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«Wissenschaft «als Vorurtheil. — Es folgt aus den Gesetzen der Rangordnung, dass Gelehrte, insofern sie dem geistigen Mittelstande zugehoren, die eigentlichen grossen Probleme und Fragezeichen gar nicht in Sicht bekommen durfen: zudem reicht ihr Muth und ebenso ihr Blick nicht bis dahin, — vor Allem, ihr Bedurfniss, das sie zu Forschern macht, ihr inneres Vorausnehmen und Wunschen, es mochte so und so beschaffen sein, ihr Furchten und Hoffen kommt zu bald schon zur Ruhe, zur Befriedigung. Was zum Beispiel den pedantischen Englander Herbert Spencer auf seine Weise schwarmen macht und einen Hoffnungs-Strich, eine Horizont-Linie der Wunschbarkeit ziehen heisst, jene endliche Versohnung von,»Egoismus und Altruismus«, von der er fabelt, das macht Unsereinem beinahe Ekel: — eine Menschheit mit solchen Spencer'schen Perspektiven als letzten Perspektiven schiene uns der Verachtung, der Vernichtung werth! Aber schon dass Etwas als hochste Hoffnung von ihm empfunden werden muss, was Anderen bloss als widerliche Moglichkeit gilt und gelten darf, ist ein Fragezeichen, welches Spencer nicht vorauszusehn vermocht hatte… Ebenso steht es mit jenem Glauben, mit dem sich jetzt so viele materialistische Naturforscher zufrieden geben, dem Glauben an eine Welt, welche im menschlichen Denken, in menschlichen Werthbegriffen ihr Aquivalent und Maass haben soll, an eine» Welt der Wahrheit«, der man mit Hulfe unsrer viereckigen kleinen Menschenvernunft letztgultig beizukommen vermochte — wie? wollen wir uns wirklich dergestalt das Dasein zu einer Rechenknechts-Uebung und Stubenhockerei fur Mathematiker herabwurdigen lassen? Man soll es vor Allem nicht seines vieldeutigen Charakters entkleiden wollen: das fordert der gute Geschmack, meine Herren, der Geschmack der Ehrfurcht vor Allem, was uber euren Horizont geht! Dass allein eine Welt-Interpretation im Rechte sei, bei der ihr zu Rechte besteht, bei der wissenschaftlich in eurem Sinne (- ihr meint eigentlich mechanistisch?) geforscht und fortgearbeitet werden kann, eine solche, die Zahlen, Rechnen, Wagen, Sehn und Greifen und nichts weiter zulasst, das ist eine Plumpheit und Naivetat, gesetzt, dass es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist. Ware es umgekehrt nicht recht wahrscheinlich, dass sich gerade das Oberflachlichste und Aeusserlichste vom Dasein — sein Scheinbarstes, seine Haut und Versinnlichung — am Ersten fassen liesse? vielleicht sogar allein fassen liesse? Eine» wissenschaftliche «Welt-Interpretation, wie ihr sie versteht, konnte folglich immer noch eine der dummsten, das heisst sinnarmsten aller moglichen Welt- Interpretationen sein: dies den Herrn Mechanikern in's Ohr und Gewissen gesagt, die heute gern unter die Philosophen laufen und durchaus vermeinen, Mechanik sei die Lehre von den ersten und letzten Gesetzen, auf denen wie auf einem Grundstocke alles Dasein aufgebaut sein musse. Aber eine essentiell mechanische Welt ware eine essentiell sinnlose Welt! Gesetzt, man schatzte den Werth einer Musik darnach ab, wie viel von ihr gezahlt, berechnet, in Formeln gebracht werden konne — wie absurd ware eine solche» wissenschaftliche «Abschatzung der Musik! Was hatte man von ihr begriffen, verstanden, erkannt! Nichts, geradezu Nichts von dem, was eigentlich an ihr» Musik «ist!..

