307

Wann Abschied nehmen not tut. — Von dem, was du erkennen und messen willst, mu?t du Abschied nehmen, wenigstens auf eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Turme uber die Hauser erheben.

308

Am Mittag. — Wem ein tatiger und sturmereicher Morgen des Lebens beschieden war, dessen Seele uberfallt um den Mittag des Lebens eine seltsame Ruhesucht, die monden- und jahrelang dauern kann. Es wird still um ihn, die Stimmen klingen fern und ferner; die Sonne scheint steil auf ihn herab. Auf einer verborgenen Waldwiese sieht er den gro?en Pan schlafend; alle Dinge der Natur sind mit ihm eingeschlafen, einen Ausdruck von Ewigkeit im Gesichte — so dunkt es ihm. Er will nichts, er sorgt sich um nichts, sein Herz steht still, nur sein Auge lebt, — es ist ein Tod mit wachen Augen. Vieles sieht da der Mensch, was er nie sah, und soweit er sieht, ist alles in ein Lichtnetz eingesponnen und gleichsam darin begraben. Er fuhlt sich glucklich dabei, aber es ist ein schweres, schweres Gluck. — Da endlich erhebt sich der Wind in den Baumen, Mittag ist vorbei, das Leben rei?t ihn wieder an sich, das Leben mit blinden Augen, hinter dem sein Gefolge hersturmt: Wunsch, Trug, Vergessen, Genie?en, Vernichten, Verganglichkeit. Und so kommt der Abend herauf, sturmereicher und tatenvoller, als selbst der Morgen war. — Den eigentlich tatigen Menschen erscheinen die langer wahrenden Zustande des Erkennens fast unheimlich und krankhaft, aber nicht unangenehm.

309

Sich vor seinem Maler huten. — Ein gro?er Maler, der in einem Portrat den vollsten Ausdruck und Augenblick, dessen ein Mensch fahig ist, enthullt und niedergelegt hat, wird von diesem Menschen, wenn er ihn spater im wirklichen Leben wiedersieht, fast immer nur eine Karikatur zu sehen glauben.

310

Die zwei Grundsatze des neuen Lebens. — Erster Grundsatz: man soll das Leben auf das Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont- Wolken- hafteste hin. Zweiter Grundsatz: man soll sich die Reihenfolge des Nachsten und Nahen, des Sicheren und weniger Sicheren feststellen, bevor man sein Leben einrichtet und in eine endgultige Richtung bringt.

311

Gefahrliche Reizbarkeit. — Begabte Menschen, die aber trage sind, werden immer etwas gereizt erscheinen, wenn einer ihrer Freunde mit einer tuchtigen Arbeit fertig geworden ist. Ihre Eifersucht ist rege, sie schamen sich ihrer Faulheit — oder vielmehr, sie befurchten, der Tatige verachte sie gegenwartig noch mehr als sonst. In dieser Stimmung kritisieren sie das neue Werk — und ihre Kritik wird zur Rache, zum hochsten Befremden des Urhebers.

312

Zerstoren der Illusionen. — Die Illusionen sind gewi? kostspielige Vergnugungen: aber das Zerstoren der Illusionen ist noch kostspieliger — als Vergnugen betrachtet, was es unleugbar fur manchen Menschen ist.

313

Das Eintonige des Weisen. — Die Kuhe haben mitunter den Ausdruck der Verwunderung, die auf dem Wege zur Frage stehen bleibt. Dagegen liegt im Auge der hoheren Intelligenz das nil admirari ausgebreitet wie die Eintonigkeit des wolkenlosen Himmels.

314

Nicht zu lange krank sein. — Man hute sich, zu lange krank zu sein: denn bald werden die Zuschauer durch die ubliche Verpflichtung, Mitleiden zu bezeigen, ungeduldig, weil es ihnen zuviel Muhe macht, diesen Zustand lange bei sich aufrecht zu erhalten — und dann gehen sie unmittelbar zur Verdachtigung eures Charakters uber, mit dem Schlusse:»ihr verdient es krank zu sein, und wir brauchen uns nicht mehr mit Mitleiden anzustrengen.»

315

Wink fur Enthusiasten. — Wer gern hinge- rissen werden will und sich leicht nach oben tragen lassen mochte, soll zusehen, da? er nicht zu schwer werde: das hei?t zum Beispiel, da? er nicht viel lerne und namentlich von der Wissenschaft sich nicht erfullen lasse. Diese macht schwerfallig! — nehmt euch in Acht, ihr Enthusiasten!

