einer Geschichte, die man hier Kindern erzahlt, und zwar ganz kleinen Kindern. Erwachsene sind nicht einfaltig genug, um an so was zu glauben.“

Der Empath, der ganz offensichtlich hoffte, Tawsars zukunftige Verlegenheit zu verringern, entgegnete darauf nichts. Und auf dem Boden unter dem schwebenden Prilicla nahm Danalta sich windend und krummend die verkleinerte Gestalt einer alten Wemarerin an und sagte leise: „Kein Kommentar.“

20. Kapitel

Fruh am folgenden Morgen, als erst die nach Osten blickenden Gipfel uber dem Tal von der aufgehenden Sonne beschienen wurden und der Zugang zur Mine noch im Halbdunkel lag, erschien Tawsar hinter dem schimmernden Vorhang des Meteoritenschilds. Mehrere Gruppen aus zwanzig bis drei?ig jungen Wemarern, die jeweils von einem Erwachsenen angefuhrt wurden, hatten bereits die Mine verlassen und verteilten sich auf die verschiedenen Arbeits- oder Lernstatten auf der Talsohle und den unteren Berghangen.

An Bord der Rhabwar war man zu dem Schlu? gekommen, da? die Funktion der Wemarer Siedlung irgendwo zwischen einem Lehrinstitut und einem sicheren Zufluchtsort fur Kinder einzuordnen war, deren Eltern von der Jagd lebten und entweder fur lange Zeit unterwegs oder tot waren. Diese Folgerung konnte nur vorlaufig sein und durfte nach der bevorstehenden Begegnung mit Tawsar zweifellos noch umfangreiche Korrekturen erfahren.

Wenn Gurronsevas daran dachte, wie langsam und unter welchen offensichtlichen Schmerzen Tawsar zum Meteoritenschild gekommen war, uberraschte es ihn keineswegs, da? Prilicla anordnete, den mit Schwerkraftneutralisatoren ausgerusteten Krankentransporter nach drau?en zu schaffen. Zwar lie? sich die Ausrustung, die vom medizinischen Team mitgefuhrt wurde, leicht und gut genug tragen, um das Fahrzeug uberflussig zu machen, doch es war offensichtlich, da? der Empath Tawsar zu uberreden hoffte, sich gemutlich fahren zu lassen, anstatt sich den selbstzugefugten Schmerzen beim Gehen auszusetzen — Qualen, die Prilicla nicht so gerne teilen wollte.

Als erster verlie? der Cinrussker die Schleuse und flog voran, wahrend ihm Murchison, Naydrad, Danalta und Gurronsevas die ausfahrbare Rampe hinunter zum Boden folgten und durch den Meteoritenschild hindurchgingen, der sich vom Schiff entfernenden Korpern keinen Widerstand entgegensetzte. Gurronsevas war zwar nicht aufgefordert worden, das medizinische Team zu begleiten, aber verboten hatte es ihm auch niemand, und er mu?te sich dringend ausgiebiger bewegen, als es in den beengten raumlichen Verhaltnissen des Unfalldecks moglich war.

Wortlos musterte Tawsar jeden einzelnen von ihnen, als sie naher kamen und sich in einem Halbkreis um die DHCG herum aufstellten, der nach Priliclas Deutung der emotionalen Ausstrahlung der Wemarerin gro? genug war, da? diese sich nicht unwohl fuhlte, und beruhigend auf sie wirkte, weil er Tawsar den Fluchtweg zur Mine hin offenlie?. Prilicla hielt sich mit langsamen Schlagen seiner schillernden Flugel in einem ruhigen und gleichma?igen Schwebeflug, Naydrads Fell krauselte sich wie Wellen auf einem silbernen Meer, Murchison lachelte, und Gurronsevas stand einfach reglos da. Danalta verwandelte sich abwechselnd von einem Kelgianer ohne Fell in ein nicht besonders schmeichelhaftes Abbild der Pathologin Murchison, bevor er wieder die Gestalt eines unformigen grunen Klumpens mit einem einzelnen Auge, einem Ohr und einem Mund im oberen Teil annahm. Schlie?lich brach Tawsar das Schweigen.

„Ich sehe Sie mit eigenen Augen und kann es trotzdem nicht glauben, da? Sie tatsachlich existieren“, sagte sie, wahrend sie Danalta betrachtete. Dann blickte sie nach oben auf Prilicla und fuhr fort: „Insekten mag ich zwar nicht, ob sie nun krabbeln oder fliegen, aber. aber Sie sind einfach wunderschon!“

„Oh, vielen Dank auch, meine Freundin“, entgegnete Prilicla mit einem leichten Wonneschauer. „Sie haben auf den ersten Anblick von Fremdweltlern gut reagiert, und ich spure, da? Sie selbst keine Angst vor uns haben. Aber wie steht es mit den anderen Erwachsenen und den Kindern?“

Tawsar stie? einen kurzen, unubersetzbaren Laut aus und antwortete: „Die sind uber Ihr fremdartiges und grauenvolles, beziehungsweise armseliges und albernes Aussehen aufgeklart worden. Da? Ihre Freunde sich in unsere Gebrauche und Uberzeugungen einmischen wollten und versucht haben, uns zu erzahlen, was wir essen und was wir gegen das Licht, das alle Dinge verfaulen la?t, tun sollen, wissen die Kinder schon.

