O'Mara verstummte und streckte, den Blick nach wie vor direkt auf Lioren gerichtet, eine Hand nach dem Kommunikator auf dem Schreibtisch aus. „Braithwaite, verlegen Sie die heutigen Verabredungen auf heute abend oder morgen fruh. Gehen Sie aber diplomatisch vor; schlie?lich handelt es sich bei Edanelt, Cresk-Sar und Nestrommli um Chefarzte. Fur die nachsten drei Stunden bin ich nicht hier.

Und jetzt, Lioren, rede ich, und Sie horen zu.“

24. Kapitel

„Die Umbauten an der Station, die fur die Durchfuhrung dieser Operation erforderlich sind, werden noch in dieser Stunde abgeschlossen sein, und das chirurgische Team halt sich schon bereit“, sagte Diagnostiker Conway laut genug zu Hellishomar, um uber dem metallischen Larm gewaltiger Ausrustungsgegenstande, die an ihren Platz gebracht und an denen letzte Funktionskontrollen vorgenommen wurden, und den rufenden Stimmen hinweg verstanden zu werden. „Doch jede Untersuchung des Schadels bei einer neu entdeckten intelligenten Lebensform — und insbesondere bei einer Gro?lebensform wie Sie selbst — mu? zwangslaufig eine Erforschung des Unbekannten darstellen und stellt einen hohen Risikofaktor dar. Aus anatomischen und medizinischen Grunden, namlich aufgrund Ihrer schieren Korpergro?e und Ihres Metabolismus, wird jegliche Einschatzung der benotigten Medikamentenmenge zur blo?en Raterei, so da? wir die Operation ohne Narkotika durchfuhren mussen.

Da solch ein Eingriff im vollkommenen Gegensatz zum ublichen Verfahren steht“, fuhr Conway in einem Ton fort, der alles andere als selbstsicher wirkte, „mussen sich Chefpsychologe O'Mara und ich davon uberzeugen, da? es eher die psychologischen als die medizinischen Vorbereitungen sind, die wir abgeschlossen haben.“

Hellishomar sagte nichts. Wahrscheinlich hatte der Groalterri keine Ahnung von der lastigen Angewohnheit der Terrestrier, Fragen in Form von Aussagen zu stellen.

Bevor er fortfuhr, warf Conway einen raschen Blick auf die riesigen Offnungen, die man ringsum in Boden, Decke und Wande geschnitten hatte, und auf die stark versteiften Trager fur die Traktor- und Pressorstrahlenprojektoren, die uber sie hinausragten. „Es ist unbedingt erforderlich, da? Sie sich wahrend der Operation nicht bewegen, und Sie haben uns ja mehrmals versichert, da? Sie ruhig bleiben werden. Doch wenn man die Starke der Schmerzen, die beim Eingriff verursacht werden, nicht kennt, und au?erdem die Gefahr besteht, da? unsere Instrumente die Fortbewegungsmuskulatur stimulieren, wodurch unwillkurliche Korperbewegungen hervorgerufen werden konnten, ist das, bei allem Respekt, von einem Patienten, der bei vollem Bewu?tsein ist, zu viel verlangt. Deshalb werden wir Sie durch den Einsatz breit gefacherter Traktor- und Pressorstrahlen vollkommen bewegungsunfahig machen, auch wenn das vielleicht, wie Sie uns versichert haben, gar nicht notig ist.“

Einen Augenblick lang schwieg Hellishomar; dann sagte er: „Unter Betaubung werden von groalterrischen Messerheilern ohnehin keine Eingriffe vorgenommen, deshalb wurde ich weder Ihre Vorgehensweise als anomal betrachten noch die Beschwerden, die mit dem wichtigen Zugangseinschnitt zusammenhangen. Au?erdem haben Seldal, Lioren und Sie selbst mir versichert, bei den meisten Lebensformen, mit denen Sie medizinische Erfahrung haben, tiefe Eingriffe im Schadelbereich vornehmen zu konnen, ohne Beschwerden zu verursachen, da der durch die Dicke der Schadeldecke gewahrte Schutz den Einsatz von Schmerzsensoren im Gehirn selbst uberflussig macht.“

„Das stimmt“, bestatigte Conway. „Doch die groalterrische Lebensform ist anders als alle anderen Spezies, mit denen das Orbit Hospital Erfahrung hat, darum ist nicht sicher, ob diese Umstande auch fur Sie gelten.

Ein weiterer und wichtigerer Grund, weshalb wir keine Betaubungsmittel einsetzen, ist der, da? wir gezwungen sind, Sie wahrend der Operation von Zeit zu Zeit um einen Bericht uber die subjektiven Auswirkungen unseres Eingriffs zu bitten“, fuhr der Diagnostiker fort, bevor Hellishomar etwas sagen konnte. „Die hohe Strahlungsstarke des Scanners, die wir benotigen, um den Schadel zu durchdringen und das Innere zu erfassen und graphisch darzustellen, wird sich, auch wenn sie an sich harmlos ist, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die dortigen Nervennetze auswirken und zu einem.“

„All das hat mir bereits Lioren erklart“, unterbrach ihn Hellishomar plotzlich.

