Berger. »Sonst schmei?en eure Leute wieder alles um, und diesmal gibt es nichts Neues. Ist noch jemand da, der zuverlassig ist?«

»Rosen. Und die zwei neben ihm.«

Die Veteranen und die vier Neuen gingen den Essenholern entgegen und scharten sich um sie.

Berger hatte vorher dafur gesorgt, da? alle anderen in Reihe anstanden. Erst dann brachten sie das Essen heran.

Sie stellten sich zusammen und begannen zu verteilen. Die Neuen hatten keine Napfe.

Sie mu?ten ihre Portionen stehend essen und dann die Napfe zuruckgeben. Rosen pa?te auf, da? niemand zweimal kam. Einige der alten Insassen schimpften. »Ihr bekommt die Suppe morgen zuruck«, sagte Berger. »Sie ist nur geliehen.« Dann wandte er sich an Sulzbacher. »Wir brauchen das Brot selbst. Unsere Leute sind schwacher als ihr. Vielleicht wird morgen fruh etwas fur euch ausgegeben.«

»Ja. Danke fur die Suppe. Wir geben sie morgen zuruck. Wie sollen wir schlafen?«

»Wir werden einige von unseren Betten frei machen. Ihr mu?t sitzend schlafen. Fur alle ist auch dann kein Platz.« »Und ihr?«

»Wir bleiben hier drau?en. Spater wecken wir euch und wechseln ab.« Sulzbacher schuttelte den Kopf. »Ihr werdet sie nicht mehr herauskriegen, wenn sie einmal schlafen.«

Ein Teil der Neuen schlief bereits mit offenen Mundern vor der Baracke. »La?t sie liegen«, sagte Berger und sah sich um. »Wo sind die anderen?«

»Sie haben sich drinnen schon selbst Platze gesucht«, sagte 509. »Im Dunkeln kriegen wir sie nicht wieder heraus. Wir mussen es diese Nacht lassen wie es ist.«

Berger blickte zum Himmel. »Vielleicht wird es nicht zu kalt. Wir konnen der Wand dicht zusammen sitzen. Wir haben drei Decken.«

»Morgen mu? das anders werden«, erklarte 509. »Gewalt gibt es in dies Sektion nicht.«

Sie hockten sich zusammen. Fast alle Veteranen waren drau?en; selbst Ahasver, Karel und der Schaferhund. Rosen und Sulzbacher und ungefahr zehn mehr von den Neuen sa?en bei ihnen. »Es tut mir leid«, sagte Sulzbacher.

»Unsinn. Ihr seid nicht verantwortlich fureinander.«

»Ich kann aufpassen«, sagte Karel zu Berger. »Es werden mindestens sechs von den Unseren diese Nacht sterben. Sie liegen rechts unten neben der Tur. Wenn sie tot sind, konnen wir sie hinaustragen und dann abwechselnd in ihren Betten schlafen.«

»Wie willst du im Dunkeln herausfinden, ob sie tot sind?«

»Das ist einfach. Ich beuge mich dicht uber ihre Gesichter. Man merkt, wenn sie nicht mehr atmen.«

»Bis wir sie drau?en haben, liegt schon einer von drinnen an ihrer Stelle«, sagte 509.

»Das meine ich«, erwiderte Karel eifrig. »Ich komme und melde es. Und dann legt sich gleich einer hinein, wenn wir einen Toten herausnehmen.«

»Gut, Karel«, sagte Berger. »Pa? auf.«

Es wurde kuhler. Aus den Baracken kamen Stohnen und Schreckensschreie im Schlaf.

»Mein Gott«, sagte Sulzbacher zu 509. »Was fur ein Gluck! Wir dachten, wir kamen in ein Vernichtungslager. Wenn sie uns nur nicht weiterschicken!« 509 antwortete nicht. Gluck, dachte er. Aber es stimmte.

»Wie war es bei euch?« fragte Ahasver nach einiger Zeit.

»Sie haben alles erschossen, was nicht laufen konnte. Wir waren dreitausend -«

»Das wissen wir. Du hast es schon ein paarmal gesagt.«

»Ja -« erwiderte Sulzbacher hilflos.

»Was habt ihr unterwegs gesehen?« fragte 509. »Wie sieht es aus in Deutschland?«

Sulzbacher dachte eine Weile nach. »Vorgestern abend hatten wir genug Wasser«, sagte er dann.

»Manchmal gaben Leute uns etwas. Manchmal nicht. Wir waren zu viele.«

»Einer hat uns nachts vier Flaschen Bier gebracht«, sagte Rosen.

