hangen oder sich zusammenzurollen. Als Angehoriger einer Spezies, die es vorzog, auf sechs Beinen stehend zu arbeiten, zu essen, zu schlafen und auch alle ubrigen Tatigkeiten zu verrichten — es sei denn, da? der gesellschaftliche Umgang mit anderen Lebensformen unbedingt erforderte, gleiche Augenhohe einzuhalten — interessierte Gurronsevas dieser Teil der Buroausstattung nur wenig. Deshalb stolzierte er schnurstracks voran und blieb auf der freien Flache vor dem drehbaren Schreibtisch stehen, hinter dem dieses Wesen mit den nur schwer zu bestimmenden Machtbefugnissen, jener O’Mara also, sa?.

Gurronsevas richtete samtliche Augen auf den Major, sagte jedoch keinen Ton; schlie?lich wu?te O’Mara, wer vor ihm stand, und deshalb hielt er es fur uberflussig, sich vorzustellen. Au?erdem wollte er, auch auf die Gefahr hin, ein wenig aufsassig oder unhoflich zu wirken, von Anfang an klarstellen, da? es sich bei ihm um einen willensstarken Tralthaner handelte, der sich keine unnotige Unterhaltung aufzwingen lie?.

Nach terrestrischer Zahlung der Lebensjahre schien der Major alt zu sein, auch wenn die Kopfbehaarung und die sichelformigen Haarbuschel, die seine Augen beschatteten, eher grau als wei? waren. Der Chefpsychologe des Orbit Hospitals verzog keine Miene, und auch die beiden Hande, die auf der Schreibtischplatte lagen, blieben reglos, wahrend er Gurronsevas’ starren Blick erwiderte. Das Schweigen zog sich in die Lange, bis der Major plotzlich mit dem Kopf nickte, und als er schlie?lich sprach, nannte er weder Gurronsevas’ Namen noch den eigenen.

Schweigend hatten sie eine kurze Zeit lang miteinander gewetteifert, wer von ihnen den starkeren Willen besa?, doch wenngleich O’Mara nun das Wort ergriff, war sich Gurronsevas keinesfalls sicher, wer aus diesem kleinen Wettstreit letztendlich als Sieger hervorgegangen war.

„Zunachst einmal mu? ich Sie am Orbit Hospital willkommen hei?en“, begru?te ihn O’Mara und lie? dabei nicht ein einziges Mal die dunnen Hautlappen hinunterklappen, die seine Augen schutzten und feucht hielten. „Uns beiden ist klar, da? diese Worte nichts weiter als eine hofliche Floskel darstellen, da Sie weder auf Wunsch des Hospitals noch aufgrund einer ungewohnlich hohen medizinischen oder technischen Begabung hierhergekommen sind. Vielmehr stehen Sie jetzt vor mir, weil irgend jemand in der medizinischen Verwaltung der Foderation einen plotzlichen Geistesblitz hatte und Sie hierhergeschickt hat, wobei es dieser gewisse Jemand uns uberla?t, nun herauszufinden, ob diese Idee brauchbar ist oder nicht. Ist das eine einigerma?en richtige Zusammenfassung der Umstande?“

„Nein“, widersprach Gurronsevas. „Ich bin nicht hierhergeschickt worden, sondern habe mich freiwillig gemeldet.“

„Das ist eine blo?e Spitzfindigkeit und wahrscheinlich ein Irrtum Ihrerseits“, erwiderte O’Mara. „Warum wollten Sie denn herkommen? Und bitte wiederholen Sie nicht die Angaben, die Sie in Ihrer ursprunglichen Bewerbung gemacht haben. Die ist zwar lang, sehr ausfuhrlich, au?erst beeindruckend und wahrscheinlich auch zutreffend, aber die in dieser Art von Schriftstucken angefuhrten Fakten sind sehr oft zugunsten des Bewerbers geschont. Damit will ich keineswegs behaupten, es seien vorsatzlich Fakten gefalscht worden, sondern nur, da? eine Spur freie Erfindung eingeflossen ist. Sie haben bisher noch keine Erfahrungen im Krankenhausbereich gesammelt, oder?“

„Sie wissen genau, da? ich uber keine solchen Erfahrungen verfuge“, antwortete Gurronsevas, wobei er dem Drang widerstand, argerlich mit den Fu?en aufzustampfen. „Das betrachte ich keineswegs als Hindernis fur die Verrichtung meiner Aufgaben.“

O’Mara nickte. „Aber sagen Sie mir doch bitte — in so wenig Worten wie moglich—, ob Sie hier uberhaupt arbeiten wollten.“

„Ich arbeite nicht“, entgegnete Gurronsevas, wahrend er zwei seiner Fu?e hob und mit genugend Wucht wieder aufsetzte, um die auf dem Boden stehenden Buromobel zum Wackeln zu bringen. „Ich bin weder Handwerker noch Techniker, ich bin Kunstler.“

„Ich bitte vielmals um Verzeihung“, entschuldigte sich O’Mara mit einer Stimme, die vollkommen frei von Reue zu sein schien. „Was hat Sie denn dazu bewegen, ausgerechnet dieses Hospital mit Ihrer Kunst zu beehren?“

„Weil es fur mich eine Herausforderung darstellt“, antwortete Gurronsevas grimmig. „Vielleicht sogar die gro?te Herausforderung uberhaupt, zumal es sich beim Orbit Hospital um das gro?te und beste Krankenhaus im Universum handelt. Das soll keinesfalls ein plumper Versuch sein, Ihnen oder Ihrem Krankenhaus zu schmeicheln, sondern ist eine uberall anerkannte Tatsache.“

