noch an ihm auslassen. »Du verdammtes Mistvieh!« knurrte er. »La? ihn doch in Ruhe. Er geht sowieso hops.« Der Kapo Strohschneider kam mit dem flachen Lastwagen, auf dem sonst die Leichen transportiert wurden, durch die Drahtverhaupforte gefahren. Der Motor knatterte wie ein Maschinengewehr. Strohschneider fuhr an den Haufen heran. Die Gefallenen wurden aufgeladen. Einige versuchten noch zu entkommen. Sie waren wieder bei Bewu?tsein. Aber Niemann pa?te jetzt auf; er lie? keinen mehr fort, auch niemand von denen, die sich freiwillig gemeldet hatten. »Wegtreten, wer nicht hierher gehort!« schrie er. »Die, die sich krank gemeldet haben, den Rest aufladen!« Die Leute sturzten fort, in die Baracken, so rasch sie konnten. Die Bewu?tlosen wurden aufgeladen. Dann gab Strohschneider Gas. Er fuhr so langsam, da? die Freiwilligen zu Fu? folgen konnten. Niemann ging nebenher. »Eure Leiden sind jetzt zu Ende«, sagte er mit veranderter, fast freundlicher Stimme zu seinen Opfern. »Wo werden sie hingebracht?« fragte einer von den Neuen in Baracke 22. »Block 46 wahrscheinlich.« »Was passiert da?« »Ich wei? es nicht«, erwiderte 509. Er wollte nicht sagen, was man im Lager wu?te – da? Niemann eine Kanne Benzin und ein paar Injektionsspritzen in einem Raume des Versuchsblocks 46 hatte und da? keiner von den Gefangenen wiederkommen wurde. Strohschneider wurde sie abends zum Krematorium bringen. »Weshalb hast du den einen noch so geprugelt?« fragte 509 Sulzbacher. Sulzbacher sah ihn an und erwiderte nichts. Er wurgte, als musse er einen Klumpen Watte schlucken, und ging dann fort. »Es war sein Bruder«, sagte Rosen. Sulzbacher erbrach sich, ohne da? etwas anderes aus seinem Munde kam als ein bi?chen grunlicher Magensaft.
»Sieh mal an! Immer noch da? Dich haben sie wohl vergessen, was?« Handke stand vor 509 und musterte ihn langsam von oben bis unten. Es war zur Zeit des Abendappells. Die Blocks waren drau?en angetreten. »Du solltest doch aufgeschrieben werden. Mu? mich mal danach erkundigen.« Er wippte auf seinen Hacken hin und her und starrte 509 mit hellblauen, vorstehenden Augen an. 509 stand sehr still. »Was?« fragte Handke. 509 antwortete nicht. Es ware Wahnsinn gewesen, den Blockaltesten durch irgend etwas zu reizen. Schweigen war immer das beste. Alles, was er hoffen konnte, war, da? Handke die Sache wieder vergessen wurde oder sie nicht ernst meinte. Handke grinste. Seine Zahne waren gelb und fleckig. »Was?« wiederholte er. »Die Nummer ist damals aufgeschrieben worden«, sagte Berger ruhig. »So?« Handke wandte sich ihm zu. »Wei?t du das genau?« »Ja. Der Scharfuhrer Schulte hat sie notiert. Ich habe es gesehen.« »Im Dunkeln? Dann ist ja alles gut.« Handke wippte noch immer. »Dann kann ich mich ja ruhig erkundigen gehen. Schadet dann wohl nichts, wie?« Niemand antwortete. »Du kannst erst noch futtern«, erklarte Handke behaglich. »Abendessen. Hat keinen Zweck, den Blockfuhrer deinetwegen zu fragen. Werde es gleich an der richtigen Stelle tun, du Satansbraten.« Er sah sich um. »Achtung!« schnauzte er dann. Bolte kam. Er war in Eile, wie immer. Seit zwei Stunden hatte er beim Karten spielen verloren und gerade eine gunstige Strahne gekriegt. Gelangweilt blickte er uber die Toten hinweg und verschwand so bald wie moglich. Handke Hieb. Er schickte die Essenholer zur Kuche und schlenderte dann zum Stacheldrahtverhau hinuber, das die Frauenbaracken vom Kleinen Lager trennte.
Dort blieb er stehen und blickte hinuber.
»La?t uns in die Baracken gehen«, sagte Berger. »Einer kann drau?en bleiben und ihn beobachten.«
»Ich«, erklarte Sulzbacher.
»Sag Bescheid, wenn er weggeht. Sofort!«
Die Veteranen hockten in der Baracke. Es war besser, nicht von Handke gesehen zu werden.
»Was sollen wir machen?« fragte Berger sorgenvoll. »Ob das Schwein es wirklich ernst meint?«
»Vielleicht vergi?t er es wieder. Er sieht aus, als hatte er seinen Koller. Wenn wir nur Schnaps hatten, um ihn besoffen zu machen!«
»Schnaps!« Lebenthal spuckte aus. »Unmoglich! Vollig unmoglich!«
»Vielleicht hat er nur einen Witz machen wollen«, sagte 509. Er glaubte es nicht ganz; aber solche Dinge waren im Lager schon oft vorgekommen. Die SS war Meister darin, Leute immer wieder in Angst zu versetzen. Mehr als einer hatte es zum Schlu? nicht ausgehalten. Manche waren in den Draht gelaufen; bei anderen hatte schlie?lich das Herz versagt.
