»Wei?t du etwas anderes?«

Bucher dachte nach. »Nein.«

»Ich auch nicht. Westhof hatte den Lagerkoller. Ebenso wie Handke. Hatte er gesagt, was Handke wollte, ware er mit ein paar Schlagen weggekommen. Er war ein guter Mann. Wir hatten ihn brauchen konnen. Er war ein Narr.« 509 wandte sich Bucher zu.

Seine Stimme war voll Bitterkeit. »Glaubst du, du bist der einzige, der hier sitzt und uber ihn nachdenkt?«

»Nein.«

»Vielleicht hatte er den Mund gehalten und lebte noch, wenn wir beide nicht bei Weber durchgekommen waren. Vielleicht hat gerade das ihn heute unvorsichtig gemacht. Hast du auch einmal daruber nachgedacht?«

»Nein.« Bucher starrte 509 an. »Glaubst du das?«

»Es kann sein. Ich habe gro?ere Narrheiten erlebt. Und bei besseren Mannern. Und je besser die Manner, um so gro?er war oft die Narrheit, wenn sie glaubten, Mut zeigen zu mussen.

Verdammter Lesebuchquatsch! Kennst du Wagner von Baracke 21?«

»Ja.«

»Er ist eine Ruine. Aber er war ein Mann und hatte Mut. Zuviel. Er schlug zuruck.