O’Mara neigte ein wenig den Kopf. „Da haben Sie allerdings recht, und diese Tatsache hat sich sogar bis zu den Mitarbeitern unseres Hospitals herumgesprochen. Trotzdem bin ich froh, da? Sie nicht versucht haben, mir zu schmeicheln, denn das funktioniert nicht, ob nun auf plumpe Weise oder hintenherum. Ich kann mir auch kaum einen Anla? vorstellen, weshalb ich jemand anderem Honig um den Bart schmieren sollte, obwohl man mir nachsagt, ich hatte mich bei der einen oder anderen Gelegenheit durchaus schon einmal dazu herabgelassen, anderen gegenuber mehr Hoflichkeit an den Tag gelegt zu haben, als unbedingt notwendig gewesen ware. Verstehen wir uns?

Na prima. So, und von nun an sollten Sie sich bei der Beantwortung meiner Fragen ein bi?chen weniger wortkarg geben“, fuhr er fort, bevor Gurronsevas uberhaupt etwas entgegnen konnte. „Was hat Sie an diesem medizinischen Tollhaus so gereizt? Wieso haben Sie sich entschlossen hierherzukommen? Und welchen Einflu? haben Sie selbst darauf gehabt, da? es Ihnen gelungen ist, die Sache zu deichseln? Sind Sie mit Ihrer vorigen Arbeitsstelle oder Ihren bisherigen Vorgesetzten unzufrieden gewesen oder Ihre Vorgesetzten mit Ihnen vielleicht?“

„Naturlich nicht!“ protestierte Gurronsevas. „Bisher war ich im Cromingan-Shesk in Retlin auf Nidia tatig, dem gro?ten und hochstgelobten Hotel und Restaurant fur viele verschiedene Spezies in der Foderation. Man hat mich dort sehr gut behandelt. Ware das nicht der Fall gewesen, hatten sich sofort mehrere Restaurationsbetriebe darum geschlagen, mich zu gewinnen. Eigentlich bin ich im Cromingan-Shesk recht zufrieden gewesen, bis vor etwa einem Jahr, als ich mit dem rangaltesten Monitorkorpsoffizier des Stutzpunkts auf Nidia, namlich Flottenkommandant Roonardth, einem Kelgianer, gesprochen habe.“

Gurronsevas machte eine Pause und dachte an das geradezu lachhaft kurze und einfache Gesprach zuruck, das seinem fruheren zufriedenen — und langweiligen — Leben damals mit einem Schlag ein Ende bereiten sollte.

„Fahren Sie fort“, bat ihn O’Mara leise.

„Roonardth wollte mir personlich gratulieren, und als ranghohe Personlichkeit lie? er mich dazu an seinen Tisch rufen“, berichtete Gurronsevas weiter. „Wie Sie wissen, haben Kelgianer eine au?erst direkte Art und sind psychologisch nicht fahig, zu lugen oder auch nur ansatzweise hoflich zu sein. Im Verlauf unseres Gesprachs erzahlte mir Roonardth, er habe gerade die leckersten crelletinischen Weintriebe in seinem ganzen Leben gegessen, wobei der Genu? um so gro?er gewesen sei, weil er kurzlich im Orbit Hospital gelegen habe, in das er nach einem zwar nicht naher beschriebenen, aber eindeutig lebensgefahrlichen Unfall im All eingeliefert worden sei. An der medizinischen Betreuung hatte er zwar nichts zu beanstanden gehabt, doch als er sich im Hospital uber das Essen beschwerte, berichtete ihm — jedenfalls seinen Angaben zufolge — eine terrestrische Schwester von einer Verschworung, die darauf abzielte, Langzeitpatienten mit einer allzu langwierigen Genesung zu vergiften. Nach den Worten der Schwester konnte er sich sogar glucklich schatzen, nicht in der Personalkantine essen zu mussen.

Zwar hat mir der Flottenkommandant damals erzahlt, da? es sich bei dieser Bemerkung zweifellos um das handeln musse, was Terrestrier als Humor bezeichneten, doch deutete er mir gegenuber auch an, da? es die Erholung der Patienten stark beschleunigen und die Moral der Mitarbeiter au?erordentlich heben wurde, wenn jemand wie ich die Leitung der Lebensmittelversorgung des Orbit Hospitals ubernehmen konnte — falls es einen zweiten Gurronsevas uberhaupt noch einmal im Universum geben wurde“, fuhr der Tralthaner fort. „Das war naturlich ein gro?es Kompliment, uber das ich mich sehr gefreut habe. Spater habe ich dann angefangen, ernsthaft daruber nachzudenken, und allmahlich stellte sich bei mir eine Unzufriedenheit mit meinem Leben ein, das, wie mir rasch klar wurde, relativ sinnlos und langweilig geworden war. Als Roonardth eine Weile spater erneut zum Essen ins Restaurant kam, ubertraf ich mich selbst, um die Gelegenheit zu einem weiteren Gesprach mit ihm zu bekommen, und dann habe ich den Flottenkommandanten gefragt, ob er seinen Vorschlag vom letzten Mal ernst gemeint habe.

Nun, und genau das traf ein“, schlo? Gurronsevas seine Ausfuhrungen. „Daruber hinaus besitzt Roonardth den entsprechenden Rang und verfugt uber genugend Einflu?, so da? er die Abteilung, die fur die Versorgung des Hospitals zustandig ist, davon uberzeugen konnte, mich nach einer Wartezeit von einem Jahr ans Orbit Hospital

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