Glaube werden will: wo der Einzelne uberzeugt ist, ungefahr Alles zu konnen, ungefahr jeder Rolle gewachsen zu sein, wo jeder mit sich versucht, improvisirt, neu versucht, mit Lust versucht, wo alle Natur aufhort und Kunst wird… Die Griechen, erst in diesen Rollen-Glauben — einen Artisten-Glauben, wenn man will — eingetreten, machten, wie bekannt, Schritt fur Schritt eine wunderliche und nicht in jedem Betracht nachahmenswerthe Verwandlung durch: sie wurden wirklich Schauspieler; als solche bezauberten sie, uberwanden sie alle Welt und zuletzt selbst die» Weltuberwinderin«(denn der Graeculus histrio hat Rom besiegt, und nicht, wie die Unschuldigen zu sagen pflegen, die griechische Cultur…). Aber was ich furchte, was man heute schon mit Handen greift, falls man Lust hatte, darnach zu greifen, wir modernen Menschen sind ganz schon auf dem gleichen Wege; und jedes Mal, wenn der Mensch anfangt zu entdecken, inwiefern er eine Rolle spielt und inwieweit er Schauspieler sein kann, wird er Schauspieler… Damit kommt dann eine neue Flora und Fauna von Menschen herauf, die in festeren, beschrankteren Zeitaltern nicht wachsen konnen — oder» unten «gelassen werden, unter dem Banne und Verdachte der Ehrlosigkeit —, es kommen damit jedes Mal die interessantesten und tollsten Zeitalter der Geschichte herauf, in denen die» Schauspieler«, alle Arten Schauspieler, die eigentlichen Herren sind. Eben dadurch wird eine andre Gattung Mensch immer tiefer benachtheiligt, endlich unmoglich gemacht, vor Allem die grossen» Baumeister«; jetzt erlahmt die bauende Kraft; der Muth, auf lange Fernen hin Plane zu machen, wird entmuthigt; die organisatorischen Genies fangen an zu fehlen: — wer wagt es nunmehr noch, Werke zu unternehmen, zu deren Vollendung man auf Jahrtausende rechnen musste? Es stirbt eben jener Grundglaube aus, auf welchen hin Einer dergestalt rechnen, versprechen, die Zukunft im Plane vorwegnehmen, seinem Plane zum Opfer bringen kann, dass namlich der Mensch nur insofern Werth hat, Sinn hat, als er ein Stein in einem grossen Baue ist: wozu er zuallererst fest sein muss,»Stein «sein muss… Vor Allem nicht — Schauspieler! Kurz gesagt — ach, es wird lang genug noch verschwiegen werden! — was von nun an nicht mehr gebaut wird, nicht mehr gebaut werden kann, das ist — eine Gesellschaft im alten Verstande des Wortes; um diesen Bau zu bauen, fehlt Alles, voran das Material. Wir Alle sind kein Material mehr fur eine Gesellschaft: das ist eine Wahrheit, die an der Zeit ist! Es dunkt mich gleichgultig, dass einstweilen noch die kurzsichtigste, vielleicht ehrlichste, jedenfalls larmendste Art Mensch, die es heute giebt, unsre Herrn Socialisten, ungefahr das Gegentheil glaubt, hofft, traumt, vor Allem schreit und schreibt; man liest ja ihr Zukunftswort» freie Gesellschaft «bereits auf allen Tischen und Wanden. Freie Gesellschaft? Ja! Ja! Aber ihr wisst doch, ihr Herren, woraus man die baut? Aus holzernem Eisen! Aus dem beruhmten holzernen Eisen! Und noch nicht einmal aus holzernem…
