Mensch selbst, welcher gerade Meister in der Mittheilung und Verstandlichmachung seiner Bedurfnisse ist, zugleich auch mit seinen Bedurfnissen am meisten auf die Andern angewiesen sein musste. Wohl aber scheint es mir so in Bezug auf ganze Rassen und Geschlechter-Ketten zu stehn: wo das Bedurfniss, die Noth die Menschen lange gezwungen hat, sich mitzutheilen, sich gegenseitig rasch und fein zu verstehen, da ist endlich ein Ueberschuss dieser Kraft und Kunst der Mittheilung da, gleichsam ein Vermogen, das sich allmahlich aufgehauft hat und nun eines Erben wartet, der es verschwenderisch ausgiebt (- die sogenannten Kunstler sind diese Erben, insgleichen die Redner, Prediger, Schriftsteller, Alles Menschen, welche immer am Ende einer langen Kette kommen,»Spatgeborne «jedes Mal, im besten Verstande des Wortes, und, wie gesagt, ihrem Wesen nach Verschwender). Gesetzt, diese Beobachtung ist richtig, so darf ich zu der Vermuthung weitergehn, dass Bewusstsein uberhaupt sich nur unter dem Druck des Mittheilungs-Bedurfnisses entwickelt hat, — dass es von vornherein nur zwischen Mensch und Mensch (zwischen Befehlenden und Gehorchenden in Sonderheit) nothig war, nutzlich war, und auch nur im Verhaltniss zum Grade dieser Nutzlichkeit sich entwickelt hat. Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch, — nur als solches hat es sich entwickeln mussen: der einsiedlerische und raubthierhafte Mensch hatte seiner nicht bedurft. Dass uns unsre Handlungen, Gedanken, Gefuhle, Bewegungen selbst in's Bewusstsein kommen — wenigstens ein Theil derselben —, das ist die Folge eines furchtbaren langen uber dem Menschen waltenden» Muss«: er brauchte, als das gefahrdetste Thier, Hulfe, Schutz, er brauchte Seines-Gleichen, er musste seine Noth auszudrucken, sich verstandlich zu machen wissen — und zu dem Allen hatte er zuerst» Bewusstsein «nothig, also selbst zu» wissen «was ihm fehlt, zu» wissen«, wie es ihm zu Muthe ist, zu» wissen«, was er denkt. Denn nochmals gesagt: der Mensch, wie jedes lebende Geschopf, denkt immerfort, aber weiss es nicht; das bewusst werdende Denken ist nur der kleinste Theil davon, sagen wir: der oberflachlichste, der schlechteste Theil: — denn allein dieses bewusste Denken geschieht in Worten, das heisst in Mittheilungszeichen, womit sich die Herkunft des Bewusstseins selber aufdeckt. Kurz gesagt, die Entwicklung der Sprache und die Entwicklung des Bewusstseins (nicht der Vernunft, sondern allein des Sichbewusst-werdens der Vernunft) gehen Hand in Hand. Man nehme hinzu, dass nicht nur die Sprache zur Brucke zwischen Mensch und Mensch dient, sondern auch der Blick, der Druck, die Gebarde; das Bewusstwerden unserer Sinneseindrucke bei uns selbst, die Kraft, sie fixiren zu konnen und gleichsam ausser uns zu stellen, hat in dem Maasse zugenommen, als die Nothigung wuchs, sie Andern durch Zeichen zu ubermitteln. Der Zeichen-erfindende Mensch ist zugleich der immer scharfer seiner selbst bewusste Mensch; erst als sociales Thier lernte der Mensch seiner selbst bewusst werden, — er thut es noch, er thut es immer mehr. — Mein Gedanke ist, wie man sieht: dass das Bewusstsein nicht eigentlich zur Individual-Existenz des Menschen gehort, vielmehr zu dem, was an ihm Gemeinschafts- und Heerden-Natur ist; dass es, wie daraus