notig zeigen, werden so ausgefuhrt, da? sie dem Nutzen der gro?en Kantone und zugleich dem des Gesamtverbandes dienen, nicht aber dem Gedachtnisse irgend welcher vergrauten Vergangenheit. Die Gesichtspunkte fur diese Korrekturen zu finden wird die Aufgabe der zukunftigen Diplomaten sein, die zugleich Kulturforscher, Landwirte, Verkehrskenner sein mussen und keine Heere, sondern Grunde und Nutzlichkeiten hinter sich haben. Dann erst ist die au?ere Politik mit der inneren unzertrennbar verknupft: wahrend jetzt immer noch die letztere ihrer stolzen Gebieterin nachlauft und im erbarmlichen Korbchen die Stoppelahren sammelt, die bei der Ernte der ersteren ubrig bleiben.

293

Ziel und Mittel der Demokratie. — Die Demokratie will moglichst vielen Unabhangigkeit schaffen und verburgen, Unabhangigkeit der Meinungen, der Lebensart und des Erwerbs. Dazu hat sie notig, sowohl den Besitzlosen als den eigentlich Reichen das politische Stimmrecht abzusprechen: als den zwei unerlaubten Menschenklassen, an deren Beseitigung sie stetig arbeiten mu?, weil diese ihre Aufgabe immer wieder in Frage stellen. Ebenso mu? sie alles verhindern, was auf die Organisation von Parteien abzuzielen scheint. Denn die drei gro?en Feinde der Unabhangigkeit in jenem dreifachen Sinne sind die Habenichtse, die Reichen und die Parteien. — Ich rede von der Demokratie als von etwas Kommendem. Das, was schon jetzt so hei?t, unterscheidet sich von den alteren Regierungsformen allein dadurch, da? es mit neuen Pferden fahrt: die Stra?en sind noch die alten, und die Rader sind auch noch die alten. — Ist die Gefahr bei diesen Fuhrwerken des Volkerwohls wirklich geringer geworden?

294

Die Besonnenheit und der Erfolg. — Jene gro?e Eigenschaft der Besonnenheit, welche im Grunde die Tugend der Tugenden, ihre Urgro?mutter und Konigin ist, hat im gewohnlichen Leben keineswegs immer den Erfolg auf ihrer Seite: und der Freier wurde sich getauscht finden, der nur des Erfolgs wegen sich um jene Tugend beworben hatte. Sie gilt namlich unter den prak- tischen Leuten fur verdachtig und wird mit der Hinterhaltigkeit und heuchlerischen Schlauheit verwechselt: wem dagegen ersichtlich die Besonnenheit abgeht, — der Mann, der rasch zugreift und auch einmal danebengreift, hat das Vorurteil fur sich, ein biederer, zuverlassiger Geselle zu sein. Die praktischen Leute mogen also den Besonnenen nicht, er ist fur sie, wie sie meinen, eine Gefahr. Andererseits nimmt man den Besonnenen leicht als angstlich, befangen, pedantisch — die unpraktischen und genie?enden Leute gerade finden ihn unbequem, weil er nicht leichthin lebt wie sie, ohne an das Handeln und die Pflichten zu denken: er erscheint unter ihnen wie ihr leibhaftes Gewissen, und der helle Tag wird bei seinem Anblick ihrem Auge bleich. Wenn ihm also der Erfolg und die Beliebtheit fehlen, so mag er sich immer zum Troste sagen:»so hoch sind eben die Steuern, welche du fur den Besitz des kostlichsten Gutes unter Menschen zahlen mu?t, — er ist es wert!»

295

Et in Arcadia ego. — Ich sah hinunter, uber Hugel-Wellen, gegen einen milchgrunen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Grasern. Eine Herde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kuhe und Gruppen ferner, im scharfsten Abendlichte, neben dem Nadelgeholz; andere naher, dunkler; alles in Ruhe und Abendsattigung. Die Uhr zeigte gegen halb sechs. Der Stier der Herde war in den wei?en, schaumenden Bach getreten und ging langsam widerstrebend und nachgebend seinem sturzenden Laufe nach: so hatte er wohl seine Art von grimmigem Behagen. Zwei dunkelbraune Geschopfe, bergamasker Herkunft, waren die Hirten: das Madchen fast als Knabe gekleidet. Links Felsenhange und Schneefelder uber breiten Waldgurteln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch uber mir, im Schleier des Sonnenduftes schwimmend — alles gro?, still und hell. Die gesamte Schonheit wirkte zum Schaudern und zur stummen Anbetung des Augenblicks ihrer Offenbarung; unwillkurlich, wie als ob es nichts Naturlicheres gabe, stellte man sich in diese reine scharfe Lichtwelt (die gar nichts Sehnendes, Erwartendes, Vor- und Zuruckblickendes hatte) griechische Heroen hinein; man mu?te wie Poussin und sein Schuler empfinden: heroisch zugleich und idyllisch. — Und so haben einzelne Menschen auch gelebt, so sich dauernd in der Welt und die Welt in sich gefuhlt, und unter ihnen einer der gro?ten Menschen, der Erfinder einer heroisch-idyllischen Art zu philosophieren: Epikur.

