Also reden wir geschaftlich.«

Bethke schwieg einen Augenblick. »Kein Geld«, sagte er dann. »Essen.«

Lebenthal erwiderte nichts. »Ein Hase«, sagte Bethke. »Ein toter Hase. Uberfahren. Wie ist das?«

»Was fur ein Hase? Hund oder Katze?«

»Ein Hase, sage ich dir. Ich habe ihn selbst uberfahren.«

»Hund oder Katze?«

Sie starrten sich eine Zeitlang an. Lebenthal blinkte nicht. »Hund«, sagte Bethke.

»Schaferhund?«

»Schaferhund! Warum kein Elefant? Mittlere Gro?e. Wie ein Terrier. Fett.«

Lebenthal verriet nichts. Der Hund war Fleisch. Ein riesiger Glucksfall. »Wir konnen ihn nicht kochen«, sagte er. »Nicht einmal abziehen. Wir haben nichts dazu.«

»Ich kann ihn abgezogen liefern.«

Bethke wurde eifriger. Er wu?te, da? der Kuchenbulle ihn im Essenbesorgen bei Ludwig leicht schlagen konnte. Er mu?te deshalb etwas von au?erhalb des Lagers bekommen, um konkurrieren zu konnen. Eine kunstseidene Unterhose, dachte er. Das wurde wirken und ihm selber auch noch Vergnugen machen. »Gut, ich koche ihn dir sogar«, sagte er.

»Trotzdem schwierig. Wir mussen ein Messer dazu haben.«

»Ein Messer? Wozu ein Messer?«

»Wir haben keine Messer bei uns. Wir mussen ihn zerschneiden. Der Kuchenbulle hat mir -«

»Gut, gut«, unterbrach Bethke ihn ungeduldig. »Also ein Messer dazu.« Die Unterhose sollte blau sein. Oder lila. Lila war besser. Da war ein Geschaft nahe dem Depot, das hatte so was. Der Kapo wurde ihn hingehen lassen. Den Zahn wurde er dem Dentisten nebenan verkaufen.

»Meinetwegen auch noch ein Messer. Damit ist es aber genug.«

Lebenthal sah, da? er im Moment nicht viel mehr herauskriegen wurde. »Ein Brot naturlich noch«, sagte er. »Das gehort ja dazu. Wann?«

»Morgen abend. Wenn es dunkel ist. Hinter der Latrine. Bring den Zahn mit.«

»Ist es ein junger Terrier?«

»Wie soll ich das wissen? Bist du verruckt? So mittel. Warum?«

»Er mu? sonst langer kochen.«

Bethke sah aus, als wollte er Lebenthal ins Gesicht springen. »Sonst noch was?« fragte er leise.

»Preiselbeerso?e? Kaviar?«

»Das Brot?«

»Wer hat was von Brot geredet?«

»Der Kuchenbulle -«

»Halt die Schnauze. Ich werde sehen -« Bethke hatte es plotzlich eilig. Er wollte Ludwig auf die Unterhose scharfmachen. Seinetwegen konnte der Kuchenbulle ihn futtern; aber wenn er die Unterhose in Reserve hatte, so wurde das den Ausschlag geben. Ludwig war eitel. Ein Messer konnte er stehlen. Brot war auch nicht so wichtig.

Und der Terrier war nur ein Dachshund. »Morgen abend also«, sagte er. »Warte hinter der Latrine.«

Lebenthal ging zuruck. Er glaubte noch nicht ganz an sein Gluck. Ein Hase, wurde er in der Baracke sagen. Nicht, weil es ein Hund war, das schreckte keinen – es hatte Leute gegeben, die versucht hatten, Fleisch von Leichen zu essen -, sondern weil es zu den Freuden des Geschafts gehorte, zu ubertreiben. Au?erdem hatte er Lohmann gern gehabt; deshalb sollte etwas Au?erordentliches gegen seinen Zahn getauscht werden.

Das Messer konnte man im Lager leicht verkaufen; das gab neues Geld zum Handeln.

Das Geschaft war erledigt. Der Abend war neblig geworden, und wei?e Schwaden zogen durch das Lager. Lebenthal schlich durch das Dunkel zuruck. Er trug den Hund und das Brot unter seiner Jacke versteckt.

