Protestantismus ist ein Volksaufstand zu Gunsten der Biederen, Treuherzigen, Oberflachlichen (der Norden war immer gutmuthiger und flacher als der Suden); aber erst die franzosische Revolution hat dem» guten Menschen «das Scepter vollends und feierlich in die Hand gegeben (dem Schaf, dem Esel, der Gans und Allem, was unheilbar flach und Schreihals und reif fur das Narrenhaus der» modernen Ideen «ist).

351

Zu Ehren der priesterlichen Naturen. — Ich denke, von dem, was das Volk unter Weisheit versteht (und wer ist heute nicht» Volk«? —), von jener klugen kuhmassigen Gemuthsstille, Frommigkeit und Landpfarrer-Sanftmuth, welche auf der Wiese liegt und dem Leben ernst und wiederkauend zuschaut, — davon haben gerade die Philosophen sich immer am fernsten gefuhlt, wahrscheinlich weil sie dazu nicht» Volk «genug, nicht Landpfarrer genug waren. Auch werden wohl sie gerade am spatesten daran glauben lernen, dass das Volk Etwas von dem verstehn durfte, was ihm am fernsten liegt, von der grossen Leidenschaft des Erkennenden, der bestandig in der Gewitterwolke der hochsten Probleme und der schwersten Verantwortlichkeiten lebt, leben muss (also ganz und gar nicht zuschauend, ausserhalb, gleichgultig, sicher, objektiv…). Das Volk verehrt eine ganz andere Art Mensch, wenn es seinerseits sich ein Ideal des» Weisen «macht, und hat tausendfach Recht dazu, gerade dieser Art Mensch mit den besten Worten und Ehren zu huldigen: das sind die milden, ernst-einfaltigen und keuschen Priester-Naturen und was ihnen verwandt ist, — denen gilt das Lob in jener Volks-Ehrfurcht vor der Weisheit. Und wem hatte das Volk auch Grund, dankbarer sich zu erweisen als diesen Mannern, die zu ihm gehoren und aus ihm kommen, aber wie Geweihte, Ausgelesene, seinem Wohl Geopferte — sie selber glauben sich Gott geopfert —, vor denen es ungestraft sein Herz ausschutten, an die es seine Heimlichkeiten, seine Sorgen und Schlimmeres loswerden kann (- denn der Mensch, der» sich mittheilt«, wird sich selber los; und wer» bekannt «hat, vergisst). Hier gebietet eine grosse Nothdurft: es bedarf namlich auch fur den seelischen Unrath der Abzugsgraben und der reinlichen reinigenden Gewasser drin, es bedarf rascher Strome der Liebe und starker demuthiger reiner Herzen, die zu einem solchen Dienste der nicht-offentlichen Gesundheitspflege sich bereit machen und opfern — denn es ist eine Opferung, ein Priester ist und bleibt ein Menschenopfer… Das Volk empfindet solche geopferte stillgewordne ernste Menschen des» Glaubens «als weise, das heisst als Wissend-Gewordene, als» Sichere «im Verhaltniss zur eigenen Unsicherheit: wer wurde ihm das Wort und diese Ehrfurcht nehmen mogen? — Aber, wie es umgekehrt billig ist, unter Philosophen gilt auch ein Priester immer noch als» Volk «und nicht als Wissender, vor Allem, weil sie selbst nicht an» Wissende «glauben und eben in diesem Glauben und Aberglauben schon» Volk «riechen. Die Bescheidenheit war es, welche in Griechenland das Wort» Philosoph «erfunden hat und den prachtvollen Uebermuth, sich weise zu nennen, den Schauspielern des Geistes uberliess, — die Bescheidenheit solcher Ungethume von Stolz und Selbstherrlichkeit, wie Pythagoras, wie Plato.

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Inwiefern Moral kaum entbehrlich ist. — Der nackte Mensch ist im Allgemeinen ein schandlicher Anblick — ich rede von uns Europaern (und nicht einmal von den Europaerinnen!) Angenommen, die froheste Tischgesellschaft sahe sich plotzlich durch die Tucke eines Zauberers enthullt und ausgekleidet, ich glaube, dass nicht nur der Frohsinn dahin und der starkste Appetit entmuthigt ware, — es scheint, wir Europaer konnen jener Maskerade durchaus nicht entbehren, die Kleidung heisst. Sollte aber die Verkleidung der» moralischen Menschen«, ihre Verhullung unter moralische Formeln und Anstandsbegriffe, das ganze wohlwollende Verstecken unserer Handlungen unter die Begriffe Pflicht, Tugend, Gemeinsinn, Ehrenhaftigkeit, Selbstverleugnung nicht seine ebenso guten Grunde haben? Nicht dass ich vermeinte, hierbei sollte etwa die menschliche Bosheit und Niedertrachtigkeit, kurz das schlimme wilde Thier in uns vermummt werden; mein Gedanke ist umgekehrt, dass wir gerade als zahme Thiere ein schandlicher Anblick sind und die Moral-Verkleidung brauchen, — dass der» inwendige Mensch «in Europa eben lange nicht schlimm genug ist, um sich damit» sehen lassen «zu konnen (um damit schon zu sein —). Der Europaer verkleidet sich in die Moral, weil er ein krankes, krankliches, kruppelhaftes Thier geworden ist, das gute Grunde hat,»zahm «zu sein, weil er beinahe eine Missgeburt, etwas Halbes, Schwaches, Linkisches ist…. Nicht die Furchtbarkeit des Raubthiers findet eine moralische Verkleidung nothig, sondern das Heerdenthier mit seiner tiefen Mittelmassigkeit, Angst und Langenweile an sich selbst. Moral putzt den Europaer auf — gestehen wir es ein! — in's Vornehmere, Bedeutendere, Ansehnlichere, in's» Gottliche»—

