Kilometer vor sich.
Der Sturm hinterlasst Bauernhofe und Felder im Sudosten Georgias in riesigen Seen schwarzen, dreckigen Wassers. Die flachen Teiche gefrieren, die hoher gelegenen Landstriche bilden ein einziges Schlammfeld.
Die immer schwacher werdende Regenfront zieht uber das Land, verwandelt die Walder und Hugel um Woodbury in ein Wunderland glitzernder Aste, Stromleitungen, die unter dem Gewicht der unzahligen Eiszapfen nachzugeben drohen, und kristalliner Pfade. Das alles ware vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt ein wunderbarer Anblick, aber jetzt, inmitten dieser alles verwustenden Plage und verzweifelter Menschen, ist es alles andere als das.
Am nachsten Tag muhen sich die Bewohner von Woodbury ab, die Stadt wieder auf Vordermann zu bringen. Der Governor weist seine Manner an, eine nahe gelegene Meierei nach Salzblocken zu durchsuchen. Sie werden fundig und transportieren sie auf Pritschenwagen zuruck, um sie dann mit Motorsagen in leichter zu hantierende Brocken zu schneiden, klein zu machen und schlie?lich auf die Stra?en und Burgersteige zu streuen. Sandsacke werden sudlich der Stadt aufgestapelt, um das Wasser abzuhalten. Den ganzen dusteren grauen Tag lang schopfen, hacken, streuen und schaufeln die Bewohner die Stadt wieder frei.
»Die Show muss weitergehen, Bob«, meint der Governor am spaten Nachmittag im Stadion. Die grellen Flutlichter scheinen durch den Nebel auf ihn herab, und das Nageln der Generatoren drohnt in der Ferne. Die Luft riecht nach Gas, Alkalien und brennendem Mull.
Die Oberflache der Rennbahn wiegt sich im Wind, der Schlamm ist so dick wie Haferbrei. Der Regen hat auch das Stadion und die Rennbahn nicht verschont, und das Wasser steht teilweise einen halben Meter hoch. Die mit Eis uberzogenen Tribunen funkeln vor sich hin und werden von ein paar Arbeitern mit Gummiwischern und Schaufeln freigekratzt.
»Ha?« Bob Stookey hockt funf Meter hinter dem Governor auf einer der Tribunen.
Gedankenverloren entkommt ihm ein Rulpser, der Kopf rollt im Vollrausch auf seinen Schultern hin und her. Bob sieht wie ein verlorener, kleiner Junge aus. Neben ihm liegt eine ausgetrunkene Flasche Jim Beam auf der mit Eis uberzogenen, stahlernen Sitzbank. Eine weitere, noch halb voll, halt er in seiner schmierigen, klammen Hand. Er hat die letzten funf Tage durchgesoffen, seitdem er Megan Lafferty aus dieser Welt befordert hat.
Ein unverbesserlicher Saufer kann den Rausch besser aufrechterhalten als ein x-beliebiger Gelegenheitstrinker, denn die erreichen den Hohepunkt ihrer Trunkenheit, indem sie dieses Prickeln verspuren und sich in Gesellschaft wohlfuhlen, kurz bevor ihnen der Vollrausch jeglichen Verstand raubt. Bob jedoch kann das Delirium erst nach einer Flasche Whiskey erreichen und fur Tage aufrechterhalten.
Aber jetzt hat Bob Stookey das Ende seines Saufgelages erreicht. Nachdem er taglich vier Flaschen geleert hat, fangt er an, standig einzunicken. Die Realitat entgleitet ihm immer mehr, er beginnt zu halluzinieren, beinahe ohnmachtig zu werden.
»Ich habe gesagt, dass die Show weitergehen muss«, wiederholt der Governor etwas lauter und klettert uber den ersten Maschendrahtzaun, der ihn von Bob trennt. »Die Leute kriegen langsam Huttenkoller, Bob. Sie brauchen wieder etwas Ablenkung.«
»Wohl wahr«, grunzt Bob lallend. Er kann kaum den Kopf gerade halten und lugt unstet zum Governor hinab, der jetzt direkt vor der Tribune steht und Bob unheilvoll durch den Maschendrahtzaun anblickt.
In Bobs fiebrigen Augen sieht der Governor unter dem kalten Flutlicht wie ein Damon aus. Uber seinem Kopf mit den nach hinten gezogenen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen schwarzen Haaren schwebt ein silberner Heiligenschein. Sein Atem ist als silbriger Rauch sichtbar, und sein schwarzer Fu-Manchu-Schnauzer wippt auf und ab, als er weiter auf Bob einredet: »So ein kleiner Wintersturm kann uns nichts anhaben, Bob. Ich habe da eine Idee … Das wird die Leute umhauen. Warte es nur ab. So etwas hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen.«
»Hort sich … gut an«, stammelt Bob. Sein Kopf fallt nach vorne, und ein dunkler Schatten legt sich uber seine Augen.
