der Zange neben dem Kopf nieder, den ein Haftling festhielt. Die anderen zogen bereits die nachste Leiche aus, riefen die Nummer und warfen die Kleider zur Seite auf die der ersten. Mit einem Krachen wie trockenes Feuerholz rutschten jetzt mehr und mehr Tote den Schacht hinunter. Sie fielen ubereinander und verhakten sich ineinander. Einer kam mit den Fu?en zuerst und blieb aufrecht stehen. Er lehnte gegen den Schacht, die Augen weit offen, den Mund schief verzogen. Die Hande waren krumm zu einer halben Faust geballt, und eine Medaille an einer Kette hing aus dem offenen Hemd hervor. Er stand eine Weile so. Polternd fielen andere Leichen uber ihn hinab. Eine Frau mit halblangem Haar war darunter. Sie mu?te aus dem Austauschlager sein. Ihr Kopf kam zuerst, und ihr Haar fiel uber sein Gesicht. Schlie?lich, als sei er mude von so viel Tod auf seinen Schultern, rutschte er langsam zur Seite und sank um. Die Frau fiel uber ihn. Dreyer sah es, grinste und leckte sich die Oberlippe, auf der ein dicker Pickel wuchs. Berger hatte inzwischen den Zahn herausgebrochen. Er wurde in einen von zwei Kasten gelegt. Der zweite war fur Ringe. Dreyer verbuchte die Fullung. »Achtung!« rief plotzlich einer der Haftlinge. Die funf Mann richteten sich stramm auf. Der SS-Scharfuhrer Schulte war hereingekommen. »Weitermachen.« Schulte setzte sich rittlings auf einen Stuhl, der neben dem Tisch mit den Listen stand. Er betrachtete den Haufen Leichen. »Da sind ja acht Mann drau?en beim Einwerfen«, sagte er. »Viel zu viele. Holt vier herunter; die konnen hier mithelfen. Du da -« er zeigte auf einen der Haftlinge. Berger zog den Trauring vom Finger einer Leiche. Das war gewohnlich leicht; die Finger waren dunn. Der Ring wurde in den zweiten Kasten gelegt, und Dreyer notierte ihn. Die Leiche hatte keine Zahne. Schulte gahnte. Es war Vorschrift, da? die Leichen seziert und die Todesursache festgestellt und in die Akten eingetragen wurden; aber niemand kummerte sich darum. Der Lagerarzt kam selten, er sah die Toten nie an, und es wurden immer dieselben Todesursachen eingetragen. Auch Westhof war an Herzschwache gestorben.

Die nackten Korper, die verbucht waren, wurden neben einen Aufzug gelegt. Oben, im Verbrennungsraum, wurde dieser Aufzug jedesmal heraufgezogen, wenn Bedarf fur die Ofen da war. Der Mann, der hinausgegangen war, kam mit vier Leuten wieder. Sie waren aus der Gruppe, die 509 gesehen hatte. Mosse und Brede waren dabei. »Marsch, dorthin!« sagte Schulte. »Ausziehen helfen und Sachen notieren! Lagerkleidung auf einen Haufen, Zivilsachen auf einen anderen, Schuhe extra. Vorwarts.« Schulte war ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, blond, mit grauen Augen und einem klaren, regelma?igen Gesicht. Er hatte schon vor der Machtergreifung zur Hitlerjugend gehort und war dort erzogen worden. Er hatte gelernt, da? es Herrenmenschen und Untermenschen gab, und er glaubte es fest. Er kannte die Rassentheorien und die Parteidogmen, und sie waren seine Bibel. Er war ein guter Sohn, aber er hatte seinen Vater angezeigt, wenn er gegen die Partei gewesen ware. Die Partei war unfehlbar fur ihn; er kannte nichts anderes. Die Insassen des Lagers waren Feinde der Partei und des Staates und standen deshalb au?erhalb der Begriffe von Mitleid oder Menschlichkeit. Sie waren geringer als Tiere. Wenn sie getotet wurden, so war das, als totete man schadliche Insekten. Schulte hatte ein vollig ruhiges Gewissen. Er schlief gut, und das einzige, was er bedauerte, war, nicht an der Front zu sein. Das Lager hatte ihn wegen eines Herzfehlers reklamiert. Er war ein zuverlassiger Freund, liebte Musik und Poesie und hielt Folter fur ein unumgangliches Mittel, um Informationen von Verhafteten zu bekommen, weil alle Feinde der Partei logen. Er hatte in seinem Leben auf Befehl sechs Menschen getotet und nie daruber nachgedacht – zwei davon langsam, um Mithelfer genannt zu bekommen. Er war verliebt in die Tochter eines Landgerichtsrats und schrieb ihr hubsche, etwas romantische Briefe. In seiner Freizeit sang er gern. Er hatte einen netten Tenor. Die letzten nackten Leichen wurden neben dem Aufzug aufgeschichtet. Mosse und Brede trugen sie heran. Mosses Gesicht war entspannt. Er lachelte Berger zu. Seine Furcht drau?en war ohne Grund gewesen. Er hatte geglaubt, an den Galgen zu kommen. Jetzt arbeitete er, so wie es ihnen gesagt worden war. Es war in Ordnung. Er war gerettet. Er arbeitete rasch, um seinen guten Willen zu zeigen. Die Tur offnete sich, und Weber trat ein. »Achtung!« Alle Haftlinge standen stramm. Weber trat mit blanken, eleganten Stiefeln an den Tisch. Er liebte gute Stiefel; sie waren fast seine einzige Leidenschaft. Vorsichtig klopfte er eine Zigarette ab, die er gegen den Leichengestank angezundet hatte. »Fertig?« fragte er Schulte. »Jawohl, Sturmfuhrer. Soeben. Alles verbucht und aufgenommen.« Weber sah in die Kasten mit dem Gold. Er hob die Medaille heraus, die die stehende Leiche getragen hatte. »Was ist das?« »Ein St. Christophorus, Sturmfuhrer«, erklarte Schulte eifrig. »Eine Medaille fur Gluck.« Weber grinste. Schulte hatte nicht gemerkt, da? er einen Witz gemacht hatte. »Schon«, sagte Weber und legte die Medaille zuruck. »Wo sind die vier von oben?« Die vier Leute traten vor. Die Tur offnete sich wieder, und der SS-Scharfuhrer Gunther Steinbrenner kam mit den beiden, die drau?en geblieben waren, herein. »Stellt euch zu den vieren«, sagte Weber. »Die anderen 'raus! Nach oben!« Die Haftlinge vorn Krematoriumskommando verschwanden rasch. Berger folgte ihnen. Weber betrachtete die sechs Zuruckgebliebenen. »Nicht dahin«, sagte er. »Stellt euch dorthin, unter die Haken.«