Zwei Jahre lang war er das Entzucken der SS. Weber liebte ihn beinahe. Dann war er fertig. Fur immer. Und fur was? Wir hatten ihn gut gebrauchen konnen. Aber er konnte seinen Mut nicht beherrschen. So gab es viele. Wenige sind noch davon da. Und noch weniger, die nicht kaputt sind. Deshalb habe ich dich heute abend festgehalten, als Handke auf Westhof 'rumtrat. Und deshalb habe ich geantwortet, als er fragte, was wir sind. Verstehst du das endlich?« »Du glaubst, da? Westhof -« »Es ist egal. Er ist tot -« Bucher schwieg. Er sah 509 jetzt deutlicher. Der Nebel hatte sich etwas gehoben, und an einer Stelle tropfte Mondlicht hindurch. 509 hatte sich aufgerichtet. Sein Gesicht war schwarz und blau und grun von Blutergussen. Bucher erinnerte sich plotzlich an alte Geschichten uber ihn und Weber, die er gehort hatte. Er mu?te selbst einmal einer der Leute gewesen sein, von denen er sprach. »Hor zu«, sagte 509. »Und hore gut zu. Es ist eine billige Romanphrase, da? Geist nicht zu brechen sei. Ich habe gute Leute gekannt, die nichts mehr waren als heulende Tiere. Fast jeden Widerstand kann man brechen; man braucht nur genugend Zeit und Gelegenheit dazu. Das haben die da druben -«, er machte eine Gebarde zu den SS-Kasernen hinuber,»die haben es ganz gut gewu?t. Und sie sind immer dahinter her gewesen. Bei Widerstand kommt es nur darauf an, was man damit erreicht; nicht wie es aussieht. Sinnloser Mut ist sicherer Selbstmord. Unser bi?chen Widerstand aber ist das einzige, was wir noch haben. Wir mussen es verstecken, damit sie es nicht finden – es nur in au?erster Not gebrauchen -, so wie wir es bei Weber getan haben. Sonst -« Das Mondlicht hatte den Korper Westhofs erreicht. Es huschte uber sein Gesicht und seinen Nacken. »Ein paar von uns mussen ubrigbleiben«, flusterte 509. »Fur spater. Dieses alles darf nicht umsonst gewesen sein. Ein paar, die nicht kaputt sind.« Er lehnte sich erschopft zuruck. Denken erschopfte ebenso wie Laufen. Meistens konnte man es nicht vor Hunger und Schwache; aber manchmal kam dazwischen eine seltsame Leichtigkeit, alles war uberdeutlich, und man konnte kurze Zeit weit sehen – bis der Nebel der Mudigkeit alles wieder uberkroch. »Ein paar, die nicht kaputt sind und die nicht vergessen wollen«, sagte 509. Er sah Bucher an. Er ist uber zwanzig Jahre junger als ich, dachte er. Er kann noch viel tun. Er ist noch nicht kaputt. Und ich? Die Zeit, dachte er, plotzlich verzweifelt. Sie fra? und fra?. Man wurde es erst merken, wenn dieses hier vorbei war. Man wurde erst wirklich merken, ob man kaputt war, wenn man wieder neu anfangen wollte drau?en. Diese zehn Jahre im Lager zahlten fur jeden doppelt und dreifach. Wer hatte noch Kraft genug? Und es wurde viel Kraft gebraucht werden. »Man wird vor uns nicht auf die Knie fallen, wenn wir hier herauskommen«, sagte er. »Man wird alles ableugnen und vergessen wollen. Uns auch. Und viele von uns werden es auch vergessen wollen.« »Ich werde es nicht vergessen«, erwiderte Bucher finster. »Dieses nicht und alles nicht.« »Gut.« Die Welle der Erschopfung kam starker. 509 schlo? die Augen, offnete sie aber gleich wieder. Da war noch etwas, das er aussprechen mu?te, bevor er es wieder verlor. Bucher sollte es wissen. Vielleicht war er der einzige, der durchkommen wurde. Es war wichtig, da? er es wu?te. »Handke ist kein Nazi«, sagte er mit Muhe. »Er ist ein Gefangener wie wir. Drau?en hatte er wahrscheinlich nie einen Menschen getotet. Hier tut er es, weil er die Macht dazu hat. Er wei?, da? es uns nichts nutzt, wenn wir uns beschweren. Er wird gedeckt. Er hat keine Verantwortung. Das ist es. Macht und keine Verantwortung – zu viel Macht, in falschen Handen, zu viel Macht uberhaupt – in irgendeiner Hand -, verstehst du -« »Ja«, sagte Bucher. 509 nickte. »Das und das andere – die Tragheit des Herzens – die Angst – die Druckebergerei des Gewissens – das ist unser Elend – daruber habe ich heute – den ganzen Abend nachgedacht -« Die Mudigkeit war jetzt wie eine schwarze Wolke, die lahmend naher 509 zog ein Stuck Brot aus der Tasche. »Hier – ich brauche das nicht – habe mein Fleisch gehabt – gib es Ruth -« Bucher sah ihn an und ruhrte sich nicht. »Habe alles gehort vorhin druben« sagte 509 mit schwerer Stimme, schon voll von Niedersinken. »Gib es ihr, es ist -« sein Kopf fiel nach vorn, aber er hob ihn noch einmal, und der von Blutergussen bunte Schadel leuchtete plotzlich -»auch wichtig – was zu geben -« Bucher nahm das Brot und ging zu dem Zaun hinuber, der das Frauenlager trennte. Der Nebel schwebte jetzt mannshoch. Darunter war alles klar. Es wirkte gespenstisch, als stolperten Muselmanner ohne Kopfe zur Latrine. Nach einiger Zeit kam Ruth. Auch sie hatte keinen Kopf. »Buck dich«, flusterte Bucher. Sie hockten beide auf dem Boden. Bucher warf das Brot hinuber. Er uberlegte, ob er ihr sagen sollte, da? er Fleisch fur sie gehabt hatte. Er tat es nicht. »Ruth«, sagte er. »Ich glaube, wir kommen hier heraus -« Sie konnte nicht antworten. Sie hatte den Mund voll Brot. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie blickte ihn an. »Ich glaube es jetzt sicher«, sagte Bucher. Er wu?te nicht, warum er es plotzlich glaubte. Es hatte etwas mit 509 zu tun und mit dem, was er gesagt hatte. Er ging zuruck. 509 schlief fest. Sein Kopf lag dicht neben dem Kopf Westhofs. Beide Gesichter waren voll von Blutergussen, und Bucher konnte fast nicht unterscheiden, wer von ihnen noch atmete. Er weckte 509 nicht. Er wu?te, da? er seit zwei Tagen hier drau?en auf Lewinsky wartete. Die Nacht war nicht allzu kalt; aber Bucher streifte trotzdem Westhof und zwei anderen Toten die Jacken ab und deckte 509 damit zu.