»Morgen Abend, Bob.« In Bobs schummrigem Blick scheint das Gesicht des Governors wie ein Geist in der Luft zu schweben. »Das wird allen eine Lehre sein, Bob. Von jetzt ab wird hier ein anderer Wind wehen. Recht und Ordnung, Bob. Da kann man so viel lernen, dass einem der Schadel platzen mag. Aber gleichzeitig liefern wir auch eine Supershow, ist doch klar. Das wird ihnen die Zehennagel aufrollen. Das werden wir genau hier erreichen, in diesem Schlamm und der ganzen Schei?e. Bob? Horst du mir uberhaupt zu? Bob? Alles klar bei dir? Hey, alter Mann, immer schon bei mir bleiben!«
Bob wird schwarz vor Augen. Er verliert das Bewusstsein, fallt vom Sitz, und das Letzte, was er sieht, ist das Gesicht des Governors, das von den rostigen, geometrischen Maschen des Zauns zwischen ihnen in Einzelteile zerschnitten wird.
»Wo zum Teufel steckt eigentlich dieser Martinez?« Der Governor wirft einen Blick uber die Schulter. »Habe schon seit Stunden weder Haut noch Haare von dem Arschloch gesehen.«
»Jetzt hort mir mal zu«, fordert Martinez die Manner auf und schaut jedem der Mitverschworer der Reihe nach tief in die Augen. Die funf sitzen in einem Halbkreis in einer Ecke des dusteren, alten Eisenbahnlagers um ihn herum. Uberall hangen alte Spinnweben, und es ist so dunkel wie in einem Grab. Martinez zundet sich einen Zigarillo an, und sein markantes, intelligentes Gesicht wird von Rauch umhullt. »Man stulpt einen Eimer nicht langsam und vorsichtig uber eine Schei?kobra – man tut es so schnell und gezielt wie nur moglich.«
»Wann?«, will der Jungste namens Stevie von ihm wissen. Er hockt neben Martinez, ist gro? und schlank, halb schwarz, halb wei?, tragt eine glanzende, schwarze Jacke, hat etwas Flaum uber der Lippe und blinzelt nervos mit seinen langen Wimpern in die Runde umher. Stevies scheinbare Arglosigkeit wird nur von seiner Lust getrubt, Zombies zu ermorden.
»Bald.« Martinez zieht an seinem Stumpen. »Ich lasse es euch heute Abend wissen.«
»Wo?«, fragt ein weiterer Mitverschworer, ein alterer Mann in einer Wolljacke und einem Schal, der auf den Namen Schwede hort. Sein wilder Schopf blonder Haare, das lederne Gesicht und die breite Brust, die zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Patronengurten behangt ist, verleihen ihm den Anschein, als ob er gerade aus der franzosischen Resistance des Zweiten Weltkrieges kommt.
Martinez wirft ihm einen Blick zu. »Das werdet ihr schon fruh genug erfahren.«
Der Schwede seufzt genervt. »Wir spielen hier mit dem Feuer, Martinez. Zumindest konntest du uns ein paar Hinweise geben, auf was genau wir uns da einlassen.«
Ein weiterer Mann erhebt die Stimme, ein Schwarzer in einer Daunenweste namens Broyles. »Schwede, der hat schon seine Grunde, warum er uns nichts erzahlt.«
»Yeah? Dann klar mich mal auf.«
Der schwarze Mann mustert den Schweden. »Fehlertoleranz.«
»Was meinst du?«
Der Schwarze schaut Martinez an. »Es steht zu viel auf dem Spiel. Nur einer von uns muss gefasst werden, gefoltert und so Zeug.«
Martinez nickt und zieht an seinem Stumpen. »So in der Art … Genau.«
Ein vierter Mann, ein ehemaliger Mechaniker namens Taggert, ergreift das Wort. »Und was ist mit den beiden Kletten?«
»Du meinst Bruce und Gabe?«, vergewissert sich Martinez.
»Ja … Glaubst du, dass wir sie uberzeugen konnen?«
Martinez zieht erneut an seinem Stumpen. »Was glaubst
Taggert zuckt die Achseln. »Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie damit etwas zu tun haben wollen. Die kriechen Blake derartig in den Arsch, dass sie ihm oben wieder rauskommen.«
»So sieht es aus«, stimmt Martinez zu und holt tief Luft. »Und genau deswegen mussen wir die beiden als Erste aus dem Weg schaffen.«
»Also, wenn ihr mich fragt«, murmelt Stevie, »haben die meisten Leute in der Stadt nichts gegen den Governor.«
»Er hat recht«, pflichtet der Schwede dem Jungen mit nervosem Nicken bei. »Ich wurde schatzen, dass sogar neunzig Prozent der Menschen hier das Arschloch
»Alles klar, das reicht.« Martinez wirft den ausgerauchten Zigarillo auf den Boden und tritt ihn aus. »Jetzt hort mal zu … alle Mann.« Er blickt jeden an und spricht mit leiser, monotoner Stimme, in der seine Nervositat