Rosen ruckte heran. »Ich habe Geld«, flusterte er 509 zu. »Nimm es. Ich habe es versteckt und hereingebracht. Hier, vierzig Mark. Gib es ihm. So haben wir es bei uns gemacht.«
Er drangte ihm die Scheine in die Hand. 509 fuhlte sie und nahm sie, fast ohne zu merken, da? er sie nahm. »Es wird nichts nutzen«, sagte er. »Er wird es nehmen, einstecken und dann trotzdem tun, was er will.«
»Dann versprich ihm mehr.«
»Woher sollen wir mehr nehmen?«
»Lebenthal hat was«, erklarte Berger. »Ist das nicht so, Leo?«
»Ja, ich habe was. Aber wenn wir ihn einmal scharf auf Geld machen, wird er jeden Tag kommen und mehr verlangen, bis wir nichts mehr haben. Dann sind wir bald wieder da, wo wir jetzt sind.
Nur das Geld ist weg.«
Alle schwiegen. Keiner fand Lebenthals Feststellung roh. Sie war sachlich, nichts anderes. Die Frage war einfach, ob es wert war, alle Handelsmoglichkeiten Lebenthals aufzugeben, nur damit 509 ein paar Tage Aufschub bekam. Die Veteranen wurden weniger Essen bekommen; vielleicht gerade so viel weniger, da? einige oder alle eingehen wurden. Keiner von ihnen wurde gezogert haben, alles herzugeben, wenn 509 dadurch wirklich hatte gerettet werden konnen; aber das schien unwahrscheinlich, wenn Handke es ernst meinte, Lebenthal hatte da recht. Und es war nicht wert, das Leben von einem Dutzend dafur zu riskieren, da? ein einzelner lediglich zwei, drei Tage langer existieren konnte. Das war das ungeschriebene, unbarmherzige Gesetz des Lagers, durch das sie bis jetzt uberlebt hatten. Sie kannten es alle; aber sie wollten es in diesem Falle noch nicht wahrhaben. Sie suchten nach einem Ausweg.
»Man mu?te das Aas totschlagen«, sagte Bucher schlie?lich hoffnungslos.
»Womit?« fragte Ahasver. »Er ist zehnmal starker als wir.«
»Wenn wir alle zusammen mit unseren E?napfen -«
Bucher verstummte. Er wu?te, da? es idiotisch war. Ein Dutzend Leute wurde aufgehangt werden, wenn es gelange. »Steht er immer noch da?« fragte Berger.
»Ja. An derselben Stelle.«
»Vielleicht vergi?t er es.«
»Dann wurde er nicht warten. Er hat gesagt, er will bis nach dem Essen warten.«
Ein totes Schweigen hing in der Dunkelheit. »Du kannst ihm wenigstens die vierzig Mark geben«, sagte Rosen nach einiger Zeit zu 509. »Sie gehoren dir allein. Ich gebe sie dir. Ich allein dir. Sie gehen keinen anderen was an.« »Stimmt«, erklarte Lebenthal.
»Das stimmt.« 509 starrte durch die Tur. Er sah die dunkle Figur Handkes gegen den grauen Himmel stehen. Irgendwann war schon einmal etwas so ahnlich gewesen – ein dunkler Kopf vor dem Himmel und eine gro?e Gefahr. Er wu?te nicht genau wann. Er blickte wieder zur Tur hinaus und wunderte sich daruber, da? er unentschlossen war.
Ein truber, undeutlicher Widerstand hatte sich in ihm geformt. Es war ein Widerstand dagegen, zu versuchen, Handke zu bestechen. Er hatte so etwas fruher nie gekannt; da war immer nur die reine Angst dagewesen.
»Geh 'ruber«, sagte Rosen. »Gib ihm das Geld und versprich ihm mehr.« 509 zogerte. Er verstand sich selbst nicht. Er wu?te zwar, da? eine Bestechung nicht viel Zweck hatte, wenn Handke ihn wirklich verderben wollte.
Er hatte solche Falle im Lager oft gesehen; man hatte den Leuten abgenommen, was sie hatten, und sie dann erledigt, damit sie nicht reden konnten. Aber ein Tag Leben war ein Tag Leben – und vieles konnte inzwischen passieren.
»Da kommen die Essenholer«, meldete Karel.
»Hor zu«, flusterte Berger 509 zu. »Versuch es. Gib ihm das Geld. Wenn er dann wiederkommt und mehr will, drohen wir ihm, ihn wegen Bestechung anzuzeigen.
Wir sind ein Dutzend Zeugen. Das ist viel. Wir werden alle erklaren da? wir es gesehen haben. Er wird dann nichts riskieren. Es ist das einzige, was wir tun konnen.«
»Er kommt«, flusterte Sulzbacher von drau?en.
Handke hatte sich umgedreht. Langsam kam er zur Sektion D hinuber. »Wo bist du, Satansbraten?« fragte er.
509 trat vor. Es hatte keinen Zweck, versteckt zu bleiben. »Hier.«
»Gut. Ich gehe jetzt. Nimm Abschied und mach dein Testament. Sie holen dich dann. Mit Pauken und Trompeten.«