Ein Stuck vor der Baracke bemerkte er einen Schatten, der mitten uber die Stra?e schwankte. Er sah sofort, da? es keiner von den gewohnlichen Straflingen war; die bewegten sich nicht so. Einen Augenblick spater erkannte er den Blockaltesten von 22.

Handke ging, als sei er auf einem Schiri. Lebenthal wu?te sofort, was es bedeutete.

Handke hatte seinen Tag; er mu?te irgendwoher Alkohol bekommen haben. Es war nicht mehr moglich, unbemerkt an ihm voruber in die Baracke zu kommen, um den Hund zu verstecken und die anderen zu warnen. Lebenthal glitt deshalb leise hinter die Ruckwand der Baracke und versteckte sich im Schatten.

Westhof war der erste, dem Handke begegnete. »Heda, du!« schrie er.

Westhof blieb stehen.

»Weshalb bist du nicht in der Baracke?«

»Ich bin auf dem Wege zur Latrine.«

»Selber Latrine. Komm hierher!«

Westhof trat naher. Er sah im Nebel Handkes Gesicht nur undeutlich.

»Wie hei?t du?«

»Westhof.«

Handke schwankte. »Du hei?t nicht Westhof. Du hei?t stinkender Saujude. Wie hei?t du?«

»Ich bin kein Jude.«

»Was?« Handke schlug ihm ins Gesicht. »Von welchem Block bist du?«

»Zweiundzwanzig.«

»Auch das noch! Von meinem eigenen! Lump! Welche Stube?«

»Stube D!«

»Hinlegen!«

Westhof warf sich nicht hin. Er blieb stehen. Handke trat einen Schritt naher. Westhof sah jetzt sein Gesicht und wollte weglaufen. Handke trat ihm gegen das Schienbein. Er war als Blockaltester gut genahrt und viel starker als jedermann im Kleinen Lager.

Westhof fiel, und Handke trat ihm gegen die Brust. »Hinlegen, Judenschwein!«

Westhof legte sich flach auf den Boden.

»Stube D 'raustreten!« schrie Handke.

Die Skelette kamen heraus. Sie wu?ten bereits, was geschehen wurde. Einer von ihnen wurde verprugelt werden. Handkes Sauftage endeten immer so. »Sind das alle?« lallte Handke.

»Stubendienst!«

»Jawohl!« meldete Berger.

Handke starrte durch das neblige Dunkel auf die Reihen. Bucher und 509 standen zwischen den anderen. Sie konnten muhselig wieder gehen und stehen. Ahasver fehlte.

Er war mit dem Schaferhund in der Baracke geblieben. Wenn Handke gefragt hatte, hatte Berger ihn als tot gemeldet. Aber Handke war betrunken und hatte auch nuchtern nicht genau Bescheid gewu?t. Er ging ungern in die Baracken, aus Angst vor Dysenterie und Typhus.

»Wer sonst will hier noch Gehorsam verweigern?« Handkes Stimme wurde dicker.

»Laus – Lausejuden!«

Niemand antwortete. »Schteht schtramm! Wie Kultur – Kulturmenschen!«

Sie standen stramm. Handke glotzte sie eine Weile an, dann drehte er sich um und begann Westhof, der noch auf dem Boden lag, mit Fu?en zu treten. Westhof hielt seinen Kopf mit den Armen geschutzt. Handke trat ihn eine Zeitlang. Es war still, und man horte nichts anderes als das dumpfe Aufschlagen der Stiefel Handkes gegen die Rippen Westhofs. 509 spurte, wie Bucher sich neben ihm regte. Er packte sein Handgelenk und hielt ihn fest. Buchers Hand zuckte. 509 lie? nicht los. Handke trat stumpfsinnig weiter. Endlich wurde er mude und sprang einige Male auf Westhofs Rucken. Westhof ruhrte sich nicht. Handke kam zuruck. Sein Gesicht war na? von Schwei?.

»Juden!« sagte er. »Wie Lause drauftreten mu? man auf euch. Was seid ihr?«

Er zeigte mit unsicherem Finger auf die Skelette. »Juden«, erwiderte 509.

Handke nickte und sah einige Sekunden lang tiefsinnig auf den Boden. Dann drehte er sich um und ging zu

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