Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat. — Das grosste neuere Ereigniss, — dass» Gott todt ist«, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwurdig geworden ist — beginnt bereits seine ersten Schatten uber Europa zu werfen. Fur die Wenigen wenigstens, deren Augen, deren Argwohn in den Augen stark und fein genug fur dies Schauspiel ist, scheint eben irgend eine Sonne untergegangen, irgend ein altes tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht: ihnen muss unsre alte Welt taglich abendlicher, misstrauischer, fremder,»alter «scheinen. In der Hauptsache aber darf man sagen: das Ereigniss selbst ist viel zu gross, zu fern, zu abseits vom Fassungsvermogen Vieler, als dass auch nur seine Kunde schon angelangt heissen durfte; geschweige denn, dass Viele bereits wussten, was eigentlich sich damit begeben hat — und was Alles, nachdem dieser Glaube untergraben ist, nunmehr einfallen muss, weil es auf ihm gebaut, an ihn gelehnt, in ihn hineingewachsen war: zum Beispiel unsre ganze europaische Moral. Diese lange Fulle und Folge von Abbruch, Zerstorung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht: wer erriethe heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkunder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abgeben zu mussen, den Propheten einer Verdusterung und Sonnenfinsterniss, deren Gleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat?… Selbst wir geborenen Rathselrather, die wir gleichsam auf den Bergen warten, zwischen Heute und Morgen hingestellt und in den Widerspruch zwischen Heute und Morgen hineingespannt, wir Erstlinge und Fruhgeburten des kommenden Jahrhunderts, denen eigentlich die Schatten, welche Europa alsbald einwickeln mussen, jetzt schon zu Gesicht gekommen sein sollten: woran liegt es doch, dass selbst wir ohne rechte Theilnahme fur diese Verdusterung, vor Allem ohne Sorge und Furcht fur uns ihrem Heraufkommen entgegensehn? Stehen wir vielleicht zu sehr noch unter den nachsten Folgen dieses Ereignisses — und diese nachsten Folgen, seine Folgen fur uns sind, umgekehrt als man vielleicht erwarten konnte, durchaus nicht traurig und verdusternd, vielmehr wie eine neue schwer zu beschreibende Art von Licht, Gluck, Erleichterung, Erheiterung, Ermuthigung, Morgenrothe… In der That, wir Philosophen und» freien Geister «fuhlen uns bei der Nachricht, dass der» alte Gott todt «ist, wie von einer neuen Morgenrothe angestrahlt; unser Herz stromt dabei uber von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung, — endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, dass er nicht hell ist, endlich durfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagniss des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so» offnes Meer«. —
Inwiefern auch wir noch fromm sind. — In der Wissenschaft haben die Ueberzeugungen kein Burgerrecht, so sagt man mit gutem Grunde: erst wenn sie sich entschliessen, zur Bescheidenheit einer Hypothese, eines vorlaufigen Versuchs-Standpunktes, einer regulativen Fiktion herabzusteigen, darf ihnen der Zutritt und sogar ein gewisser Werth innerhalb des Reichs der Erkenntniss zugestanden werden, — immerhin mit der Beschrankung, unter polizeiliche Aufsicht gestellt zu bleiben, unter die Polizei des Misstrauens. — Heisst das aber nicht, genauer besehen: erst, wenn die Ueberzeugung aufhort, Ueberzeugung zu sein, darf sie Eintritt in die Wissenschaft erlangen? Fienge nicht die Zucht des wissenschaftlichen Geistes damit an, sich keine Ueberzeugungen mehr zu gestatten?