Art, in welcher sie sich der Schopenhauerischen Frage bemachtigten, ihre innere Zugehorigkeit und Verwandtschaft, ihre Vorbereitung, ihr Bedurfniss nach seinem Problem bewiesen? Dass nach Schopenhauer auch in Deutschland — ubrigens spat genug! — uber das von ihm aufgestellte Problem gedacht und gedruckt worden ist, reicht gewiss nicht aus, zu Gunsten dieser engeren Zugehorigkeit zu entscheiden; man konnte selbst die eigenthumliche Ungeschicktheit dieses Nach-Schopenhauerischen Pessimismus dagegen geltend machen, — die Deutschen benahmen sich ersichtlich nicht dabei wie in ihrem Elemente. Hiermit spiele ich ganz und gar nicht auf Eduard von Hartmann an; im Gegentheil, mein alter Verdacht ist auch heute noch nicht gehoben, dass er fur uns zugeschickt ist, ich will sagen, dass er als arger Schalk von Anbeginn sich vielleicht nicht nur uber den deutschen Pessimismus lustig gemacht hat, — dass er am Ende etwa gar es den Deutschen testamentarisch» vermachen «konnte, wie weit man sie selbst, im Zeitalter der Grundungen, hat zum Narren haben konnen. Aber ich frage: soll man vielleicht den alten Brummkreisel Bahnsen den Deutschen zu Ehren rechnen, der sich mit Wollust sein Leben lang um sein realdialektisches Elend und» personliches Pech «gedreht hat, — ware etwa das gerade deutsch? (ich empfehle anbei seine Schriften, wozu ich sie selbst gebraucht habe, als antipessimistische Kost, namentlich um seiner elegantiae psychologicae willen, mit denen, wie mich dunkt, auch dem verstopftesten Leibe und Gemuthe beizukommen ist). Oder durfte man solche Dilettanten und alte Jungfern, wie den susslichen Virginitats-Apostel Mainlander unter die rechten Deutschen zahlen? Zuletzt wird es ein Jude gewesen sein (- alle Juden werden susslich, wenn sie moralisiren). Weder Bahnsen, noch Mainlander, noch gar Eduard von Hartmann geben eine sichere Handhabe fur die Frage ab, ob der Pessimismus Schopenhauer's, sein entsetzter Blick in eine entgottlichte, dumm, blind, verruckt und fragwurdig gewordene Welt, sein ehrliches Entsetzen… nicht nur ein Ausnahme-Fall unter Deutschen, sondern ein deutsches Ereigniss gewesen ist: wahrend Alles, was sonst im Vordergrunde steht, unsre tapfre Politik, unsre frohliche Vaterlanderei, welche entschlossen genug alle Dinge auf ein wenig philosophisches Princip hin (»Deutschland, Deutschland uber Alles«) betrachtet, also sub specie, namlich der deutschen species, mit grosser Deutlichkeit das Gegentheil bezeugt. Nein! die Deutschen von heute sind keine Pessimisten! Und Schopenhauer war Pessimist, nochmals gesagt, als guter Europaer und nicht als Deutscher.—
Der Bauernaufstand des Geistes. — Wir Europaer befinden uns im Anblick einer ungeheuren Trummerwelt, wo Einiges noch hoch ragt, wo Vieles morsch und unheimlich dasteht, das Meiste aber schon am Boden liegt, malerisch genug — wo gab es je schonere Ruinen? — und uberwachsen mit grossein und kleinem Unkraute. Die Kirche ist diese Stadt des Untergangs: wir sehen die religiose Gesellschaft des Christenthums bis in die untersten Fundamente erschuttert, — der Glaube an Gott ist umgesturzt, der Glaube an das christlich- asketische Ideal kampft eben noch seinen letzten Kampf. Ein solches lang und grundlich gebautes Werk wie das Christenthum — es war der letzte Romerbau! — konnte freilich nicht mit Einem Male zerstort werden; alle Art Erdbeben hat da rutteln, alle Art Geist, die anbohrt, grabt, nagt, feuchtet, hat da helfen mussen. Aber was das Wunderlichste ist: Die, welche sich am meisten darum bemuht haben, das Christenthum zu halten, zu erhalten, sind gerade seine besten Zerstorer geworden, — die Deutschen. Es scheint, die Deutschen verstehen das Wesen einer Kirche nicht. Sind sie dazu nicht geistig genug? nicht misstrauisch genug? Der Bau der Kirche ruht jedenfalls auf einer sudlandischen Freiheit und Freisinnigkeit des Geistes und ebenso auf einem sudlandischen Verdachte gegen Natur, Mensch und Geist, — er ruht auf einer ganz andren Kenntniss des Menschen, Erfahrung vom Menschen, als der Norden gehabt hat. Die Lutherische Reformation war in ihrer ganzen Breite die Entrustung der Einfalt gegen etwas» Vielfaltiges«, um vorsichtig zu reden, ein grobes biederes Missverstandniss, an dem Viel zu verzeihen ist, — man begriff den Ausdruck einer siegreichen Kirche nicht und sah nur Corruption, man missverstand die vornehme Skepsis, jenen Luxus von Skepsis und Toleranz, welchen sich jede siegreiche selbstgewisse Macht gestattet… Man ubersieht heute gut genug, wie Luther in allen kardinalen Fragen der Macht verhangnissvoll kurz, oberflachlich, unvorsichtig angelegt war, vor Allem als Mann aus dem Volke, dem alle Erbschaft einer herrschenden Kaste, aller Instinkt fur Macht abgieng: so dass sein Werk, sein