Schweigen bewahre, bis mir der Patient ausdrucklich andere Anweisung gibt. Wenn ich Hellishomars Vertrauen breche, wird der Informationsflu? versiegen.“

Wahrend Liorens Erklarung hatte O'Maras Gesichtsfarbe wieder einen dunklen Rosaton angenommen. Im Bemuhen, das abzuwenden, was nach seinen Erfahrungen ein starkerer Gefuhlsausbruch zu werden versprach, fuhr Lioren fort: „Fur mein aufsassiges Verhalten mochte ich mich bei Ihnen entschuldigen, aber mein fortgesetzter Ungehorsam ist weniger auf einen Mangel an Respekt zuruckzufuhren, sondern wird mir vielmehr vom Patienten aufgezwungen. Das ist Ihnen gegenuber au?erst unfair, Sir, weil Sie dem Patienten nur helfen wollen. Auch wenn ich es nicht verdient habe, ware mir jede Hilfe oder jeder Ratschlag willkommen, die oder den Sie mir zu geben bereit sind.“

Unter O'Maras starrem ungeruhrten Blick wurde Lioren recht unbehaglich zumute. Er hatte das Gefuhl, die Augen des Majors konnten ihm direkt in den Kopf blicken und jeden einzelnen Gedanken darin lesen. Das war naturlich unsinnig, weil die terrestrischen DBDGs nicht zu den telepathischen Spezies gehorten. Die Gesichtsfarbe des Chefpsychologen war zwar wieder etwas heller geworden, doch ansonsten zeigte er keinerlei Reaktion.

„Als ich vorhin gesagt habe, das Verhalten des Groalterris gehe uber mein Verstandnis hinaus, da haben Sie mich berichtigt, indem Sie anfuhrten, da? das Verhalten lediglich uber mein gegenwartiges Verstandnis hinausgehe“, sagte Lioren. „Wollten Sie damit andeuten, da? es eine solche Situation schon einmal gegeben hat?“

Inzwischen hatte O'Maras Gesicht wieder die normale Farbe angenommen. Kurz entblo?te er die Zahne. „Die hat es sogar schon haufig gegeben, fast immer dann, wenn die Foderation eine neue Spezies entdeckt, doch Sie haben zu sehr in der Situation dringesteckt, um sie auch von au?en zu sehen. Denken Sie bitte mal an die Folge von Ereignissen, die sich beim Wachstum eines Embryos zwischen dem Zeitpunkt der Empfangnis und der Geburt abspielt, obwohl ich diese Vorkommnisse aus naheliegenden Grunden so beschreiben werde, wie sie bei meiner eigenen Spezies ablaufen.“

Der Chefpsychologe faltete locker die Hande auf dem Schreibtisch und nahm die ruhige, sachliche Haltung eines Vortragenden an. „Die Wachstumsveranderungen des Embryos im Mutterleib folgen ziemlich genau der evohjtionsgeschichtlichen Entwicklung der Spezies insgesamt, wenn auch in einem kurzeren Zeitraum. Das Ungeborene beginnt als ein blinder und primitiver Wasserbewohner ohne Gliedma?en, der in einem Meer aus Fruchtwasser treibt, und endet als kleines, korperlich hilfloses und dummes Ebenbild eines Erwachsenen, verfugt jedoch uber einen Verstand, der dem seiner Eltern in relativ kurzer Zeit ebenburtig oder uberlegen ist. Auf der Erde ist der evolutionsgeschichtliche Weg, der zum vierbeinigen Landlebewesen gefuhrt hat, aus dem schlie?lich das denkende Wesen namens ??„Mensch“ geworden ist, sehr lang gewesen. Zudem hat er viele fruchtlose Abzweigungen genommen, die auf Lebensformen hinausgelaufen sind, die zwar eine ahnliche Gestalt wie der Mensch gehabt haben, nicht aber seine Intelligenz.“

„Ich verstehe“, warf Lioren ein. „Auf Tarla war das auch so. Aber welche Rolle spielt das fur diesen Fall?“

„Auf der Erde wie auch auf Tarla hat es in der Entwicklung zu einer vollkommen intelligenten, sich selbst bewu?ten Lebensform ein Zwischenstadium gegeben“, fuhr O'Mara fort, ohne auf Liorens Zwischenfrage einzugehen. „Auf unserem Planeten haben wir den weniger intelligenten Altmenschen ??„Neandertaler“ genannt und die Form, die durch Gewalt an seine Stelle getreten ist, den ??„Cromagnontypus“. Zwar haben zwischen den beiden geringe korperliche Abweichungen bestanden, doch der entscheidende Unterschied war nicht sichtbar. Obwohl der Cromagnontypus erst wenig mehr als ein wildes Tier war, besa? er das, was als der ??„neue Verstand“ bezeichnet wird, jene Art von Verstand, die es Zivilisationen ermoglicht, zu wachsen und zu gedeihen und nicht nur eine Welt zu bereisen, sondern viele. Hatte der Cromagnontypus versuchen sollen, den Neandertaler uber dessen Lernfahigkeit hinaus zu unterrichten, oder hatte er ihn einfach in Ruhe lassen sollen? Die Ureinwohner haben in der Vergangenheit auf der Erde mit den sogenannten zivilisierten Menschen viele unheilvolle Erfahrungen gemacht.“

Zuerst verstand Lioren nicht, warum O'Mara in solch allzu stark vereinfachten Gemeinplatzen sprach, doch auf einmal erkannte er, worauf der Major hinauswollte.