… So steht es wahrscheinlich: nur bleibt ubrig zu fragen, ob nicht, damit diese Zucht anfangen konne, schon eine Ueberzeugung da sein musse, und zwar eine so gebieterische und bedingungslose, dass sie alle andren Ueberzeugungen sich zum Opfer bringt. Man sieht, auch die Wissenschaft ruht auf einem Glauben, es giebt gar keine» voraussetzungslose «Wissenschaft. Die Frage, ob Wahrheit noth thue, muss nicht nur schon vorher bejaht, sondern in dem Grade bejaht sein, dass der Satz, der Glaube, die Ueberzeugung darin zum Ausdruck kommt» es thut nichts mehr noth als Wahrheit, und im Verhaltniss zu ihr hat alles Uebrige nur einen Werth zweiten Rangs«. — Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit: was ist er? Ist es der Wille, sich nicht tauschen zu lassen? Ist es der Wille, nicht zu tauschen? Namlich auch auf diese letzte Weise konnte der Wille zur Wahrheit interpretirt werden: vorausgesetzt, dass man unter der Verallgemeinerung» ich will nicht tauschen «auch den einzelnen Fall» ich will mich nicht tauschen «einbegreift. Aber warum nicht tauschen? Aber warum nicht sich tauschen lassen? — Man bemerke, dass die Grunde fur das Erstere auf einem ganz andern Bereiche liegen als die fur das Zweite: man will sich nicht tauschen lassen, unter der Annahme, dass es schadlich, gefahrlich, verhangnissvoll ist, getauscht zu werden, — in diesem Sinne ware Wissenschaft eine lange Klugheit, eine Vorsicht, eine Nutzlichkeit, gegen die man aber billigerweise einwenden durfte: wie? ist wirklich das Sich-nicht-tauschen- lassen-wollen weniger schadlich, weniger gefahrlich, weniger verhangnissvoll: Was wisst ihr von vornherein vom Charakter des Daseins, um entscheiden zu konnen, ob der grossere Vortheil auf Seiten des Unbedingt- Misstrauischen oder des Unbedingt-Zutraulichen ist? Falls aber Beides nothig sein sollte, viel Zutrauen und viel Misstrauen: woher durfte dann die Wissenschaft ihren unbedingten Glauben, ihre Ueberzeugung nehmen, auf dem sie ruht, dass Wahrheit wichtiger sei als irgend ein andres Ding, auch als jede andre Ueberzeugung? Eben diese Ueberzeugung konnte nicht entstanden sein, wenn Wahrheit und Unwahrheit sich beide fortwahrend als nutzlich bezeigten: wie es der Fall ist. Also — kann der Glaube an die Wissenschaft, der nun einmal unbestreitbar da ist, nicht aus einem solchen Nutzlichkeits-Calcul seinen Ursprung genommen haben, sondern vielmehr trotzdem, dass ihm die Unnutzlichkeit und Gefahrlichkeit des» Willens zur Wahrheit«, der» Wahrheit um jeden Preis «fortwahrend bewiesen wird.»Um jeden Preis«: oh wir verstehen das gut genug, wenn wir erst einen Glauben nach dem andern auf diesem Altare dargebracht und abgeschlachtet haben! — Folglich bedeutet» Wille zur Wahrheit «nicht ich will mich nicht tauschen lassen«, sondern — es bleibt keine Wahl —»ich will nicht tauschen, auch mich selbst nicht«: — und hiermit sind wir auf dem Boden der Moral. Denn man frage sich nur grundlich:»warum willst du nicht tauschen?«namentlich wenn es den Anschein haben sollte, — und es hat den Anschein! — als wenn das Leben auf Anschein, ich meine auf Irrthum, Betrug, Verstellung, Blendung, Selbstverblendung angelegt ware, und wenn andrerseits thatsachlich die grosse Form des Lebens sich immer auf der Seite der unbedenklichsten polYtfopoi gezeigt hat. Es konnte ein solcher Vorsatz vielleicht, mild ausgelegt, eine Don Quixoterie, ein kleiner schwarmerischer Aberwitz sein; er konnte aber auch noch etwas Schlimmeres sein, namlich ein lebensfeindliches zerstorerisches Princip…»Wille zur Wahrheit«— das konnte ein versteckter Wille zum Tode sein.- Dergestalt fuhrt die Frage: warum Wissenschaft? zuruck auf das moralische Problem- wozu uberhaupt Moral, wenn Leben, Natur, Geschichte» unmoralisch «sind? Es ist kein Zweifel, der Wahrhaftige, in jenem verwegenen und letzten Sinne, wie ihn der Glaube an die Wissenschaft voraussetzt, bejaht damit eine andre Welt als die des Lebens, der Natur und der Geschichte; und insofern er diese» andre Welt «bejaht, wie? muss er nicht eben damit ihr Gegenstuck, diese Welt,