wenn ihr euer eigenes Leiden nicht eine Stunde auf euch liegen lassen wollt und immerfort allem moglichen Unglucke von ferne her schon vorbeugt, wenn ihr Leid und Unlust uberhaupt als bose, hassenswerth, vernichtungswurdig, als Makel am Dasein empfindet: nun, dann habt ihr, ausser eurer Religion des Mitleidens, auch noch eine andere Religion im Herzen, und diese ist vielleicht die Mutter von jener: — die Religion der Behaglichkeit. Ach, wie wenig wisst ihr vom Glucke des Menschen, ihr Behaglichen und Gutmuthigen! — denn das Gluck und das Ungluck sind zwei Geschwister und Zwillinge, die mit einander gross wachsen oder, wie bei euch, mit einander — klein bleiben! Aber nun zur ersten Frage zuruck. — Wie ist es nur moglich, auf seinem Wege zu bleiben! Fortwahrend ruft uns irgend ein Geschrei seitwarts; unser Auge sieht da selten Etwas, wobei es nicht nothig wird, augenblicklich unsre eigne Sache zu lassen und zuzuspringen. Ich weiss es. es giebt hundert anstandige und ruhmliche Arten, um mich von meinem Wege zu verlieren, und wahrlich hochst» moralische «Arten! Ja, die Ansicht der jetzigen Mitleid-Moralprediger geht sogar dahin, dass eben Diess und nur Diess allein moralisch sei: — sich dergestalt von seinem Wege zu verlieren und dem Nachsten beizuspringen. Ich weiss es ebenso gewiss: ich brauche mich nur dem Anblicke einer wirklichen Noth auszuliefern, so bin ich auch verloren! Und wenn ein leidender Freund zu mir sagte:»Siehe, ich werde bald sterben; versprich mir doch, mit mir zu sterben«— ich versprache es, ebenso wie mich der Anblick jenes fur seine Freiheit kampfenden Bergvolkchens dazu bringen wurde, ihm meine Hand und mein Leben anzubieten: — um einmal aus guten Grunden schlechte Beispiele zu wahlen. Ja, es giebt eine heimliche Verfuhrung sogar in alle diesem Mitleid-Erweckenden und Hulfe-Rufenden: eben unser» eigener Weg «ist eine zu harte und anspruchsvolle Sache und zu ferne von der Liebe und Dankbarkeit der Anderen, — wir entlaufen ihm gar nicht ungerne, ihm und unserm eigensten Gewissen, und fluchten uns unter das Gewissen der Anderen und hinein in den lieblichen Tempel der,»Religion des Mitleidens«. Sobald jetzt irgend ein Krieg ausbricht, so bricht damit immer auch gerade in den Edelsten eines Volkes eine freilich geheim gehaltene Lust aus: sie werfen sich mit Entzucken der neuen Gefahr des Todes entgegen, weil sie in der Aufopferung fur das Vaterland endlich jene lange gesuchte Erlaubniss zu haben glauben — die Erlaubniss, ihrem Ziele auszuweichen: — der Krieg ist fur sie ein Umweg zum Selbstmord, aber ein Umweg mit gutem Gewissen. Und, um hier Einiges zu verschweigen: so will ich doch meine Moral nicht verschweigen, welche zu mir sagt: Lebe im Verborgenen, damit du dir leben kannst! Lebe unwissend uber Das, was deinem Zeitalter das Wichtigste dunkt! Lege zwischen dich und heute wenigstens die Haut von drei Jahrhunderten! Und das Geschrei von heute, der Larm der Kriege und Revolutionen, soll dir ein Gemurmel sein! Du wirst auch helfen wollen: aber nur Denen, deren Noth du ganz verstehst, weil sie mit dir Ein Leid und Eine Hoffnung haben — deinen Freunden: und nur auf die Weise, wie du dir selber hilfst: — ich will sie muthiger, aushaltender, einfacher, frohlicher machen! Ich will sie Das lehren, was jetzt so Wenige verstehen und jene Prediger des Mitleidens am wenigsten: — die Mitfreude!
