»Bist du der Zahnklempner?«
»Ja.«
»Da ist noch ein Zahn 'rauszuziehen, unten. Du sollst 'runterkommen.«
Der Kapo war sehr bla?. Er schwitzte und lehnte sich gegen die Wand. Berger blickte auf den Mann, der ihm das Brot gegeben hatte, und kniff ein Auge zu. Der Mann folgte ihm zum Ausgang.
»Es ist schon aufgeklart«, sagte Berger. »Es war keine Ablosung. Sie sind tot. Ich mu? 'runter.«
»Sicher?«
»Ja. Ich mu?te sonst nicht 'runter.«
»Gott sei Dank.« Der Mann atmete auf. »Gib mir das Brot zuruck«, sagte er dann.
»Nein.« Berger steckte die Hand in die Tasche und hielt das Stuck fest.
»Schafskopf! Ich will dir nur das gro?ere Stuck dafur geben. Das ist die Sache wert.«
Sie tauschten, und Berger ging in den Keller zuruck. Steinbrenner und Weber waren fort. Nur Schulte und Dreyer waren noch da. An den vier Haken an der Wand hingen vier Leute. Einer von ihnen war Mosse. Er war aufgehangt worden mit seiner Brille.
Brede und der letzte der sechs lagen bereits am Boden.
»Mach den dort los«, sagte Schulte gleichmutig. »Er hat vorne eine Goldkrone.«
Berger versuchte, den Mann anzuheben. Er konnte es nicht. Erst als Dreyer ihm half, gelang es.
Der Mann fiel wie eine Puppe, die mit Sagemehl ausgefullt war, zu Boden.
»Ist er das?« fragte Schulte.
»Jawohl.«
Der Tote hatte einen goldenen Eckzahn. Berger zog ihn aus und legte ihn in den Kasten. Dreyer machte eine Notiz.
»Hat noch einer von den anderen was?« fragte Schulte.
Berger untersuchte die beiden Toten am Boden. Der Kapo leuchtete mit der Taschenlampe.
»Diese haben nichts. Zement und Silberamalgamfullungen bei einem.«
»Das konnen wir nicht brauchen. Wie ist es bei denen, die noch hangen?«
Berger versuchte vergeblich, Mosse hochzuheben. »La? das«, erklarte Schulte ungeduldig. »Man kann es besser sehen, wenn sie hangen.«
Berger druckte die geschwollene Zunge in dem weit offenen Mund beiseite. Das eine gequollene Auge hinter dem Brillenglas war dicht vor ihm. Es erschien durch die starke Linse noch gro?er und verzerrt. Das Lid uber der anderen, leeren Augenhohle stand halb offen. Flussigkeit war herausgesickert. Die Backe war feucht davon. Der Kapo stand seitlich neben Berger, Schulte direkt hinter ihm. Berger fuhlte Schuhes Atem in seinem Nacken. Er roch nach Pfefferminztabletten. »Nichts«, sagte Schulte. »Der nachste.«
Der nachste war leichter zu kontrollieren; er hatte keine Vorderzahne. Sie waren ausgeschlagen.
Zwei Silberamalgamplomben, wertlos, im rechten Kiefer. Der Atem Schuhes war wieder in Bergers Nacken. Der Atem eines eifrigen Nazis, der unschuldig seine Pflicht tat, hingegeben daran, Goldplomben zu finden, gleichmutig gegen die Anklage eines soeben erst gemordeten Mundes.
Berger glaubte plotzlich, es kaum mehr aushalten zu konnen, diesen sto?enden Knabenatem zu fuhlen. Als suche er Vogeleier in einem Nest, dachte er.
»Schon, nichts«, sagte Schulte enttauscht. Er nahm eine der Listen und den Kasten mit Gold und zeigte auf die sechs Toten.
»Lassen Sie die hier 'raufschaffen und den Raum tadellos schrubben.«
Aufrecht und jung ging er hinaus. Berger begann Brede auszuziehen. Es war einfach.
Er konnte es allein. Diese Toten waren noch weich. Brede trug ein Netzhemd und eine Zivilhose zu der Lederjacke. Dreyer zundete sich eine Zigarette an. Er wu?te, da? Schulte nicht mehr zuruckkam.
»Er hat die Brille vergessen«, sagte Berger.
»Was?«
Berger zeigte auf Mosse. Dreyer trat heran. Berger nahm die Brille von dem toten Gesicht.
Steinbrenner hatte es fur einen Witz gehalten, Mosse mit der Brille aufzuhangen.
