unsre Welt — verneinen?… Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinaus will, namlich dass es immer noch ein metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, — dass auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein Jahrtausende alter Glaube entzundet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Plato's war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit gottlich ist… Aber wie, wenn dies gerade immer mehr unglaubwurdig wird, wenn Nichts sich mehr als gottlich erweist, es sei denn der Irrthum, die Blindheit, die Luge, — wenn Gott selbst sich als unsre langste Luge erweist? —

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Moral als Problem. — Der Mangel an Person racht sich uberall; eine geschwachte, dunne, ausgeloschte, sich selbst leugnende und verleugnende Personlichkeit taugt zu keinem guten Dinge mehr, — sie taugt am wenigsten zur Philosophie. Die» Selbstlosigkeit «hat keinen Werth im Himmel und auf Erden; die grossen Probleme verlangen alle die grosse Liebe, und dieser sind nur die starken, runden, sicheren Geister fahig, die fest auf sich selber sitzen. Es macht den erheblichsten Unterschied, ob ein Denker zu seinen Problemen personlich steht, so dass er in ihnen sein Schicksal, seine Noth und auch sein bestes Gluck hat, oder aber» unpersonlich«: namlich sie nur mit den Fuhlhornern des kalten neugierigen Gedankens anzutasten und zu fassen versteht. Im letzteren Falle kommt Nichts dabei heraus, so viel lasst sich versprechen: denn die grossen Probleme, gesetzt selbst, dass sie sich fassen lassen, lassen sich von Froschen und Schwachlingen nicht halten, das ist ihr Geschmack seit Ewigkeit, — ein Geschmack ubrigens, den sie mit allen wackern Weiblein theilen. — Wie kommt es nun, dass ich noch Niemandem begegnet bin, auch in Buchern nicht, der zur Moral in dieser Stellung als Person stunde, der die Moral als Problem und dies Problem als seine personliche Noth, Qual, Wollust, Leidenschaft kennte? Ersichtlich war bisher die Moral gar kein Problem; vielmehr Das gerade, worin man, nach allem Misstrauen, Zwiespalt, Widerspruch, mit einander uberein kam, der geheiligte Ort des Friedens, wo die Denker auch von sich selbst ausruhten, aufathmeten, auflebten. Ich sehe Niemanden, der eine Kritik der moralischen Werthurtheile gewagt hatte; ich vermisse hierfur selbst die Versuche der wissenschaftlichen Neugierde, der verwohnten versucherischen Psychologen- und Historiker-Einbildungskraft, welche leicht ein Problem vorwegnimmt und im Fluge erhascht, ohne recht zu wissen, was da erhascht ist. Kaum dass ich einige sparliche Ansatze ausfindig gemacht habe, es zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefuhle und Werthschatzungen zu bringen (was etwas Anderes ist als eine Kritik derselben und noch einmal etwas Anderes als die Geschichte der ethischen Systeme): in einem einzelnen Falle habe ich Alles gethan, um eine Neigung und Begabung fur diese Art Historie zu ermuthigen — umsonst, wie mir heute scheinen will. Mit diesen Moral-Historikern (namentlich Englandern) hat es wenig auf sich: sie stehen gewohnlich selbst noch arglos unter dem Kommando einer bestimmten Moral und geben, ohne es zu wissen, deren Schildtrager und Gefolge ab; etwa mit jenem noch immer so treuherzig nachgeredeten Volks- Aberglauben des christlichen Europa, dass das Charakteristicum der moralischen Handlung im Selbstlosen, Selbstverleugnenden, Sich-Selbst-Opfernden, oder im Mitgefuhle, im Mitleiden belegen sei. Ihr gewohnlicher Fehler in der Voraussetzung ist, dass sie irgend einen consensus der Volker, mindestens der zahmen Volker uber gewisse Satze der Moral behaupten und daraus deren unbedingte Verbindlichkeit, auch fur dich und mich, schliessen; oder dass sie umgekehrt, nachdem ihnen die Wahrheit aufgegangen ist, dass bei verschiedenen Volkern die moralischen Schatzungen nothwendig verschieden sind, einen Schluss auf Unverbindlichkeit aller Moral machen: was Beides gleich grosse Kindereien sind. Der Fehler der Feineren unter ihnen ist, dass sie die vielleicht thorichten Meinungen eines Volkes uber seine Moral oder der Menschen uber alle menschliche Moral aufdecken und kritisiren, also uber deren Herkunft, religiose Sanktion, den Aberglauben des freien Willens und dergleichen, und ebendamit vermeinen, diese Moral selbst kritisirt zu haben. Aber der Werth einer Vorschrift» du sollst «ist noch grundlich verschieden und unabhangig von solcherlei Meinungen uber dieselbe und von dem Unkraut des Irrthums, mit dem sie vielleicht uberwachsen ist: so gewiss der Werth eines Medikaments fur den Kranken noch vollkommen unabhangig davon ist, ob der Kranke wissenschaftlich oder wie ein altes Weib uber Medizin denkt. Eine Moral konnte selbst aus einem Irrthum gewachsen sein: auch mit dieser Einsicht ware das Problem ihres Werthes noch nicht einmal beruhrt. — Niemand also hat bisher den Werth jener beruhmtesten aller Medizinen, genannt Moral, gepruft: wozu zuallererst gehort, dass man ihn einmal — in Frage stellt. Wohlan! Dies eben ist unser Werk. —

