Thauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind Etwas, das Eis und andre allzudunne» Realitaten «aufbricht… Wir» conserviren «Nichts, wir wollen auch in keine Vergangenheit zuruck, wir sind durchaus nicht» liberal«, wir arbeiten nicht fur den» Fortschritt«, wir brauchen unser Ohr nicht erst gegen die Zukunfts-Sirenen des Marktes zu verstopfen — das, was sie singen, gleiche Rechte«,»freie Gesellschaft«,»keine Herrn mehr und keine Knechte«, das lockt uns nicht! — wir halten es schlechterdings nicht fur wunschenswerth, dass das Reich der Gerechtigkeit und Eintracht auf Erden gegrundet werde (weil es unter allen Umstanden das Reich der tiefsten Vermittelmassigung und Chineserei sein wurde), wir freuen uns an Allen, die gleich uns die Gefahr, den Krieg, das Abenteuer lieben, die sich nicht abfinden, einfangen, versohnen und verschneiden lassen, wir rechnen uns selbst unter die Eroberer, wir denken uber die Nothwendigkeit neuer Ordnungen nach, auch einer neuen Sklaverei — denn zu jeder Verstarkung und Erhohung des Typus» Mensch «gehort auch eine neue Art Versklavung hinzu — nicht wahr? mit Alle dem mussen wir schlecht in einem Zeitalter zu Hause sein, welches die Ehre in Anspruch zu nehmen liebt, das menschlichste, mildeste, rechtlichste Zeitalter zu heissen, das die Sonne bisher gesehen hat? Schlimm genug, dass wir gerade bei diesen schonen Worten um so hasslichere Hintergedanken haben! Dass wir darin nur den Ausdruck — auch die Maskerade — der tiefen Schwachung, der Ermudung, des Alters, der absinkenden Kraft sehen! Was kann uns daran gelegen sein, mit was fur Flittern ein Kranker seine Schwache aufputzt! Mag er sie als seine Tugend zur Schau tragen — es unterliegt ja keinem Zweifel, dass die Schwache mild, ach so mild, so rechtlich, so unoffensiv, so» menschlich «macht! — Die» Religion des Mitleidens«, zu der man uns uberreden mochte — oh wir kennen die hysterischen Mannlein und Weiblein genug, welche heute gerade diese Religion zum Schleier und Aufputz nothig haben! Wir sind keine Humanitarier; wir wurden uns nie zu erlauben wagen, von unsrer,»Liebe zur Menschheit «zu reden — dazu ist Unsereins nicht Schauspieler genug! Oder nicht Saint-Simonist genug, nicht Franzose genug. Man muss schon mit einem gallischen Uebermaass erotischer Reizbarkeit und verliebter Ungeduld behaftet sein, um sich in ehrlicher Weise sogar noch der Menschheit mit seiner Brunst zu nahern… Der Menschheit! Gab es je noch ein scheusslicheres altes Weib unter allen alten Weibern? (- es musste denn etwa die» Wahrheit «sein: eine Frage fur Philosophen). Nein, wir lieben die Menschheit nicht; andererseits sind wir aber auch lange nicht» deutsch «genug, wie heute das Wort» deutsch «gang und gabe ist, um dem Nationalismus und dem Rassenhass das Wort zu reden, um an der nationalen Herzenskratze und Blutvergiftung Freude haben zu konnen, derenthalben sich jetzt in Europa Volk gegen Volk wie mit Quarantanen abgrenzt, absperrt. Dazu sind wir zu unbefangen, zu boshaft, zu verwohnt, auch zu gut unterrichtet, zu» gereist«: wir ziehen es bei Weitem vor, auf Bergen zu leben, abseits,»unzeitgemass«, in vergangnen oder kommenden Jahrhunderten, nur damit wir uns die stille Wuth ersparen, zu der wir uns verurtheilt wussten als Augenzeugen einer Politik, die den deutschen Geist ode macht, indem sie ihn eitel Macht, und kleine Politik ausserdem ist: — hat sie nicht nothig, damit ihre eigne Schopfung nicht sofort wieder auseinanderfallt, sie zwischen zwei Todhasse zu pflanzen? muss sie nicht die Verewigung der Kleinstaaterei Europa's wollen?… Wir Heimatlosen, wir sind der Rasse und Abkunft nach zu vielfach und gemischt, als,»moderne Menschen«, und folglich wenig versucht, an jener verlognen Rassen- Selbstbewunderung und Unzucht theilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau tragt und die bei dem Volke des historischen» Sinns «zwiefach falsch und unanstandig anmuthet. Wir sind, mit Einem Worte — und es soll unser Ehrenwort sein! — gute Europaer, die Erben Europa's, die reichen, uberhauften, aber auch uberreich verpflichteten Erben von Jahrtausenden des europaischen Geistes: als solche auch dem Christenthum entwachsen und abhold, und gerade, weil wir aus ihm gewachsen sind, weil unsre Vorfahren Christen von rucksichtsloser Rechtschaffenheit des Christenthums waren, die ihrem Glauben willig Gut und Blut, Stand und Vaterland zum Opfer gebracht haben. Wir — thun desgleichen. Wofur doch? Fur unsern Unglauben? Fur jede Art Unglauben? Nein, das wisst ihr besser, meine Freunde! Das verborgne ja in euch ist starker als alle Neins und Vielleichts, an denen ihr mit eurer Zeit krank seid; und wenn ihr auf's Meer musst, ihr Auswanderer, so zwingt dazu auch euch — ein Glaube!..
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