dunklen Loch des Schlafzimmers dahin, und ein Gefuhl des Friedens, wie kurz auch immer, schwappt uber Bob Stookey hinweg und lullt ihn in einen tiefen Schlaf.

Kurz nach Morgengrauen wird er von einem alles durchdringenden Schrei aufgeweckt.

Zuerst glaubt er, er sei noch am Traumen. Der Schrei stammt von drau?en, und Bob nimmt ihn als ein geisterhaftes Echo wahr, als ob gerade das Ende eines Albtraums sein waches Bewusstsein gestreift hat. In seinem noch schlaftrunkenen Zustand streckt er den Arm nach Megan aus, aber sie ist nicht mehr da. Die Decken sind am Fu?ende zusammengeknullt. Megan ist verschwunden. Er setzt sich wie vom Blitz getroffen auf.

»Megan? Schatzchen?«

Er steht auf und geht barfu? zur Tur, spurt nicht die Kalte des Bodens. Dann erneut ein Schrei, der durch die Winterwinde an sein Ohr dringt. Er bemerkt nicht den umgesto?enen Stuhl in der Kuche, die aufgerissenen Schubladen, die offenen Schrankturen – alles Anzeichen, dass jemand sein Hab und Gut inspiziert hat.

»Megan?«

Er geht weiter, durch die Tur, stolpert auf den Treppenabsatz im ersten Stock und blinzelt in das harsche Licht des bedeckten Winterhimmels, spurt den eisigen Wind in seinem Gesicht.

»MEGAN!!«

Zuerst versteht er den Tumult nicht, der unten auf der Stra?e herrscht. Er sieht Leute auf den Treppen, auf der Stra?e und entlang des Parkplatzes bei der Post – insgesamt vielleicht ein Dutzend –, und sie deuten alle auf Bob oder vielleicht auf etwas auf dem Dach. Schwer zu sagen. Mit wild pochendem Herzen rennt Bob die Treppe hinunter. Er bemerkt den Strick nicht, der um das Gelander geknotet ist, bis er auf der Stra?e steht.

Bob dreht sich um und erstarrt. Sein Korper wird zu Granit, eiskalt. »O Gott, nein«, stammelt er und blickt auf den leblosen Korper, der neben ihm baumelt, vom Wind hin und her geschaukelt wird. »O nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein …«

Megan hangt mit einer improvisierten Schlinge ums Genick vom Treppenabsatz. Ihr Gesicht ist farblos und bleich wie altes Porzellan.

Lilly Caul hort den Aufruhr von ihrem Fenster uber der Chemischen Reinigung und wuchtet sich aus dem Bett, um den Vorhang aufzuziehen. Vor den Hauseingangen haben sich Trauben von Leuten versammelt und deuten in Richtung Post. Ihre Mienen lassen nichts Gutes ahnen, und sie flustern hinter vorgehaltener Hand. Lilly wei?, dass etwas Furchterliches passiert ist. Als sie den Governor erspaht, der raschen Schrittes den Burgersteig entlangkommt, wirft sie sich ihre Klamotten uber. Hinter dem Mann mit dem langen Mantel eilen Gabe und Bruce her, versuchen, Schritt zu halten, die geladenen Maschinengewehre schussbereit.

Sie braucht keine drei Minuten, um fertig angezogen die Treppe hinunterzulaufen, eine Gasse zwischen zwei Gebauden hindurch zu eilen und die zwei Hauserblocks zur Post zuruckzulegen.

Am Himmel hangen bedrohliche Wolken, und der Wind bringt Schneeregen mit sich. Als Lilly die Menge erblickt, die sich um Bobs Treppe versammelt hat, ist ihr bewusst, dass sie dem Nachspiel von etwas Schrecklichem beiwohnt. Es ist in den Gesichtern der Anwesenden geschrieben, und die Art, mit der der Governor und Bob sich etwas abseits unterhalten – jeder der beiden starrt zu Boden, die Mienen zu finsteren Grimassen verzogen, voller Besorgnis und unerbittlicher Entschlossenheit.

Mitten im Kreis der Schaulustigen knien Gabe und Bruce auf dem Burgersteig neben einem mit einem Laken bedeckten Bundel. Der Anblick lasst Lilly erstarren. Sie steht am Rande der Menge, und es fahrt ihr eiskalt den Rucken hinunter. Der Anblick eines weiteren, auf dem Burgersteig liegenden Leichnams erschuttert sie zutiefst.

