Metaphysik haben Einige noch nothig; aber auch jenes ungestume Verlangen nach Gewissheit, welches sich heute in breiten Massen wissenschaftlich-positivistisch entladet, das Verlangen, durchaus etwas fest haben zu wollen (wahrend man es wegen der Hitze dieses Verlangens mit der Begrundung der Sicherheit leichter und lasslicher nimmt): auch das ist noch das Verlangen nach Halt, Stutze, kurz, jener Instinkt der Schwache, welcher Religionen, Metaphysiken, Ueberzeugungen aller Art zwar nicht schafft, aber — conservirt. In der That dampft um alle diese positivistischen Systeme der Qualm einer gewissen pessimistischen Verdusterung, Etwas von Mudigkeit, Fatalismus, Enttauschung, Furcht vor neuer Enttauschung — oder aber zur Schau getragener Ingrimm, schlechte Laune, Entrustungs-Anarchismus und was es alles fur Symptome oder Maskeraden des Schwachegefuhls giebt. Selbst die Heftigkeit, mit der sich unsre gescheidtesten Zeitgenossen in armliche Ecken und Engen verlieren, zum Beispiel in die Vaterlanderei (so heisse ich das, was man in Frankreich chauvinisme, in Deutschland» deutsch «nennt) oder in asthetische Winkel-Bekenntnisse nach Art des Pariser naturalisme (der von der Natur nur den Theil hervorzieht und entblosst, welcher Ekel zugleich und Erstaunen macht — man heisst diesen Theil heute gern la verite vraie —) oder in Nihilismus nach Petersburger Muster (das heisst in den Glauben an den Unglauben, bis zum Martyrium dafur) zeigt immer vorerst das Bedurfniss nach Glauben, Halt, Ruckgrat, Ruckhalt… Der Glaube ist immer dort am meisten begehrt, am dringlichsten nothig, wo es an Willen fehlt: denn der Wille ist, als Affekt des Befehls, das entscheidende Abzeichen der Selbstherrlichkeit und Kraft. Das heisst, je weniger Einer zu befehlen weiss, um so dringlicher begehrt er nach Einem, der befiehlt, streng befiehlt, nach einem Gott, Fursten, Stand, Arzt, Beichtvater, Dogma, Partei-Gewissen. Woraus vielleicht abzunehmen ware, dass die beiden Weltreligionen, der Buddhismus und das Christenthum ihren Entstehungsgrund, ihr plotzliches Um-sich-greifen zumal, in einer ungeheuren Erkrankung des Willens gehabt haben mochten. Und so ist es in Wahrheit gewesen: beide Religionen fanden ein durch Willens-Erkrankung in's Unsinnige aufgethurmtes, bis zur Verzweiflung gehendes Verlangen nach einem» du sollst «vor, beide Religionen waren Lehrerinnen des Fanatismus in Zeiten der Willens-Erschlaffung und boten damit Unzahligen einen Halt, eine neue Moglichkeit zu wollen, einen Genuss am Wollen. Der Fanatismus ist namlich die einzige Willensstarken, zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden konnen, als eine Art Hypnotisirung des ganzen sinnlich-intellektuellen Systems zu Gunsten der uberreichlichen Ernahrung (Hypertrophie) eines einzelnen Gesichts- und Gefuhlspunktes, der nunmehr dominirt — der Christ heisst ihn seinen Glauben. Wo ein Mensch zu der Grunduberzeugung kommt, dass ihm befohlen werden muss, wird er» glaubig«; umgekehrt ware eine Lust und Kraft der Selbstbestimmung, eine Freiheit des Willens denkbar, bei der ein Geist jedem Glauben, jedem Wunsch nach Gewissheit den Abschied giebt, geubt, wie er ist, auf leichten Seilen und Moglichkeiten sich halten zu konnen und selbst an Abgrunden noch zu tanzen. Ein solcher Geist ware der freie Geist par excellence.