»Die eine Linse ist noch heil«, sagte der Kapo. »Aber wozu ist eine einzelne Linse schon zu brauchen? Hochstens als Brennglas fur Kinder.«
»Der Brillen rahmen ist gut.«
Dreyer beugte sich weiter vor. »Nickel«, sagte er verachtlich. »Billiges Nickel.«
»Nein«, sagte Berger. »Wei?es Gold.«
»Was?«
»Wei?es Gold.«
Der Kapo nahm die Brille. »Wei?es Gold? Ist das sicher?«
»Absolut. Der Rahmen ist schmutzig. Wenn man ihn mit Seife wascht, werden Sie es selbst sehen.«
Dreyer wog Mosses Brille auf der flachen Hand. »Das hat dann seinen Wert.«
»Ja.«
»Wir mussen es aufschreiben.«
»Die Listen sind fort«, sagte Berger und sah den Kapo an. »Scharfuhrer Schulte hat sie mitgenommen.«
»Das macht nichts. Ich kann ihm nachgehen.«
»Ja«, sagte Berger und sah Dreyer weiter an. »Scharfuhrer Schulte hat die Brille nicht beachtet.
Oder er hat sie fur wertlos gehalten. Vielleicht ist sie auch wertlos. Ich kann mich tauschen; vielleicht ist es wirklich Nickel.«
Dreyer blickte auf. »Man kann sie weggeworfen haben«, sagte Berger. »Zu dem nutzlosen Zeug dort. Eine zerbrochene Nickelbrille.«
Dreyer legte das Gestell auf den Tisch. »Mach hier erst mal fertig.«
»Ich kann das nicht allein machen. Die Leute sind zu schwer.« »Dann hole dir drei Mann von oben dazu.«
Berger ging und kam mit drei Straflingen zuruck. Sie machten Mosse los. Die aufgestaute Luft entwich rasselnd aus den Lungen, als die Schlinge um den Hals sich loste. Die Haken an der Wand waren gerade hoch genug, da? die Gehangten mit den Fu?en den Boden nicht mehr erreichen konnten. Das Sterben dauerte so bedeutend langer. Bei einem normalen Galgen brach gewohnlich der Nacken durch den Fall. Das tausendjahrige Reich hatte das geandert. Die Galgen wurden auf langsames Ersticken eingerichtet. Man wollte nicht nur toten, man wollte langsam und sehr schmerzhaft toten. Eine der ersten Kulturleistungen der neuen Regierung war gewesen, die Guillotine abzuschaffen und statt ihrer das Handbeil wieder einzufuhren.
Mosse lag jetzt nackt auf dem Boden. Seine Fingernagel waren abgebrochen. Wei?er Kalkstaub klebte darunter. Er hatte sie in der Atemnot in die Wand gekrallt. Man konnte das auch an der Wand sehen. Hunderte von Erhangten hatten an dieser Stelle Locher hineingekratzt. Ebenso da, wo die Fu?e hingen. Berger legte Mosses Kleider und Schuhe auf die entsprechenden Haufen. Er blickte auf Dreyers Tisch. Die Brille lag nicht mehr da. Sie lag auch nicht auf dem Haufchen von Papier, schmutzigen Briefen und wertlosen Fetzen, die aus den Taschen der Toten herausgeholt worden waren. Dreyer arbeitete am Tisch herum. Er blickte nicht auf.
»Was ist das?« fragte Ruth Holland.
Bucher lauschte. »Ein Vogel, der singt. Es mu? eine Drossel sein.«
»Eine Drossel?«
»Ja. So fruh im Jahr singt kein anderer Vogel. Es ist eine Drossel. Ich erinnere mich von fruher.«
Sie hockten zu beiden Seiten des doppelten Stacheldrahtes, der die Frauenbaracken vom Kleinen Lager trennte. Es war nicht auffallend; das Kleine Lager war jetzt so voll, da? uberall Leute herumlagen und -sa?en. Au?erdem hatten die Posten die Wachturme verlassen, weil ihre Zeit um war. Sie hatten nicht auf die Ablosung gewartet. Das kam jetzt im Kleinen Lager ab und zu vor. Es war verboten, aber die Disziplin war langst nicht mehr so wie fruher.
Die Sonne stand tief. Ihr Widerschein hing rot unten in den Fenstern der Stadt. Eine ganze Stra?e, die nicht zerstort war, leuchtete, als brenne es in den Hausern. Der Flu? spiegelte den unruhigen Himmel. »Wo singt sie?« »Druben. Dort, wo die Baume stehen.«
Ruth Holland starrte durch den Stacheldraht zu dem hinuber, was druben war: einer Wiese, Ackern, ein paar Baumen, einem Bauernhaus mit einem Strohdach und, ferner, auf einem Hugel, einem wei?en, niedrigen Hause