Vita femina. — Die letzten Schonheiten eines Werkes zu sehen — dazu reicht alles Wissen und aller guter Wille nicht aus; es bedarf der seltensten glucklichen Zufalle, damit einmal der Wolkenschleier von diesen Gipfeln fur uns weiche und die Sonne auf ihnen gluhe. Nicht nur mussen wir gerade an der rechten Stelle stehen, diess zu sehen: es muss gerade unsere Seele selber den Schleier von ihren Hohen weggezogen haben und eines ausseren Ausdruckes und Gleichnisses bedurftig sein, wie um einen Halt zu haben und ihrer selber machtig zu bleiben. Diess Alles aber kommt so selten gleichzeitig zusammen, dass ich glauben mochte, die hochsten Hohen alles Guten, sei es Werk, That, Mensch, Natur, seien bisher fur die Meisten und selbst fur die Besten etwas Verborgenes und Verhulltes gewesen: — was sich aber uns enthullt, das enthullt sich uns Ein Mal! — Die Griechen beteten wohl:»Zwei und drei Mal alles Schone!«Ach, sie hatten da einen guten Grund, Gotter anzurufen, denn die ungottliche Wirklichkeit giebt uns das Schone gar nicht oder Ein Mal! Ich will sagen, dass die Welt ubervoll von schonen Dingen ist, aber trotzdem arm, sehr arm an schonen Augenblicken und Enthullungen dieser Dinge. Aber vielleicht ist diess der starkste Zauber des Lebens: es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schonen Moglichkeiten uber ihm, verheissend, widerstrebend, schamhaft, spottisch, mitleidig, verfuhrerisch. Ja, das Leben ist ein Weib!
Der sterbende Sokrates. — Ich bewundere die Tapferkeit und Weisheit des Sokrates in Allem, was er that, sagte — und nicht sagte. Dieser spottische und verliebte Unhold und Rattenfanger Athens, der die ubermuthigsten Junglinge zittern und schluchzen machte, war nicht nur der weiseste Schwatzer, den es gegeben hat: er war ebenso gross im Schweigen. Ich wollte, er ware auch im letzten Augenblicke des Lebens schweigsam gewesen, — vielleicht gehorte er dann in eine noch hohere Ordnung der Geister. War es nun der Tod oder das Gift oder die Frommigkeit oder die Bosheit — irgend Etwas loste ihm in jenem Augenblick die Zunge und er sagte:»Oh Kriton, ich bin dem Asklepios einen Hahn schuldig«. Dieses lacherliche und furchtbare» letzte Wort «heisst fur Den, der Ohren hat:»Oh Kriton, das Leben ist eine Krankheit!«Ist es moglich! Ein Mann, wie er, der heiter und vor Aller Augen wie ein Soldat gelebt hat, — war Pessimist! Er hatte eben nur eine gute Miene zum Leben gemacht und zeitlebens sein letztes Urtheil, sein innerstes Gefuhl versteckt! Sokrates, Sokrates hat am Leben gelitten! Und er hat noch seine Rache dafur genommen — mit jenem verhullten, schauerlichen, frommen und blasphemischen Worte! Musste ein Sokrates sich auch noch rachen? War ein Gran Grossmuth zu wenig in seiner uberreichen Tugend? — Ach Freunde! Wir mussen auch die Griechen uberwinden!
Das grosste Schwergewicht. — Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Damon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzahlige Male leben mussen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsaglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Baumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht — und du mit ihr, Staubchen vom Staube!«— Wurdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zahnen knirschen und den Damon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten wurdest:»du bist ein Gott und nie horte ich Gottlicheres!«Wenn jener Gedanke uber dich Gewalt bekame, er wurde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und jedem» willst du diess noch einmal und noch unzahlige Male?«wurde als das grosste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie musstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestatigung und Besiegelung? —
Incipit tragoedia. — Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimath und den See Urmi und gieng in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht mude. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, — und eines Morgens stand er mit der Morgenrothe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:»Du grosses Gestirn! Was ware dein Gluck, wenn du nicht Die hattest, welchen du leuchtest! Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Hohle: du wurdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange; aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Ueberfluss ab und segneten dich dafur. Siehe! Ich bin meiner Weisheit uberdrussig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hande, die sich ausstrecken, ich