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Unser Fragezeichen. — Aber ihr versteht das nicht? In der That, man wird Muhe haben, uns zu verstehn. Wir suchen nach Worten, wir suchen vielleicht auch nach Ohren. Wer sind wir doch? Wollten wir uns einfach mit einem alteren Ausdruck Gottlose oder Unglaubige oder auch Immoralisten nennen, wir wurden uns damit noch lange nicht bezeichnet glauben: wir sind alles Dreies in einem zu spaten Stadium, als dass man begriffe, als dass ihr begreifen konntet, meine Herren Neugierigen, wie es Einem dabei zu Muthe ist. Nein! nicht mehr mit der Bitterkeit und Leidenschaft des Losgerissenen, der sich aus seinem Unglauben noch einen Glauben, einen Zweck, ein Martyrium selbst zurecht machen muss! Wir sind abgesotten in der Einsicht und in ihr kalt und hart geworden, dass es in der Welt durchaus nicht gottlich zugeht, ja noch nicht einmal nach menschlichem Maasse vernunftig, barmherzig oder gerecht: wir wissen es, die Welt, in der wir leben, ist ungottlich, unmoralisch,»unmenschlich«, — wir haben sie uns allzulange falsch und lugnerisch, aber nach Wunsch und Willen unsrer Verehrung, das heisst nach einem Bedurfnisse ausgelegt. Denn der Mensch ist ein verehrendes Thier! Aber er ist auch ein misstrauisches: und dass die Welt nicht das werth ist, was wir geglaubt haben, das ist ungefahr das Sicherste, dessen unser Misstrauen endlich habhaft geworden ist. So viel Misstrauen, so viel Philosophie. Wir huten uns wohl zu sagen, dass sie weniger werth ist: es erscheint uns heute selbst zum Lachen, wenn der Mensch in Anspruch nehmen wollte, Werthe zu erfinden, welche den Werth der wirklichen Welt uberragen sollten, — gerade davon sind wir zuruckgekommen als von einer ausschweifenden Verirrung der menschlichen Eitelkeit und Unvernunft, die lange nicht als solche erkannt worden ist. Sie hat ihren letzten Ausdruck im modernen Pessimismus gehabt, einen alteren, starkeren in der Lehre des Buddha; aber auch das Christenthum enthalt sie, zweifelhafter freilich und zweideutiger, aber darum nicht weniger verfuhrerisch. Die ganze Attitude» Mensch gegen Welt«, der Mensch als» Welt-verneinendes «Princip, der Mensch als Werthmaass der Dinge, als Welten-Richter, der zuletzt das Dasein selbst auf seine Wagschalen legt und zu leicht befindet — die ungeheuerliche Abgeschmacktheit dieser Attitude ist uns als solche zum Bewusstsein gekommen und verleidet, — wir lachen schon, wenn wir» Mensch und Welt «nebeneinander gestellt finden, getrennt durch die sublime Anmaassung des Wortchens» und«! Wie aber? Haben wir nicht eben damit, als Lachende, nur einen Schritt weiter in der Verachtung des Menschen gemacht? Und also auch im Pessimismus, in der Verachtung des uns erkennbaren Daseins? Sind wir nicht eben damit dem Argwohne eines Gegensatzes verfallen, eines Gegensatzes der Welt, in der wir bisher mit unsren Verehrungen zu Hause waren um deren willen wir vielleicht zu leben aushielten und einer andren Welt, die wir selber sind: einem unerbittlichen, grundlichen, untersten Argwohn uber uns selbst, der uns Europaer immer mehr, immer schlimmer in Gewalt bekommt und leicht die kommenden Geschlechter vor das furchtbare Entweder-Oder stellen konnte:»entweder schafft eure Verehrungen ab oder — euch selbst!«Das Letztere ware der Nihilismus; aber ware nicht auch das Erstere — der Nihilismus? — Dies ist unser Fragezeichen.

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Die Glaubigen und ihr Bedurfniss nach Glauben. — Wie viel einer Glauben nothig hat, um zu gedeihen, wie viel» Festes«, an dem er nicht geruttelt haben will, weil er sich daran halt, — ist ein Gradmesser seiner Kraft (oder, deutlicher geredet, seiner Schwache). Christenthum haben, wie mir scheint, im alten Europa auch heute noch die Meisten nothig: desshalb findet es auch immer noch Glauben. Denn so ist der Mensch: ein Glaubenssatz konnte ihm tausendfach widerlegt sein, — gesetzt, er hatte ihn nothig, so wurde er ihn auch immer wieder fur» wahr «halten, — gemass jenem beruhmten» Beweise der Kraft«, von dem die Bibel redet.

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