»Lilly?«

Sie dreht sich um und sieht Martinez neben ihr stehen. Uber seiner Lederjacke tragt er Patronengurte, als ob es Scharpen waren. Er legt ihr eine Hand auf die Schulter. »Das war doch eine Freundin von dir, oder?«

»Wer ist es denn?«

»Du hast es noch nicht gehort?«

»Ist es Megan?« Lilly drangt sich an Martinez vorbei, sto?t einige Schaulustige beiseite. »Was ist passiert?«

Bob Stookey geht auf sie zu, stellt sich ihr in den Weg und nimmt sie sanft bei den Schultern. »Lil’, so warte doch. Du kannst nichts mehr machen.«

»Was ist passiert, Bob?« Lilly blinzelt, als ihre Augen zu brennen anfangen und ihr Herz schwer wird. »Hat ein Bei?er sie erwischt? Lass mich los!«

Bob halt sie an den Schultern fest. »Nein, Lilly. Das nicht.« Erst jetzt sieht sie Bobs Augen, rot umrandet und voller Trauer. Sein Gesicht zittert vor Schmerz. »Diese Leute werden sich um sie kummern.«

»Ist sie …«

»Sie ist von uns gegangen, Lil’« Bob starrt zu Boden und schuttelt langsam den Kopf. »Hat sich ihr eigenes Leben genommen.«

»Was … Was ist passiert?«

Bob aber starrt nur weiter auf die Erde und faselt, dass er keine Ahnung hat.

»Lass mich los, Bob!« Lilly drangt sich weiter durch die unzahligen Reihen von Schaulustigen.

»Hallo! Hey – immer mit der Ruhe, Schwester!« Gabe stellt sich Lilly in den Weg. Der schwer gebaute Mann mit dem Stiernacken und dem Burstenschnitt ergreift Lillys Arm. »Ich wei?, dass sie eine Freundin von Ihnen war …«

»Ich will sie sehen!« Lilly rei?t sich los, aber Gabe schnappt sie sich von hinten und legt ihr den Arm um. Lilly versucht krampfhaft, sich aus der unmoglichen Situation zu befreien. »LASS MICH VERDAMMT NOCH MAL IN RUHE!«

In drei Metern Entfernung auf dem versengten braunen Gras des Parks kniet Bruce, der gro?e schwarze Mann mit der Glatze neben dem mit dem Laken bedeckten Leichnam. Er ladt sein MG mit einem neuen Magazin. Seine Miene ist finster, er atmet langsam und tief, bereitet sich offensichtlich auf etwas Unangenehmes vor. Er ignoriert alles um ihn herum.

»LASS MICH IN RUHE!« Lilly will nicht aufhoren, sich zu wehren, die Augen standig auf den Leichnam gerichtet.

»Jetzt fuhren Sie sich doch nichts so auf«, zischt Gabe. »Sie machen es doch viel schlimmer, als …«

»Lass sie los!«

Die tiefe, von zu vielen Zigaretten gezeichnete Stimme ertont hinter den beiden, und sowohl Lilly als auch der schwere Mann erstarren, als ob sie eine Hundepfeife gehort hatten.

Sie blicken beide uber die Schulter und sehen den Governor im Kreis der Schaulustigen, die Hande auf die Huften gestemmt. Seine beiden mit Perlen bestuckten .45er aus Armeebestanden stecken links und rechts im Gurtel im Stil eines echten Revolverhelden, seine langen Rockstar-Haare – so schwarz wie Tusche – sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, mit dem der Wind spielt. Die Krahenfu?e um seine Augen und die Linien, die seine eingefallenen Wangen zeichnen, werden immer gro?er und tiefer, je finsterer er dreinblickt. »Ist schon gut, Gabe … Lass die Lady sich von ihrer Freundin verabschieden.«

Lilly eilt zu dem Leichnam auf dem Boden, kniet sich nieder und starrt auf das zugedeckte Etwas. Sie halt sich die Hand vor den Mund, als ob sie die angestauten Emotionen nicht herauslassen will. Bruce entsichert das Maschinengewehr und geht ein paar Schritte zuruck. Er steht einfach nur da und starrt auf Lilly, wahrend die Menge um sie herum immer leiser wird.

Der Governor geht zu ihr, halt aber aus Respekt Abstand.

Lilly zieht das Laken von dem Leichnam und bei?t die Zahne zusammen, als sie in das purpurgraue Gesicht der Frau blickt, die einmal Megan Lafferty war. Ihre Augen sind so angeschwollen, dass sie nicht mehr zu offnen sind, der Kiefer von der Totenstarre wie festzementiert, und das blutlose Puppengesicht aus Porzellan macht den Eindruck, als ob es von Millionen von Haarfrakturen durchzogen sei. Die dunklen Aderchen sind offenbar schon in einem fortgeschrittenen Stadion der Verwesung. Das Gesicht ist fur Lilly sowohl furchterlich anzuschauen als auch unertraglich ergreifend. Es beschwort die ganzen Erinnerungen an die verruckten Sprayberry-Highschool-Tage herauf, als die beiden Madchen Joints auf der Toilette geraucht haben, auf das Schuldach geklettert sind, um Steinchen auf die spielenden Sportskanonen auf dem Basketballplatz zu werfen. Megan und Lilly waren uber Jahre hinweg beste Freundinnen, und trotz all ihrer Fehler – und es waren nicht zu wenige an der Zahl – hat Lilly sie stets als genau das in Erinnerung. Jetzt kann sie nicht mehr aufhoren, dieses Uberbleibsel ihrer frechen Freundin anzustarren.

Lilly verschlagt es den Atem, als Megans geschwollene purpurne Lider plotzlich aufgehen und milchig-wei?e

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