„Wenn wir zur Ahnlichkeit zwischen der pranatalen Entwicklung des Embryos und der vorgeschichtlichen Evolution zuruckkehren und davon ausgehen, da? die Schwangerschaftsperiode der Groalterri im proportionalen Verhaltnis zu ihrer Lebensspanne steht, ist es dann nicht moglich, da? die FLSUs diese fruhere Entwicklungsstufe, auf der die Intelligenz geringer gewesen ist, ebenfalls durchlaufen haben?“ setzte der Chefpsychologe seine Ausfuhrungen fort. „Nehmen wir jedoch zusatzlich an, die jungen Nachkommen der FLSUs durchlaufen diese Phase nicht vor, sondern nach ihrer Geburt. Das wurde bedeuten, die Kleinen gehoren in der Zeit von der Geburt bis zur Vorpubertat vorubergehend einer anderen Spezies an als ihre Eltern, einer Spezies, die von den erwachsenen FLSUs fur wild und grausam gehalten wird und der sie — relativ gesehen — nur geringe Intelligenz und verminderte Sensitivitat zugestehen. Doch bei diesen jungen und wilden Groalterri handelt es sich um die hei?geliebten Nachkommen dieser Eltern.“

Erneut entblo?te O'Mara die Zahne. „Die hochintelligenten und au?erst empfindlichen Eltern gehen den Kleinen so oft wie moglich aus dem Weg, weil der telepathische Kontakt mit derart jungen und aus ihrer Sicht unterentwickelten Gehirnen vermutlich uberaus unangenehm ware. Wahrscheinlich ist auch, da? die Eltern deshalb nicht in telepathischen Kontakt mit den Kleinen treten, da die Gefahr bestunde, den jungen Verstand zu schadigen und die spatere philosophische Entwicklung der Nachkommen dadurch zu hemmen, da? die jungen Groalterri unterwiesen werden, bevor ihre unreifen Gehirne physiologisch genugend entwickelt sind, um die Lehren der Erwachsenen zu verstehen.

Hierbei handelte es sich um jenes Verhalten, das wir von einem liebenden und verantwortungsbewu?ten Elternteil erwarten.“

Lioren wandte dem altlichen Terrestrier samtliche Augen zu und versuchte vergeblich, respektvolle und bewundernde Worte zu finden, die dem Anla? gerecht geworden waren. Schlie?lich sagte er: „Ihre Au?erungen sind keine blo?en Vermutungen. Ich glaube, sie entsprechen in allen wesentlichen Punkten genau den Tatsachen. Diese Informationen werden mir sehr helfen, Hellishomars emotionale Qualen besser zu verstehen. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, Sir.“

„Es gabe da eine Moglichkeit, wie Sie mir Ihre Dankbarkeit beweisen konnten“, entgegnete O'Mara.

Lioren schwieg.

O'Mara schuttelte den Kopf und blickte an Lioren vorbei auf die Burotur. „Bevor Sie gehen, gibt es noch etwas, das Sie wissen sollten, Lioren. Au?erdem mochten wir, da? Sie dem Patienten eine bestimmte Frage stellen. Wer hat fur ihn um medizinische Hilfe gebeten und wie? Die normalen Funkfrequenzen sind nicht benutzt worden, und Telepathie soll, da sie sozusagen von einem organischen, ungerichteten Sender mit ganz geringer Leistung stammt, auf Entfernungen von uber ein paar hundert Metern angeblich nicht moglich sein. Au?erdem verursacht es einem Nichttelepathen gro?es geistiges Unbehagen, wenn ein Telepath versucht, die Verstandigung mit ihm zu erzwingen.

Doch die Sache ist die, da? Captain Stillson, der Kommandant des Kontaktschiffs, das sich gegenwartig auf der Umlaufbahn um Groalter befindet, davon berichtet hat, genau solch einen eigenartigen Eindruck gehabt zu haben“, fuhr der Chefpsychologe fort. „Er ist das einzige Besatzungsmitglied, das von diesem Gefuhl ergriffen wurde, und er hegte den Verdacht, auf der Planetenoberflache stimme irgend etwas nicht. Bis dahin hatte niemand auch nur mit dem Gedanken gespielt, ohne Erlaubnis der Planetenbewohner auf Groalter zu landen. Doch Stillson flog mit seinem Schiff haargenau zu der Stelle hinunter, wo der verletzte Helishomar auf Rettung wartete, und leitete unverzuglich den Transport des Patienten zum Orbit Hospital in die Wege, und das alles nur, weil er den uberwaltigenden Eindruck hatte, diese Ma?nahmen ergreifen zu mussen. Der Captain beteuert, zu keiner Zeit unter irgendeinem au?eren Einflu? gestanden oder auch nur eine Sekunde lang die Kontrolle uber den eigenen Verstand verloren zu haben.“

Lioren versuchte noch, diese Neuigkeiten zu verdauen, und fragte sich, ob er sie an den Patienten weitergeben sollte oder nicht, als O'Mara schon fortfuhr.

„Was die geistigen Fahigkeiten der erwachsenen Groalterri betrifft, gibt mir das schon zu denken“, sagte er mit einer so leisen Stimme, da? es sich durchaus um ein Selbstgesprach hatte handeln konnen. „Falls sie, wie es jetzt erwiesen scheint, mit ihren eigenen Nachkommen nicht kommunizieren, weil die Gefahr besteht, die spatere geistige und philosophische Entwicklung der Kleinen zu hemmen, dann mu? das gleichzeitig der Grund sein, weshalb sie jeden Kontakt mit den vermeintlich fortschrittlichen Zivilisationen der Foderation ablehnen.“

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