316

Sich zu uberraschen wissen. — Wer sich selber sehen will, so wie er ist, mu? es verstehen, sich selber zu uberraschen, mit der Fackel in der Hand. Denn es steht mit dem Geistigen so, wie es mit dem Korperlichen steht: wer gewohnt ist, sich im Spiegel zu schauen, vergi?t immer seine Ha?lichkeit: erst durch den Maler bekommt er den Eindruck derselben wieder. Aber er gewohnt sich auch an das Gemalde und vergi?t seine Ha?lichkeit zum zweiten Male. — Dies nach dem allgemeinen Gesetze, da? der Mensch das Unveranderlich-Ha?liche nicht ertragt: es sei denn auf einen Augenblick; er vergi?t es oder leugnet es in allen Fallen. — Die Moralisten mussen auf jenen» Augenblick «rechnen, um ihre Wahrheiten vorbringen zu durfen.

317

Meinungen und Fische. — Man ist Besitzer seiner Meinungen, wie man Besitzer von Fischen ist, — insofern man namlich Besitzer eines Fischteiches ist. Man mu? fischen gehen und Gluck haben, — dann hat man seine Fische, seine Meinungen. Ich rede hier von lebendigen Meinungen, von lebendigen Fischen. Andere sind zufrieden, wenn sie ein Fossilien-Kabinett besitzen — und, in ihrem Kopfe,»Uberzeugungen«.

318

Anzeichen von Freiheit und Unfreiheit. — Seine notwendigen Bedurfnisse soviel wie moglich selber befriedigen, wenn auch unvollkommen, das ist die Richtung auf Freiheit von Geist und Person. Viele, auch uberflussige Bedurfnisse sich befriedigen lassen, und so vollkommen als moglich, — erzieht zur Unfreiheit. Der Sophist Hippias, der alles was er trug, innen und au?en, selbst erworben, selber gemacht hatte, entspricht eben damit der Richtung auf hochste Freiheit des Geistes und der Person. Nicht darauf kommt es an, da? alles gleich gut und vollkommen gearbeitet ist; der Stolz flickt schon die schadhaften Stellen aus.

319

Sich selber glauben. — In unserer Zeit mi?traut man jedem, der an sich selber glaubt; ehemals genugte es, um an sich glauben zu machen. Das Rezept, um jetzt Glauben zu finden, hei?t:»Schone dich selber nicht! Willst du deine Meinung in ein glaubwurdiges Licht setzen, so zunde zuerst die eigene Hutte an!»

320

Reicher und armer zugleich. — Ich kenne einen Menschen, der als Kind schon sich gewohnt hatte, gut von der Intellektualitat der Menschen zu denken, also von ihrer wahren Hingebung in bezug auf geistige Dinge, ihrer uneigennutzigen Bevorzugung des als wahr Erkannten und dergleichen, dagegen von seinem eigenen Kopfe (Urteil, Gedachtnis, Geistesgegenwart, Phantasie) bescheidene, ja niedrige Begriffe zu haben. Er machte sich nichts aus sich, wenn er sich mit anderen verglich. Nun wurde er im Laufe der Jahre erst einmal und dann hundertfach gezwungen, in diesem Punkte umzulernen, — man sollte denken zu seiner gro?en Freude und Genugtuung. Es gab auch in der Tat etwas davon; aber» doch ist, wie er einmal sagte, eine Bitterkeit der bittersten Art beigemischt, welche ich im fruheren Leben nicht kannte: denn seit ich die Menschen und mich selber gerechter schatze, scheint mir mein Geist weniger nutze; ich glaube damit kaum noch etwas Gutes erweisen zu konnen, weil der Geist der Anderen es nicht anzunehmen versteht: ich sehe jetzt die schreckliche Kluft zwischen dem Hilfreichen und dem Hilfebedurftigen immer vor mir. Und so qualt mich die Not, meinen Geist fur mich haben und allein genie?en zu mussen, soweit er genie?bar ist. Aber geben ist seliger als haben: und was ist der Reichste in der Einsamkeit einer Wuste!»

321

Wie man angreifen soll. — Die Grunde, um derentwillen man an etwas glaubt oder nicht glaubt, sind bei den allerseltensten Menschen uberhaupt so stark, als sie sein konnen. Fur gewohnlich hat man, um den Glauben an etwas zu erschuttern, durchaus nicht notig,

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