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Unser neues» Unendliches«. — Wie weit der perspektivische Charakter des Daseins reicht oder gar ob es irgend einen andren Charakter noch hat, ob nicht ein Dasein ohne Auslegung, ohne» Sinn «eben zum» Unsinn «wird, ob, andrerseits, nicht alles Dasein essentiell ein auslegendes Dasein ist — das kann, wie billig, auch durch die fleissigste und peinlich-gewissenhafteste Analysis und Selbstprufung des Intellekts nicht ausgemacht werden: da der menschliche Intellekt bei dieser Analysis nicht umhin kann, sich selbst unter seinen perspektivischen Formen zu sehn und nur in ihnen zu sehn. Wir konnen nicht um unsre Ecke sehn: es ist eine hoffnungslose Neugierde, wissen zu wollen, was es noch fur andre Arten Intellekt und Perspektive geben konnte: zum Beispiel, ob irgend welche Wesen die Zeit zuruck oder abwechselnd vorwarts und ruckwarts empfinden konnen (womit eine andre Richtung des Lebens und ein andrer Begriff von Ursache und Wirkung gegeben ware). Aber ich denke, wir sind heute zum Mindesten ferne von der lacherlichen Unbescheidenheit, von unsrer Ecke aus zu dekretiren, dass man nur von dieser Ecke aus Perspektiven haben durfe. Die Welt ist uns vielmehr noch einmal» unendlich «geworden: insofern wir die Moglichkeit nicht abweisen konnen, dass sie unendliche Interpretationen in sich schliesst. Noch einmal fasst uns der grosse Schauder — aber wer hatte wohl Lust, dieses Ungeheure von unbekannter Welt nach alter Weise sofort wieder zu vergottlichen? Und etwa das Unbekannte furderhin als, den» Unbekannten «anzubeten? Ach, es sind zu viele ungottliche Moglichkeiten der Interpretation mit in dieses Unbekannte eingerechnet, zu viel Teufelei, Dummheit, Narrheit der Interpretation, — unsre eigne menschliche, allzumenschliche selbst, die wir kennen…

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Warum wir Epikureer scheinen. — Wir sind vorsichtig, wir modernen Menschen, gegen letzte Ueberzeugungen; unser Misstrauen liegt auf der Lauer gegen die Bezauberungen und Gewissens- Ueberlistungen, welche in jedem starken Glauben, jedem unbedingten Ja und Nein liegen: wie erklart sich das? Vielleicht, dass man darin zu einem guten Theil die Behutsamkeit des» gebrannten Kindes«, des enttauschten Idealisten sehn darf, zu einem andern und bessern Theile aber auch die frohlockende Neugierde eines ehemaligen Eckenstehers, der durch seine Ecke in Verzweiflung gebracht worden ist und nunmehr im Gegensatz der Ecke schwelgt und schwarmt, im Unbegrenzten, im» Freien an sich«. Damit bildet sich ein nahezu epikurischer Erkenntniss-Hang aus, welcher den Fragezeichen-Charakter der Dinge nicht leichten Kaufs fahren lassen will; insgleichen ein Widerwille gegen die grossen Moral-Worte und — Gebarden, ein Geschmack, der alle plumpen vierschrotigen Gegensatze ablehnt und sich seiner Uebung in Vorbehalten mit Stolz bewusst ist. Denn Das macht unsern Stolz aus, dieses leichte Zugel-Straffziehn bei unsrem vorwarts sturmenden Drange nach Gewissheit, diese Selbstbeherrschung des Reiters auf seinen wildesten Ritten: nach wie vor namlich haben wir tolle feurige Tiere unter uns, und wenn wir zogern, so ist es am wenigsten wohl die Gefahr, die uns zogern macht…

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Unsre langsamen Zeiten. — So empfinden alle Kunstler und Menschen der» Werke«, die mutterliche Art Mensch: immer glauben sie, bei jedem Abschnitte ihres Lebens — den ein Werk jedes Mal abschneidet —, schon am Ziele selbst zu sein, immer wurden sie den Tod geduldig entgegen nehmen, mit dem Gefuhl:»dazu sind wir reif«. Dies ist nicht der Ausdruck der Ermudung, — vielmehr der einer gewissen herbstlichen Sonnigkeit und Milde, welche jedes Mal das Werk selbst, das Reifgewordensein eines Werks, bei seinem Urheber hinterlasst. Da verlangsamt sich das tempo des Lebens und wird dick und honigflussig — bis zu langen Fermaten, bis zum Glauben an die lange Fermate…

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Wir Heimatlosen. — Es fehlt unter den Europaern von Heute nicht an solchen, die ein Recht haben, sich in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose zu nennen, ihnen gerade sei meine geheime Weisheit und gaya scienza ausdrucklich an's Herz gelegt! Denn ihr Loos ist hart, ihre Hoffnung ungewiss, es ist ein Kunststuck, ihnen einen Trost zu erfinden — aber was hilft es! Wir Kinder der Zukunft, wie vermochten wir in diesem Heute zu Hause zu sein! Wir sind allen Idealen abgunstig, auf welche hin Einer sich sogar in dieser zerbrechlichen zerbrochnen Uebergangszeit noch heimisch fuhlen konnte; was aber deren» Realitaten «betrifft, so glauben wir nicht daran, dass sie Dauer haben. Das Eis, das heute noch tragt, ist schon sehr dunn geworden: der

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