»Und die anderen?«
»Die sind ebenso sicher. Muselmanner. Sicher wie Tote. Streiten nur noch um etwas Fra? und die Moglichkeit, im Liegen zu sterben. Keine Kraft mehr zum Verrat.«
Lewinsky sah 509 an. »Man konnte also jemand fur einige Zeit bei euch verstecken, wie? Es wurde nicht auffallen? Wenigstens nicht fur ein paar Tage?«
»Nein. Wenn er nicht zu fett ist.«
Lewinsky uberhorte die Ironie. Er ruckte naher heran. »Irgendwas liegt bei uns in der Luft. In verschiedenen Baracken sind die roten Blockaltesten durch grune ersetzt worden. Es wird geredet uber Nacht- und Nebeltransporte. Du wei?t, was das ist -«
»Ja. Transporte zu den Vernichtungslagern.«
»Richtig. Es wird auch uber Massenliquidationen gemunkelt. Leute, die aus anderen Lagern kommen, haben die Nachricht mitgebracht. Wir mussen vorsorgen. Unsere Verteidigung organisieren. Die SS zieht nicht einfach so ab. Bis jetzt haben wir an euch dabei nicht gedacht -«
»Ihr habt geglaubt, wir krepieren hier wie halbtote Fische, was?«
»Ja. Aber jetzt nicht mehr. Wir konnen euch brauchen. Wichtige Leute fur eine Zeitlang verschwinden zu lassen, wenn es scharf druben wird.«
»Ist das Lazarett nicht mehr sicher.«
Lewinsky blickte wieder auf. »So, das wei?t du auch?«
»ja, das wei? ich noch.«
»Warst du druben bei uns in der Bewegung?«
»Das ist egal«, sagte 509. »Wie ist es jetzt?«
»Das Lazarett«, erwiderte Lewinsky in einem anderen Ton als vorher,»ist nicht mehr so wie fruher. Wir haben noch einige von unseren Leuten drin; aber es wird da seit einiger Zeit scharf aufgepa?t.«
»Wie ist es mit der Fleckfieber- und Typhus-Abteilung?«
»Die haben wir noch. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen andere Gelegenheiten, um Leute zu verstecken. In unserer eigenen Baracke konnen wir es immer nur fur ein paar Tage tun. Wir mussen auch immer mit uberraschenden SS-Kontrollen nachts rechnen.«
»Ich verstehe«, sagte 509. »Ihr braucht einen Platz wie hier, wo alles rasch wechselt und wo wenig kontrolliert wird.«
»Genau. Und wo ein paar Leute die Kontrolle haben, auf die wir uns verlassen konnen.«
»Das habt ihr bei uns.«
Ich preise das Kleine Lager an wie einen Backerladen, dachte 509, und sagte:»Was war das mit Berger, wonach ihr euch erkundigt habt?«
»Das war sein Dienst im Krematorium. Wir haben dort niemand. Er konnt uns auf dem laufenden halten.«
»Das kann er. Er zieht im Krematorium Zahne aus und unterschreibt Totenscheine oder so etwas.
Er ist dort seit zwei Monaten. Der fruhere Haftlingsarzt ist beim letzten Wechsel mit der Verbrennungsbrigade auf einen Nacht- und Nebeltransport abgeschoben worden. Dann war da fur ein paar Tage ein Zahnklempner, der gestorben ist. Danach haben sie Berger geholt.«
Lewinsky nickte. »Dann hat er noch zwei bis drei Monate. Das ist schon genug furs erste.«
»Ja, das ist genug.« 509 hob sein grunes und blaues Gesicht. Er wu?te, da? die Leute, die zum Krematoriumsdienst gehorten, alle vier bis funf Monate abgelost und abtransportiert wurden, um in einem Vernichtungslager vergast zu werden. Es war die einfachste Art, Zeugen loszuwerden, die zu viel gesehen hatten. Berger hatte deshalb wahrscheinlich nicht langer als hochstens noch ein Vierteljahr zu leben. Aber ein Vierteljahr war lang. Vieles konnte geschehen. Besonders mit der Hilfe des Arbeitslagers. »Und was konnen wir von euch erwarten, Lewinsky?« fragte 509.
»Dasselbe wie wir von euch.«
»Das ist nicht so wichtig fur uns. Wir brauchen vorlaufig niemand zu verstecken. Fra? ist, was wir brauchen. Fra?.«
Lewinsky schwieg eine Weile. »Wir konnen nicht eure ganze Baracke versorgen«, sagte er dann.
»Das wei?t du!«
»Davon redet auch keiner. Wir sind ein Dutzend Leute. Die Muselmanner sind ohnehin nicht zu retten.«
»Wir haben selbst zu wenig. Sonst kamen nicht taglich Neue hierher.«
»Das wei? ich auch. Ich rede nicht von Sattwerden; wir wollen nur nicht verhungern.«
»Wir brauchen das, was wir erubrigen, fur die, die wir bei uns jetzt schon verstecken. Fur die kriegen wir ja keine Rationen. Aber wir werden fur euch tun, was wir konnen. Ist das genug?« 509 dachte, da? es genug und auch so gut wie nichts sei. Ein Versprechen – aber er konnte nichts verlangen, bevor die Baracke nicht eine Gegenleistung gemacht hatte.
