bequemer — nicht wahr, meine Herren Zeitgenossen? Nun wohlan! Aber da bekommt ihr sofort auch etwas Anderes, namlich statt des Handwerkers und Meisters den Litteraten, den gewandten» vielgewendeten «Litteraten, dem freilich der Buckel fehlt — jenen abgerechnet, den er vor euch macht, als der Ladendiener des Geistes und» Trager «der Bildung —, den Litteraten, der eigentlich Nichts ist, aber fast Alles» reprasentirt«, der den Sachkenner spielt und» vertritt«, der es auch in aller Bescheidenheit auf sich nimmt, sich an dessen Stelle bezahlt, geehrt, gefeiert zu machen. — Nein, meine gelehrten Freunde! Ich segne euch auch noch um eures Buckels willen! Und dafur, dass ihr gleich mir die Litteraten und Bildungs-Schmarotzer verachtet! Und dass ihr nicht mit dem Geiste Handel zu treiben wisst! Und lauter Meinungen habt, die nicht in Geldeswerth auszudrucken sind! Und dass ihr Nichts vertretet, was ihr nicht seid! Dass euer einziger Wille ist, Meister eures Handwerks zu werden, in Ehrfurcht vor jeder Art Meisterschaft und Tuchtigkeit und mit rucksichtslosester Ablehnung alles Scheinbaren, Halbachten, Aufgeputzten, Virtuosenhaften, Demagogischen, Schauspielerischen in litteris et artibus — alles Dessen, was in Hinsicht auf unbedingte Probitat von Zucht und Vorschulung sich nicht vor euch ausweisen kann! (Selbst Genie hilft uber einen solchen Mangel nicht hinweg, so sehr es auch uber ihn hinwegzutauschen versteht: das begreift man, wenn man einmal unsern begabtesten Malern und Musikern aus der Nahe zugesehn hat, — als welche Alle, fast ausnahmslos, sich durch eine listige Erfindsamkeit von Manieren, von Nothbehelfen, selbst von Principien kunstlich und nachtraglich den Anschein jener Probitat, jener Soliditat von Schulung und Cultur anzueignen wissen, freilich ohne damit sich selbst zu betrugen, ohne damit ihr eignes schlechtes Gewissen dauernd mundtodt zu machen. Denn, ihr wisst es doch? alle grossen modernen Kunstler leiden am schlechten Gewissen…)
Wie man zuerst bei Kunstwerken zu unterscheiden hat. — Alles, was gedacht, gedichtet, gemalt, componirt, selbst gebaut und gebildet wird, gehort entweder zur monologischen Kunst oder zur Kunst vor Zeugen. Unter letztere ist auch noch jene scheinbare Monolog-Kunst einzurechnen, welche den Glauben an Gott in sich schliesst, die ganze Lyrik des Gebets: denn fur einen Frommen giebt es noch keine Einsamkeit, — diese Erfindung haben erst wir gemacht, wir Gottlosen. Ich kenne keinen tieferen Unterschied der gesammten Optik eines Kunstlers als diesen: ob er vom Auge des Zeugen aus nach seinem werdenden Kunstwerke (nach» sich«—) hinblickt oder aber» die Welt vergessen hat«: wie es das Wesentliche jeder monologischen Kunst ist, — sie ruht auf dem Vergessen, sie ist die Musik des Vergessens.
Der Cyniker redet. — Meine Einwande gegen die Musik Wagner's sind physiologische Einwande: wozu dieselben erst noch unter asthetische Formeln verkleiden? Meine» Thatsache «ist, dass ich nicht mehr leicht athme, wenn diese Musik erst auf mich wirkt; dass alsbald mein Fuss gegen sie bose wird und revoltirt — er hat das Bedurfniss nach Takt, Tanz, Marsch, er verlangt von der Musik vorerst die Entzuckungen, welche in gutem Gehen, Schreiten, Springen, Tanzen liegen. — Protestirt aber nicht auch mein Magen? mein Herz? mein Blutlauf? mein Eingeweide? Werde ich nicht unvermerkt heiser dabei? — Und so frage ich mich: was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik uberhaupt? Ich glaube, seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen durch leichte kuhne ausgelassne selbstgewisse Rhythmen beschleunigt werden sollten; wie als ob das eherne, das bleierne Leben durch goldene gute zartliche Harmonien vergoldet werden sollte. Meine Schwermuth will in den Verstecken und Abgrunden der Vollkommenheit ausruhn: dazu brauche ich Musik. Was geht mich das Drama an! Was die Krampfe seiner sittlichen Ekstasen, an denen das» Volk «seine Genugthuung hat! Was der ganze Gebarden-Hokuspokus des Schauspielers!.. Man errath, ich bin wesentlich antitheatralisch geartet, — aber Wagner war umgekehrt wesentlich Theatermensch und Schauspieler, der begeistertste Mimomane, den es gegeben hat, auch noch als Musiker!.. Und, beilaufig