Wille zur Wiederherstellung jenes Romer-Werks, ohne dass er es wollte und wusste, nur der Anfang eines Zerstorungswerks wurde. Er droselte auf, er riss zusammen, mit ehrlichem Ingrimme, wo die alte Spinne am sorgsamsten und langsten gewoben hatte. Er lieferte die heiligen Bucher an Jedermann aus, — damit geriethen sie endlich in die Hande der Philologen, das heisst der Vernichter jeden Glaubens, der auf Buchern ruht. Er zerstorte den Begriff» Kirche«, indem er den Glauben an die Inspiration der Concilien wegwarf: denn nur unter der Voraussetzung, dass der inspirirende Geist, der die Kirche gegrundet hat, in ihr noch lebe, noch baue, noch fortfahre, sein Haus zu bauen, behalt der Begriff» Kirche «Kraft. Er gab dem Priester den Geschlechtsverkehr mit dem Weibe zuruck: aber drei Viertel der Ehrfurcht, deren das Volk, vor Allem das Weib aus dem Volke fahig ist, ruht auf dem Glauben, dass ein Ausnahme-Mensch in diesem Punkte auch in andren Punkten eine Ausnahme sein wird, — hier gerade hat der Volksglaube an etwas Uebermenschliches im Menschen, an das Wunder, an den erlosenden Gott im Menschen, seinen feinsten und verfanglichsten Anwalt. Luther musste dem Priester, nachdem er ihm das Weib gegeben hatte, die Ohrenbeichte nehmen, das war psychologisch richtig: aber damit war im Grunde der christliche Priester selbst abgeschafft, dessen tiefste Nutzlichkeit immer die gewesen ist, ein heiliges Ohr, ein verschwiegener Brunnen, ein Grab fur Geheimnisse zu sein.»Jedermann sein eigner Priester«— hinter solchen Formeln und ihrer baurischen Verschlagenheit versteckte sich bei Luther der abgrundliche Hass auf den» hoheren Menschen «und die Herrschaft des» hoheren Menschen«, wie ihn die Kirche concipirt hatte: — er zerschlug ein Ideal, das er nicht zu erreichen wusste, wahrend er die Entartung dieses Ideals zu bekampfen und zu verabscheuen schien. Thatsachlich stiess er, der unmogliche Monch, die Herrschaft der homines religiosi von sich; er machte also gerade Das selber innerhalb der kirchlichen Gesellschafts-Ordnung, was er in Hinsicht auf die burgerliche Ordnung so unduldsam bekampfte, — einen» Bauernaufstand«. — Was hinterdrein Alles aus seiner Reformation gewachsen ist, Gutes und Schlimmes, und heute ungefahr uberrechnet werden kann, — wer ware wohl naiv genug, Luthern um dieser Folgen willen einfach zu loben oder zu tadeln? Er ist an Allem unschuldig, er wusste nicht was er that. Die Verflachung des europaischen Geistes, namentlich im Norden, seine Vergutmuthigung, wenn man's lieber mit einem moralischen Worte bezeichnet hort, that mit der Lutherischen Reformation einen tuchtigen Schritt vorwarts, es ist kein Zweifel; und ebenso wuchs durch sie die Beweglichkeit und Unruhe des Geistes, sein Durst nach Unabhangigkeit, sein Glaube an ein Recht auf Freiheit, seine» Naturlichkeit«. Will man ihr in letzterer Hinsicht den Werth zugestehn, Das vorbereitet und begunstigt zu haben, was wir heute als» moderne Wissenschaft «verehren, so muss man freilich hinzufugen, dass sie auch an der Entartung des modernen Gelehrten mitschuldig ist, an seinem Mangel an Ehrfurcht, Scham und Tiefe, an der ganzen naiven Treuherzigkeit und Biedermannerei in Dingen der Erkenntniss, kurz an jenem Plebejismus des Geistes, der den letzten beiden Jahrhunderten eigenthumlich ist und von dem uns auch der bisherige Pessimismus noch keineswegs erlost hat, — auch die,»modernen Ideen «gehoren noch zu diesem Bauernaufstand des Nordens gegen den kalteren, zweideutigeren, misstrauischeren Geist des Sudens, der sich in der christlichen Kirche sein grosstes Denkmal gebaut hat. Vergessen wir es zuletzt nicht, was eine Kirche ist, und zwar im Gegensatz zu jedem» Staate«: eine Kirche ist vor Allem ein Herrschafts-Gebilde, das den geistigeren Menschen den obersten Rang sichert und an die Macht der Geistigkeit soweit glaubt, um sich alle groberen Gewaltmittel zu verbieten, — damit allein ist die Kirche unter allen Umstanden eine vornehmere Institution als der Staat. —
Die Rache am Geist und andere Hintergrunde der Moral. — Die Moral — wo glaubt ihr wohl, dass sie ihre gefahrlichsten und tuckischsten Anwalte hat?… Da ist ein missrathener Mensch, der nicht genug Geist besitzt, um sich dessen freuen zu konnen, und gerade Bildung genug, um das zu wissen; gelangweilt, uberdrussig, ein Selbstverachter; durch etwas ererbtes Vermogen leider noch um den letzten Trost betrogen, den» Segen der Arbeit«, die Selbstvergessenheit im» Tagewerk«; ein Solcher, der sich seines Daseins im Grunde schamt — vielleicht herbergt er dazu ein paar kleine Laster — und andrerseits nicht umhin kann, durch Bucher, auf die er kein Recht hat, oder geistigere Gesellschaft als er verdauen kann, sich immer schlimmer zu verwohnen und eitel-