Kumpel immer ein ganzes Schwein bestellt, es sich am drei?igsten liefern lassen, um es dann ganz langsam in der Erde hinter dem Haus mit hei?en Steinen im hawaiianischen Luau-Stil garen zu lassen. Das Fest hat sich stets uber zwei Tage hingezogen. Die ortliche Bluegrass-Band, die Clinch Mountain Boys, spielten die ganze Nacht durch, und Philip hat sich immer das beste Gras besorgt. Die erste Nacht wurde uberhaupt kein Auge zugemacht, und Philip hat immer eine Frau gefunden, die sich seiner erbarmte …
Der Governor blinzelt. Er kann sich nicht daran erinnern, ob das jetzt
Pennys wassrige, verzerrte Fressgerausche treten in den Hintergrund, verschwinden beinahe, als Philip die Flasche ansetzt. Die Flussigkeit und die Kohlensaure brennen in der Kehle. Der Geschmack erinnert ihn an bessere Zeiten, an Feiertage und Ferien, an Feste, an Familienfeiern, an denen man Nahestehende nach langer Zeit endlich wieder sieht. Es zerrei?t ihn innerlich. Er wei?, wer er ist: Er ist
Aber.
Aber …
Brian beginnt zu weinen. Er lasst die Flasche los, und mehr Champagner flie?t uber die Kacheln hin zu Penny. Sie hat keine Ahnung von dem unsichtbaren Krieg, der in diesem Moment im Kopf ihres Warters tobt. Brian schlie?t die Augen, die Tranen stromen trotzdem uber seine Wangen, bilden Rinnsale.
Er weint all den vergangenen Silvestertagen nach, den freudigen Momenten, die er mit Freunden verbracht hat … mit seinem Bruder. Er weint fur Penny, fur ihren traurigen Zustand, fur den er sich die Schuld gibt. Er kann sich des Bildes nicht erwehren, das ihm jetzt immer wieder vor Augen schwebt:
Wahrend Penny frisst, schlurft und schmatzt und Brian vor sich hin weint, ertont ein unerwartetes Gerausch aus der Wohnung.
Jemand klopft an seine Tur.
Es dauert eine Weile, ehe der Governor das Gerausch uberhaupt wahrnimmt. Das Klopfen hat einen kurzen, zogerlichen Rhythmus, lasst aber nicht nach, bis Philip endlich aus seiner Erstarrung gerissen wird.
Seine Identitatskrise ist wie weggeblasen. Der Vorhang vor seinem Gehirn hat sich zuruckgezogen.
Jetzt ist es definitiv
Es ist Philip, der mit seinem typischen Schritt durch das Wohnzimmer geht. Sein Puls wird wieder langsamer, er saugt frische Luft in die Lungen. Jetzt ist er wieder ganz der Governor – mit klaren, scharfen Augen. Beim funften Mal Klopfen offnet er die Tur. »Was zum Teufel ist so verdammt wichtig, dass ich um diese Zeit …«
Obwohl er die Frau noch gar nicht richtig einordnen kann, halt er inne. Er hat einen seiner Manner erwartet, Gab oder Bruce oder Martinez, die ihn wegen irgendeiner Kleinlichkeit wie einem Feuer oder mal wieder einem Kampf zwischen den Stadtbewohnern nerven.
»Passt es vielleicht gerade nicht? Soll ich ein anderes Mal wiederkommen?«, schnurrt Megan Lafferty. Ihr Kopf ist traumerisch zur Seite geneigt. Sie lehnt am Torpfosten. Die Bluse unter ihrer Jeansjacke ist aufgeknopft und gibt den Blick auf einen uppigen Ausschnitt frei.
Der Governor starrt sie mit seinem steten Blick an. »Schatzchen, ich habe keine Ahnung, was du vorhast, aber ich bin gerade sehr beschaftigt.«
»Hab mir nur gedacht, dass du vielleicht ein bisschen Gesellschaft vertragen konntest«, gibt sie mit gespielter Unschuld zum Besten. Sie sieht aus wie das typische Flittchen: Ihre weinfarbenen Locken hangen in verlockenden Strahnen uber die von Drogen entspannten Gesichtszuge. Au?erdem tragt sie zu viel Make-up, beinahe wie ein Clown. »Aber ich verstehe das durchaus, wenn du so viel zu tun hast.«
Der Governor seufzt. Ein Lacheln zieht seine Mundwinkel ein wenig in die Hohe. »Irgendwie machst du nicht den Eindruck, als ob du gekommen bist, um dir ein bisschen Mehl zu leihen.«
Megan wirft einen Blick uber die Schulter. Die Angst steht ihr im Gesicht geschrieben. Au?erdem blickt sie sich immer wieder um, lasst ihn von den Schatten des leeren Korridors bis zur Tur wandern und kratzt sich ihr Tattoo mit dem chinesischen Charakter an ihrem Ellenbogen. Niemand kommt jemals hierher. Die Wohnung vom Governor ist tabu, selbst fur Gabe und Bruce.