Ihre Freunde haben sogar darum gebeten, einen Blick in unsere lebenden Korper werfen und Dinge tun zu durfen, die einzig und allein einem Lebensgefahrten erlaubt sind. Nein, Prilicla, Sie — vielleicht nicht Sie personlich, aber auf jeden Fall die Wesen, die ungebeten auf unseren Planeten gekommen sind — erschrecken uns nicht. Diese Fremdweltler haben uns emport und abgesto?en und wutend gemacht. Mehr als alles andere auf der Welt wunschen wir uns, da? die von hier verschwinden, wenngleich wir durchaus wissen, da? Sie uns nicht absichtlich schaden wollen.

Mochten Sie mich, nachdem ich Ihnen gesagt habe, wie wir daruber denken, trotzdem noch als „Freundin“ bezeichnen?“ erkundigte sie sich zum Schlu?.

„Ja“, antwortete Prilicla. „Doch mussen Sie mich nicht als Ihren Freund bezeichnen, solange es nicht Ihr eigener Wunsch ist.“

Tawsar gab ein schnaufendes Gerausch von sich. „Ich rechne nicht damit, noch so lange zu leben. Aber wir haben viel zu besichtigen und uns gegenseitig eine Menge zu fragen und zu antworten. Wurden Sie lieber mit dem Tal anfangen oder mit der Mine?“

„Die Mine liegt naher, da brauchen Sie nicht so weit zu gehen“, schlug Prilicla vor. „Und wenn Sie in diesen Transporter steigen wurden, brauchten Sie sich uberhaupt nicht anzustrengen.“

„Der. der beruhrt ja gar nicht den Boden“, stellte Tawsar verunsichert fest. Ganz offensichtlich rang die Wemarerin mit sich, ob sie sich etwas vollkommen Neuem und moglicherweise Gefahrlichem anvertrauen oder lieber die Schmerzen in den durchs Alter steif gewordenen Gliedern ertragen sollte. „Trotzdem macht er den Eindruck, stabil zu sein und sicher in der Luft zu schweben.“

Es dauerte einige Minuten, ehe sich Tawsar selbst uberredet hatte, sich auf die mobile Krankentrage zu setzen, und dann winkelte Naydrad die Repulsionsaggregate an, um das Fahrzeug nach vorne in Richtung Mineneingang im Schrittempo des medizinischen Teams in Bewegung zu setzen.

„Ich. ich fliege!“ rief Tawsar.

Und zwar in einer Hohe von einigen Zentimetern, schatzte Gurronsevas in Gedanken.

Uber die Kopfhorer hielt Fletcher, der die weit verstreuten Gruppen junger Wemarer im Tal nicht aus den Augen lie?, die Mitglieder des medizinischen Teams standig uber seine Beobachtungen auf dem laufenden. Unter der Leitung eines einzelnen Erwachsenen pflugten mehrere Gruppen die Erde um und rupften Pflanzen aus den unteren Berghangen heraus, bei denen es sich anscheinend um wildwachsendes Unkraut handelte. Doch die Beschaftigung dreier Gruppen von gro?eren Kindern gab Anla? zur Besorgnis, denn diese ubten mit Schleudern, Armbrusten und beschwerten Netzen, die sie in Verbindung mit Speeren einsetzten. Die Speere waren grob und primitiv aus Holz gefertigt, besa?en in der Mitte aufgerauhte Griffflachen, verfugten uber stumpfe Spitzen, damit sie sowohl zum Werfen als auch zum Sto?en verwendet werden konnten, und fielen fur die Hande und Muskeln der jungen DHCGs, die gerade mit ihnen hantierten, ein wenig zu gro? aus.

„Die jungen Wemarer spielen da nicht einfach mit Holzschwertern und — speeren, wie es viele andere Kinder tun, denn weder sie selbst noch die Lehrerin betreiben die Ubungen wie ein Spiel“, betonte der Captain. „Dazu macht das Ganze einen viel zu ernsthaften Eindruck. Es handelt sich um die altesten Kinder, und vielleicht haben die da drau?en zwischen den landwirtschaftlichen Geraten echte Waffen mit Metallspitzen liegen. Und falls der Kontakt mit Tawsar schiefgeht, konnte man Ihnen den Ruckzug zum Schiff abschneiden.“

Prilicla sagte nichts, bis er mit den ubrigen nur noch wenige Minuten vom Mineneingang entfernt war, und als er schlie?lich das Schweigen beendete, hatte Gurronsevas den Eindruck, da? seine Worte nicht nur darauf abzielten, den Captain zu beruhigen, sondern auch das medizinische Team. „In der emotionalen Ausstrahlung der Erwachsenen und Kinder, die sich gestern rings ums Schiff aufgehalten haben, hat keine Spur von Feindseligkeit gelegen, und schon gar nicht die verhohlene Feindseligkeit von Wesen, die vorgeben, Freunde zu sein. Obwohl es sich bei den DHCGs bestimmt nicht um unsere Freunde handelt, sind ihre Empfindungen uns gegenuber nicht feindselig genug, um in ihnen den Wunsch zu erwecken, gewalttatig zu werden. Tawsar bekampft ihre Abneigung gegen uns oder versucht zumindest, sie zu ignorieren, doch sie verspurt viel mehr als nur blo?e Neugier gegenuber Fremden. Genaueres kann ich nicht sagen, aber ich habe den Eindruck, da? sie irgend etwas von uns

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