IX

Der nachste Luftangriff kam zwei Tage spater. Die Sirenen begannen um acht Uhr abends zu heulen. Kurz darauf fielen die ersten Bomben. Sie fielen rasch wie ein Schauer, und die Explosionen ubertonten das Flakfeuer nur wenig. Erst zum Schlu? kamen die schweren Kaliber. Die Mellener Zeitung brachte keine neue Ausgabe mehr heraus. Sie brannte. Die Maschinen schmolzen. Die Papierrollen knatterten in den schwarzen Himmel, und langsam sturzte das Haus zusammen. Hunderttausend Mark, dachte Neubauer. Da verbrennen hunderttausend Mark, die mir gehoren. Hunderttausend Mark. Ich habe nicht gewu?t, da? so viel Geld so leicht brennen kann. Diese Schweine! Hatte ich es gewu?t, ich hatte mich an einem Bergwerk beteiligt. Aber Bergwerke brennen auch. Werden ebenso gebombt. Sind auch nicht mehr sicher. Das Ruhrgebiet soll verwustet sein. Was ist noch sicher? Seine Uniform war grau von Papierru?. Seine Augen waren rot vom Rauch. Der Zigarrenladen gegenuber, der ihm auch gehort hatte, war eine Ruine. Gestern noch eine Goldgrube, heute ein Aschenhaufen. Noch einmal drei?igtausend Mark. Vielleicht sogar vierzigtausend. Man konnte viel Geld verlieren an einem Abend. Die Partei? Jeder dachte an sich selbst. Die Versicherung? Die ging pleite, wenn sie alles auszahlen mu?te, was heute abend verwustet worden war. Au?erdem hatte er alles zu niedrig versichert. Sparsamkeit am falschen Platze. Ob Bombenschaden anerkannt werden wurden, war dazu noch unwahrscheinlich. Nach dem Krieg wurde die gro?e Wiedergutmachung kommen, so hie? es immer, nach dem Sieg; der Gegner musse alles bezahlen. Hatte sich was damit! Darauf konnte man wahrscheinlich lange warten. Und jetzt war es zu spat, etwas Neues anzufangen. Wozu auch? Was wurde morgen brennen? Er starrte auf die schwarzen, zerplatzten Mauern des Ladens. »Deutsche Wacht«, funftausend »Deutsche Wacht«-Zigarren waren mitverbrannt. Schon. Das war egal. Aber wozu hatte er nun damals den Sturmfuhrer Freiberg angezeigt? Pflicht? Quatsch, Pflicht! Da brannte seine Pflicht. Verbrannte. Hundertdrei?igtausend Mark zusammen. Noch ein solches Feuer, ein paar Bomben in Josef Blanks Geschaftshaus, ein paar in seinen Garten und in sein eigenes Wohnhaus – morgen konnte das schon sein -, und er war wieder da, wo er angefangen hatte. Oder nicht einmal das! Alter! Schlechter dran! Denn – lautlos kam es plotzlich uber ihn, etwas, das immer schon irgendwo gelauert hatte, in den Ecken, verscheucht, weggetrieben, nicht durchgelassen, solange sein eigener Besitz unangetastet war – der Zweifel, die Angst, die bisher durch eine starkere Gegenangst in Schach gehalten worden waren – plotzlich brachen sie aus ihren Kafigen und starrten ihn an, sie sa?en in den

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