Zum alten Probleme:»was ist deutsch?«— Man rechne bei sich die eigentlichen Errungenschaften des philosophischen Gedankens nach, welche deutschen Kopfen verdankt werden: sind sie in irgend einem erlaubten Sinne auch noch der ganzen Rasse zu Gute zu rechnen? Durfen wir sagen: sie sind zugleich das Werk der» deutschen Seele«, mindestens deren Symptom, in dem Sinne, in welchem wir etwa Plato's Ideomanie, seinen fast religiosen Formen-Wahnsinn zugleich als ein Ereigniss und Zeugniss der» griechischen Seele «zu nehmen gewohnt sind? Oder ware das Umgekehrte wahr? waren sie gerade so individuell, so sehr Ausnahme vom Geiste der Rasse, wie es zum Beispiel Goethe's Heidenthum mit gutem Gewissen war? Oder wie es Bismarck's Macchiavellismus mit gutem Gewissen, seine sogenannte Realpolitik unter Deutschen ist? Widersprachen unsre Philosophen vielleicht sogar dem Bedurfnisse der» deutschen Seele«? Kurz, waren die deutschen Philosophen wirklich — philosophische Deutsche? — Ich erinnere an drei Falle. Zuerst an Leibnitzens unvergleichliche Einsicht, mit der er nicht nur gegen Descartes, sondern gegen Alles, was bis zu ihm philosophirt hatte, Recht bekam, — dass die Bewusstheit nur ein Accidens der Vorstellung ist, nicht deren nothwendiges und wesentliches Attribut, dass also das, was wir Bewusstsein nennen, nur einen Zustand unsrer geistigen und seelischen Welt ausmacht (vielleicht einen krankhaften Zustand) und bei weitem nicht sie selbst: — ist an diesem Gedanken, dessen Tiefe auch heute noch nicht ausgeschopft ist, etwas Deutsches? Giebt es einen Grund zu muthmaassen, dass nicht leicht ein Lateiner auf diese Umdrehung des Augenscheins verfallen sein wurde? — denn es ist eine Umdrehung. Erinnern wir uns zweitens an Kant's ungeheures Fragezeichen, welches er an den Begriff» Causalitat «schrieb, — nicht dass er wie Hume dessen Recht uberhaupt bezweifelt hatte: er begann vielmehr vorsichtig das Reich abzugrenzen, innerhalb dessen dieser Begriff uberhaupt Sinn hat (man ist auch jetzt noch nicht mit dieser Grenzabsteckung fertig geworden). Nehmen wir drittens den erstaunlichen Griff Hegel's, der damit durch alle logischen Gewohnheiten und Verwohnungen durchgriff, als er zu lehren wagte, dass die Artbegriffe sich auseinander entwickeln: mit welchem Satze die Geister in Europa zur letzten grossen wissenschaftlichen Bewegung praformirt wurden, zum Darwinismus — denn ohne Hegel kein Darwin. Ist an dieser Hegelschen Neuerung, die erst den entscheidenden Begriff» Entwicklung «in die Wissenschaft gebracht hat, etwas Deutsches? — Ja, ohne allen Zweifel: in allen drei Fallen fuhlen wir Etwas von uns selbst» aufgedeckt «und errathen und sind dankbar dafur und uberrascht zugleich, jeder dieser drei Satze ist ein nachdenkliches Stuck deutscher Selbsterkenntniss, Selbsterfahrung, Selbsterfassung.»Unsre innre Welt ist viel reicher, umfanglicher, verborgener«, so empfinden wir mit Leibnitz; als Deutsche zweifeln wir mit Kant an der Letztgultigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und uberhaupt an Allem, was sich causaliter erkennen lasst: das Erkennbare scheint uns als solches schon geringeren Werthes. Wir Deutsche sind Hegelianer, auch, wenn es nie einen Hegel gegeben hatte, insofern wir (im Gegensatz zu allen Lateinern) dem Werden, der Entwicklung instinktiv einen tieferen Sinn und reicheren Werth zumessen als dem, was» ist«— wir glauben kaum an die Berechtigung des Begriffs» Sein«—; ebenfalls insofern wir unsrer menschlichen Logik nicht geneigt sind einzuraumen, dass sie die Logik an sich, die einzige Art Logik sei (wir mochten vielmehr uns uberreden, dass sie nur ein Spezialfall sei, und vielleicht einer der wunderlichsten und dummsten —). Eine vierte Frage ware, ob auch Schopenhauer mit seinem Pessimismus, das heisst dem Problem vom Werth des Daseins, gerade ein Deutscher