Weisheit im Schmerz. — Im Schmerz ist soviel Weisheit wie in der Lust: er gehort gleich dieser zu den arterhaltenden Kraften ersten Ranges. Ware er diess nicht, so wurde er langst zu Grunde gegangen sein; dass er weh thut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen. Ich hore im Schmerze den Commandoruf des Schiffscapitains:»zieht die Segel ein!«Auf tausend Arten die Segel zu stellen, muss der kuhne Schifffahrer» Mensch «sich eingeubt haben, sonst ware es gar zu schnell mit ihm vorbei, und der Ozean schlurfte ihn zu bald hinunter. Wir mussen auch mit verminderter Energie zu leben wissen: sobald der Schmerz sein Sicherheitssignal giebt, ist es an der Zeit, sie zu vermindern, — irgend eine grosse Gefahr, ein Sturm ist im Anzuge, und wir thun gut, uns so wenig als moglich aufzubauschen'«. — Es ist wahr, dass es Menschen giebt, welche beim Herannahen des grossen Schmerzes gerade den entgegengesetzten Commandoruf horen, und welche nie stolzer, kriegerischer und glucklicher dreinschauen, als wenn der Sturm heraufzieht; ja, der Schmerz selber giebt ihnen ihre grossten Augenblicke! Das sind die heroischen Menschen, die grossen Schmerzbringer der Menschheit: jene Wenigen oder Seltenen, die eben die selbe Apologie nothig haben, wie der Schmerz uberhaupt, — und wahrlich! man soll sie ihnen nicht versagen! Es sind arterhaltende, artfordernde Krafte ersten Ranges: und ware es auch nur dadurch, dass sie der Behaglichkeit widerstreben und vor dieser Art Gluck ihren Ekel nicht verbergen.
Als Interpreten unserer Erlebnisse. — Eine Art von Redlichkeit ist allen Religionsstiftern und Ihresgleichen fremd gewesen: — sie haben nie sich aus ihren Erlebnissen eine Gewissenssache der Erkenntniss gemacht.»Was habe ich eigentlich erlebt? Was gierig damals in mir und um mich vor? War meine Vernunft hell genug? War mein Wille gegen alle Betrugereien der Sinne gewendet und tapfer in seiner Abwehr des Phantastischen?«— so hat Keiner von ihnen gefragt, so fragen alle die lieben Religiosen auch jetzt noch nicht: sie haben vielmehr einen Durst nach Dingen, welche wider die Vernunft sind, und wollen es sich nicht zu schwer machen, ihn zu befriedigen, — so erleben sie denn» Wunder «und» Wiedergeburten «und horen die Stimmen der Englein! Aber wir, wir Anderen, Vernunft-Durstigen, wollen unseren Erlebnissen so streng in's Auge sehen, wie einem wissenschaftlichen Versuche, Stunde fur Stunde, Tag um Tag! Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchs-Thiere sein.
Beim Wiedersehen. — A.: Verstehe ich dich noch ganz? Du suchst? Wo ist inmitten der jetzt wirklichen Welt dein Winkel und Stern? Wo kannst du dich in die Sonne legen, sodass auch dir ein Ueberschuss von Wohl kommt und dein Dasein sich rechtfertigt? Moge das jeder fur sich selber thun — scheinst du mir zu sagen — und das Reden in's Allgemeine, das Sorgen fur den Anderen und die Gesellschaft sich aus dem Sinne schlagen! — B.: Ich will mehr, ich bin kein Suchender. Ich will fur mich eine eigene Sonne schaffen.
Neue Vorsicht. — Lasst uns nicht mehr so viel an Strafen, Tadeln und Bessern denken! Einen Einzelnen werden wir selten verandern; und wenn es uns gelingen sollte, so ist vielleicht unbesehens auch Etwas mitgelungen: wir sind durch ihn verandert worden! Sehen wir vielmehr zu, dass unser eigener Einfluss auf alles Kommende seinen Einfluss aufwiegt und uberwiegt! Ringen wir nicht im directen Kampfe! — und das ist auch alles Tadeln, Strafen und Bessernwollen. Sondern erheben wir uns selber um so hoher! Geben wir unserm Vorbilde immer leuchtendere Farben! Verdunkeln wir den Andern durch unser Licht! Nein! Wir wollen nicht um seinetwillen selber dunkler werden, gleich allen Strafenden und Unzufriedenen! Gehen wir lieber bei Seite! Sehen wir weg!
Gleichniss. — Jene Denker, in denen alle Sterne sich in kyklischen Bahnen bewegen, sind nicht die tiefsten; wer in sich wie in einen ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milchstrassen in sich tragt, der weiss auch, wie unregelmassig alle Milchstrassen sind; sie fuhren bis in's Chaos und Labyrinth des Daseins hinein.
Gluck im Schicksal. — Die grosste Auszeichnung erweist uns das Schicksal, wenn es uns eine Zeit lang auf der Seite unserer Gegner hat kampfen lassen. Damit sind wir vorher bestimmt zu einem grossen Siege.
In media vita. — Nein! Das Leben hat mich nicht enttauscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer, begehrenswerther und geheimnissvoller, — von jenem Tage an, wo der grosse Befreier uber mich kam, jener Gedanke, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein durfe — und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhangniss, nicht eine Betrugerei! — Und die Erkenntniss selber: mag sie fur Andere etwas Anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Mussiggang, — fur mich ist sie eine Welt der Gefahren und Siege, in der auch die heroischen Gefuhle ihre Tanz- und Tummelplatze haben.»Das Leben ein Mittel der Erkenntniss«— mit diesem Grundsatze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar frohlich leben und frohlich lachen! Und wer verstunde uberhaupt gut zu lachen und zu leben, der sich nicht vorerst auf Krieg und Sieg gut verstunde?
Was zur Grosse gehort. — Wer wird etwas Grosses erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fuhlt, grosse Schmerzen zuzufugen? Das Leidenkonnen ist das Wenigste: darin bringen es schwache Frauen und selbst Sclaven oft zur Meisterschaft. Aber nicht an innerer Noth und Unsicherheit zu Grunde gehn, wenn man grosses Leid zufugt und den Schrei dieses Leides hort — das ist gross, das gehort zur Grosse.