»Ich … Ich habe nur gedacht … Ich …«, stottert sie.
»Musst keine Angst haben, Schatzchen«, beruhigt der Governor sie endlich.
»Ich wollte nicht …«
»Jetzt komm schon rein«, ladt er sie ein und nimmt ihren Arm. »Ehe der Tod dich da drau?en holt.«
Er zieht sie in den Flur und schlie?t dann die Tur hinter ihr. Das Gerausch des Bolzens erschreckt Megan. Sie fangt schneller an zu atmen, und der Governor kann nicht anders, als das Heben und Senken ihrer uberraschend uppigen Bruste unter der Bluse, ihre kurvenreiche Figur und ihre drallen Huften zu bemerken. Dieser kleine Flitzer ist zum Fortpflanzen bereit. Der Governor uberlegt, wann er das letzte Mal ein Kondom benutzt hat. Wann hat er das letzte Mal uberhaupt welche gekauft? Liegen vielleicht noch welche im Medizinschrank herum? »Kann ich dir vielleicht etwas zu trinken anbieten?«
»Gerne.« Megan schaut sich um, nimmt die spartanisch eingerichtete Wohnung in sich auf – die Uberreste von Teppichen auf dem Boden, die nicht zueinanderpassenden Stuhle, das Sofa, das aus irgendeinem Diakonie- Laden hatte stammen konnen. Fur einen kurzen Augenblick runzelt sie die Stirn, rumpft die Nase, riecht vielleicht sogar den Gestank aus der Waschekammer. »Hast du Wodka?«
Der Governor grinst sie an. »Konnte sein, dass ich noch etwas finde.« Er geht zur Bar neben dem mit Brettern verschlagenen Fenster, holt eine Flasche hervor und gie?t zwei Finger breit Wodka in zwei Pappbecher. »Habe auch irgendwo Orangensaft«, murmelt er und findet dann den angebrochenen Karton.
Er gesellt sich mit den Getranken wieder zu ihr. Megan gie?t sich den gesamten Inhalt des Bechers in einem Schluck die Kehle runter. Sie macht den Eindruck, als ob sie tagelang in der Wuste verschollen war und dies die erste Flussigkeit zwischen ihren Zahnen ist. Sie wischt sich den Mund ab, rulpst und entschuldigt sich: »Oh … Tut mir leid.«
»Du bist ja eine ganz Su?e«, kokettiert der Governor grinsend. »Wei?t du was? Bonnie Raitt ist nichts gegen dich.«
Sie senkt den Blick zu Boden. »Der Grund, warum ich bei dir vorbeigekommen bin …«
»Yeah?«
»Der Typ im Lebensmittellager hat mir gesagt, dass du vielleicht ein bisschen Weed oder ein paar Downer hast.«
»Duane?«
Sie nickt. »Hat behauptet, dass du gutes Zeug hattest.«
Der Governor nimmt einen Schluck. »Jetzt muss ich glatt uberlegen, woher Duane so etwas wissen will.«
Megan zuckt die Achseln. »Wie auch immer. Die Sache ist namlich die …«
»Und warum kommst du zu mir?« Der Governor halt sie mit seinem starren Blick fest. »Warum nicht bei deinem Kumpel Bob anklopfen? Der hat doch einen ganzen Medizinschrank in seinem Camper-Truck.«
Wieder Achselzucken. »Ich wei? nicht. Habe nur gedacht, du und ich, wir konnten … tauschen.«
Jetzt blickt sie zu ihm auf, bei?t sich auf die Unterlippe, und der Governor spurt, wie ihm das Blut in die Lenden schie?t.
Megan reitet ihn in im Mondlicht, das durch das Fenster des Nebenzimmers dringt. Vollig nackt, mit einem Film von kaltem Schwei? bedeckt, die Haare kleben ihr im Gesicht, fahrt sie auf seiner Erektion mit der impotenten Wucht eines Spielpferdes auf einem Karussell auf und ab. Sie verspurt nichts au?er Schmerz, keine Angst, keine Emotion, keine Reue, keine Scham. Nichts. Nur die mechanische Gymnastik von Sex.