„Und ich erklare es Ihnen noch einmal, weil ich die Operation durchfuhre und mir absolut sicher sein mu?, da? sich der Patient aller Risiken voll und ganz bewu?t ist“, entgegnete Conway. „Ist das bei Ihnen der Fall?“

„Ja.“

„Na gut“, gab Conway nach. „Gibt es sonst noch etwas, das Sie uber den Eingriff wissen wollen? Oder irgend etwas, das Sie sagen oder tun mochten, wozu auch durchaus gehoren konnte, da? Sie Ihre Meinung andern und die Operation lieber ganz absagen wollen? Denn das konnten Sie immer noch tun, ohne in unseren Augen an Selbstachtung zu verlieren. Offen gesagt, wurde ich das sogar fur eine kluge Entscheidung halten.“

„Ich habe zwei Bitten“, antwortete Hellishomar prompt. „Bald werde ich die erste Schadeloperation erleben, die jemals an einem Mitglied meiner Spezies vorgenommen worden ist. Sowohl als Messerheiler als auch als Patient bin ich an dem Eingriff hochst interessiert, und ich ware Ihnen dankbar, wenn Sie mir wahrend der Operation uber einen Kanal des Translators Ihre Ma?nahmen und die Grunde dafur beschreiben wurden. Auf einem anderen Kanal werde ich mich gleichzeitig vielleicht mit Lioren unterhalten mussen, aber in vertraulichem Rahmen. Falls dieses Gesprach notwendig wird, darf niemand im Hospital unseren Wortwechsel mithoren. Das ist meine zweite und wichtigere Bedingung.“

Sowohl der Diagnostiker als auch der Chefpsychologe wandten sich um und blickten Lioren an. Er hatte die beiden bereits vorgewarnt, da? Hellishomar einen derartigen Wunsch au?ern und sich keineswegs mit einer abschlagigen Antwort abfinden wurde.

In beruhigendem Ton sagte Conway: „Ich beabsichtige ohnehin, alle operativen Ma?nahmen zu kommentieren und Bild und Ton fur Ausbildungszwecke aufzuzeichnen, deshalb gibt es keinen Grund, weshalb Sie das nicht mithoren sollten. Eine zweite Sprechverbindung konnen wir Ihnen ebenfalls zur Verfugung stellen, allerdings werden Sie die nicht selbst kontrollieren konnen, weil Ihre Greiforgane fur den Betatigungsmechanismus zu gro? sind. Ich schlage vor, beide Kanale von Lioren steuern zu lassen und allen vertraulichen Mitteilungen, die Sie Lioren zu machen haben, seinen Namen voranzustellen, damit dann alle anderen von dem Gesprach ausgeschlossen werden konnen. Ware das eine zufriedenstellende Losung?“

Hellishomar antwortete nicht.

„Da? die Intimsphare fur Sie in solchen Momenten von gro?er Bedeutung sein kann, verstehen wir“, mischte sich plotzlich O'Mara ein, wobei er auf eins der gewaltigen geschlossenen Augen des Patienten blickte. „Als Chefpsychologe dieser Einrichtung besitze ich praktisch die Machtbefugnis eines Elternteils. Ich kann Ihnen versichern, Hellishomar, da? Ihre zweite Sprechverbindung privat und abhorsicher sein wird.“

Die Neugier des Chefpsychologen auf das, woruber Hellishomar und Lioren gesprochen hatten und noch sprechen wurden, war einerseits personlich, andererseits berufich, vor allem aber ungeheuer gro?. Doch selbst wenn in O'Maras Stimme Enttauschung mitgeschwungen hatte, war sie in der Ubersetzung durch den Translator verlorengegangen.

„Dann ware es mir lieb, wenn es jetzt mit moglichst wenig Verzogerung weitergehen wurde, damit ich letztendlich nicht doch noch Diagnostiker Conways guten Rat befolge und meine Meinung andere“, drangte Hellishomar.

„Doktor Prilicla, was meinen Sie dazu?“ erkundigte sich Conway leise.

„Die emotionale Ausstrahlung von Freund Hellishomar bestatigt seinen Entschlu?, endlich fortzufahren, voll und ganz“, antwortete der Empath, der sich zum erstenmal am Gesprach beteiligte. „Unter diesen Umstanden ist seine Ungeduld naturlich, und der Ausdruck des Zweifels an sich selbst ist vielleicht eher als indirekter Scherz und weniger als Unschlussigkeit zu verstehen. Der Patient ist bereit.“

Eine starke Woge der Erleichterung brach uber Lioren herein, die so heftig war, da? er sehen konnte, wie auch Prilicla davon ergriffen wurde. Doch das Zittern des Empathen war langsam und regelma?ig und den Bewegungen eines wurdevollen Tanzes vergleichbar — der Beweis dafur, da? die emotionale Ausstrahlung angenehm und nicht schmerzhaft war. Obwohl der Cinrussker von O'Mara in jeder Phase beraten worden war, hatte er funf Tage und fast genauso viele Nachte lang Argumente vorbringen mussen, die manchmal genau durchdacht, dann aber auch wieder rein emotional gewesen waren, um Hellishomars Zustimmung zur Operation zu bekommen. Erst jetzt wu?te Lioren, da? der Chefpsychologe Erfolg damit gehabt hatte.

„Na gut“, sagte Conway. „Falls das Team bereit ist, fangen wir an. Doktor Seldal, ich ware Ihnen sehr

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