296

Rechnen und messen. — Viele Dinge sehen, miteinander erwagen, gegeneinander abrechnen und aus ihnen einen schnellen Schlu?, eine ziemlich sichere Summe bilden, — das macht den gro?en Politiker, Feldherrn, Kaufmann: also die Geschwindigkeit in einer Art von Kopfrechnen. Eine Sache sehen, in ihr das einzige Motiv zum Handeln, die Richterin alles ubrigen Handelns finden, macht den Helden, auch den Fanatiker — also eine Fertigkeit im Messen mit einem Ma?stabe.

297

Nicht unzeitig sehen wollen. — Solange man etwas erlebt, mu? man dem Erlebnis sich hingeben und die Augen schlie?en, also nicht darin schon den Beobachter machen. Das namlich wurde die gute Verdauung des Erlebnisses storen: anstatt einer Weisheit truge man eine Indigestion davon.

298

Aus der Praxis des Weisen. — Um weise zu werden, mu? man gewisse Erlebnisse erleben wollen, also ihnen in den Rachen laufen. Sehr gefahrlich ist dies freilich; mancher» Weise «wurde dabei aufgefressen.

299

Die Ermudung des Geistes. — Unsere gelegentliche Gleichgultigkeit und Kalte gegen Menschen, welche uns als Harte und Charaktermangel ausgelegt wird, ist haufig nur eine Ermudung des Geistes: bei dieser sind uns die Anderen, wie wir uns selber, gleichgultig oder lastig.

300

«Eins ist not.«— Wenn man klug ist, ist einem allein darum zu tun, da? man Freude im Herzen habe. — Ach, setzte jemand hinzu, wenn man klug ist, tut man am besten, weise zu sein.

301

Ein Zeugnis der Liebe. — Jemand sagte:»Uber zwei Personen habe ich nie grundlich nachgedacht: es ist das Zeugnis meiner Liebe zu ihnen.»

302

Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht — Mancher wirft seinen schlechten Argumenten noch ein Stuck seiner Personlichkeit hintennach, wie als ob jene dadurch richtiger ihre Bahn laufen wurden und sich in gerade und gute Argumente verwandeln lie?en; ganz wie die Kegelschieber auch nach dem Wurfe noch mit Gebarden und Schwenkungen der Kugel die Richtung zu geben suchen.

303

Die Rechtlichkeit. — Es ist noch wenig, wenn man in bezug auf Rechte und Eigentum ein Muster- Mensch ist; wenn man zum Beispiel als Knabe nie Obst in fremden Garten nimmt, als Mann nicht uber ungemahte Wiesen lauft, — um kleine Dinge zu nennen, welche wie bekannt, den Beweis fur diese Art von Musterhaftigkeit besser geben als gro?e. Es ist noch wenig: man ist dann immer erst eine» juristische Person«, mit jenem Grad von Moralitat, deren sogar eine» Gesellschaft«, ein Menschen-Klumpen fahig ist.

304

Mensch! — Was ist die Eitelkeit des eitelsten Menschen gegen die Eitelkeit, welche der Bescheidenste besitzt, in Hinsicht darauf, da? er sich in der Natur und Welt als» Mensch «fuhlt.

305

Notigste Gymnastik. — Durch den Mangel an kleiner Selbstbeherrschung brockelt die Fahigkeit zur gro?en ab. Jeder Tag ist schlecht benutzt und eine Gefahr fur den nachsten, an dem man nicht wenigstens einmal sich etwas im kleinen versagt hat: diese Gymnastik ist unentbehrlich, wenn man sich die Freude, sein eigener Herr zu sein, erhalten will.

306

Sich selber verlieren. — Wenn man erst sich selber gefunden hat, mu? man verstehen, sich von Zeit zu Zeit zu verlieren — und dann wieder zu finden: vorausgesetzt da? man ein Denker ist. Diesem ist es namlich nachteilig, immerdar an eine Person gebunden zu sein.

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