gesagt: wenn es Wagner's Theorie gewesen ist» das Drama ist der Zweck, die Musik ist immer nur dessen Mittel«, — seine Praxis dagegen war, von Anfang bis zu Ende,»die Attitude ist der Zweck, das Drama, auch die Musik ist immer nur ihr Mittel«. Die Musik als Mittel zur Verdeutlichung, Verstarkung, Verinnerlichung der dramatischen Gebarde und Schauspieler-Sinnenfalligkeit; und das Wagnerische Drama nur eine Gelegenheit zu vielen dramatischen Attituden! Er hatte, neben allen anderen Instinkten, die commandirenden Instinkte eines grossen Schauspielers, in Allem und Jedem: und, wie gesagt, auch als Musiker. — Dies machte ich einstmals einem rechtschaffenen Wagnerianer klar, mit einiger Muhe; und ich hatte Grunde, noch hinzuzufugen» seien Sie doch ein wenig ehrlicher gegen sich selbst: wir sind ja nicht im Theater! Im Theater ist man nur als Masse ehrlich; als Einzelner lugt man, belugt man sich. Man lasst sich selbst zu Hause, wenn man in's Theater geht, man verzichtet auf das Recht der eignen Zunge und Wahl, auf seinen Geschmack, selbst auf seine Tapferkeit, wie man sie zwischen den eignen vier Wanden gegen Gott und Mensch hat und ubt. In das Theater bringt Niemand die feinsten Sinne seiner Kunst mit, auch der Kunstler nicht, der fur das Theater arbeitet: da ist man Volk, Publikum, Heerde, Weib, Pharisaer, Stimmvieh, Demokrat, Nachster, Mitmensch, da unterliegt noch das personlichste Gewissen dem nivellirenden Zauber der» grossten Zahl«, da wirkt die Dummheit als Lusternheit und Contagion, da regiert der» Nachbar«, da wird man Nachbar… «(Ich vergass zu erzahlen, was mir mein aufgeklarter Wagnerianer auf die physiologischen Einwande entgegnete:»Sie sind also eigentlich nur nicht gesund genug fur unsere Musik?«—)
Unser Nebeneinander. — Mussen wir es uns nicht eingestehn, wir Kunstler, dass es eine unheimliche Verschiedenheit in uns giebt, dass unser Geschmack und andrerseits unsre schopferische Kraft auf eine wunderliche Weise fur sich stehn, fur sich stehn bleiben und ein Wachsthum fur sich haben, — ich will sagen ganz verschiedne Grade und tempi von Alt, Jung, Reif, Murbe, Faul? So dass zum Beispiel ein Musiker zeitlebens Dinge schaffen konnte, die dem, was sein verwohntes Zuhorer-Ohr, Zuhorer-Herz schatzt, Schmeckt, vorzieht, widersprechen: — er brauchte noch nicht einmal um diesen Widerspruch zu wissen! Man kann, wie eine fast peinlich-regelmassige Erfahrung zeigt, leicht mit seinem Geschmack uber den Geschmack seiner Kraft hinauswachsen, selbst ohne dass letztere dadurch gelahmt und am Hervorbringen gehindert wurde; es kann aber auch etwas Umgekehrtes geschehn, — und dies gerade ist es, worauf ich die Aufmerksamkeit der Kunstler lenken mochte. Ein Bestandig-Schaffender, eine» Mutter «von Mensch, im grossen Sinne des Wortes, ein Solcher, der von Nichts als von Schwangerschaften und Kindsbetten seines Geistes mehr weiss und hort, der gar keine Zeit hat, sich und sein Werk zu bedenken, zu vergleichen, der auch nicht mehr Willens ist, seinen Geschmack noch zu uben, und ihn einfach vergisst, namlich stehn, liegen oder fallen lasst, — vielleicht bringt ein Solcher endlich Werke hervor, denen er mit seinem Urtheile langst nicht mehr gewachsen ist: so dass er uber sie und sich Dummheiten sagt, — sagt und denkt. Dies scheint mir bei fruchtbaren Kunstlern beinahe das normale Verhaltniss, — Niemand kennt ein Kind schlechter als seine Eltern — und es gilt sogar, um ein ungeheueres Beispiel zu nehmen, in Bezug auf die ganze griechische Dichter- und Kunstler-Welt: sie hat niemals» gewusst«, was sie gethan hat…
Was ist Romantik? — Man erinnert sich vielleicht, zum Mindesten unter meinen Freunden, dass ich Anfangs mit einigen dicken Irrthumern und Ueberschatzungen und jedenfalls als Hoffender auf diese moderne Weit losgegangen bin. Ich verstand — wer weiss, auf welche personlichen Erfahrungen hin? — den philosophischen Pessimismus des neunzehnten Jahrhunderts, wie als ob er das Symptom von hoherer Kraft des Gedankens, von verwegenerer Tapferkeit, von siegreicherer Fulle des Lebens sei, als diese dem achtzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter Hume's, Kant's, Condillac's und der Sensualisten, zu eigen gewesen sind: so dass mir die