folgt, auch nur in Bezug auf Gemeinschafts- und Heerden-Nutzlichkeit fein entwickelt ist, und dass folglich Jeder von uns, beim besten Willen, sich selbst so individuell wie moglich zu verstehen,»sich selbst zu kennen«, doch immer nur gerade das Nicht-Individuelle an sich zum Bewusstsein bringen wird, sein» Durchschnittliches«, — dass unser Gedanke selbst fortwahrend durch den Charakter des Bewusstseins — durch den in ihm gebietenden» Genius der Gattung«— gleichsam majorisirt und in die Heerden-Perspektive zuruck-ubersetzt wird. Unsre Handlungen sind im Grunde allesammt auf eine unvergleichliche Weise personlich, einzig, unbegrenzt-individuell, es ist kein Zweifel; aber sobald wir sie in's Bewusstsein ubersetzen, scheinen sie es nicht mehr… Diess ist der eigentliche Phanomenalismus und Perspektivismus, wie ich ihn verstehe: die Natur des thierischen Bewusstseins bringt es mit sich, dass die Welt, deren wir bewusst werden konnen, nur eine Oberflachen- und Zeichenwelt ist, eine verallgemeinerte, eine vergemeinerte Welt, — dass Alles, was bewusst wird, ebendamit flach, dunn, relativ-dumm, generell, Zeichen, Heerden-Merkzeichen wird, dass mit allem Bewusstwerden eine grosse grundliche Verderbniss, Falschung, Veroberflachlichung und Generalisation verbunden ist. Zuletzt ist das wachsende Bewusstsein eine Gefahr; und wer unter den bewusstesten Europaern lebt, weiss sogar, dass es eine Krankheit ist. Es ist, wie man errath, nicht der Gegensatz von Subjekt und Objekt, der mich hier angeht: diese Unterscheidung uberlasse ich den Erkenntnisstheoretikern, welche in den Schlingen der Grammatik (der Volks-Metaphysik) hangen geblieben sind. Es ist erst recht nicht der Gegensatz von» Ding an sich «und Erscheinung: denn wir» erkennen «bei weitem nicht genug, um auch nur so scheiden zu durfen. Wir haben eben gar kein Organ fur das Erkennen, fur die» Wahrheit«: wir» wissen«(oder glauben oder bilden uns ein) gerade so viel als es im Interesse der Menschen-Heerde, der Gattung, nutzlich sein mag: und selbst, was hier» Nutzlichkeit «genannt wird, ist zuletzt auch nur ein Glaube, eine Einbildung und vielleicht gerade jene verhangnissvollste Dummheit, an der wir einst zu Grunde gehn.

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Der Ursprung unsres Begriffs» Erkenntniss«. — Ich nehme diese Erklarung von der Gasse; ich horte jemanden aus dem Volke sagen» er hat mich erkannt«—: dabei fragte ich mich: was versteht eigentlich das Volk unter Erkenntniss? was will es, wenn es» Erkenntniss «will? Nichts weiter als dies: etwas Fremdes soll auf etwas Bekanntes zuruckgefuhrt werden. Und wir Philosophen — haben wir unter Erkenntniss eigentlich mehr verstanden? Das Bekannte, das heisst: das woran wir gewohnt sind, so dass wir uns nicht mehr daruber wundern, unser Alltag, irgend eine Regel, in der wir stecken, Alles und jedes, in dem wir uns zu Hause wissen: — wie? ist unser Bedurfniss nach Erkennen nicht eben dies Bedurfniss nach Bekanntem, der Wille, unter allem Fremden, Ungewohnlichen, Fragwurdigen Etwas aufzudecken, das uns nicht mehr beunruhigt? Sollte es nicht der Instinkt der Furcht sein, der uns erkennen heisst? Sollte das Frohlocken des Erkennenden nicht eben das Frohlocken des wieder erlangten Sicherheitsgefuhls sein?