tragische Erkenntniss wie der eigentliche Luxus unsrer Cultur erschien, als deren kostbarste, vornehmste, gefahrlichste Art Verschwendung, aber immerhin, auf Grund ihres Ueberreichthums, als ihr erlaubter Luxus. Insgleichen deutete ich mir die deutsche Musik zurecht zum Ausdruck einer dionysischen Machtigkeit der deutschen Seele: in ihr glaubte ich das Erdbeben zu horen, mit dem eine von Alters her aufgestaute Urkraft sich endlich Luft macht — gleichgultig dagegen, ob Alles, was sonst Cultur heisst, dabei in's Zittern gerath. Man sieht, ich verkannte damals, sowohl am philosophischen Pessimismus, wie an der deutschen Musik, das was ihren eigentlichen Charakter ausmacht — ihre Romantik. Was ist Romantik? Jede Kunst, jede Philosophie darf als Heil- und Hulfsmittel im Dienste des wachsenden, kampfenden Lebens angesehn werden: sie setzen immer Leiden und Leidende voraus. — Aber es giebt zweierlei Leidende, einmal die an der Ueberfulle des Lebens Leidenden, welche eine dionysische Kunst wollen und ebenso eine tragische Ansicht und Einsicht in das Leben, — und sodann die an der Verarmung des Lebens Leidenden, die Ruhe, Stille, glattes Meer, Erlosung von sich durch die Kunst und Erkenntniss suchen, oder aber den Rausch, den Krampf, die Betaubung, den Wahnsinn. Dem Doppel-Bedurfnisse der Letzteren entspricht alle Romantik in Kunsten und Erkenntnissen, ihnen entsprach (und entspricht) ebenso Schopenhauer als Richard Wagner, um jene beruhmtesten und ausdrucklichsten Romantiker zu nennen, welche damals von mir missverstanden wurden — ubrigens nicht zu ihrem Nachtheile, wie man mir in aller Billigkeit zugestehn darf. Der Reichste an Lebensfulle, der dionysische Gott und Mensch, kann sich nicht nur den Anblick des Furchterlichen und Fragwurdigen gonnen, sondern selbst die furchterliche That und jeden Luxus von Zerstorung, Zersetzung, Verneinung; bei ihm erscheint das Bose, Unsinnige und Hassliche gleichsam erlaubt, in Folge eines Ueberschusses von zeugenden, befruchtenden Kraften, welcher aus jeder Wuste noch ein uppiges Fruchtland zu schaffen im Stande ist. Umgekehrt wurde der Leidendste, Lebensarmste am meisten die Milde, Friedlichkeit, Gute nothig haben, im Denken und im Handeln, womoglich einen Gott, der ganz eigentlich ein Gott fur Kranke, ein» Heiland «ware; ebenso auch die Logik, die begriffliche Verstandlichkeit des Daseins — denn die Logik beruhigt, giebt Vertrauen —, kurz eine gewisse warme furchtabwehrende Enge und Einschliessung in optimistische Horizonte. Dergestalt lernte ich allmahlich Epikur begreifen, den Gegensatz eines dionysischen Pessimisten, ebenfalls den» Christen«, der in der That nur eine Art Epikureer und, gleich jenem, wesentlich Romantiker ist, — und mein Blick scharfte sich immer mehr fur jene schwierigste und verfanglichste Form des Ruckschlusses, in der die meisten Fehler gemacht werden — des Ruckschlusses vom Werk auf den Urheber, von der That auf den Thater, vom Ideal auf Den, der es nothig hat, von jeder Denk- und Werthungsweise auf das dahinter kommandirende Bedurfniss. — In Hinsicht auf alle asthetischen Werthe bediene ich mich jetzt dieser Hauptunterscheidung: ich frage, in jedem einzelnen Falle,»ist hier der Hunger oder der Ueberfluss schopferisch geworden?«Von vornherein mochte sich eine andre Unterscheidung mehr zu empfehlen scheinen — sie ist bei weitem augenscheinlicher — namlich das Augenmerk darauf, ob das Verlangen nach Starrmachen, Verewigen, nach Sein die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen nach Zerstorung, nach Wechsel, nach Neuem, nach Zukunft, nach Werden. Aber beide Arten des Verlangens erweisen sich, tiefer angesehn, noch als zweideutig, und zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich dunkt, vorgezogenen Schema. Das Verlangen nach Zerstorung, Wechsel, Werden kann der Ausdruck der ubervollen, zukunftsschwangeren Kraft sein (mein terminus ist dafur, wie man weiss, das Wort» dionysisch«), aber es kann auch der Hass des Missrathenen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstort, zerstoren muss, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehn, alles Sein selbst emport und aufreizt — man sehe sich, um diesen Affekt zu verstehn, unsre Anarchisten aus der Nahe an. Der Wille zum Verewigen bedarf gleichfalls einer zwiefachen Interpretation. Er kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen: — eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig-spottisch mit Hafis, hell und gutig mit Goethe, und einen homerischen Licht- und Glorienschein uber alle Dinge breitend. Er kann aber auch jener tyrannische Wille eines Schwerleidenden, Kampfenden, Torturirten sein, welcher das Personlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen Gesetz und Zwang stempeln mochte und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, dass er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur, aufdruckt, einzwangt, einbrennt. Letzteres ist der romantische Pessimismus in seiner ausdrucksvollsten Form, sei es als Schopenhauer'sche Willens-Philosophie, sei es als Wagner'sche Musik: — der romantische Pessimismus, das letzte grosse Ereigniss im Schicksal unsrer Cultur. (Dass es noch einen ganz anderen Pessimismus geben konne, einen klassischen — diese Ahnung und Vision gehort zu mir, als unabloslich von mir, als mein proprium und ipsissimum: nur dass meinen Ohren das Wort» klassisch «widersteht, es ist bei weitem zu abgebraucht, zu rund und unkenntlich geworden. Ich nenne jenen Pessimismus der Zukunft denn er kommt! ich sehe ihn kommen! — den dionysschen Pessimismus.)

