. Ich bin beeindruckt, und das wird man beim Korps auch sein. Dennoch mussen Sie endlich einsehen, da? es dumm und geradezu kriminell ist, Informationen zuruckzuhalten, die — egal, welcher Art sie sind — helfen konnten, den Kontakt auszuweiten.

Verdammt noch mal, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt fur moralische Spielchen“, schlo? O'Mara mit leiserer Stimme. „Dafur ist das Ganze viel zu wichtig, finden Sie nicht auch?“

„Bei allem Respekt, aber ich.“, begann Lioren, als ihn O'Mara mit einer plotzlichen Handbewegung zum Schweigen brachte.

„Das hei?t also ??„nein““, sagte der Chefpsychologe verargert. „Vergessen Sie diese ganzen Hoflichkeitsfloskeln. Also, warum stimmen Sie dem nicht zu, Lioren?“

„Weil ich nicht die Erlaubnis erhalten habe, diese Art von Informationen weiterzugeben, und weil ich es fur wichtig halte, mich weiterhin den Wunschen des Patienten gema? zu verhalten“, antwortete Lioren prompt.

„Hellishomars Bereitschaft, Auskunfte uber Groalter zu erteilen, nimmt zu, zumindest was solche Angaben betrifft, die allgemein bekannt gemacht werden durfen. Hatte ich nicht von Anfang das in mich gesetzte Vertrauen erfullt, hatten wir wahrscheinlich uberhaupt keine Information irgendwelcher Art von ihm erhalten. Ich werde noch viel mehr Einzelheiten uber die Groalterri erfahren, aber nur, wenn Sie und das Korps Geduld haben und ich

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