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Von der Herkunft der Gelehrten. — Der Gelehrte wachst in Europa aus aller Art Stand und gesellschaftlicher Bedingung heraus, als eine Pflanze, die keines spezifischen Erdreichs bedarf: darum gehort er, wesentlich und unfreiwillig, zu den Tragem des demokratischen Gedankens. Aber diese Herkunft verrath sich. Hat man seinen Blick etwas dafur eingeschult, an einem gelehrten Buche, einer wissenschaftlichen Abhandlung die intellektuelle Idiosynkrasie des Gelehrten — jeder Gelehrte hat eine solche — herauszuerkennen und auf der That zu ertappen, so wird man fast immer hinter ihr die» Vorgeschichte «des Gelehrten, seine Familie, in Sonderheit deren Berufsarten und Handwerke zu Gesicht bekommen. Wo das Gefuhl zum Ausdruck kommt» das ist nunmehr bewiesen, hiermit bin ich fertig«, da ist es gemeinhin der Vorfahr im Blute und Instinkte des Gelehrten, welcher von seinem Gesichtswinkel aus die» gemachte Arbeit «gutheisst, — der Glaube an den Beweis ist nur ein Symptom davon, was in einem arbeitsamen Geschlechte von Alters her als» gute Arbeit «angesehn worden ist. Ein Beispiel: die Sohne von Registratoren und Bureauschreibern jeder Art, deren Hauptaufgabe immer war, ein vielfaltiges Material zu ordnen, in Schubfacher zu vertheilen, uberhaupt zu schematisiren, zeigen, falls sie Gelehrte werden, eine Vorneigung dafur, ein Problem beinahe damit fur gelost zu halten, dass sie es schematisirt haben. Es giebt Philosophen, welche im Grunde nur schematische Kopfe sind — ihnen ist das Formale des vaterlichen Handwerks zum Inhalte geworden. Das Talent zu Classificationen, zu Kategorientafeln verrath Etwas; man ist nicht ungestraft das Kind seiner Eltern. Der Sohn eines Advokaten wird auch als Forscher ein Advokat sein mussen: er will mit seiner Sache in erster Rucksicht Recht behalten, in zweiter, vielleicht, Recht haben. Die Sohne von protestantischen Geistlichen und Schullehrern erkennt man an der naiven Sicherheit, mit der sie als Gelehrte ihre Sache schon als bewiesen nehmen, wenn sie von ihnen eben erst nur herzhaft und mit Warme vorgebracht worden ist: sie sind eben grundlich daran gewohnt, dass man ihnen glaubt, — das gehorte bei ihren Vatern zum,»Handwerk«! Ein Jude umgekehrt ist, gemass dem Geschaftskreis und der Vergangenheit seines Volks, gerade daran — dass man ihm glaubt — am wenigsten gewohnt: man sehe sich darauf die judischen Gelehrten an, — sie Alle halten grosse Stucke auf die Logik, das heisst auf das Erzwingen der Zustimmung durch Grunde; sie wissen, dass sie mit ihr siegen mussen, selbst wo Rassen- und Classen-Widerwille gegen sie vorhanden ist, wo man ihnen ungern glaubt. Nichts namlich ist demokratischer als die Logik: sie kennt kein Ansehn der Person und nimmt auch die krummen Nasen fur gerade. (Nebenbei bemerkt: Europa ist gerade in Hinsicht auf Logisirung, auf reinlichere Kopf- Gewohnheiten den Juden nicht wenig Dank schuldig; voran die Deutschen, als eine beklagenswerth deraisonnable Rasse, der man auch heute immer noch zuerst» den Kopf zu waschen «hat. Ueberall, wo Juden zu Einfluss gekommen sind, haben sie ferner zu scheiden, scharfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt: ihre Aufgabe war es immer, ein Volk» zur Raison «zu bringen.)

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Noch einmal die Herkunft der Gelehrten. — Sich selbst erhalten wollen ist der Ausdruck einer Nothlage, einer Einschrankung des eigentlichen Lebens-Grundtriebes, der auf Machterweiterung hinausgeht und in diesem Willen oft genug die Selbsterhaltung in Frage stellt und opfert. Man nehme es als symptomatisch, wenn einzelne Philosophen, wie zum Beispiel der schwindsuchtige Spinoza, gerade im sogenannten Selbsterhaltungs-Trieb das Entscheidende sahen, sehen mussten: — es waren eben Menschen in Nothlagen. Dass unsre modernen Naturwissenschaften sich dermaassen mit dem Spinozistischen Dogma verwickelt haben (zuletzt noch und am grobsten im Darwinismus mit seiner unbegreiflich einseitigen Lehre vom» Kampf um's Dasein«—), das liegt wahrscheinlich an der Herkunft der meisten Naturforscher: sie gehoren in dieser Hinsicht zum» Volk«, ihre Vorfahren waren arme und geringe Leute, welche die Schwierigkeit, sich durchzubringen, allzusehr aus der Nahe kannten. Um den ganzen englischen Darwinismus herum haucht Etwas wie englische Uebervolkerungs-Stickluft, wie Kleiner-Leute-Geruch von Noth und Enge. Aber man sollte, als Naturforscher, aus seinem menschlichen Winkel herauskommen: und in der Natur herrscht nicht die Nothlage, sondern der Ueberfluss, die Verschwendung, sogar bis in's Unsinnige. Der Kampf um's Dasein ist nur eine Ausnahme, eine zeitweilige Restriktion des Lebenswillens; der grosse und kleine Kampf dreht sich allenthalben um's Uebergewicht, um Wachsthum und Ausbreitung, um Macht, gemass dem Willen zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.

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Zu Ehren der homines religiosi. — Der Kampf gegen die Kirche ist ganz gewiss unter Anderem — denn er bedeutet Vielerlei — auch der Kampf der gemeineren vergnugteren vertraulicheren oberflachlicheren Naturen gegen die Herrschaft der schwereren tieferen beschaulicheren, das heisst boseren und argwohnischeren Menschen, welche mit einem langen Verdachte uber den Werth des Daseins, auch uber den eignen Werth bruteten: — der gemeine Instinkt des Volkes, seine Sinnen-Lustigkeit, sein» gutes Herz «emporte sich gegen sie. Die ganze romische Kirche ruht auf einem sudlandischen Argwohne uber die Natur des Menschen, der vom Norden aus immer falsch verstanden wird: in welchem Argwohne der europaische Suden die Erbschaft des tiefen Orients, des uralten geheimnissreichen Asien und seiner Contemplation gemacht hat. Schon der

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