371

Wir Unverstandlichen. — Haben wir uns je daruber beklagt, missverstanden, verkannt, verwechselt, verleumdet, verhort und uberhort zu werden? Eben das ist unser Loos — oh fur lange noch! sagen wir, um bescheiden zu sein, bis 1901 —, es ist auch unsre Auszeichnung; wir wurden uns selbst nicht genug in Ehren halten, wenn wir's anders wunschten. Man verwechselt uns — das macht, wir selbst wachsen, wir wechseln fortwahrend, wir stossen alte Rinden ab, wir hauten uns mit jedem Fruhjahre noch, wir werden immer Junger, zukunftiger, hoher, starker, wir treiben unsre Wurzeln immer machtiger in die Tiefe — in's Bose —, wahrend wir zugleich den Himmel immer liebevoller, immer breiter umarmen und sein Licht immer durstiger mit allen unsren Zweigen und Blattern in uns hineinsaugen. Wir wachsen wie Baume — das ist schwer zu verstehn, wie alles Leben! — nicht an Einer Stelle, sondern uberall, nicht in Einer Richtung, sondern ebenso hinauf, hinaus wie hinein und hinunter, — unsre Kraft treibt zugleich in Stamm, Aesten und Wurzeln, es steht uns gar nicht mehr frei, irgend Etwas einzeln zu thun, irgend etwas Einzelnes noch zu sein… So ist es unser Loos, wie gesagt: wir wachsen in die Hohe; und gesetzt, es ware selbst unser Verhangniss — denn wir wohnen den Blitzen immer naher! — wohlan, wir halten es darum nicht weniger in Ehren, es bleibt Das, was wir nicht theilen, nicht mittheilen wollen, das Verhangniss der Hohe, unser Verhangniss…

372

Warum wir keine Idealisten sind. — Ehemals hatten die Philosophen Furcht vor den Sinnen — haben wir — diese Furcht vielleicht allzusehr verlernt? Wir sind heute allesammt Sensualisten, wir Gegenwartigen und Zukunftigen in der Philosophie, nicht der Theorie nach, aber der Praxis, der Praktik… Jene hingegen meinten, durch die Sinne aus ihrer Welt, dem kalten Reiche der» Ideen«, auf ein gefahrliches sudlicheres Eiland weggelockt zu werden: woselbst, wie sie furchteten, ihre Philosophen-Tugenden wie Schnee in der Sonne wegschmelzen wurden.»Wachs in den Ohren «war damals beinahe Bedingung des Philosophirens; ein achter Philosoph horte das Leben nicht mehr, insofern Leben Musik ist, er leugnete die Musik des Lebens, — es ist ein alter Philosophen-Aberglaube, dass alle Musik Sirenen-Musik ist. — Nun mochten wir heute geneigt sein, gerade umgekehrt zu urtheilen (was an sich noch eben so falsch sein konnte): namlich dass die Ideen schlimmere Verfuhrerinnen seien als die Sinne, mit allem ihrem kalten anamischen Anscheine und nicht einmal trotz diesem Anscheine, — sie lebten immer vom» Blute «des Philosophen, sie zehrten immer seine Sinne aus, ja, wenn man uns glauben will, auch sein» Herz«. Diese alten Philosophen waren herzlos: Philosophiren war immer eine Art Vampyrismus. Fuhlt ihr nicht an solchen Gestalten, wie noch der Spinoza's, etwas tief Anigmatisches und Unheimliches? Seht ihr das Schauspiel nicht, das sich hier abspielt, das bestandige Blasser-werden —, die immer idealischer ausgelegte Entsinnlichung? Ahnt ihr nicht im Hintergrunde irgend eine lange verborgene Blutaussaugerin, welche mit den Sinnen ihren Anfang macht und zuletzt Knochen und Geklapper ubrig behalt, ubrig lasst? — ich meine Kategorien, Formeln, Worte (denn, man vergebe mir, das was von Spinoza ubrigblieb, amor intellectualis dei, ist ein Geklapper, nichts mehr! was ist amor, was deus, wenn ihnen jeder Tropfen Blut fehlt?…) In summa: aller philosophische Idealismus war bisher Etwas wie Krankheit, wo er nicht, wie im Falle Plato's, die Vorsicht einer uberreichen und gefahrlichen Gesundheit, die Furcht vor ubermachtigen Sinnen, die Klugheit eines klugen Sokratikers war. — Vielleicht sind wir Modernen nur nicht gesund genug, um Plato's Idealismus nothig zu haben? Und wir furchten die Sinne nicht, weil —

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