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Die Seelen-Aerzte und der Schmerz. — Alle Moralprediger, wie auch alle Theologen, haben eine gemeinsame Unart: alle suchen den Menschen aufzureden, sie befanden sich sehr schlecht und es thue eine harte letzte radicale Cur noth. Und weil die Menschen insgesammt jenen Lehren ihr Ohr zu eifrig und ganze Jahrhunderte lang hingehalten haben, ist zuletzt wirklich Etwas von jenem Aberglauben, dass es ihnen sehr schlecht gehe, auf sie ubergegangen: sodass sie jetzt gar zu gerne einmal bereit sind, zu seufzen und Nichts mehr am Leben zu finden und miteinander betrubte Mienen zu machen, wie als ob es doch gar schwer auszuhalten sei. In Wahrheit sind sie unbandig ihres Lebens sicher und in dasselbe verliebt und voller unsaglicher Listen und Feinheiten, um das Unangenehme zu brechen und dem Schmerze und Unglucke seinen Dorn auszuziehen. Es will mir scheinen, dass vom Schmerze und Unglucke immer ubertrieben geredet werde, wie als ob es eine Sache der guten Lebensart sei, hier zu ubertreiben: man schweigt dagegen geflissentlich davon, dass es gegen den Schmerz eine Unzahl Linderungsmittel giebt, wie Betaubungen, oder die fieberhafte Hast der Gedanken, oder eine ruhige Lage, oder gute und schlimme Erinnerungen, Absichten, Hoffnungen, und viele Arten von Stolz und Mitgefuhl, die beinahe die Wirkung von Anastheticis haben: wahrend bei den hochsten Graden des Schmerzes schon von selber Ohnmachten eintreten. Wir verstehen uns ganz gut darauf, Sussigkeiten auf unsere Bitternisse zu traufeln, namentlich auf die Bitternisse der Seele; wir haben Hulfsmittel in unserer Tapferkeit und Erhabenheit, sowie in den edleren Delirien der Unterwerfung und der Resignation. Ein Verlust ist kaum eine Stunde ein Verlust: irgendwie ist uns damit auch ein Geschenk vom Himmel gefallen — eine neue Kraft zum Beispiel: und sei es auch nur eine neue Gelegenheit zur Kraft! Was haben die Moralprediger vom inneren» Elend «der bosen Menschen phantasirt! Was haben sie gar vom Unglucke der leidenschaftlichen Menschen uns vorgelogen! — ja, lugen ist hier das rechte Wort: sie haben um das uberreiche Gluck dieser Art von Menschen recht wohl gewusst, aber es todtgeschwiegen, weil es eine Widerlegung ihrer Theorie war, nach der alles Gluck erst mit der Vernichtung der Leidenschaft und dem Schweigen des Willens entsteht! Und was zuletzt das Recept aller dieser Seelen-Aerzte betrifft und ihre Anpreisung einer harten radicalen Cur: so ist es erlaubt, zu fragen: ist dieses unser Leben wirklich schmerzhaft und lastig genug, um mit Vortheil eine stoische Lebensweise und Versteinerung dagegen einzutauschen? Wir befinden uns nicht schlecht genug, um uns auf stoische Art schlecht befinden zu mussen!

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Ernst nehmen. — Der Intellect ist bei den Allermeisten eine schwerfallige, finstere und knarrende Maschine, welche ubel in Gang zu bringen ist: sie nennen es» die Sache ernst nehmen«, wenn sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken wollen — oh wie lastig muss ihnen das Gut-Denken sein! Die liebliche Bestie Mensch verliert jedesmal, wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; sie wird» ernst«! Und» wo Lachen und Frohlichkeit ist, da taugt das Denken Nichts«: — so lautet das Vorurtheil dieser ernsten Bestie gegen alle» frohliche Wissenschaft«. — Wohlan! Zeigen wir, dass es ein Vorurtheil ist!