An der Querwand des Raumes, dem Schacht gegenuber, waren vier starke Haken angebracht. Sie waren etwa einen halben Meter hoher als die Kopfe der Haftlinge, die darunter standen. In der Ecke rechts davon stand ein dreibeiniger Schemel; daneben, in einer Kiste, lagen Stricke, die zu kurzen Schlingen geknupft waren, an deren Enden sich Haken befanden.

Weber gab mit seinem linken Stiefel dem Schemel einen Sto?, so da? er vor den ersten Haftling rutschte,»'rauf da!« Der Mann zitterte und stellte sich auf den Schemel.

Weber blickte auf die Kiste mit den kurzen Stricken. »So, Gunther«, sagte er dann zu Steinbrenner. »Der Zauber kann losgehen. Zeig mal, was du kannst.«

Berger tat so, als ob er hulfe, zwei Bahren mit Leichen zu beladen. Er wurde sonst fur diese Arbeit nie gebraucht; er war viel zu schwach dazu. Aber der Vorarbeiter hatte, als die fortgejagten Haftlinge heraufkamen, alle angeschrieen, sich nutzlich zu machen; da war das einfachste, so zu tun, als folgte man dem Befehl.

Eine der Leichen auf den Bahren war die Frau mit dem losen Haar; die andere ein Mann, der aussah, als sei er aus schmutzigem Wachs. Berger hob die Schultern der Frau und schob ihr Haar darunter, damit es nicht durch den Glutwind beim Einschieben aufflammen, zuruckfliegen und ihm und den anderen die Hande verbrennen wurde. Es war sonderbar, da? es nicht abgeschnitten war; fruher geschah das regelma?ig, und das Haar wurde gesammelt. Wahrscheinlich lohnte es nicht mehr; es waren nur noch wenige Frauen im Lager.

»Fertig«, sagte er zu den anderen.

Sie offneten die Ofenturen. Die Glut stromte heraus. Mit einem Ruck schoben sie die flachen Eisenbahren in das Feuer. »Turen zu!« rief jemand.

»Turen zu!«

Zwei Haftlinge warfen die schweren Turen zu, aber eine flog wieder auf, Berger sah noch, wie die Frau sich aufbaumte, als erwachte sie. Das brennende Haar umflammte einen Augenblick ihren Kopf wie ein wilder wei?gelber Heiligenschein, dann schlug die Tur, an deren Kante ein schmales Stuck Knochen eingeklemmt gewesen war, zum zweiten Male und ganz zu.

»Was war das?« fragte einer der Haftlinge erschreckt. Er hatte bisher immer nur Leichen ausgekleidet. »Lebte die noch?«

»Nein. Das war die Hitze«, erwiderte Berger krachzend. Der hei?e Wind hatte seinen Hals ausgetrocknet. Selbst die Augen schienen verbrannt zu sein.

»Sie bewegen sich immer.« »Sie tanzen manchmal Walzer«, sagte ein kraftiger Mann, der zum Kommando gehorte und vorbeikam. »Was macht ihr eigentlich hier oben, ihr Kellergespenster?«

»Wir sind 'raufgeschickt worden.«

Der Mann lachte. »Wozu? Um auch in den Ofen zu kommen?«

»Unten sind neue Leute«, sagte Berger.

Der Mann horte auf zu lachen. »Was? Neue? Fur was?«

»Das wei? ich nicht. Sechs neue.«

Der Mann starrte Berger an. Seine Augen glanzten sehr wei? in dem schwarzen Gesicht. »Das kann nicht sein! Wir sind erst zwei Monate hier. Sie konnen uns noch nicht ablosen. Das durfen sie nicht! Ist es bestimmt wahr?«

»Ja. Sie haben es selbst gesagt.«

»Krieg das 'raus! Kannst du es nicht genau 'rauskriegen?«

»Ich werde es versuchen«, sagte Berger. »Hast du ein Stuck Brot? Oder was anderes zu essen?

Ich gebe dir Bescheid.«

Der Mann holte ein Stuck Brot aus der Tasche und brach es in zwei Teile. Das kleinere Stuck gab er Berger. »Hier. Aber finde es 'raus. Wir mussen das wissen!«

»Ja.« Berger trat zuruck. Jemand klopfte ihm von hinten auf die Schulter. Es war der grune Kapo, der Mosse, Brede und die vier anderen zum Krematorium gefuhrt hatte.

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