»Das meine ich nicht«, sagte 509 ungeduldig. »Wie waren die Stadte? Kaputt?«

»Wir sind nicht durch Stadte gekommen. Immer au?en herum.«

»Habt ihr denn uberhaupt nichts gesehen?«

Sulzbacher blickte 509 an. »Man sieht wenig, wenn man kaum laufen kann und wenn hinter einem geschossen wird. Zuge haben wir nicht gesehen.«

»Weshalb ist euer Lager aufgelost worden?«

»Die Front kam naher.«

»Was? Was wei?t du davon? So sprich doch! Wo liegt Lohme? Wie weit vom Rhein?

Weit?«

Sulzbacher versuchte die Augen offen zu halten. »Ja – ziemlich weit – funfzig – siebzig – Kilometer – morgen -« sagte er noch, dann fiel sein Kopf nach vorn. »Morgen – jetzt mu? ich schlafen -«

»Es sind ungefahr siebzig Kilometer«, sagte Ahasver. »Ich war da.« »Siebzig? Und von hier?« 509 begann zu rechnen. »Zweihundert – zweihundertfunfzig -«

Ahasver hob die Schultern. »509«, sagte er ruhig. »Du denkst immer an Kilometer. Hast du auch schon daran gedacht, da? sie mit uns dasselbe machen konnen wie mit diesen da? Das Lager auflosen – uns wegschicken – und wohin? Was wird dann aus uns? Wir hier konnen nicht mehr marschieren.«

»Wer nicht marschieren kann, wird erschossen -« Rosen war mit einem Ruck aufgewacht und schlief bereits wieder.

Alle schwiegen. Sie hatten noch nicht so weit gedacht. Wie eine schwere Drohung hing es plotzlich uber ihnen. 509 starrte auf das silberne Wolkengeschiebe am Himmel. Dann starrte er auf die Stra?en im Tal, die im halben Licht schimmerten. Wir hatten die Suppe nicht hergeben sollen, dachte er einen Augenblick. Wir mussen marschieren konnen. Aber wozu wurde es schon genutzt haben? Hochstens fur ein paar Minuten Marsch. Die Neuen waren tagelang vorwartsgetrieben worden.

»Vielleicht erschie?en sie bei uns die nicht, die zuruckbleiben«, sagte er.

»Nein«, erwiderte Ahasver mit trubem Spott. »Sie werden sie mit Fleisch futtern und neu einkleiden und ihnen Auf Wiedersehen winken.«

509 sah ihn an. Ahasver war vollig ruhig. Ihn konnte wenig mehr schrecken. »Da kommt Lebenthal«, sagte Berger.

Lebenthal setzte sich neben sie. »Hast du druben noch was gehort, Leo?« fragte 509.

Leo nickte. »Sie wollen soviel wie moglich von dem Transport loswerden. Lewinsky hat es von dem rothaarigen Schreiber auf der Schreibstube. Wie sie sie loswerden wollen, wu?te er noch nicht genau. Aber es soll bald sein; sie konnen die Toten dann absetzen als gestorben durch die Folgen des Transports.« Einer der Neuen fuhr aus dem Schlaf empor und schrie. Dann sank er wieder zuruck und schnarchte mit weit offenem Munde. »Wollen sie nur Leute vom Transport erledigen?«

»Lewinsky wu?te blo? das. Aber er la?t uns sagen, wir sollten aufpassen.« »Ja, wir mussen aufpassen.« 509 schwieg einen Augenblick. »Das hei?t, da? wir die Schnauzen halten sollten. Das ist es, was er damit meint. Oder nicht?« »Klar. Was sonst?«

»Wenn wir die Neuen warnen, werden sie vorsichtig werden«, erklarte Meyer. »Und wenn die SS eine bestimmte Anzahl erledigen will und sie nichts findet, wird sie den Rest von uns nehmen.«

»Stimmt.« 509 blickte auf Sulzbacher, dessen Kopf schwer an Bergers Schulter lag.

»Also, was wollen wir machen? Schnauzen halten?«

Es war eine schwere Entscheidung. Wenn ausgesiebt wurde und sich nicht genug Neue fanden, war es leicht moglich, da? die Zahl mit Leuten vom Kleinen Lager ausgefullt wurde; um so mehr, als die Neuen nicht so herunter waren wie die anderen.

Sie schwiegen lange. »Sie gehen uns nichts an«, sagte Meyer dann. »Wir mussen erst fur uns sorgen.«

Berger rieb seine entzundeten Augen. 509 zerrte an seiner Jacke. Ahasver drehte sich zu Meyer hinuber. Das fahle Licht blinkte in seinen Augen. »Wenn die uns nichts angehen«, sagte er,»dann gehen auch wir niemanden was an.«

Berger hob den Kopf. »Du hast recht.«

Ahasver sa? ruhig an der Wand und antwortete nicht. Sein alter, ausgemergelter Schadel mit den tief

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