Ob der Besitz mit der Gerechtigkeit ausgeglichen werden kann. — Wird die Ungerechtigkeit des Besitzes stark empfunden — der Zeiger der gro?en Uhr ist einmal wieder an dieser Stelle — , so nennt man zwei Mittel, derselben abzuhelfen: einmal eine gleiche Verteilung und sodann die Aufhebung des Eigentums und den Zuruckfall des Besitzes an die Gemeinschaft. Letzteres Mittel ist namentlich nach dem Herzen unserer Sozialisten, welche jenem altertumlichen Juden daruber gram sind, da? er sagte: du sollst nicht stehlen. Nach ihnen soll das siebente Gebot vielmehr lauten: du sollst nicht besitzen. — Die Versuche nach dem ersten Rezepte sind im Altertum oft gemacht worden, zwar immer nur in kleinem Ma?stabe, aber doch mit einem Mi?erfolg, der auch uns noch Lehrer sein kann.»Gleiche Ackerlose «ist leicht gesagt; aber wieviel Bitterkeit erzeugt sich durch die dabei notig werdende Trennung und Scheidung, durch den Verlust von altverehrtem Besitz, wieviel Pietat wird verletzt und geopfert! Man grabt die Moralitat um, wenn man die Grenzsteine umgrabt. Und wieder, wieviel neue Bitterkeit unter den neuen Besitzern, wieviel Eifersucht und Scheelsehen, da es zwei wirklich gleiche Ackerlose nie gegeben hat, und wenn es solche gabe, der menschliche Neid auf den Nachbar nicht an deren Gleichheit glauben wurde. Und wie lange dauerte diese schon in der Wurzel vergiftete und ungesunde Gleichheit! In wenigen Geschlechtern war durch Erbschaft hier das eine Los auf funf Kopfe, dort waren funf Lose auf einen Kopf gekommen: und im Falle man durch harte Erbschafts-Gesetze solchen Mi?standen vorbeugte, gab es zwar noch die gleichen Ackerlose, aber dazwischen Durftige und Unzufriedene, welche nichts besa?en, au?er der Mi?gunst auf die Anverwandten und Nachbarn und dem Verlangen nach dem Umsturz aller Dinge. — Will man aber, nach dem zweiten Rezepte, das Eigentum der Gemeinde zuruckgeben und den einzelnen nur zum zeitweiligen Pachter machen, so zerstort man das Ackerland. Denn der Mensch ist gegen alles was er nur vorubergehend besitzt, ohne Vorsorge und Aufopferung, er verfahrt damit ausbeuterisch, als Rauber oder als liederlicher Verschwender. Wenn Plato meint, die Selbstsucht werde mit der Aufhebung des Besitzes aufgehoben, so ist ihm zu antworten, da?, nach Abzug der Selbstsucht, vom Menschen jedenfalls nicht die vier Kardinaltugenden ubrig bleiben werden, — wie man sagen mu?: die argste Pest konnte der Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus ihr entschwande. Ohne Eitelkeit und Selbstsucht — was sind denn die menschlichen Tugenden? Womit nicht von ferne gesagt sein soll, da? es nur Namen und Masken von jenen seien. Platos utopistische Grundmelodie, die jetzt noch von den Sozialisten fortgesungen wird, beruht auf einer mangelhaften Kenntnis des Menschen: ihm fehlte die Historie der moralischen Empfindungen, die Einsicht in den Ursprung der guten nutzlichen Eigenschaften der menschlichen Seele. Er glaubte, wie das ganze Altertum, an Gut und Bose, wie an Wei? und Schwarz: also an eine radikale Verschiedenheit der guten und der bosen Menschen, der guten und der schlechten Eigenschaften. — Damit der Besitz furderhin mehr Vertrauen einflo?e und moralischer werde, halte man alle Arbeitswege zum kleinen Vermogen offen, aber verhindere die muhelose, die plotzliche Bereicherung; man ziehe alle Zweige des Transports und Handels, welche der Anhaufung gro?er Vermogen gunstig sind, also namentlich den Geldhandel, aus den Handen der Privaten und Privatgesellschaften — und betrachte ebenso die Zuviel- wie die Nichts-Besitzer als gemeingefahrliche Wesen.