… Dieser Philosoph wahnte die Welt» erkannt«, als er sie auf die» Idee «zuruckgefuhrt hatte: ach, war es nicht deshalb, weil ihm die» Idee «so bekannt, so gewohnt war? weil er sich so wenig mehr vor der» Idee «furchtete? — Oh uber diese Genugsamkeit der Erkennenden! man sehe sich doch ihre Principien und Weltrathsel-Losungen darauf an! Wenn sie Etwas an den Dingen, unter den Dingen, hinter den Dingen wiederfinden, das uns leider sehr bekannt ist, zum Beispiel unser Einmaleins oder unsre Logik oder unser Wollen und Begehren, wie glucklich sind sie sofort! Denn was bekannt ist, ist» erkannt«: darin stimmen sie uberein. Auch die Vorsichtigsten unter ihnen meinen, zum Mindesten sei das Bekannte leicht ererkennbar als das Fremde; es sei zum Beispiel methodisch geboten, von der» inneren Welt«, von den» Thatsachen des Bewusstseins «auszugehen, weil sie die uns bekanntere Welt sei! Irrthum der Irrthumer! Das Bekannte ist das Gewohnte; und das Gewohnte ist am schwersten zu» erkennen«, das heisst als Problem zu sehen, das heisst als fremd, als fern, als» ausser uns «zu sehn… Die grosse Sicherheit der naturlichen Wissenschaften im Verhaltniss zur Psychologie und Kritik der Bewusstseins-Elemente — unnaturlichen Wissenschaften, wie man beinahe sagen durfte — ruht gerade darauf, dass sie das Fremde als Objekt nehmen: wahrend es fast etwas Widerspruchsvolles und Widersinniges ist, das Nicht-Fremde uberhaupt als Objekt nehmen zu wollen…

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Inwiefern es in Europa immer» kunstlerischer «zugehn wird. — Die Lebens- Fursorge zwingt auch heute noch — in unsrer Uebergangszeit, wo so Vieles aufhort zu zwingen — fast allen mannlichen Europaern eine bestimmte Rolle auf, ihren sogenannten Beruf; Einigen bleibt dabei die Freiheit, eine anscheinende Freiheit, diese Rolle selbst zu wahlen, den Meisten wird sie gewahlt. Das Ergebniss ist seltsam genug: fast alle Europaer verwechseln sich in einem vorgeruckteren Alter mit ihrer Rolle, sie selbst sind die Opfer ihres,»guten Spiels«, sie selbst haben vergessen, wie sehr Zufall, Laune, Willkur damals uber sie verfugt haben, als sich ihr» Beruf «entschied — und wie viele andre Rollen sie vielleicht hatten spielen konnen: denn es ist nunmehr zu spat! Tiefer angesehn, ist aus der Rolle wirklich Charakter geworden, aus der Kunst Natur. Es gab Zeitalter, in denen man mit steifer Zuversichtlichkeit, ja mit Frommigkeit an seine Vorherbestimmung fur gerade dies Geschaft, gerade diesen Broderwerb glaubte und den Zufall darin, die Rolle, das Willkurliche schlechterdings nicht anerkennen wollte: Stande, Zunfte, erbliche Gewerbs-Vorrechte haben mit Hulfe dieses Glaubens es zu Stande gebracht, jene Ungeheuer von breiten Gesellschafts-Thurmen aufzurichten, welche das Mittelalter auszeichnen und denen jedenfalls Eins nachzuruhmen bleibt: Dauerfahigkeit (- und Dauer ist auf Erden ein Werth ersten Ranges!). Aber es giebt umgekehrte Zeitalter, die eigentlich demokratischen, wo man diesen Glauben mehr und mehr verlernt und ein gewisser kecker Glaube und Gesichtspunkt des Gegentheils in den Vordergrund tritt, jener Athener-Glaube, der in der Epoche des Perikles zuerst bemerkt wird, jener Amerikaner-Glaube von heute, der immer mehr auch Europaer-

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