gewesen sein musste. Ich glaube nicht. Das Ereigniss, nach welchem dies Problem mit Sicherheit zu erwarten stand, so dass ein Astronom der Seele Tag und Stunde dafur hatte ausrechnen konnen, der Niedergang des Glaubens an den christlichen Gott, der Sieg des wissenschaftlichen Atheismus, ist ein gesammt-europaisches Ereigniss, an dem alle Rassen ihren Antheil von Verdienst und Ehre haben sollen. Umgekehrt ware gerade den Deutschen zuzurechnen — jenen Deutschen, mit welchen Schopenhauer gleichzeitig lebte —, diesen Sieg des Atheismus am langsten und gefahrlichsten verzogert zu haben; Hegel namentlich war sein Verzogerer par excellence, gemass dem grandiosen Versuche, den er machte, uns zur Gottlichkeit des Daseins zu allerletzt noch mit Hulfe unsres sechsten Sinnes, des» historischen Sinnes «zu uberreden. Schopenhauer war als Philosoph der erste eingestandliche und unbeugsame Atheist, den wir Deutschen gehabt haben: seine Feindschaft gegen Hegel hatte hier ihren Hintergrund. Die Ungottlichkeit des Daseins galt ihm als etwas Gegebenes, Greifliches, Undiskutirbares; er verlor jedes Mal seine Philosophen-Besonnenheit und gerieth in Entrustung, wenn er Jemanden hier zogern und Umschweife machen sah. An dieser Stelle liegt seine ganze Rechtschaffenheit: der unbedingte redliche Atheismus ist eben die Voraussetzung seiner Problemstellung, als ein endlich und schwer errungener Sieg des europaischen Gewissens, als der folgenreichste Akt einer zweitausendjahrigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Luge im Glauben an Gott verbietet… Man sieht, was eigentlich uber den christlichen Gott gesiegt hat: die christliche Moralitat selbst, der immer strenger genommene Begriff der Wahrhaftigkeit, die Beichtvater- Feinheit des christlichen Gewissens, ubersetzt und sublimirt zum wissenschaftlichen Gewissen, zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur ansehn, als ob sie ein Beweis fur die Gute und Obhut eines Gottes sei; die Geschichte interpretiren zu Ehren einer gottlichen Vernunft, als bestandiges Zeugniss einer sittlichen Weltordnung und sittlicher Schlussabsichten; die eigenen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme Menschen lange genug ausgelegt haben, wie als ob Alles Fugung, Alles Wink, Alles dem Heil der Seele zu Liebe ausgedacht und geschickt sei: das ist nunmehr vorbei, das hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren Gewissen als unanstandig, unehrlich, als Lugnerei, Femininismus, Schwachheit, Feigheit, — mit dieser Strenge, wenn irgend womit, sind wir eben gute Europaer und Erben von Europa's langster und tapferster Selbstuberwindung. Indem wir die christliche Interpretation dergestalt von uns stossen und ihren» Sinn «wie eine Falschmunzerei verurtheilen, kommt nun sofort auf eine furchtbare Weise die Schopenhauerische Frage zu uns: hat denn das Dasein uberhaupt einen Sinn? — jene Frage, die ein paar Jahrhunderte brauchen wird, um auch nur vollstandig und in alle ihre Tiefe hinein gehort zu werden. Was Schopenhauer selbst auf diese Frage geantwortet hat, war — man vergebe es mir — etwas Voreiliges, Jugendliches, nur eine Abfindung, ein Stehen- und Steckenbleiben in eben den christlich-asketischen Moral- Perspektiven, welchen, mit dem Glauben an Gott, der Glaube gekundigt war… Aber er hat die Frage gestellt — als ein guter Europaer, wie gesagt, und nicht als Deutscher. — Oder hatten etwa die Deutschen, wenigstens mit der