286

Der Wert der Arbeit. — Wollte man den Wert der Arbeit danach bestimmen, wieviel Zeit, Flei?, guter und schlechter Wille, Zwang, Erfindsamkeit oder Faulheit, Ehrlichkeit oder Schein darauf verwendet ist, so kann der Wert niemals gerecht sein; denn die ganze Person mu?te auf die Waagschale gesetzt werden konnen, was unmoglich ist. Hier hei?t es» richtet nicht!«Aber der Ruf nach Gerechtigkeit ist es ja, den wir jetzt von denen horen, welche mit der Abschatzung der Arbeit unzufrieden sind. Denkt man weiter, so findet man jede Personlichkeit unverantwortlich fur ihr Produkt, die Arbeit: ein Verdienst ist also niemals daraus abzuleiten, jede Arbeit ist so gut oder schlecht, wie sie bei der und der notwendigen Konstellation von Kraften und Schwachen, Kenntnissen und Begehrungen sein mu?. Es steht nicht im Belieben das Arbeiters, ob er arbeitet; auch nicht, wie er arbeitet. Nur die Gesichtspunkte des Nutzens, engere und weitere, haben Wertschatzung der Arbeit geschaffen. Das, was wir jetzt Gerechtigkeit nennen, ist auf diesem Felde sehr wohl am Platz als eine hochst verfeinerte Nutzlichkeit, welche nicht auf den Moment nur Rucksicht nimmt und die Gelegenheit ausbeutet, sondern auf Dauerhaftigkeit aller Zustande sinnt und deshalb auch das Wohl des Arbeiters, seine leibliche und seelische Zufriedenheit ins Auge fa?t, — damit er und seine Nachkommen gut auch fur unsere Nachkommen arbeiten und noch auf langere Zeitraume, als das menschliche Einzelleben ist, hinaus zuverlassig werden. Die Ausbeutung des Arbeiters war, wie man jetzt begreift, eine Dummheit, ein Raub-Bau auf Kosten der Zukunft, eine Gefahrdung der Gesellschaft. Jetzt hat man fast schon den Krieg: und jedenfalls werden die Kosten, um den Frieden zu erhalten, um Vertrage zu schlie?en und Vertrauen zu erlangen, nunmehr sehr gro? sein, weil die Torheit der Ausbeutenden sehr gro? und langdauernd war.

287

Vom Studium des Gesellschafts-Korpers. — Das Ubelste fur den, welcher jetzt in Europa, namentlich in Deutschland, Okonomik und Politik studieren will, liegt darin, da? die tatsachlichen Zustande, anstatt die Regeln zu exemplifizieren, die Ausnahme oder die Ubergangs- und Ausgangsstadien exemplifizieren. Man mu? deshalb uber das tatsachlich Bestehende erst hinwegsehen lernen und zum Beispiel den Blick fernhin auf Nordamerika richten, — wo man die anfanglichen und normalen Bewegungen des gesellschaftlichen Korpers noch mit den Augen sehen und aufsuchen kann, wenn man nur will, — wahrend in Deutschland dazu schwierige historische Studien oder, wie gesagt, ein Fernglas notig sind.

288

Inwiefern die Maschine demutigt. — Die Maschine ist unpersonlich, sie entzieht dem Stuck Arbeit seinen Stolz, sein individuell Gutes und Fehlerhaftes, was an jeder Nicht-Maschinenarbeit klebt, — also sein bi?chen Humanitat. Fruher war alles Kaufen von Handwerkern ein Auszeichnen von Personen, mit deren Abzeichen man sich umgab: der Hausrat und die Kleidung wurde dergestalt zur Symbolik gegenseitiger Wertschatzung und personlicher Zusammengehorigkeit, wahrend wir jetzt nur inmitten anonymen und unpersonlichen Sklaventums zu leben scheinen. — Man mu? die Erleichterung der Arbeit nicht zu teuer kaufen.

289

Hundertjahrige Quarantane. — Die demokratischen Einrichtungen sind Quarantane-Anstalten gegen die alte Pest tyrannenhafter Geluste: als solche sehr nutzlich und sehr langweilig.

290

Der gefahrlichste Anhanger. — Der gefahrlichste Anhanger ist der, dessen Abfall die ganze Partei vernichten wurde: also der beste Anhanger.

291

Das Schicksal und der Magen. — Ein Butterbrot mehr oder weniger im Leibe des Jockeys entscheidet gelegentlich uber Wettrennen und Wetten, also uber Gluck und Ungluck von Tausenden. — Solange das Schicksal der Volker noch von den Diplomaten abhangt, werden die Magen der Diplomaten immer der Gegenstand patriotischer Beklemmung sein. Quosque tandem —

292

Sieg der Demokratie. — Es versuchen jetzt alle politischen Machte, die Angst vor dem Sozialismus auszubeuten, um sich zu starken. Aber auf die Dauer hat doch allein die Demokratie den Vorteil davon: denn alle Parteien sind jetzt genotigt, dem» Volke «zu schmeicheln und ihm Erleichterungen und Freiheiten aller Art zu geben, wodurch es endlich omnipotent wird. Das Volk ist vom Sozialismus, als einer Lehre von der Veranderung des Eigentumerwerbes, am entferntesten: und wenn es erst einmal die Steuerschraube in den Handen hat, durch die gro?en Majoritaten seiner Parlamente, dann wird es mit der Progressivsteuer dem Kapitalisten-, Kaufmanns- und Borsenfurstentum an den Leib gehen und in der Tat langsam einen Mittelstand schaffen, der den Sozialismus wie eine uberstandene Krankheit vergessen darf.- Das praktische Ergebnis dieser um sich greifenden Demokratisierung wird zunachst ein europaischer Volkerbund sein, in welchem jedes einzelne Volk, nach geographischen Zweckma?igkeiten abgegrenzt, die Stellung eines Kantons und dessen Sonderrechte innehat: mit den historischen Erinnerungen der bisherigen Volker wird dabei wenig noch gerechnet werden, weil der pietatvolle Sinn fur dieselben unter der neuerungssuchtigen und versuchslusternen Herrschaft des demokratischen Prinzips allmahlich von Grund aus entwurzelt wird. Die Korrekturen der Grenzen, welche dabei sich

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