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Der Dummheit Schaden thun. — Gewiss hat der so hartnackig und uberzeugt gepredigte Glaube von der Verwerflichkeit des Egoismus im Ganzen dem Egoismus Schaden gethan (zu Gunsten, wie ich hundertmal wiederholen werde, der Heerden-Instincte!), namentlich dadurch, dass er ihm das gute Gewissen nahm und in ihm die eigentliche Quelle alles Unglucks suchen hiess.»Deine Selbstsucht ist das Unheil deines Lebens«— so klang die Predigt Jahrtausende lang: es that, wie gesagt, der Selbstsucht Schaden und nahm ihr viel Geist, viel Heiterkeit, viel Erfindsamkeit, viel Schonheit, es verdummte und verhasslichte und vergiftete die Selbstsucht! — Das philosophische Alterthum lehrte dagegen eine andere Hauptquelle des Unheils: von Sokrates an wurden die Denker nicht mude, zu predigen:»eure Gedankenlosigkeit und Dummheit, euer Dahinleben nach der Regel, eure Unterordnung unter die Meinung des Nachbars ist der Grund, wesshalb ihr es so selten zum Gluck bringt, — wir Denker sind als Denker die Glucklichsten. «Entscheiden wir hier nicht, ob diese Predigt gegen die Dummheit bessere Grunde fur sich hatte, als jene Predigt gegen die Selbstsucht; gewiss aber ist das, dass sie der Dummheit das gute Gewissen nahm: — diese Philosophen haben der Dummheit Schaden gethan.

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Musse und Mussiggang. — Es ist eine indianerhafte, dem Indianer-Bluthe eigenthumliche Wildheit in der Art, wie die Amerikaner nach Gold trachten: und ihre athemlose Hast der Arbeit — das eigentliche Laster der neuen Welt — beginnt bereits durch Ansteckung das alte Europa wild zu machen und eine ganz wunderliche Geistlosigkeit daruber zu breiten. Man schamt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Borsenblatt gerichtet, — man lebt, wie Einer, der fortwahrend Etwas» versaumen konnte«.»Lieber irgend Etwas thun, als Nichts«— auch dieser Grundsatz ist eine Schnur, um aller Bildung und allem hoheren Geschmack den Garaus zu machen. Und so wie sichtlich alle Formen an dieser Hast der Arbeitenden zu Grunde gehen: so geht auch das Gefuhl fur die Form selber, das Ohr und Auge fur die Melodie der Bewegungen zu Grunde. Der Beweis dafur liegt in der jetzt uberall geforderten plumpen Deutlichkeit, in allen den Lagen, wo der Mensch einmal redlich mit Menschen sein will, im Verkehre mit Freunden, Frauen, Verwandten, Kindern, Lehrern, Schulern, Fuhrern und Fursten, — man hat keine Zeit und keine Kraft mehr fur die Ceremonien, fur die Verbindlichkeit mit Umwegen, fur allen Esprit der Unterhaltung und uberhaupt fur alles Otium. Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwahrend dazu, seinen Geist bis zur Erschopfung auszugeben, im bestandigen Sich-Verstellen oder Ueberlisten oder Zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, Etwas in weniger Zeit zu thun, als ein Anderer. Und so giebt es nur selten Stunden der erlaubten Redlichkeit: in diesen aber ist man mude und mochte sich nicht nur» gehen lassen«, sondern lang und breit und plump sich hinstrecken. Gemass diesem Hange schreibt man jetzt seine Briefe; deren Stil und Geist immer das eigentliche» Zeichen der Zeit «sein werden. Giebt es noch ein Vergnugen an Gesellschaft und an Kunsten, so ist es ein Vergnugen, wie es mude-gearbeitete Sclaven sich zurecht machen. Oh uber diese Genugsamkeit der» Freude «bei unsern Gebildeten und Ungebildeten! Oh uber diese zunehmende Verdachtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits» Bedurfniss der Erholung «und fangt an, sich vor sich selber zu schamen.»Man ist es seiner Gesundheit schuldig«— so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es konnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heisst zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgabe. — Nun! Ehedem war es umgekehrt: die Arbeit hatte das schlechte Gewissen auf sich. Ein Mensch von guter Abkunft verbarg seine Arbeit, wenn die Noth ihn zum Arbeiten zwang. Der Sclave arbeitete unter dem Druck des Gefuhls, dass er etwas Verachtliches thue: — das» Thun «selber war etwas Verachtliches.»Die Vornehmheit und die Ehre sind allein bei otium und bellum«: so klang die Stimme des antiken Vorurtheils!

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Beifall. — Der Denker bedarf des Beifalls und des Handeklatschens nicht, vorausgesetzt, dass er seines eigenen Handeklatschens sicher ist: diess aber kann er nicht entbehren. Giebt es Menschen, welche auch dessen und uberhaupt jeder Gattung von Beifall entrathen konnten? Ich zweifle: und selbst in Betreff der Weisesten sagt Tacitus, der kein Verleumder der Weisen ist, quando etiam sapientibus gloriae cupido

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