353

Vom Ursprung der Religionen. — Die eigentliche Erfindung der Religionsstifter ist einmal: eine bestimmte Art Leben und Alltag der Sitte anzusetzen, welche als disciplina voluntatis wirkt und zugleich die Langeweile wegschafft; sodann: gerade diesem Leben eine Interpretation zu geben, vermoge deren es vom hochsten Werthe umleuchtet scheint, so dass es nunmehr zu einem Gute wird, fur das man kampft und, unter Umstanden, sein Leben lasst. In Wahrheit ist von diesen zwei Erfindungen die zweite die wesentlichere: die erste, die Lebensart, war gewohnlich schon da, aber neben andren Lebensarten und ohne Bewusstsein davon, was fur ein Werth ihr innewohne. Die Bedeutung, die Originalitat des Religionsstifters kommt gewohnlich darin zu Tage, dass er sie sieht, dass er sie auswahlt, dass er zum ersten Male errath, wozu sie gebraucht, wie sie interpretirt werden kann. Jesus (oder Paulus) zum Beispiel fand das Leben der kleinen Leute in der romischen Provinz vor, ein bescheidenes tugendhaftes gedrucktes Leben: er legte es aus, er legte den hochsten Sinn und Werth hinein — und damit den Muth, jede andre Art Leben zu verachten, den stillen Herrenhuter-Fanatismus, das heimliche unterirdische Selbstvertrauen, welches wachst und wachst und endlich bereit ist,»die Welt zu uberwinden«(das heisst Rom und die hoheren Stande im ganzen Reiche). Buddha insgleichen fand jene Art Menschen vor, und zwar zerstreut unter alle Stande und gesellschaftliche Stufen seines Volks, welche aus Tragheit gut und gutig (vor Allem inoffensiv) sind, die, ebenfalls aus Tragheit, abstinent, beinahe bedurfnisslos leben: er verstand, wie eine solche Art Menschen mit Unvermeidlichkeit, mit der ganzen vis inertiae, in einen Glauben hineinrollen musse, der die Wiederkehr der irdischen Muhsal (das heisst der Arbeit, des Handelns uberhaupt) zu verhuten verspricht, — dies» Verstehen «war sein Genie. Zum Religionsstifter gehort psychologische Unfehlbarkeit im Wissen um eine bestimmte Durchschnitts-Art von Seelen, die sich noch nicht als zusammengehorig erkannt haben. Er ist es, der sie zusammenbringt; die Grundung einer Religion wird insofern immer zu einem langen Erkennungs-Feste. —

354

Vom» Genius der Gattung«. — Das Problem des Bewusstseins (richtiger: des Sich-Bewusst-Werdens) tritt erst dann vor uns hin, wenn wir zu begreifen anfangen, inwiefern wir seiner entrathen konnten: und an diesen Anfang des Begreifens stellt uns jetzt Physiologie und Tiergeschichte (welche also zwei Jahrhunderte nothig gehabt haben, um den vorausfliegenden Argwohn Leibnitzens einzuholen). Wir konnten namlich denken, fuhlen, wollen, uns erinnern, wir konnten ebenfalls» handeln «in jedem Sinne des Wortes: und trotzdem brauchte das Alles nicht uns» in's Bewusstsein zu treten«(wie man im Bilde sagt). Das ganze Leben ware moglich, ohne dass es sich gleichsam im Spiegel sahe: wie ja thatsachlich auch jetzt noch bei uns der bei weitem uberwiegende Theil dieses Lebens sich ohne diese Spiegelung abspielt —, und zwar auch unsres denkenden, fuhlenden, wollenden Lebens, so beleidigend dies einem alteren Philosophen klingen mag. Wozu uberhaupt Bewusstsein, wenn es in der Hauptsache uberflussig ist? — Nun scheint mir, wenn man meiner Antwort auf diese Frage und ihrer vielleicht ausschweifenden Vermuthung Gehor geben will, die Feinheit und Starke des Bewusstseins immer im Verhaltniss zur Mittheilungs-Fahigkeit eines Menschen (oder Thiers) zu stehn, die Mittheilungs-Fahigkeit wiederum im Verhaltniss zur Mittheilungs-Bedurftigkeit: letzteres nicht so verstanden, als ob gerade der einzelne

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