»Es ist genug«, sagte er.
»Gut. Dann la? uns jetzt noch mit Berger sprechen. Er kann euer Verbindungsmann sein. Er darf ja in unser Lager. Das ist am einfachsten. Die anderen von euch kannst du dann ubernehmen. Besser, wenn so wenige wie moglich etwas von mir wissen. Immer nur ein einziger Verbindungsmann von Gruppe zu Gruppe. Und ein Ersatzmann. Alte Grundregel, die du kennst, wie?«
Lewinsky sah 509 scharf an. »Die ich kenne«, erwiderte 509.
Lewinsky kroch fort durch das rote Dunkel, hinter die Baracke, der Latrine und dem Ausgang zu.
509 tastete sich zuruck. Er war plotzlich sehr mude. Ihm war, als habe er tagelang gesprochen und angestrengt nachgedacht. Er hatte, seit er zuruck aus dem Bunker war, alles auf diese Besprechung gesetzt. Sein Kopf schwamm. Die Stadt unten gluhte wie eine riesige Esse. Er kroch zu Berger hinuber. »Ephraim«, sagte er.
»Ich glaube, wir sind 'raus.«
Ahasver kam herangetappt. »Hast du mit ihm gesprochen?«
»Ja, Alter. Sie wollen uns helfen. Und wir ihnen.«
»Wir ihnen?«
»Ja«, sagte 509 und richtete sich auf. Sein Kopf schwamm nicht mehr. »Wir ihnen auch. Nichts ist fur nichts.«
Etwas wie ein unsinniger Stolz war in seiner Stimme. Sie bekamen nichts geschenkt; sie gaben etwas zuruck. Sie waren noch zu etwas nutze. Sie konnten sogar dem Gro?en Lager helfen. In ihrer korperlichen Armseligkeit hatte ein scharfer Wind sie umblasen konnen, so schwach waren sie – aber sie fuhlten das in diesem Augenblick nicht. »Wir sind 'raus«, sagte 509. »Wir haben wiederAnschlu?. Wir sind nicht mehr abgesperrt. Die Quarantane ist durchbrochen.« Es war, als hatte er gesagt: wir sind nicht mehr zum Tode verurteilt; wir haben eine kleine Chance. Es war der ganze riesenhafte Unterschied zwischen Verzweiflung und Hoffnung. »Wir mussen jetzt immer daran denken«, sagte er. »Wir mussen es fressen. Wie Brot. Wie Fleisch. Es geht zu Ende. Es ist sicher. Und wir kommen 'raus. Fruher hatte uns das kaputt gemacht. Es war zu weit weg. Es gab zu viele Enttauschungen. Das ist vorbei. Jetzt ist es da. Jetzt mu? es uns helfen. Wir mussen es fressen mit unseren Gehirnen. Es ist wie Fleisch.« »Hat er keine Nachrichten mitgebracht?« fragte Lebenthal. »Stuck Zeitung oder so was?« »Nein. Alles ist verboten. Aber sie haben ein geheimes Radio gebaut. Aus Abfallen und gestohlenen Teilen. In ein paar Tagen wird es funktionieren. Kann sein, da? sie es hier verstecken. Dann werden wir wissen, was vorgeht.« 509 nahm zwei Stucke Brot aus der Tasche; Lewinsky hatte sie dagelassen. Er gab sie Berger. »Hier, Ephraim. Verteile sie. Er will mehr bringen.« Jeder nahm sein Stuck. Sie a?en es langsam. Tief unten gluhte die Stadt. Hinter ihnen lagen die Toten. Die kleine Gruppe hockte schweigend beieinander und a? das Brot, und es schmeckte anders als alles Brot vorher. Es war wie eine sonderbare Kommunion, die sie unterschied von den anderen in der Baracke. Von den Muselmannern. Sie hatten den Kampf aufgenommen. Sie hatten Kameraden gefunden. Sie hatten ein Ziel. Sie blickten auf die Felder und die Berge und die Stadt und die Nacht – und keiner sah in diesem Augenblick den Stacheldraht und die Maschinengewehrturme. Neubauer nahm das Papier, das auf seinem Schreibtisch lag, wieder auf. Einfach fur die Bruder, dachte er. Eine dieser Gummiverordnungen, aus denen man alles mogliche machen konnte – las sich harmlos, war aber ganz anders gemeint. Eine Aufstellung der wichtigeren politischen Gefangenen sollte gemacht werden, falls noch welche in den Lagern seien, war hinzugefugt worden. Das war der Dreh. Man verstand den Wink. Die Konferenz mit Dietz heute morgen war dazu gar nicht mehr notig gewesen. Dietz hatte leicht reden. Erledigen Sie, was gefahrlich ist, hatte er erklart, wir konnen in diesen schweren Zeiten nicht